Den Preis, den man zahlt

Der Zug hielt auf offener Strecke am Rande der Sierra Nevada. Keiner wusste, was passiert war. John fragte den Schaffner, der ein wenig Englisch verstand. Etwas sei mit den Oberleitungen. Wir warteten. Männer knöpften ihr Hemden auf. Frauen wedelten sich mit Fächern und Magazinen Luft zu, Schweißperlen auf ihren Oberlippen. Dann hieß es: Die Fahrgäste dürfen aussteigen. Neben den Gleisen flache, lange Felder, die Erde sandig und aufgeworfen. Am Horizont das Gebirge – dunkel, zerklüftet, mit einer strahlend weißen Schneedecke.

Wir setzten uns ins Gleisbett und rauchten Nobel. Wir rauchten langsam, bis zum Filter. Die Kippen schmissen wir ins Geröll. Eine Frau mit Hut legte sich zwischen die Sträucher in den Sand. Wir hörten sie leise schnarchen. John zeigte auf ein paar eng zusammenstehende Gebäude in der Ferne. Ich trank den letzten Schluck warm gewordenes Wasser aus einer Plastikflasche, die ich im Zug gekauft hatte. John suchte noch einmal den Schaffner auf. Es gab keine Neuigkeiten. Wir unterhielten uns eine Zeit lang mit einem Amerikaner, der seit zwei Jahren unterwegs war. Er kam aus Des Moines, Iowa. Er meinte, sie würden eine neue Zugmaschine benötigen. Er hätte eine ähnliche Situation bereits in Portugal erlebt. Warten. Wieder Warten. Überall Menschen, Menschen und Koffer. Nichts bewegte sich. Die Sonne fraß den letzten Schatten auf. Wir fragten den Amerikaner. Er wollte lieber bei den Anderen bleiben. Schließlich nahmen wir unsere Rucksäcke und gingen los.

Die Luft war stickig und voller Staub. Meine Kehle wurde immer trockener. Nach ein paar hundert Metern hörten wir Hunde. Sie bellten – leise, unterdrückt. Dann sahen wir sie. Sie standen auf einer Erhebung neben den Gleisen, warteten hinter dürren Sträuchern, ihr Fell löchrig und stumpf. Wir konnten ihre Rippen zählen.

Entlang der Schotterstraße einstöckige Häuser, die weißen Wände schmutzig, in den Gassen dazwischen halbnackte Kinder und alte Frauen mit zahnlosem Grinsen. Über allem der Gestank von Ammoniak und Pferdescheiße. An einem der hinteren Gebäude hing ein zerkratztes Blechschild, auf dem in ausgeblichenen Lettern Mahou stand. Wir hatten Bier dieser Marke in Madrid getrunken. Ich zog einen Schein aus der Hosentasche. John nickte.

Ein dürrer Mann mit offenem Hemd stand hinter dem Tresen. Eine Ausgabe der El Pais lag ausgebreitet vor ihm. Als wir uns auf die Hocker setzten, faltete er die Zeitung zusammen, zog eine Schachtel Ducados aus der Hemdtasche und bot uns welche an. Ich gab allen Feuer. Wir nahmen ein paar Züge, dann zapfte er zwei große Bier. Ich trank schnell, spürte das kalte Glas an meiner Hand, den Alkohol, Schweiß im Nacken. Draußen wieder die Hunde, sie schlichen um das Gebäude, ich hörte ihr Hecheln. Ein abgemagerter Straßenköter mit entzündeten Augen blieb in der Türschwelle stehen. John lockte ihn mit Zungenschnalzen. Der Hund senkte den Schädel, machte einen Schritt. Seine Nase glänzte feucht. Er legte sich vor John auf den Boden, rollte seine Pfoten ein, knurrte leise. John beugte sich vom Hocker und streichelte ihm über den Rücken, tätschelte die Schnauze.
Boss, sagte er. I would name him Boss.
I know you like Springsteen, but Boss? What kinda name is that, pal?
Er lachte. Boss, wiederholte er. Perfectly fine, I reckon. Der Hund hechelte, zeigte uns seine rosa-farbene Zunge. John klopfte auf den Tresen. Got some Agua, mate? Agua? For the dog?
Der Mann hinter dem Tresen schüttelte den Kopf und machte eine Geste mit seiner Hand, die wir beide verstanden. Wir tranken schweigend unser Bier.

I`ve really got to take a piss, sagte John nach einer Weile. Er trank das Glas leer und stand auf. Die Toiletten lagen weiter durch, am Ende eines langen, holzvertäfelten Gangs. Eine Tür war aus den Angeln gehoben worden und lehnte gegen die Wand. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie John das Bierglas am Waschbecken auffüllte. Der Mann beobachtete ihn über den Rand seiner Zeitung. Ich zog einen Geldschein aus meiner Hosentasche, legte ihn auf den Tresen, und für einen Moment wusste er nicht, was er als nächstes tun sollte. Er sah mich an, wischte sich mit den Fingern über den Mund und nahm den Schein.

Der Hund steckte seine Schnauze in das Glas, das John ihm hinhielt. Ich hörte, wie Wasser auf den Boden tropfte, das gierige Schlabbern.
Good boy, sagte John. Good boy.
Der Mann kam hinter dem Tresen hervor. Er zog ein Bein nach, musste sich immer wieder auf einem der Hocker abstützen. Er ging langsam, verschwand in dem Gang, der zu den Toiletten führte. Dahinter befand sich ein weiterer Raum, der mir bis dahin verborgen geblieben war. Er zog einen Vorhang aus Stoffperlen zur Seite, und ich vernahm leise Frauenstimmen und den abgestanden Geruch von Küchendunst. John legte mir eine Hand auf den Unterarm und nickte Richtung Straße. Die Fenster waren verschmiert, aber ich erkannte das Rudel, das vor der Türschwelle im Staub lag.
Everything that dies, some day comes back, sagte ich. At least, that’s what the Boss says. John legte den Kopf in den Nacken und lachte. The Boss`s always right anyways.

Das erste Mädchen, das ich jemals küsste, eine kleine, zierliche Griechin, küsste ich im Freibad, und währenddessen lief Tunnel of Love im Hintergrund. Ein paar der älteren Jungs lagen mit ihren Freundinnen gleich neben uns, sie lagen alle zusammen auf einer großen Decke, es waren bestimmt zehn, zwölf Personen, sie tranken Reißdorf aus Dosen und rauchten Luckies ohne Filter. Wir küssten uns verstohlen, sahen dabei immer wieder zu ihnen herüber, eingeschüchtert, aber auch ein wenig stolz.

Es waren drei oder vier Männer, ich weiß es nicht mehr genau. Sie sahen sich alle ähnlich, die gleichen spitzen, schmalen Gesichter, schwarze Haare, die Lippen dünn wie Striche. Sie traten aus dem Dunkel des Gangs und stellten sich schweigend hinter uns. John nahm mein leeres Bierglas vom Tresen. Er bewegte sich nicht, tat nichts, wirkte ruhig und entspannt, aber ich kannte ihn lange genug. Ich zog das restliche Geld aus der Hosentasche und hielt es ihnen hin. You want the money?
Money, no, sagte einer und zeigte auf den Hund, der immer noch zu Johns Füßen auf dem Boden lag.
John drehte sich langsam um. Er lächelte kalt. If you touch the dog, I smash your head in.
Ich steckte das Geld wieder weg, spürte mein Herz pumpen, das Adrenalin. Dann sah ich die Bewegung, ein kurzer, harter Tritt, genau in die Rippen. Der Hund jaulte laut und wurde durch die Wucht gegen den Tresen geschleudert. Ein Brett der Außenverkleidung löste sich und fiel über den schmächtigen Körper.

John schlug mit dem Glas zu, ein ansatzloser Schlag. Er erwischte den ersten an der Schläfe, das Glas zerbrach, die Scherben rissen eine Wunde quer über die Stirn. Blut lief dem Mann in die Augen, er taumelte rückwärts und stürzte über einen Hocker. Ich richtete mich auf. Ich wollte etwas schreien, irgendetwas, dass alle wieder zur Besinnung bringen würde. Mir griff jemand an den Hals und hob mich hoch, als sei ich so leicht wie Papier. Für einen kurzen Moment verlor ich den Überblick, alles drehte sich. Dann lag ich neben dem winselnden Hund im Dreck und schmeckte mein eigenes Blut.

Take the money, wiederholte ich, aber sie lachten nur. Die Decke war aus Lehm, Knäuel aus grauen Spinnenweben in den Ecken, überall tiefe Risse. Ich schloss die Augen, hörte erschöpftes Keuchen, dann den langsamen, schleppenden Gang. Als ich die Augen wieder öffnete, kniete der Mann, der hinter dem Tresen gestanden hatte, mit einem Hammer in der Hand vor mir.
Come on, sagte er. Come on.

Ich stand auf, wischte mir das Blut von der Nase. John lehnte an der Wand, unter seinem rechten Auge eine Schwellung. Einer der Männer drückte ihm eine Astsäge an den Kehlkopf. Die Klinge war schmal, mit gekrümmten, scharfen Zähnen. Ich nickte. Okay, okay.
Der Mann öffnete die Faust. Der Nagel in seiner Handfläche war so lang und dick wie ein Finger. Das Metall war geschmiedet, der breite, flache Kopf hatte Flugrost angesetzt.
You, sagte er und zeigte auf mich. You here. Er legte den Nagel auf den Tresen und umfasste den Stiel des Hammers. Ich spürte den Luftzug, als er ausholte. Es ging alles so schnell.

Der Hund lebte noch. Sein Schädel war hinter dem Schläfenbein eingeschlagen, dunkles Blut lief ihm aus den Ohren, färbte das Fell rot. Eine Pfote zuckte. Er hatte keinen Laut von sich gegeben.
You fuckin asshole, schrie John, aber er konnte nichts machen, da war die Säge an seiner Kehle. Der Mann legte den Hammer auf den Tresen, Bahn und Finne waren blutverschmiert. Er griff nach den Ducados und steckte sich eine Zigarette in den Mund, ohne sie anzuzünden. Dann hob er den Nagel hoch und führte die Spitze an seine Stirn. Er lächelte. Er zeigte mit dem Nagel auf mich. You, sagte er. You.

Ich starrte auf die Bahnschwellen, die mit feinem, hellem Sand überdeckt waren. Ich zählte jede einzelne, vergaß die Anzahl, begann wieder von Neuem. Ich bekam die Geräusche nicht aus dem Kopf, wie der Nagel den Schädelknochen durchbricht, das letzte Aufheulen, ein kurzes, ersticktes Fiepen. Nach ein paar Meilen blieb John stehen. Er fasste sich an den Hals, an die Wunde, ein dünner, blauroter Striemen. Die Gebäude waren immer noch zu erkennen, sie lagen unter einem Hitzeflimmern am Horizont. Not worth it, sagte ich.

John schwieg. Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Ich sehe noch heute den Hund vor mir, wie ein Zittern seinen Körper erfasst, jeden Muskel, die allerletzte Nervenaktivität. Danach wurde alles still, so still, dass es manchmal noch heute in den Ohren dröhnt. An einem alten Schlagbaum hielt ich an und erbrach mich. Der Bierschaum aus meinem Magen schwamm auf der ausgetrockneten, harten Erde davon. Ich atmete durch und spuckte noch einmal in den Staub.

Vierzig. Fünfzig. Sechzig. Ich zählte wieder die Schwellen. Bei Hundert drehte ich mich um. Nur noch der leere, wolkenlose Himmel. Ich ging schneller.

Wild werden

Während ich dir das schreibe, spüre ich die Wolfsklaue,
die sich einen Zentimeter über meinem Daumen durch die Haut drückt.
Ich werde diesen Brief mit einer schlammverkrusteten Pfote unterschreiben.

Seitdem du fortgegangen bist,
werde ich jeden Tag ein Stück wilder,
wie die Hunde der verlassenen Farmen
im Brachland zwischen den Flüssen.

Ich lebe nur noch in einem Raum des Hauses,
ich habe ihn in eine Höhle verwandelt,
in der ich neben den Knochen der letzten Mahlzeit aufwache.
Ich esse die Steaks roh, ich liebe den Geschmack von frischem Blut.
Gestern fing ich im Fluss sechs Karpfen mit den bloßen Händen
und fraß sie dann zum Abendessen.

Am späten Nachmittag setze ich mich auf die Veranda
und sehe dabei zu, wie der Wald immer näher kommt.
Kaninchen sitzen im Gras. Sie beobachten mich aufmerksam,
denn sie wissen, dass man mir nicht trauen kann.
Schon morgen oder übermorgen könnte ich mich auf eins von ihnen stürzen,
es verschlingen, während es schreit und das Herz noch schlägt,
ihre dünnen Knochen zerbrächen zwischen meinen Zähnen.

Nachts laufe ich durch den Wald, fremde Düfte
locken mich in alle Windrichtungen, aufgeregtes Winseln
dringt aus meiner Kehle.

Wenn du nicht bald nach Hause kommst,
werde ich mich weiter und weiter ins
Reich meiner wilden Träume entfernen.
Wenn du zurückkommst, wird das Gras kniehoch und
sämtliche Türen offen stehen, du wirst Gewölle und Federn
im Schlafzimmer finden, Knochenreste in deinen Hausschuhen.
Ich werde mit einer dürren, gelbäugigen Hündin davongelaufen sein.

Im Spätsommer werden Liebespaare, die draußen auf den Wiesen geparkt haben schwören, dass sie mich in einem Rudel wilder Hunde gesehen haben, das im Ödland zwischen den Flüssen Schafe und Rinder hetzte.


„Wild werden“ ist eine freie Übertragung des Gedichtes „Growing wild“ von Jim Wayne Miller.