Nenn mich bei meinem Namen

Auf’m Teller `n Rest Omelett. Das hat sie mir so beigebracht – `n Omelett nach dem Rezept: Drei große Eier, halbe Zwiebel, `ne zerdrückte Knoblauchzehe, alles in die Pfanne und `n Spritzer Chilisauce dazu. Sie kauft immer die richtig scharfe. Keine halben Sachen, sagt sie.

Unten vor der Fabrikeinfahrt warten Lastwagen. Die meisten haben Chemikalien geladen. Ich weiß nicht genau, was sie in der Fabrik herstellen. An manchen Tagen riecht’s nach verfaultem Fleisch. Vor ein paar Monaten war nachts die Feuerwehr da, aber nur falscher Alarm. Im Kabuff an der Einfahrt sitzt immer `n fetter Typ mit Glatze. Trinkt Kaffee und liest Express. Winkt Lastwagen durch. Zeichnet Frachtpapiere ab. Aber der bringt wenigstens was nach Hause. Ich lieg‘ seit zwei Monaten auf Eis. Den ganzen Sommer über hab‘ ich ordentlich Schotter gemacht. Kernbohrungen. Abriss. Schwarzkolonne. Mit den Maschinen war ich gut, ich hab‘ Kraft. Kann arbeiten bis zum Umfallen. Trotzdem hat der Chef mich weggeschickt. Ich solle im Frühjahr kommen, vielleicht gäbe es dann wieder genug zu tun. Davon kann ich mir aber nix kaufen, von dem vielleicht. Keiner will mehr zu seinem Wort stehen. Gibt nur noch leere Versprechungen.

An guten Tagen, wenn genug Futter im Stall ist, mach‘ ich das Omelett mit Sardellen. Ich nehm‘ `ne Handvoll direkt aus der Büchse, halbiere sie und geb‘ sie in die heiße Pfanne. Der Körper braucht Salz. Der fette Typ öffnet eine Luke und nimmt ein Stück Papier von einem der Fahrer entgegen. Die meisten kommen aus dem Osten – Polen, Rumänien, Tschechei. Sieht man auf den ersten Blick. Ich hab‘ kein Problem mit Kanaken. Auf Baustelle gibt’s die reihenweise. Nur wenn sie alles für billiger machen wollen, reiß ich`s Maul auf. Würde jeder. Keiner lässt sich einfach so abservieren. Ich setz‘ mich an den Küchentisch. Der Tabak ist krümelig, aber `n neuer Beutel oder Aktive sind nicht drin. Sie schafft momentan die Kohle ran, und da will ich`s nicht einfach so verblasen. Mehr mache ich ja nicht zurzeit. Kippen und Kaffee. Wirste irre. Fettsack setzt sich wieder auf den Hocker und liest in seiner beschissenen Zeitung. Arschloch.

Ich mag`s nicht, dass meine Frau in dem Imbiss da arbeitet. Aber machst du nix. Kassiert von allen das meiste Trinkgeld. Liegt daran, dass sie nicht einfach nur ´n Teller vor dich hinstellt, die bietet dir `ne kleine Show, und das mögen die Leute eben. Den Ring, den ich ihr in Madeira gekauft hab‘, lässt sie vor ihrer Schicht in der Handtasche verschwinden. So zahlen sie mehr, sagt sie. Und ich solle mir nix dabei denken. Auf`m Bau war ich gut. Mit den Maschinen war ich gut. Da konnte mir keiner was. Immer saubere Arbeit abgeliefert. Im Wohnzimmer schalte ich den Fernseher an. Zappe durch die Kanäle. Tagesschau. Werbesendungen. Ich schalte aus. Manchmal, da hat sie mich mit `nem Mühlen geweckt. Hat die Bettdecke hoch genommen, mir die eiskalte Flasche gegen den Schenkel gedrückt. So `ne Frau, sag‘ ich dir, die findest du nicht oft.

Wenn mir die Bude zu eng wird, geh‘ ich rüber. Zehn Minuten zu Fuß. Ich hab‘ jedes Recht dazu. Gucken können se alle. Hab‘ ich ihr auch gesagt: Die können dich ruhig angucken. Ich nehm‘ den Mantel von der Garderobe und schließ‘ die Wohnungstür ab. Beim Matratzengeschäft unten an der Ecke hängt `n Schild im Fenster: Fünfzig Prozent Rabatt. Vier oder fünf leerstehende Ladenlokale. Dann `n Nagelstudio, Miss Nails, da sitzt `ne Platinblonde, Mundschutz um’n Hals, und wartet auf Kunden. Paar Kanaken vor’m Kiosk, die lungern da immer rum. Ist keine schlechte Gegend. Bisschen runtergekommen, das ja, aber Miete günstig. Wenn du auf Eis liegst, kannst du `s eben nicht mit beiden Händen rauswerfen, das is‘ einfach nicht drin. Wenn ich manche von den Pissern sehe, die in der ersten Woche vom Monat direkt den NETTO stürmen, kann ich nur lachen. Die leben dann paar Tage wie die Könige, danach kommense angekrochen und wollen dich anpumpen. Nix, sag ich denen, ich geb‘ nix, ich krieg auch nix. Musste selber gucken. Muss ich auch. Muss jeder.

Die Frischluft auf Baustelle war gut. Warst immer draußen beim Malochen. Und konntest abends sehen, was de geschafft hast – `ne Mauer hochgezogen, paar dicke Löcher in‘ Beton gefräst, so was. `n Typ, wie der da im Kabuff, der mal `ne Unterschrift hier drauf und da drauf kritzelt, was hat der schon geschafft? `n Scheiß hat der geschafft, ich sag’s dir. Ich stell mich in den Hauseingang vor der Ampel. Da stinkt‘s immer nach Pisse, egal, wann du kommst. Von hier aus kann ich den ganzen Laden sehen. Wie sie dasteht, sich bewegt, hatt‘ ich schon gesagt – so `ne Frau findest du nicht oft. Ich wart‘ `n Moment, dann geh‘ ich rein. Abends, wenn sie von der Schicht kommt, kann ich das ranzige Fett in ihren Haaren riechen. Ich sag ihr, dass sie duschen gehen soll, sie soll sofort duschen gehen, kann ich nicht ertragen, den Gestank. Ist zu gut für die Arbeit, weiß ich ja, aber was soll ich machen?

Sind noch `n paar Plätze frei, an `nem Tisch vor einem der Spielautomaten. Ich setz‘ mich, das Geplärre vom Automaten im Ohr. Sind immer die gleichen Typen, die da dranhängen, stecken ihre letzten Euro rein … du kannst nix gewinnen, die Dinger sind immer so eingestellt, dass die deine Kohle schlucken und das war‘s. So Wichser können sich nach meiner Meinung gleich einsargen lassen. Keiner gibt dir was ab. Im Leben gibt’s nix umsonst. Niemand schenkt dir was. Das muss man von klein auf verstehen, sonst isses zu spät. Und manche raffen das nie. Hab‘ ich dem Chef gleich gesagt – ich weiß, dass ich nix geschenkt krieg, deswegen reiß ich mir hier auch den Arsch auf. Chef war’n Guter. Hat gewusst, wann du genug Dreck gefressen hattest. Haben geschwitzt wie die Schweine, und `s war auch beschissen harte Arbeit. Wollteste nur Feierabend haben.

Sie schüttelt den Kopf, aber so, dass nur ich das sehen kann. Die anderen Typen haben’s nicht gerne, wenn ich hier rumhäng‘. Ich mach keinen Ärger, würd‘ ich nie tun, ich will nur meine Frau sehen. Wie gesagt, lieber wär`s mir, die würd‘ zuhause bleiben, `ne Frau gehört nach Hause. Aber was soll ich machen? Ich guck nach Arbeit, überall guck ich nach Arbeit. Ich sag‘ denen immer, dass ich auch Toiletten putz, ich putz die Toiletten mit `ner Zahnbürste, wenn`s sein muss. Aber nix. Weiß auch nicht, was los ist. Früher war einfacher. Sind die Zeiten. Früher brauchteste nur `s Maul aufmachen, solange du malochen konntest, war alles gut. Heute stellen die Kanaken ein, Schwule oder Sabberheinis. Von wegen Quote, sagen die. Ich scheiß auf Quote.

Sie stellt mir `ne Tasse Kaffee hin. Ich rühr‘ Kondensmilch rein, bis er die richtige Farbe hat, dann sehe ich den Schein, `n Zwanni, zusammengefaltet unter’m Löffel … sie streicht mir über die Hand und schließt die Augen, wie sie das morgens immer macht, wenn ich noch liegenbleib‘, und ich weiß, wie sie das meint. Dann geht sie wieder nach hinten, bringt Teller raus, räumt Tische ab, und ich seh‘ das, ich seh‘, wie die Typen ihr auf die Kiste glotzen, alle würden da gerne mal ran, das weiß ich, aber die Sache ist die – ich nehm‘ die mit nach Hause, ich, und kein anderer.

Der Kaffee ist heiß und dünn. Ich trink’ langsam, will noch was von meiner Frau hab’n. Ihr Chef is‘ so `n schmieriger Affe vom Balkan, `n Jugo, und manchmal könnteste echt auf die Idee kommen, dass der noch was nebenbei am Laufen hat, stehen immer wieder Autos mit ausländischen Kennzeichen draußen auf’m Hof, da weißte nie, was Sache is‘ … aber ich sag‘, Hauptsache is‘, der zahlt pünktlich, wenn’s um die Moneten geht, dann werden se nämlich alle schnell komisch. Ich leg‘ meine Hand auf den Unterteller, klapp‘ den Schein zusammen, muss keiner sehen, muss nicht jeder mitkriegen. Bin nicht der Einzige, der auf Eis liegt, aber ich halt wenigstens mein Maul, ich jammer‘ nich‘ so wie die anderen, das sind alles Pisser, die nich‘ malochen wollen, die reden nur so als ob, in Wahrheit mögen die das, auf der faulen Haut rumliegen und fremden Weibern nachschauen.

Den Zwanni steck ich in meine Hemdtasche … für `n Zwanni krisste heute ja nix mehr, das is‘ ja fast schon lächerlich, früher haste da zwei volle Tüten aus’m ALDI rausgeholt, heute musste gucken, wo de bleibst. Ich weiß, ich weiß, ich beschwer mich nich‘, gibt genuch, die nix zu fressen hab’n, ich kenn‘ auch die Bilder aus Afrika, hier die ganzen abgemagerten Dachpappen mit ihren aufgeblähten Bäuchen, aber `s is‘ ja nich‘ so, dass wir uns jetzt mit den Kaffern aus der Dritten Welt vergleichen, oder? Ich hol‘ den Tabak raus, dreh‘ mir eine, trink den letzten Schluck Kaffee, dann geh‘ ich raus, um’s Gebäude, hinten, neben der Auffahrt is‘ `n schmaler Durchgang, wo die Mülltonnen stehen, hier hat‘s überall Ratten, dick und fett werden die Viecher, ich steck mir die Zigarette an, wisch mir die Krümel von den Lippen, da kommt sie, bleibt im Gang stehen, macht ihre Haare auf, ich will ihr `n Kuss geben, sie nimmt `n tiefen Zug aus der Zigarette, ich seh‘ den weißen Streifen an ihrem Ringfinger, und für `n Moment denk‘ ich, was `n verdammte Scheiße, `s geht irgendwie immer nur um Kohle, nur um die dreckige Kohle, und so war‘s schon immer und so wird‘s auch immer bleiben. Kohle, Kohle, Kohle.

„Wie lange musste heute?“, frag ich, und sie zuckt mit den Schultern. „Bis eben Ende is‘.“

„Jut, ja, da machste nix.“ Ich nehm‘ ihr die Kippe aus der Hand. „Brauchst sowieso bald mal was Neues.“

Sie sieht mich an. „Nich‘ so einfach, die guten Jobs liegen nich’ auf der Straße, weißte doch selbst.“

„Wenn der Winter vorbei is‘, im Frühjahr, wart’s ab.“

„Bleibt mir ja auch nix anderes übrig …“

„Krieg wieder was auf’m Bau, auf’m Bau, da war ich gut, da hab‘ ich Kohle verdient, Wahnsinn.“

Sie dreht sich um, sieht in den Gang und sagt: „Okay, Schatz, ich muss ma‘ wieder“, aber ich halt sie am Arm fest. „Nix Schatz, hier, ich bin nich‘ irgendwer, also nenn mich gefälligst bei meinen Namen.“

„Was is‘ denn los mit dir?“

„Nix is‘ los, ich bin nur nich‘ irgendwer.“

„Na dann …“

Ich seh‘ ihr nach, wie sie in der Küche verschwindet, dann drück ich die Kippe auf‘m Geländer aus, ich kann das Fett riechen, die Fritten und das beschissene Cevapcici, und ich weiß, da muss bald mal was passieren, das geht so nicht weiter, das macht was im Kopf mit der, diese Arbeit, is‘ ja wie den wilden Tieren das Fressen servieren, und das will ich nich‘, sie is was Besseres, keine Nutte, der du auf den Arsch glotzen kannst, so wie’s dir grad‘ gefällt.

Ich halt am Kiosk, die Kanaken immer noch da, drinnen verkaufen die eiskaltes Bier, und `n Mann braucht sein Bier, ich kauf drei Sester, `n kleine Pulle Zinn 40, und `ne Schachtel Camel ohne. Den Zwanni aus der Hemdtasche. Der Wichser hinter’m Tresen grinst und gibt mir’s Rückgeld raus, ich denk‘, `s darf nicht wahr sein, paar Zerquetschte, das war’s, aber ich weiß ja, bald is‘ vorbei, bald is’ wieder Futter im Stall, da mach ich das Omelett wieder mit Sardellen, denn der Körper braucht Salz, vor allem, wenn du schwitzt wie `n Schwein, und der Fettsack sitzt immer noch da in seinem Kabuff und liest im Express, ich bleib auf der anderen Straßenseite stehen, mach mir mit‘m Feuerzeug `n Sester auf, trink `n großen Schluck, der Schaum läuft mir’s Kinn runter, und ich weiß, so soll das sein, so muss das, bald, bald hau ich wieder rein, bald bin ich wieder wer, nich’ so `n armseliger Wichser wie der, Unterschriften sammeln, nee, das is‘ nix, was für alte Männer vielleicht, für Schwache und Kranke, Schwule, Sabberheinis, aber bald, im Frühjahr, wenn’s wieder genug Stunden gibt, dann bin ich dabei, dann bring ich’s nach Hause, dann steck ich meiner Kleinen `n Hunni in die Bluse, keinen läppschen Zwanni, dann kauf ihr `n neuen Ring, einen, den sie nicht mehr auszieht, den sie nie wieder auszieht … auf’m Bau war ich gut, Mann, mit den Maschinen war ich gut.

Den Preis, den man zahlt

Der Zug hielt auf offener Strecke am Rande der Sierra Nevada. Keiner wusste, was passiert war. John fragte den Schaffner, der ein wenig Englisch verstand. Etwas sei mit den Oberleitungen. Wir warteten. Männer knöpften ihr Hemden auf. Frauen wedelten sich mit Fächern und Magazinen Luft zu, Schweißperlen auf ihren Oberlippen. Dann hieß es: Die Fahrgäste dürfen aussteigen. Neben den Gleisen flache, lange Felder, die Erde sandig und aufgeworfen. Am Horizont das Gebirge – dunkel, zerklüftet, mit einer strahlend weißen Schneedecke.

Wir setzten uns ins Gleisbett und rauchten Nobel. Wir rauchten langsam, bis zum Filter. Die Kippen schmissen wir ins Geröll. Eine Frau mit Hut legte sich zwischen die Sträucher in den Sand. Wir hörten sie leise schnarchen. John zeigte auf ein paar eng zusammenstehende Gebäude in der Ferne. Ich trank den letzten Schluck warm gewordenes Wasser aus einer Plastikflasche, die ich im Zug gekauft hatte. John suchte noch einmal den Schaffner auf. Es gab keine Neuigkeiten. Wir unterhielten uns eine Zeit lang mit einem Amerikaner, der seit zwei Jahren unterwegs war. Er kam aus Des Moines, Iowa. Er meinte, sie würden eine neue Zugmaschine benötigen. Er hätte eine ähnliche Situation bereits in Portugal erlebt. Warten. Wieder Warten. Überall Menschen, Menschen und Koffer. Nichts bewegte sich. Die Sonne fraß den letzten Schatten auf. Wir fragten den Amerikaner. Er wollte lieber bei den Anderen bleiben. Schließlich nahmen wir unsere Rucksäcke und gingen los.

Die Luft war stickig und voller Staub. Meine Kehle wurde immer trockener. Nach ein paar hundert Metern hörten wir Hunde. Sie bellten – leise, unterdrückt. Dann sahen wir sie. Sie standen auf einer Erhebung neben den Gleisen, warteten hinter dürren Sträuchern, ihr Fell löchrig und stumpf. Wir konnten ihre Rippen zählen.

Entlang der Schotterstraße einstöckige Häuser, die weißen Wände schmutzig, in den Gassen dazwischen halbnackte Kinder und alte Frauen mit zahnlosem Grinsen. Über allem der Gestank von Ammoniak und Pferdescheiße. An einem der hinteren Gebäude hing ein zerkratztes Blechschild, auf dem in ausgeblichenen Lettern Mahou stand. Wir hatten Bier dieser Marke in Madrid getrunken. Ich zog einen Schein aus der Hosentasche. John nickte.

Ein dürrer Mann mit offenem Hemd stand hinter dem Tresen. Eine Ausgabe der El Pais lag ausgebreitet vor ihm. Als wir uns auf die Hocker setzten, faltete er die Zeitung zusammen, zog eine Schachtel Ducados aus der Hemdtasche und bot uns welche an. Ich gab allen Feuer. Wir nahmen ein paar Züge, dann zapfte er zwei große Bier. Ich trank schnell, spürte das kalte Glas an meiner Hand, den Alkohol, Schweiß im Nacken. Draußen wieder die Hunde, sie schlichen um das Gebäude, ich hörte ihr Hecheln. Ein abgemagerter Straßenköter mit entzündeten Augen blieb in der Türschwelle stehen. John lockte ihn mit Zungenschnalzen. Der Hund senkte den Schädel, machte einen Schritt. Seine Nase glänzte feucht. Er legte sich vor John auf den Boden, rollte seine Pfoten ein, knurrte leise. John beugte sich vom Hocker und streichelte ihm über den Rücken, tätschelte die Schnauze.
Boss, sagte er. I would name him Boss.
I know you like Springsteen, but Boss? What kinda name is that, pal?
Er lachte. Boss, wiederholte er. Perfectly fine, I reckon. Der Hund hechelte, zeigte uns seine rosa-farbene Zunge. John klopfte auf den Tresen. Got some Agua, mate? Agua? For the dog?
Der Mann hinter dem Tresen schüttelte den Kopf und machte eine Geste mit seiner Hand, die wir beide verstanden. Wir tranken schweigend unser Bier.

I`ve really got to take a piss, sagte John nach einer Weile. Er trank das Glas leer und stand auf. Die Toiletten lagen weiter durch, am Ende eines langen, holzvertäfelten Gangs. Eine Tür war aus den Angeln gehoben worden und lehnte gegen die Wand. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie John das Bierglas am Waschbecken auffüllte. Der Mann beobachtete ihn über den Rand seiner Zeitung. Ich zog einen Geldschein aus meiner Hosentasche, legte ihn auf den Tresen, und für einen Moment wusste er nicht, was er als nächstes tun sollte. Er sah mich an, wischte sich mit den Fingern über den Mund und nahm den Schein.

Der Hund steckte seine Schnauze in das Glas, das John ihm hinhielt. Ich hörte, wie Wasser auf den Boden tropfte, das gierige Schlabbern.
Good boy, sagte John. Good boy.
Der Mann kam hinter dem Tresen hervor. Er zog ein Bein nach, musste sich immer wieder auf einem der Hocker abstützen. Er ging langsam, verschwand in dem Gang, der zu den Toiletten führte. Dahinter befand sich ein weiterer Raum, der mir bis dahin verborgen geblieben war. Er zog einen Vorhang aus Stoffperlen zur Seite, und ich vernahm leise Frauenstimmen und den abgestanden Geruch von Küchendunst. John legte mir eine Hand auf den Unterarm und nickte Richtung Straße. Die Fenster waren verschmiert, aber ich erkannte das Rudel, das vor der Türschwelle im Staub lag.
Everything that dies, some day comes back, sagte ich. At least, that’s what the Boss says. John legte den Kopf in den Nacken und lachte. The Boss`s always right anyways.

Das erste Mädchen, das ich jemals küsste, eine kleine, zierliche Griechin, küsste ich im Freibad, und währenddessen lief Tunnel of Love im Hintergrund. Ein paar der älteren Jungs lagen mit ihren Freundinnen gleich neben uns, sie lagen alle zusammen auf einer großen Decke, es waren bestimmt zehn, zwölf Personen, sie tranken Reißdorf aus Dosen und rauchten Luckies ohne Filter. Wir küssten uns verstohlen, sahen dabei immer wieder zu ihnen herüber, eingeschüchtert, aber auch ein wenig stolz.

Es waren drei oder vier Männer, ich weiß es nicht mehr genau. Sie sahen sich alle ähnlich, die gleichen spitzen, schmalen Gesichter, schwarze Haare, die Lippen dünn wie Striche. Sie traten aus dem Dunkel des Gangs und stellten sich schweigend hinter uns. John nahm mein leeres Bierglas vom Tresen. Er bewegte sich nicht, tat nichts, wirkte ruhig und entspannt, aber ich kannte ihn lange genug. Ich zog das restliche Geld aus der Hosentasche und hielt es ihnen hin. You want the money?
Money, no, sagte einer und zeigte auf den Hund, der immer noch zu Johns Füßen auf dem Boden lag.
John drehte sich langsam um. Er lächelte kalt. If you touch the dog, I smash your head in.
Ich steckte das Geld wieder weg, spürte mein Herz pumpen, das Adrenalin. Dann sah ich die Bewegung, ein kurzer, harter Tritt, genau in die Rippen. Der Hund jaulte laut und wurde durch die Wucht gegen den Tresen geschleudert. Ein Brett der Außenverkleidung löste sich und fiel über den schmächtigen Körper.

John schlug mit dem Glas zu, ein ansatzloser Schlag. Er erwischte den ersten an der Schläfe, das Glas zerbrach, die Scherben rissen eine Wunde quer über die Stirn. Blut lief dem Mann in die Augen, er taumelte rückwärts und stürzte über einen Hocker. Ich richtete mich auf. Ich wollte etwas schreien, irgendetwas, dass alle wieder zur Besinnung bringen würde. Mir griff jemand an den Hals und hob mich hoch, als sei ich so leicht wie Papier. Für einen kurzen Moment verlor ich den Überblick, alles drehte sich. Dann lag ich neben dem winselnden Hund im Dreck und schmeckte mein eigenes Blut.

Take the money, wiederholte ich, aber sie lachten nur. Die Decke war aus Lehm, Knäuel aus grauen Spinnenweben in den Ecken, überall tiefe Risse. Ich schloss die Augen, hörte erschöpftes Keuchen, dann den langsamen, schleppenden Gang. Als ich die Augen wieder öffnete, kniete der Mann, der hinter dem Tresen gestanden hatte, mit einem Hammer in der Hand vor mir.
Come on, sagte er. Come on.

Ich stand auf, wischte mir das Blut von der Nase. John lehnte an der Wand, unter seinem rechten Auge eine Schwellung. Einer der Männer drückte ihm ein Messer an den Kehlkopf. Die Klinge war schmal, mit gekrümmten, scharfen Zähnen. Ich nickte. Okay, okay.
Der Mann öffnete die Faust. Der Nagel in seiner Handfläche war so lang und dick wie ein Finger. Das Metall war geschmiedet, der breite, flache Kopf hatte Flugrost angesetzt.
You, sagte er und zeigte auf mich. You here. Er legte den Nagel auf den Tresen und umfasste den Stiel des Hammers. Ich spürte den Luftzug, als er ausholte. Es ging alles so schnell.

Der Hund lebte noch. Sein Schädel war hinter dem Schläfenbein eingeschlagen, dunkles Blut lief ihm aus den Ohren, färbte das Fell rot. Eine Pfote zuckte. Er hatte keinen Laut von sich gegeben.
You fuckin asshole, schrie John, aber er konnte nichts machen, da war die Klinge an seiner Kehle. Der Mann legte den Hammer auf den Tresen, Bahn und Finne waren blutverschmiert. Er griff nach den Ducados und steckte sich eine Zigarette in den Mund, ohne sie anzuzünden. Dann hob er den Nagel hoch und führte die Spitze an seine Stirn. Er lächelte. Er zeigte mit dem Nagel auf mich. You, sagte er. You.

Ich starrte auf die Bahnschwellen, die mit feinem, hellem Sand überdeckt waren. Ich zählte jede einzelne, vergaß die Anzahl, begann wieder von Neuem, bekam die Geräusche nicht aus dem Kopf, wie der Nagel den Schädelknochen durchbricht, das letzte Aufheulen, ein kurzes, ersticktes Fiepen. Nach ein paar Meilen blieb John stehen. Er fasste sich an den Hals, an die Wunde, ein dünner, blauroter Striemen. Die Gebäude waren immer noch zu erkennen, sie lagen unter einem Hitzeflimmern am Horizont. Not worth it, sagte ich.

John schwieg. Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Ich sehe noch heute den Hund vor mir, wie ein Zittern seinen Körper erfasst, jeden Muskel, die allerletzte Nervenaktivität. Danach wurde alles still, so still, dass es in den Ohren dröhnt. An einem alten Schlagbaum hielt ich an und erbrach mich. Der Bierschaum aus meinem Magen schwamm auf der ausgetrockneten, harten Erde davon. Ich atmete durch und spuckte noch einmal in den Staub.

Vierzig. Fünfzig. Sechzig. Ich zählte wieder die Schwellen. Bei Hundert drehte ich mich um. Nur noch der leere, wolkenlose Himmel. Ich ging schneller.