Sven Heuchert

Kohlsuppenrealist

Donnerstags, Werktags

Das Trinken wird allein erledigt
du hast über den Tag so viel gesprochen, geredet, erzählt
hast dich für den Durchschnitsslohn produziert
alles vergebene Liebesmüh
du machst Kasse, zählst die Scheine
die nicht deine sind
machst das Licht aus
fährst über die Schnellstraße
vorbei an Speditionen und Umspannwerken
an dunkel glitzernden Gewässern
unter betongrauen Unterführungen hindurch
du findest ein Parkplatz vor dem Haus
keine Post, was gut ist
du brätst dir drei Eier und isst etwas von der
selbstgeräucherte Pastrami;
Bier steht kalt,
eine Prise Schnupftabak in jedes Nasenloch
und dann drehst du die Heizung in der Küche auf
und lehnst dich zurück und schweigst
siehst aus dem Fenster den Sturm kommen
die Wolken, den Regen und den nächsten Morgen
der Wind ist das einzige Geräusch;
wie er gegen die Fenster drückt
das ist so wie einem Fremden zuhören
ein Gespräch, das an deinem Verstand rüttelt
und manchmal nimmst du noch einen kleinen Schnaps
vor dem Zubettgehen,
damit du besser schläfst, sagst du dir
doch du hast schon lange aufgegeben, wie die meisten
im Grunde ist es ist der letzte Rest;
keine Träume, bloß keine Träume!
wir liegen wie Tote, und wir leben wie Tote,
ich versuche mich daran zu erinnern, wie es war,
als das Leben sich wie ein Springmesser angefühlt hat
wie eine scharfe Klinge, gefährlich und unberechenbar
und da war noch der Hauch von Großartigkeit
Ich glaube, ich habe es bereits vergessen
aber auch das Kleine ist gut, das Unbedeutende
das ist schon in Ordnung so, denn was sollten wir sonst tun?
Wer hat den Mut, sich selbst wegzumachen …
Ich gieße mir noch ein kaltes Bier ein und versuche,
darin den nächsten Morgen zu schmecken,
den großen, den großartigen, den schönen, den besten Morgen, den ich je hatte.

Vereinzelung (für Ludwig Fels)

Da liegt man dann alleine
starrt an die Decke
aus den Fenstern
in den Graupelregen oder auch
in den schönsten Sonnenschein
im Grunde spielt es keine Rolle
macht keinen Unterschied,
etwas treibt uns an, das stimmt;
es ist der blinde Wille des Lebens,
den wir nicht abstellen können,
der einfach in uns ist.
Fortwährend streckt man seine Hände aus,
man begreift sich ja stets im Fallen
will sich festhalten oder festgehalten werden
einerlei, denn wir bleiben nun mal über Erden
bis sie uns wegtun
aber wir fallen nicht, wir liegen schon
dabei hat man gewartet und gewartet und
schlussendlich gedacht:
ist doch alles Lüge, alles Theater, alles Rotz
der Geistliche nennt dich trotzdem Bruder,
und mit dem letzten Wort: auf ewig unvergessen

Man ist ohne Weg (für Ludwig Homann)

Das hier; im weiteren Sinne Leben
die ganze Kümmerexistiererei
das Abgeplage und Rumgestehe
das Aufpolieren der Biografie
das Verbreiten von Nichtigkeiten
das vom Mundabsparen und der Verzicht
die unterdrückten Triebe
wir merken nichts
wir sitzen mit dem Rücken zur Tanzfläche
und grollen in unser Bier
wir lehnen uns zurück in der Hoffnung
das wir fallen und uns dabei endlich das Genick brechen

Rotter See

Und ja, gab auch einen Artikel im General-Anzeiger, allerdings nur im Regionalteil Rhein-Sieg. Mit großem Photo, deswegen haben Sie mich wahrscheinlich erkannt. Nein, schon gut, ist mir ja schon öfters passiert, dass mich Leute auf der Straße ansprechen.

Da gibts eigentlich nicht besonders viel zu erzählen. Bin ja mein Leben lang beim DLRG gewesen und dann dreißig Jahre Bademeister im Oktopus, ich guck da wahrscheinlich einfach anders hin, das passiert ganz automatisch, denk ich. Ja, das ist richtig, ich war mit meinen Enkelkindern am Rotter See unterwegs, wir gehen da regelmäßig spazieren, meine Tochter hat einen Labrador, die Milly, und die mag’s natürlich auch am Wasser ganz gerne. Ist in der letzten Zeit wieder viel passiert, am Rotter See, und auch in der Vergangenheit. Steht groß in den Zeitungen, dass da wieder jemand ertrunken ist, passieren tut aber nie was, da hat sich eigentlich nichts dran geändert in all der Zeit. Und jetzt, also dieses Jahr, da waren es zu Beginn des Sommers drei Jugendliche, junge Männer eher … und ja, natürlich hat das mit Alkohol zu tun, ist schon genau so wie Sie sagen, aber die meisten wissen das gar nicht richtig einzuschätzen, die Hitze, das Wasser, das ist so ein Zusammenspiel, da geht das dann ganz schnell, das kriegt man selbst überhaupt nicht mit.

Wenn jemand ertrinkt, das Ertrinken, das ist anders, als man sich das vielleicht so vorstellt. Ja, leise, ganz leise, ganz leise ist das, da schreit keiner und keiner rudert wild mit den Armen herum, das ist wirklich … ganz leise, ganz still geht das. Und man muss da ein Auge für haben, man muss das sehen können, denn da winkt ja auch keiner oder ruft laut um Hilfe, weil dafür die Kraft einfach fehlt. Mir ist das wegen der Luftmatratze aufgefallen, da hab ich das erste Mal gedacht: Moment!, da stimmt was nicht. Nun, ich sah die Luftmatratze auf dem Wasser, aber sonst war keiner da, und dann hab ich einfach noch mal bisschen genauer hingeschaut.

Ja, das ist richtig, der war mit zwei Freunden da. Die waren aber schon längst wieder am Ufer, als das passiert ist und dachten wahrscheinlich, der wäre noch was alleine auf dem Wasser unterwegs … ich kann dazu nichts sagen, im Nachhinein hat sich dann wohl herausgestellt, dass es allgemein bekannt war, dass der Junge kein guter Schwimmer ist, aber ich will den anderen beiden jetzt natürlich auch nichts unterstellen. Ich habe den Kopf gesehen, wie der immer wieder kurz aus dem Wasser aufgetaucht ist, das waren ja schon etliche Meter von der Luftmatratze entfernt, und ab da wusste ich einfach, der ist akut in Not. Und dann hab ich mir halt die Schuhe und das Hemd ausgezogen und bin rein … ich musste tauchen und hatte auch noch Glück dabei, weil der See an der Stelle nicht ganz so trübe ist, ich habe den gleich gefunden, zwei, drei Meter unter der Oberfläche, und der Rest … naja, ich sehe mich jetzt nicht so, Held, überhaupt nicht. Das hat die Presse zwar geschrieben, aber mir persönlich war das eher unangenehm. Ich hab gemacht, was jeder andere auch gemacht hätte, mehr nicht.

Das mit dem Rummel danach, das hat mir gar nicht gepasst, um ehrlich zu sein, denn ich denk, ohne dieses ganze Trara wäre das andere auch nicht passiert. Ich rede da nicht gerne drüber. Nein, ich kannte den Mann vorher nicht, ich denke mal, der hat auch das Photo im General-Anzeiger gesehen, den Artikel gelesen … nein, nein, das war nichts Offizielles, der hat einfach bei mir privat angerufen, ich nehme mal an, der hat meine Nummer über das Oktopus herausbekommen oder vielleicht auch im Internet gesucht, die wird da ja sicher irgendwo stehen, aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau. Ich habe ihn auch nie danach gefragt, seltsam eigentlich, oder? Er machte am Telefon jedenfalls gleich so einen vertrauenswürdigen Eindruck, da habe ich jetzt gar nicht drüber nachgedacht, ob der was Krummes vor hat oder so. Obwohl man weiß es ja nicht, man weiß es ja nie, wen das alles so anzieht. Da liest halt einer diesen Artikel im General-Anzeiger, und dann … will er dich nur was hochnehmen, dich, auf gut deutsch gesagt, ein bisschen verarschen. Das konnte ich ja nicht wissen. Na ja, jedenfalls hat der mich gleich am Telefon gefragt, ob ich ihm das Schwimmen beibringen würde. Wenn er Schwimmen lernen will, dann soll er doch bitteschön in ein Schwimmbad gehen und dort das Personal fragen, die würden sich um ihn kümmern, die würden das schon machen.

Das wollte er aber nicht. Genau das wollte er nicht. Nein, ich weiß schon, dass die das da machen, hat er gesagt, aber er wollte das eben von einem lernen, der weiß, was er tut. Der sich bewährt hat, so in etwa. Ich wusste ja, was die in dem Artikel geschrieben hatten und das klang natürlich alles ziemlich übertrieben, als sei das eine große Sache gewesen, ist natürlich Blödsinn. Ich kann jedoch verstehen, wie jemand auf diese Gedanken kommt, wenn man das so liest. Der denkt dann vielleicht, da muss wirklich was dran sein, der liest da was von Held und wie gefährlich das war und hier, Leben gerettet, und dann … ich weiß nicht, natürlich war ich auch irgendwie stolz, das muss ich schon sagen, das hat mir auch geschmeichelt, die Aufmerksamkeit, aber das wäre doch bei Ihnen auch nicht anders gewesen.

Na ja, aber ich hatte das schon richtig verstanden, das war nicht nur dahergeredet: der wollte wirklich Schwimmen lernen. Zuerst war ich hin und hergerissen, auf der einen Seite hab ich gedacht, du hast ja immer noch eine Verantwortung, und er ist extra zu dir deswegen … auf der anderen Seite aber war das ja schließlich ein Wildfremder, und ich meine, man lässt doch nicht einfach so jeden an sich ran. Meine Frau meinte, mach es einfach. Du tust was Gutes, nutz das, nutz die Aufmerksamkeit, die du bekommen hast und tu was Gutes damit. Guck ihn dir erstmal an, das kostet nix und dann, wenn es nichts ist, kannst du immer noch sagen, du hättest keine Zeit oder wärst aus anderen Gründen verhindert.

Ein paar Tage später habe ich zurückgerufen, um mit ihm zu vereinbaren, dass man sich ja erstmal unverbindlich treffen kann. Wir haben uns dann an der Sieglinde getroffen. Er war sicherlich Mitte Fünfzig … ich sag mal, in seinen besten Jahren. Ich habe ihn sofort erkannt. Wir haben uns an eine der Bierbänke draußen gesetzt, und was sollte ich da jetzt noch groß sagen? Wissen Sie, Schwimmen, Schwimmen ist ja etwas Natürliches, etwas … na ja, etwas, das man können sollte. In den letzten Jahren, kurz vor der Rente, da hatte ich viel mit Flüchtlingen zu tun, da konnten auch viele nicht oder nicht richtig schwimmen, die haben das dann bei uns gelernt. Da waren auch viele im fortgeschrittenen Alter, also kannte ich das, ja? Wenn man das später im Leben noch lernt. Ich meine, da gibt es ja viele Gründe, warum man das nicht schon früher gelernt hat, ich habe ihn auch nicht sofort danach gefragt, weil mir das für ein erstes Treffen unpassend erschien. Oft sind es ja persönliche Umstände, über die man nicht so gerne redet. Und heute können auch schon jede Menge Kinder nicht schwimmen. Fatal ist das, meiner Meinung nach. Das Schwimmen sollte man einfach beherrschen. Deswegen konnte ich den Mann schlecht wegschicken. Und er sagte das ja auch zu mir, dass das Schwimmen ihm wichtig ist, das klang absolut vertrauensvoll in meinen Ohren. Nun, also … da saßen wir schon zusammen, hatten uns jetzt persönlich kennengelernt … aber eins musste ich trotzdem wissen: Warum denn ausgerechnet jetzt?

Sein kleiner Enkel hätte ihn im letzten Sommer ständig gefragt, warum der Opa eigentlich nie mit ins Wasser kommt? Und wie er das so erzählt hat, da ist mir das Herz aufgegangen, das muss ich schon sagen. Weil ich das ja selbst auch kenne; ich gehe mit meinen beiden Enkeln auch regelmäßig schwimmen, und die haben das auch von mir gelernt, gleich von der Pieke auf, einer schwimmt mittlerweile sogar im Verein, das wird mal ein super Rückenschwimmer. Kann ich mir gar nicht vorstellen, darauf zu verzichten, nur weil ich selbst nicht schwimmen kann. Es ist ja vor allem so, man sieht ja, wie schnell die groß werden, und nachher ärgert man sich wegen der Zeit, die man verpasst hat – das ist doch das Allerwichtigste, die gemeinsame Zeit, denn die kommt nur einmal, wat fott is is fott, wie man so schön sagt, die Zeit kriegt man nicht mehr wieder, die kriegt man nie wieder. Das war also etwas, das ich absolut nachvollziehen konnte. Jeder würde das doch wollen, mit seinen Enkeln schwimmen können.

Also das Erste, was man übt, ist das Treiben lassen, sich einfach im Wasser treiben lassen. Ich hab festgestellt in all den Jahren – ich spreche immer nur aus eigener Erfahrung -, dass die Leute, je älter sie werden, dass sie dann immer mehr Angst vor dem Wasser bekommen. Kinder haben diese Angst noch nicht, da ist das noch nicht so ausgeprägt, denen ist das Wasser vertrauter. Ich denke einfach, ab einem gewissen Alter muss man sich erstmal dran gewöhnen, das ist Kopfsache. Man weiß ja, was theoretisch alles passieren kann, und die Motorik lässt auch langsam nach, das ist die andere Sache.

Wir haben uns dann im Oktopus getroffen, ich hatte die ganze Sache mit ein paar der alten Kollegen abgesprochen. Zuerst im kleinen Becken, wo es ganz flach ist, danach weiter rein bis zur Hüfte, da sollte er sich langsam aufs Wasser legen, sich dabei ganz leicht machen, Toter Mann spielen. Die ersten Male ist er ja runter wie ein Stein, weil er total verkrampfte. Ich kenne das natürlich. Ich weiß, dass das oft so ist am Anfang, wenn man das noch nicht gewöhnt ist, aber das hat sich mit der Zeit gelegt, da fiel ihm das immer leichter. Später, als das dann richtig gut klappte, haben wir am Beckenrand weitergemacht. Er hat sich festgehalten und mit den Beinen gepaddelt, einfach um den Bewegungsablauf reinzubekommen, das Gefühl, sich im Wasser zu bewegen, langsam und gleichmäßig, die Bauchmuskeln dabei anspannen. Es hat etwas gedauert, das war schon so. Dann haben wir erstmal richtig atmen geübt, das habe ich ihm gezeigt – die Luft überm Wasserspiegel auspusten, und ruhig richtig blubbern lassen. Er wollte alles gleich ohne Brille machen, aber nix hab ich gesagt, die Brille muss an, sonst werden die Bewegungen unkoordiniert, und wenn man einmal die Kontrolle verloren hat, bricht man schnell in Panik aus, und das kann keiner wollen, oder? Nein. Das bringt doch nichts, da jetzt eine Abkürzung nehmen, zu was soll das gut sein? Da musste ich dann auch kurz mal laut werden, um ihn wieder zu bändigen.

Ja, natürlich haben wir uns besser kennengelernt, das lässt sich ja kaum vermeiden. Wir haben schließlich mehrmals die Woche immer volle fünfundvierzig Minuten trainiert. Das muss schon sein, diese Regelmäßigkeit. Danach sind wir oben ins Restaurant und haben dann in aller Ruhe eine Tasse Kaffee getrunken. Darauf hat er bestanden, die hat auch immer er bezahlt! Er war an sich ein zurückhaltender Typ. Man hat schon auch gemerkt, wie unangenehm ihm das Ganze war, dass er erst jetzt, sozusagen als Erwachsener, das Schwimmen beigebracht bekommt, also dass ihm das einer beibringen muss. Das hat er mir irgendwann mal gesagt, aber auch dass ich es ihm leicht gemacht hätte. Er wäre sich nicht so hilflos vorgekommen, wie er das anfangs dachte. Ich hab gesagt, dass es nie zu spät dafür ist, lohnt sich einfach immer, Schwimmen lernen. Er arbeitete beim Amt für Grünflächen der Stadt Bonn, ich weiß aber jetzt nicht, was er da genau gemacht hat. Schien auf jeden Fall gut zu verdienen, kam immer in einem silbernen BMW, sportlich … Wir haben ansonsten nicht viel über Privates gesprochen, er erzählte mal etwas von seinen Söhnen, zu einem war da wohl der Kontakt abgebrochen, der lebte schon seit längerem in Italien … das fragt man ja nicht, was da genau vorgefallen ist, so etwas macht man einfach nicht, und es geht mich im Prinzip ja auch gar nichts an. Ich wollte ihm schließlich das Schwimmen beibringen und sonst nichts.

Sagen wir so, ich war zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre zu Hause … ich hab mich noch fit gefühlt, ich fühl mich immer noch fit, und ich hätt auch gerne noch im Oktopus weitergemacht, aber das ging halt nicht mehr; da konnte ich nichts mehr dran machen. Und es ist so, das merkt man dann, wenn man zu Hause ist, da sitzt man erstmal nur rum und guckt der Frau über die Schulter. Die war ja schon richtig genervt von mir, wie ich da durchs Haus getigert bin, und nichts zu tun! Da wird man richtig unzufrieden. Das ist schon eine Umstellung. Früher war ja immer was los – im Oktopus hab ich alles gemacht, nach den Becken geguckt, Kollegen eingewiesen, Schwimmgruppen geleitet, Seepferdchen abgenommen und auch bisschen was bei den Leistungsschwimmern mitgeguckt, weil ich früher ja auch mal Wettkämpfer war, da hat man einen anderen Blick drauf. Ich bin ja mit den Trainern per Du gewesen. Und dann … wenn man auf einmal zu Hause ist, rumsitzt und nichts machen kann, dann ist das schon hart. Ich war jetzt auch nie der Typ für irgendwelche Hobbies; mein Beruf war mein Hobby. Ich war ja von klein an schon im Wasser, man kannte mich gar nicht anders. Richtige Wasserratte, sagte mein Vater immer. Als ich dann aber nachher großer Fan vom Roland Mathes wurde, da war er nicht mehr so begeistert. Die kriegen doch alles Mögliche gespritzt da drüben, nur damit die auch ja schön den Klassenfeind besiegen! Na ja, was ich eigentlich sagen will: es hat mir natürlich auch Spaß gemacht.

Ich war zwar oft mit dem Hund von meiner Tochter draußen, jeden Tag im Grunde. Die wohnen ja gleich bei uns um die Ecke, und dann ab, durch die Siegauen, immer die große Runde, Lohmarer Wald, an den Teichen vorbei, runter bis zur Autobahnbrücke … aber wie ich schon gesagt habe, es fällt mir schwer, einfach nur so dazusitzen, tut es heute noch, und da war das schon auch gut, eine willkommene Abwechslung, wie man so schön sagt.

Nach einem Monat hat man erste Erfolge gesehen, da klappte das alles schon viel besser. Er hat sich auch wirklich rangehalten! Man sagt ja, als Erwachsener braucht man so um die dreißig Stunden, bis man halbwegs schwimmen kann, aber das ist ja immer nur eine grobe Schätzung, das muss man auch einfach individuell betrachten. Und ich denke, hier kamen noch ein paar Punkte dazu: er war mir fast schon zu fix bei der Sache, da musste ich ihn sogar manchmal bremsen. Ich kenne das gut, wenn man denkt, man sei schon weiter, als man eigentlich ist, das kenne ich noch gut aus der Zeit, als ich Leistungsschwimmer war … da habe ich auch oft gedacht, die gesetzte Zeit schaff ich locker, und dann kam es doch ganz anders. Da muss man sich halt den Mund abputzen und weitermachen, was bleibt einem anderes übrig? Und er war ja erst Frühschwimmer, deswegen habe ich ihm immer wieder gesagt, dass er es ruhig angehen lassen soll. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit.

Ja, danach hat er mir auch gefragt, klar. Ich habe ihm aber nichts anderes erzählt als den Pressefritzen, ich habe nichts ausgeschmückt oder dazu erfunden oder so, das war in meinen Augen ja auch wirklich nur eine kleine Sache, die dann vollkommen unnötig aufgeplustert worden ist. Aber ich habe eben schon gemerkt, einfach an der Art, wie er gefragt hat, dass ihm das imponiert hat, und er hat auch immer wieder betont, wie wichtig ihm das ist, dass er das Schwimmen von mir lernt, von einem, der schon mal ein Menschenleben gerettet hat, so hat er das gesagt. Doch dazu gehört natürlich schon noch etwas mehr. Ich hab schließlich auch die Ausbildung als Rettungsschwimmer in Gold, schon ewig her, dass ich die gemacht hab. Außerdem hab ich das ja auch angewendet, ich hatte in all den Jahren etliche brenzlige Situationen im Oktopus, das glaubt man kaum, was da alles im Freischwimmerbecken passieren kann, davon kann ich schließlich ein Lied singen.

Aber ich gebe gerne zu, er wurde schnell richtig gut. Hat sich richtig reingekniet, wurde ein guter Schwimmer, saubere Technik. Ich glaube, er wollte mich damit auch beeindrucken, deswegen … Meine alten Kollegen haben das natürlich bemerkt, wie er da reingehauen hat, die haben schon gescherzt, ob ich ihn für Olympia trainiere, ob ich ihn deswegen so an die Kandarre nehme. Ich wollte einfach, dass er gut ausgebildet wird, wie ich das bei jedem anderen Schwimmer eben auch gemacht hätte, ob groß oder klein, jung oder alt, ich mache da keine Unterschiede.

Ja, wir haben vielleicht schon länger gemacht, als es nötig gewesen wäre, einfach, weil ich mir sicher sein wollte. Das war ja schließlich meine Verantwortung, und als es dann soweit war, da ist es mir schwer gefallen, schwerer als ich dachte … wir haben dann noch ein letztes Mal Kaffee zusammen getrunken oben im Restaurant, von da kann man ja so schön auf die Becken im Innenbereich gucken, die Leistungsschwimmer haben gerade trainiert. Ich habe ihm noch gesagt, er soll ja schön vorsichtig sein, nicht in offene Gewässer sofort, aber da hat er nur gelacht und gesagt, dass er am Wochenende schon mit seinem Enkel in der Sieg schwimmen war, aber in einem ruhigen Abschnitt im Bröltal, und das ich mir keine Sorgen machen soll, das wäre das beste Gefühl gewesen, was er je hatte: mit seinem Enkel schwimmen zu gehen.

Ich habe dann längere Zeit nichts mehr von ihm gehört. Ich bin einfach wieder mit der Milly raus, hab meine Runden gedreht und meiner Frau beim Kochen über die Schulter geguckt, hätte mich zwar schon interessiert, aber so was macht man ja nicht, da jetzt extra nachfragen. Einer vom General-Anzeiger hat die Geschichte wohl spitz gekriegt und wollte noch einen weiteren Artikel schreiben, aber ich habe gesagt, nein, das würde ich nicht wollen, es wäre jetzt langsam mal genug damit.

Mir ist das erst später zugetragen worden, von einem meiner alten Kollegen, der hat bei mir angerufen, als es endgültig klar war. Ich hatte das schon in der Zeitung gelesen, aber nicht mit ihm in Verbindung gebracht … nein, das stimmt ja so nicht, es ist anders gewesen, ich hab eigentlich sofort an ihn gedacht, dass er das gut und gerne sein könnte, gleich als ich den Artikel gelesen habe … genau vor so Sachen, da hast du ihn immer gewarnt, da hast du immer wieder gesagt … hat natürlich alles gepasst. Die Strömung in so einem Gewässer, sich selbst überschätzt, dann weiß man nicht, wie man sich in schwierigen Situationen verhält, das kommt ja alles erst mit der Zeit, mit der Erfahrung, da hat er sicher gegen den Sog angekämpft, was ja das Verkehrteste ist, was man überhaupt machen kann, aber ja, diese Erfahrung hat er eben einfach nicht gehabt. Mir wäre jedenfalls im Traum nicht eingefallen, direkt im Rhein schwimmen zu gehen. Ich meine, der Rotter See, das ist eine Sache, aber der Rhein, da sind selbst gestandene Schwimmer gescheitert, die sie da grade noch vorm Ertrinken rausgezogen haben, die haben Glück gehabt, dass sie überlebt haben.

Natürlich, ich meine … ich hab mir jetzt keine Vorwürfe gemacht oder so. War ja schließlich ein erwachsener Mann. Manchmal laufen die Dinge eben so, wie sie laufen. Tragisch ist das gewesen, das kann man nicht anders sagen. Ich meine, er hatte ja schließlich Familie, Frau und Kinder, Enkelkinder … bin seitdem auch nicht mehr in einem Becken gewesen, eigentlich überhaupt nicht mehr im Wasser, ich weiß nicht. Die vom Oktopus haben mich vor Kurzen gefragt, ob ich nicht nochmal zurückkommen will, gibt ja wieder mehr Flüchtlinge jetzt. Die Zeit hätte ich, aber ich hab gesagt, nein, das ist vorbei, das ist endgültig vorbei. Ich geh meine Runden mit der Milly und das reicht mir, das reicht mir vollkommen, ich muss keinem mehr was beweisen, oder? Nein, das muss ich nicht mehr.