SVEN HEUCHERT

Am Ende der Viehtrift

Er saß vor dem Fernseher, Sportschau. Eine Flasche Bier in der Hand. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt, hielt die Flasche mit beiden Händen, ein Kissen im Nacken.
Der Ton des Fernsehers war stumm gestellt. Seine Frau stand in der Küche vor dem Herd. Wenn er die Diele entlang blickte, konnte er ihren halben Körper im Türrahmen erkennen, die die gleichmäßigen Geräusche hören, die sie beim Umrühren machte, das klonk klonk des Löffels im Topf. Sie hatte die Haare zu einem Zopf gebunden und trug eine weite Bluse. Es war Samstag und sie erwarteten keine Gäste.
Also, da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt, sagte seine Frau auf einmal. Ich glaub, da is jemand in unserem Garten!
Was?
Im Garten, da is jemand im Garten.
Ist grade Sportschau dran … Er sah das Wappen seines Vereins auf dem Bildschirm, das Derby, der Sieg.
Ja, aber … Mensch! Willst du da gar nix machen? Ich mein, ist ja auch irgendwie dein Garten, oder nicht?
Er hörte den Tonfall und sagte: Jaja, ich komm, ich guck ja schon. Er stand auf, ging durch die Diele in die Küche, in der die Luft feucht war und nach Kerbel roch.
Da, sagte sie und zeigte aus dem Fenster über der Spüle. Unter der Linde, siehste.
Ach was! Ja, tatsächlich, also …
Tja, ist schon so, wie ich gesagt hab. Sie hob die Augenbrauen.
Er nickte. Aber ich mein, was macht der denn da?
Was weiß ich? Der sitzt da.
Ja, das sehe ich auch! Und jetzt? Machen wir jetzt?
Sie biss sich auf die Unterlippe. Ja, also, da ruf ich doch die Polizei, was denkst du denn?
Nee, nee wart mal. Ich will die Grünen nicht hier haben, ganzen Aufriss nur wegen so ner Kleinigkeit. Und der sieht doch harmlos aus, ich red zuerst mal mit dem. Die Grünen können wir dann ja immer noch rufen.
Und was ist, wenn der auf dich losgeht? Wenn der nachher auf Drogen is oder so?
Warum sollte der auf mich losgehen? Guck dir den doch mal an, das isn Opa, n alter Mann. Nee, der macht nix.
Und wenn doch? Ihre Stimme kippte.
Ach! Jetzt wart doch erstmal ab.

Er öffnete die Schiebetür und trat auf die Terrasse. Der Grill, der Rattan-Sessel, ein Topf voller alter Blumenerde. Er ging über den kurz geschnittenen Rasen bis ans Ende des Grundstücks. Der Mann saß immer noch an die Linde gelehnt. Graues Haar, Bart, sein Hemd hing ihm aus der Hose, er trug keine Socken, ein paar Halbschuhe, das braune Oberleder zerkratzt und ausgebeult. Er blickte nicht auf, sah ihn nicht an, hielt die Augen geschlossen.
Suchen Sie was?
Nee, nee ich such nix.
Haben Sie sich vielleicht verlaufen?
Nee, nee auch nich.
Er nickte. Weil, Sie sitzen ja hier in meinem Garten … also, wie sind Sie denn eigentlich hier reingekommen?
Hier, er zeigte auf den Jägerzaun hinter dem Komposter.
Über den Zaun, einfach drüber …
Der Mann brummte wieder.
Und, ich meine, was wollen Sie denn jetzt genau hier?
Der Mann öffnete die Augen. Er sah an ihm vorbei und nickte in Richtung Haus. War mal meins, das da, da.
Das Haus? Ach, das Haus hat mal ihnen gehört?
Gehört, ja. Ich habs auch gebaut. War ja früher nichts. Wiese. Feld. Der Mann leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Hier war ja früher nix.
Und jetzt wollten Sie mal gucken, ob noch alles steht?
Nee, weiß ich ja, dass da noch alles steht, bin ja nicht blind.
Aha. Ja, also, dann …
Ist so, sagt er. Ich hab mir immer geschworen, dass ich mich hier beerdigen lasse.
Hier?
Ja, genau, hier.
Aber, nee, das geht doch nicht. Er lachte. Sie können sich doch hier nicht einfach so beerdigen lassen!
Wieso? Wer will da was sagen?
Na, also, erstmal ist das immer noch mein Garten, und dann, die Behörden und so weiter, das ist doch gar nicht erlaubt, man kann sich ja nicht einfach beerdigen lassen, wo man will.
Ich scheiß auf die Behörden.
Ja, nee, das geht nicht, also …
Der Mann atmete aus. Isn schönes Haus.
Ja, ja isses. Isses wirklich. Er wartete ab. Der Mann rührte sich nicht. Also? Wie machen wir das jetzt? Sie können ja hier nich einfach so sitzenbleiben, das geht nicht, das ist Ihnen doch klar, oder? Oder nicht?
Jaja.
Ich will nicht die Polizei rufen müssen.
Nee. Müssense nich.
Na dann …
Ich geh gleich, ich geh ja schon. Der Mann atmete ein und richtete seinen Oberkörper auf. Rufen Sie mal nich die Polizei. Brauchense nich.
Ja, ich mein, wenn Sie jetzt gehen, dann … dann is ja alles in Butter.

Und, was wollte der? Seine Frau wartete im Schatten hinter der Schiebetür. Sie hielt ein Küchentuch in der Hand.
Er sah sie an und zuckte mit der Schulter. Was weiß ich?
Ja, aber der saß doch direkt da, im Garten, in unserem Garten! Haste den denn nich gefragt? So einen fragt man doch.
Sagt, hat das Haus hier gebaut … also damals.
Das Haus hier?
Ja, das hier, was jetzt unsres is.
Nie im Leben, da müsste der doch steinalt sein, oder?
Tja, kann man nicht sagen.
Na sicher kann man das. Guck mal, der Bau hier, der ist doch aus den 50ern. Wie alt soll der dann sein? Hundert?
Nee, keine Hundert. Aber der is schon alt, also so, was man sieht.
Was meinste damit: Was man sieht?
Der sieht jedenfalls nicht wie Zwanzig aus, das meine ich damit.
Und jetzt ist der hierhergekommen, um was? Um was zu tun?
Keine Ahnung.
Wie, keine Ahnung, du hast doch mit dem geredet. Kann sich doch nicht einfach so bei wildfremden Leuten in den Garten setzen? Wie is der überhaupt reingekommen?
Übern Zaun.
Was?
Ja.
Ist das nicht, hier, sag schon, Hausfriedensbruch?
Nee, das ist was anderes. Er schüttelte den Kopf.
Ich mein schon …
Lass den doch, der wollte sich nur noch mal das Haus angucken. Ich glaub, der stirbt bald.
Wie der stirbt?
Er nahm ihr das Küchentuch aus der Hand. Kennst das doch … machen doch viele, nochmal alles angucken, bevor sie dann den Löffel abgeben.
Ich weiß ja nicht …
Lass den mal. War schon in Ordnung so. Ist ja auch wieder gegangen, der ist weg. Also?

Er setzte sich wieder auf die Couch, nahm die Flasche Bier vom Beistelltisch, legte die Füße hoch. Werbung.
Essen ist fertig!, rief sie aus der Küche.
Kartoffelsuppe, oder?

Nach dem Essen kochte er sich eine Tasse Kaffee und zündete auf der Terrasse eine Zigarette an. Das Brennholz, das er vergangene Woche gemacht hatte, lag unter einer Plane neben dem Komposter. Dann fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, im Baumarkt neuen Flüssigdünger zu kaufen. Sein Blick wanderte zur Linde, auf den Platz, wo der Mann gesessen hatte. Er schüttelte den Kopf. Es dämmerte bereits. Die Lichter in den Häusern hinter dem Garten glühten warm und gedämpft hinter zugezogenen Gardinen. Er ging die Treppe hinunter, die zum Garten führte, drehte sich nach ein paar Schritten auf dem kurz geschnittenen Rasen um. Das Haus hatte zwei Stockwerke, einen ausgebauten Dachboden und einen Carport. Im vergangenen Sommer hatte er die Fassade neu streichen und einen Boden aus afrikanischem Holz auf die Terrasse verlegen lassen. Sie lebten jetzt seit dreizehn Jahren hier. Sie hatten das Haus in einer Niedrigzinsphase zu einem guten Preis erworben und seitdem viel Arbeit und Geld hineingesteckt. Er blieb auf der Terrasse stehen, drückte die Zigarette in einem Blumentopf aus und blickte durch das große Fenster ins Wohnzimmer. Seine Frau lag auf der Couch, eine Wolldecke über den Beinen, eine Tasse Tee auf dem Schoß, und schaute ihre Sendung. Er lächelte. Er hatte das Haus zu einem Zuhause gemacht.

Später im Schlafzimmer lag er noch lange wach und dachte über den Mann nach, der nachmittags im Garten unter der Linde gesessen hatte. Er kannte den Ausdruck, den der Mann im Gesicht gehabt hatte, die klein gewordenen Augen, die eingefallenen Wangen und den offen stehenden, hängenden Mund. Es war die Gewissheit und Erwartung eines nahenden Todes. Sein Vater hatte den gleichen Ausdruck im Gesicht gehabt, kurz bevor er starb. Da war er schon müde gewesen, die Jahre hatten ihm die Kraft genommen, das Atmen war ihm schwergefallen. Er überlegte, ob der Mann die Wahrheit gesagt hatte. Er drehte sich auf die Seite, legte seiner leise schnarchenden Frau die Hand auf die Hüfte und schloss die Augen. Er spürte, wie seine Glieder warm und schwer wurden, und kurz bevor er einschlief, dachte er: Nein, ich glaube ihm, ich glaube ihm.

Mitten in der Nacht riss ihn ein Geräusch aus dem Schlaf. Er blieb unter der Decke liegen, starrte mit offenen Augen an die helle Zimmerdecke, lauschte, wartete. Es waren kurze, hackende Geräusche, rhythmisch und hart, fast mechanisch. Sein Puls beschleunigte sich, er spürte, wie sein Herz hinter dem Brustbein hämmerte. Er setzte sich auf die Bettkante, erhob sich langsam. Seine Knie zitterten. An der Tür drehte er sich noch einmal um, aber seine Frau schlief tief und fest. Vor der Treppe blieb er stehen, ließ seinen Augen Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Fliesen der Stufen klebten an seinen nackten Sohlen, er hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest, bis er unten in der Diele stand. Die mechanischen Geräusche waren im Untergeschoss lauter geworden, schienen aus der Nähe zu kommen, und dann begriff er. Er nahm die Maglite von der Kommode, ging weiter ins Wohnzimmer und zog mit der freien Hand die Schiebetür zur Terrasse auf.

Ich ruf die Polizei, sagte er und schaltete die Maglite an. Die Taschenlampe war groß und schwer in seiner Hand, der Lichtkegel erleuchtete den gesamten Garten taghell.
Der Mann senkte die Schippe und beschirmte die Augen.
Is ja gut.
Is ja gut, sagt der da. Was denken Sie sich eigentlich? Das is, das is doch Hausfriedensbruch, ich zeig Sie an, das geht ganz schnell. Ist ihnen eigentlich klar, was das für Konsequenzen haben kann? Sie können doch nicht einfach hier mitten in der Nacht… also, Moment, Moment mal, was machen Sie da überhaupt?
Der Mann trat einen Schritt zur Seite.
Das glaub ich ja nicht, das glaub ich ja jetzt nicht, da, da gräbt der hier ein Loch, in meinem Garten! Mitten in der Nacht!
Ich hab das doch gesagt …
Du bist ja vollkommen irre, bist du. Kannst doch nicht einfach hier anfangen rumzubuddeln, du Spinner! Du gehörst ganz woanders hin, Kaiser Karl Ring, ich ruf gleich deine Freunde mit der Zwangsjacke, die kommen dich holen, aber ganz schnell geht das!
Der Mann zuckte mit der Schulter. Und dann?
Wie, und dann?
Ich sterb hier, da, wo ich mein Haus gebaut hab …
Also, sag mal, bist du noch ganz dicht oder was … er atmete aus und senkte die Taschenlampe. Jetzt mal im Ernst. Ich hab ja für vieles Verständnis, wirklich, ich versteh vieles, aber das? Das is doch …
Soll ich denn sonst machen?
Hast du keine Familie? Oder jemanden, der sich um dich kümmert? Soll ich wen anrufen?
Ich hab nix mehr, sagte der Mann. Nur noch das, was ich anhab.
Ach komm, jetzt hör auf.
Nee, ist so.
Lass das, das da mit dem Buddeln, das bringt doch nix. Und leg die Schippe weg, ja? Leg die lieber weg, ich will nicht, dass nachher noch was passiert.
Passiert schon nix.
Ja, das kenn ich, passiert schon nix, und dann … Also komm, leg die Schippe weg. Ja? Leg die weg.
Der Mann nickte. Aber machs Licht aus, blendet.
Ja, erst weglegen. Leg erst die Schippe weg.
Gut, sagte der Mann und lehnte die Schippe gegen die Linde.
Wo haste die überhaupt her?
Licht aus.
Er dimmte das Licht und machte einen Schritt auf den Mann zu.
Vom Nachbarn.
Vom Nachbarn?
Gegenüber.
Also, du klaust ne Schippe, kommst hier rein mitten in der Nacht … Er schüttelte den Kopf. Das is doch …
Der Mann sah an ihm vorbei. Dach is ja ausgebaut …
Ich ruf die Polizei nicht, wenn du jetzt abhaust, okay? Jetzt. Und wenn du nicht mehr wiederkommst, sonst muss ich … du kannst doch nicht einfach bei irgendwelchen fremden Leuten aufs Grundstück, das ist ja Einbruch … und spielt auch keine Rolle, wegen dem Haus. Ich glaub dir ja, dass du das Haus gebaut hast und alles, aber … siehst du doch selbst ein, oder nicht? Dass das nicht geht. Dass du sowas nicht einfach machen kannst?
In der Wand vor der Küche hab ich damals ne Flasche eingemauert, sagte er und lächelte. Bier vom Josef Breuer, aber den kennste gar nicht mehr, oder?
Ist besser, wenn du jetzt gehst … sonst muss ich wirklich …
Nee, den kannste nicht kennen.
Er knipste die Maglite wieder an und leuchtete dem Mann mitten ins Gesicht. Jetzt, jetzt sofort, ich sags nicht nochmal.
Jaja, sagte er. Machs Licht aus, vertragen meine Augen nicht mehr.
Komm, geh vorne rum, geh hier ausm Gartentor. Geh raus. Er leuchtete ihm den Weg mit der Maglite. Hier, geh hier lang, komm.
Der Mann nickte und folgte dem ausgestreckten Arm. Vor dem Gartentor blieb er stehen, drehte sich noch einmal um, hob seine Hand und winkte.
Dann war er verschwunden.

Er wartete einen Moment, schaltete die Maglite aus und schloss das Gartentor hinter sich. Die Viehtrift lag vollkommen ruhig da, die Häuser still und dunkel, Autos parkten in Einfahrten, der Mond stand als schmale Sichel am Himmel. Er ging ein paar Schritte auf den Wald zu, aus dem der leicht modrige Geruch von nassem Laub herüber wehte. Die Äste der Bäume wogten langsam im Wind, das Rascheln der Blätter machte ihm eine Gänsehaut. Er atmete aus, ging zurück in der Mitte der Straße, blieb vor dem Haus stehen und schaltete die Taschenlampe wieder an, das Licht gleißend, er ließ den Kegel langsam über den Asphalt gleiten, suchte hinter Mülltonnen und Buchsbaumhecken, suchte weiter, zwischen den geparkten Autos, in Hauseingängen, doch da war niemand mehr.

Das Loch war nicht sehr tief, aber er konnte erkennen, was der Mann vorgehabt hatte. Die Abmessungen waren von ihm mit dem Spaten in die umliegende Erde gestochen worden, drei Schritte lang, ein Schritt breit. Er ging sie einmal ab, stellte sich dann in die flache Kuhle, berührte den Haufen Aushub mit dem Fuß, die weichen Klumpen zerfielen an seinen Zehenspitzen. Dann kniete er sich hin, schaltete die Taschenlampe aus und legte sie neben sich, die Erde unter ihm hart, fest und kalt. Er verharrte, auf dem Boden kauernd, das Gleichgewicht haltend, dann setzte er sich. Als er die Beine ausstreckte, spürte er die feuchten Grasbüschel an den Waden, und wie sich spitze Kieselsteine in die Haut seiner Oberschenkel drückten. Es fühlte sich vertraut an, der Himmel über ihm – der große Wagen, das einzige Sternbild, das er sicher erkannte – die Schatten, den die Baumkrone warf. Er lag da, die Hände auf dem Bauch gefaltet, und schloss die Augen. Vielleicht sollte sich das Sterben so anfühlen, dachte er, leicht und entspannt, wie das Einschlafen in einer warmen Sommernacht. Er blieb liegen, bis seine Glieder von der Kälte steif geworden waren.

Auf der Terrasse striff er sich noch die Erde von den Schenkeln, wischte sich Hände und Füße mit einem Tischtuch ab und schloss die Schiebetür hinter sich. Das Wohnzimmer kam ihm auf einmal klein und fremd vor. Er setzte sich auf die Couch, legte sich die Decke seiner Frau über die Beine, saß da, sah wie der Raum heller und heller wurde, hörte, wie die Vögel draußen zu singen begannen. Irgendwann stand er auf, ging weiter ins Badezimmer, zog sich aus, drehte das kalte Wasser auf, stellte sich unter den Strahl, seifte sich ein. Die Kälte nahm ihm fast die Luft zum Atmen, doch er hob das Kinn, öffnete den Mund und ließ ihn voll Wasser laufen, die dünnen, harten Strahlen auf seinem Körper. Danach trocknete er sich ab, rasierte sich sorgfältig, ließ sich Zeit dabei, benutzte eine neue Klinge, putze die Zähne, kämmte sich die nassen Haare nach hinten.

In der Küche setzte er Kaffeewasser auf und sah das erste Mal auf die Digitaluhr am Herd. 5:47. Er schaltete das Radio an, drehte die Musik leise und löffelte frisches Kaffeepulver in die Kanne. Es würde ein schöner Tag werden, der Himmel klar, die Luft frisch. Er dachte an die vergangene Nacht, an das Gefühl, in diesem noch nicht vollendeten Grab unter all dieser Erde zu liegen, diese Stille, diese Schwere. Man würde es nicht erfahren, nichts davon mitbekommen, denn man wäre schon tot, eine leblose Hülle, die langsam zerfiel, sich immer mehr auflöste, doch dieser Gedanke verfolgte ihn. Dann fragte er sich, wann und warum die Menschen begonnen haben, ihre Toten zu beerdigen, und das im wahrsten Sinne des Wortes, einen Leib in die Erde zu tun, einen Leib, der eben noch Fleisch und Blut und Leben gewesen war, wie kam man auf die Idee, ihn schlussendlich als seelenloses Überbleibsel einfach zu verscharren, sechs Fuß tief unter Sediment, Lehm und Gestein?

Was machst du denn schon hier?, fragte seine Frau.
Er drehte sich um. Sie stand in der Tür, den Bademantel halb geschlossen, die Haare offen, und gähnte.
Ich konnte nur nich schlafen, war irgendwie ne komische Nacht.
Ja? Tut mir leid, Schatz. Sie legte ihm eine Hand auf die Wange und gab ihm einen Kuss.
Was war denn los? War Vollmond oder so?
Nee, keine Ahnung, einfach nur so.
Aber sonst gehts dir gut, ja?
Ja, sagte er und nickte. Er legte seine Hand auf ihre Hüfte und zog sie an sich heran. Mir gehts super.
Okay, dann … ich geh mal duschen, ja?
Mach das, ich mach schon mal Frühstück.
Sie lächelte, ihre Hand strich an seiner Schulter herab.

Nach dem Frühstück sagte er: Ich fahr dich heute.
Musst du aber nicht, ist doch son tolles Wetter, willste da nicht lieber mit der Guzzi fahren?
Nee, heut nicht.
Was denn los? Hast doch die ganze Zeit auf Sonne gewartet, und jetzt …
Nur so, heut nicht.
Ja, wie du magst, ich freu mich.
Gehen wir vorne raus, ich hab doch in der Einfahrt geparkt.

Auf der Arbeit saß er an seinem Platz, las die Berichte über aktuelle Fertigungsabläufe, holte sich einen Kaffee nach dem anderen, konnte sich nicht konzentrieren.
Gegen Mittag schaute ein Kollege in seinem Büro vorbei. Hör mal, drüben bei der Qualitätskontrolle bräuchten die mal deine Hilfe, da ist was mit dem Material, zu spröde, was weiß ich …
Mir ist nicht gut, sagte er. Irgendwas mit dem Magen, keine Ahnung, ich glaub, ich fahr nach Hause.
Ach was, bist doch sonst nie krank?
Bin auch nicht krank, mir gehts nur nicht so gut. Will nicht krank werden und dann länger ausfallen, weißte?
Klar, ich sag denen Bescheid, ja? Gute Besserung.
Dank dir.

Auf dem Rückweg hielt er an einer Tankstelle, kaufte zwei Schokoriegel, eine Dose Red Bull und eine kleine Flasche Wodka. Er wusste nicht, warum. Er folgte einem Impuls, einem spontanen Begehren. Zuhause parkte er den Wagen in der Einfahrt vor dem Gartentor, setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch, legte sich wieder die Decke seiner Frau über die Beine und aß die beiden Schokoriegel. Er aß sie hintereinander, kaute konzentriert, bis die Masse in seinem Mund zu einem süßen, klebrigen Brei geworden war. Dann stand er auf, griff sich die Dose Red Bull und den Wodka und ging auf die Terrasse.

Er ging über das Gras, setzte sich unter den Schatten der Linde und streckte die Beine aus. Er saß dort wie ein Kind, die Zeit dehnte sich endlos vor ihm aus, er hatte keine Pläne, es gab nichts zu tun. Die Dose zischte, als er sie öffnete. Er nahm einen kleinen Schluck, lehnte sich gegen den Stamm, zog die Knie an den Körper, die flache Kuhle vor sich, das mit Spatenstichen vorgezeichnete Grab, eine Skizze, eine Idee. Er stellte die Dose neben sich, öffnete den Wodka, ein leises Knacken, als er den Verschluss aufdrehte. Dann trank er, einen Schluck, zwei, war erstaunt von der Schärfe, die sich in seinem Mund ausbreitete, dem heißen Faden, der tief in seine Eingeweiden floss. Er nahm einen Schluck Red Bull, spülte nach, wartete, nahm noch einen. Es fühlte sich gut an, das Koffein und der Alkohol vermengten sich in seinem Körper, das Kribbeln hinter seinen Augen begann, der Puls pochte an seinen Schläfen. Er war bereit. Er stand auf, zog sich die Hose hoch und suchte den Spaten, den er auf dem Rasen neben der Linde fand.

Der erste Stich, die Erde dicht und widerstandsfähig. Er schüttelte den Kopf, wollte schon aufgeben, den Spaten hinschmeißen und sich auf die Couch legen, darauf warten, dass seine Frau nach Hause kam. Doch der zweite Stich war leichter, die Erde löste sich, die Schicht darunter lockerer, und nach dem dritten Stich erkannte er bereits die Ränder der Furche, an der er sich weiterhin orientieren würde, drei Schritte lang und ein Schritt breit. Er arbeitete weiter, trank den Wodka, spülte mit Red Bull nach.

Er zog sich das Hemd aus, legte es sorgfältig über einen Ast, arbeitete im Unterhemd weiter, seine Finger schwollen an und er konnte spüren, wie die Haut in den Handinnenflächen trocken und rissig wurde, aber es war ihm egal. Gegen Mittag machte er die erste Pause, trat einen Schritt zurück und besah sich sein Werk.

Fleißig?, fragte der Nachbar und legte seinen Arm auf den Jägerzaun, der die Grundstücke voneinander trennte.
Er nickte.
Was haste denn vor?
Ach, sagte er. Nur n paar Wurzeln loswerden, die stören. Meine Frau hat sich da mal fast hingelegt, deswegen …
Hast ja den gleichen Spaten wie ich, Mensch. Gutes Teil.
Hör mal, wo du das gerade sagst, ich denk, das is deiner …
Der Spaten?
Er nickte.
Und ich dachte schon, Mensch, wo is denn deiner eigentlich?
Weiß nicht, was da passiert ist, ich hab mir den einfach ausgeliehen, du warst nicht da, und ich dacht … ist sonst gar nicht meine Art.
Kein Problem, ist ja noch heile.
Hier, sagte er und hielt ihm den Stiel hin. Oder ich kauf dir ne neue.
Nee, musste nicht. Ist doch nichts dran.
Ich brauche ja sowieso eine, bin hier noch nicht fertig.
Hast aber schon ganz schön reingehauen! Musstest du nicht zur Arbeit heute?
Hatte mir extra frei genommen deswegen …
Na dann, halt ich dich mal nicht weiter auf.
Er reichte dem Nachbarn den Spaten mit dem Stil voran über den Zaun und wartete noch, bis der Nachbar den Spaten in seinem Gartenhaus verstaut und wieder im Haus verschwunden war, dann nahm er das Hemd vom Ast, zog es über, hob die Dose Red Bull und die leere Flasche Wodka auf und schob sie unter ein paar zerdrückte Milchkartons in der Mülltonne.

Im Baumarkt kaufte er einen Spaten, eine neue Schaufel mit großem Blatt und eine Hacke. Als er in der Schlange wartete, nahm er sich noch ein Maßband aus dem Regal vor den Kassen und ein Eis am Stiel aus der Kühltruhe. Er zahlte mit Karte, legte die Werkzeuge auf die Rückbank, das Maßband in die Mittelkonsole und aß das Eis hinter dem Steuer sitzend. Er ließ sich Zeit, ließ die Schokolade ein wenig schmelzen, biss dann ganze Stücke ab, lehnte sich im Fahrersitz zurück und spürte die Sehnen in Händen und Unterarmen, die von der Arbeit angeschwollen und straff waren. Im Auto war es ruhig, die Geräusche von außen gedämpft, das Schreien der Kinder, das Rollen der Transportwagen auf dem Asphalt, das Prötteln der angelassenen Motoren. Er leckte den Stiel ab, kaute auf dem Holz, bis es unter dem Druck seiner Zähne weich wurde. Dann startete er den Wagen. Er fuhr schnell, konnte es kaum abwarten, schnitt einem DHL-Lieferwagen die Vorfahrt ab und beschleunigte im Kreisverkehr auf der Kaiserstraße. Zuhause parkte er unter dem Carport, trug die Werkzeuge weiter in den Garten und zog sich das Hemd aus.

Da war eine Entschlossenheit, die er von sich selbst nicht kannte. Er legte das Maßband auf die Grasnarbe, nahm die Hacke, drehte den Stiel einmal herum, die glatte Oberfläche an seinen Händen, dann begann er, die Ränder zu bearbeiten, schlug richtige Kanten in die Erde, machte sie gerade und bündig. Es nahm Form an. Der neue Spaten schnitt selbst durch das feste, unberührte Wurzelwerk wie ein scharfes Messer. Er ging methodisch vor, das lag in seiner Natur. Sich eine Sache vor dem inneren Auge vorstellen, sich danach eine Methode zurecht legen, dieser folgen, sie vervollständigen, sie perfektionieren, ein gleitender Prozess, in Wandlung begriffen, den Notwendigkeiten folgend, das Ergebnis im Blick.

Ach, da bist du!
Er hörte ihre Stimme, hielt inne, den Spaten noch in der Hand.
Ja, sagte er. Ja, hier bin ich.
Sag mal, was machst du denn da?
Wurzelwerk, weißte? Dacht ich, kann mal weg.
Aha, na dann.
Na ja, das macht den Baum kaputt, also auf lange Sicht, und ich dachte …
Kommst du von der Arbeit?
Er stellte den Spaten an die Linde. Wie, wieso?
Trägst noch deine Klamotten … deswegen.
Ja, ja hast Recht. Ich dacht, ich machs sofort, wenn ichs nicht sofort mach, mach ichs nie, kennst mich doch.
Sie nickte. Ich hab noch Hunger, sagte sie. Ich mach mir was zum Essen. Willst du du auch was?
Ich glaub schon, ja. An was hast du denn gedacht?
Wir haben noch Forelle da, Sülze, oder ein paar Rühreier.
Ich nehm alles.
Wie? Alles drei?
Genau. Forelle, Sülze, Rührei.
Da haste ja richtig Hunger, wie?
Ja, na und?
Nix, na und.
Ich komm gleich, sagte er. Fang doch schon mal an, ja?
Ja, okay, ja gut.
Er nahm die Schaufel, glättete mit der Rückseite die Kanten und ließ sie dann auf den Grund gleiten. Tiefer, sagte er leise und zu sich selbst. Viel tiefer.

Sie hatte die Forelle auf zwei Teller aufgeteilt, Tomaten aufgeschnitten, ein Stück Sülze für jeden abgeschnitten und vermengte gerade Eier in einer Schüssel.
Wie viel sind das?
Was?
Eier.
Drei.
Nee, mach mal sechs.
Sechs?
Für mich, ja.
Sechs für dich allein?
Hab n Loch im Bauch. Schlimm?
Nee, nee, ich sag ja gar nix.

Nach dem Essen wusch er sich im Badezimmer ausgiebig die Hände, ließ kaltes Wasser über die Handgelenke fließen, trocknete sich ab. Seine Frau stand neben ihm vor dem Spiegel, schminkte sich ab, massierte sich Feuchtigkeitsgel unter die Augen, kämmte sich die Haare.
Ich will dich, sagte er.
Was?
Ich will dich …
Jetzt?
Ja, jetzt. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, trat hinter sie, strich ihr die offenen Haare zur Seite und küsste den Nacken.
Was ist denn los mit dir, sagte sie leise, richtete ihren Oberkörper auf und presste ihn gegen seinen.
Nichts, sagte er. Warum?
Du bist doch sonst nicht so …
Wie, so?
Na, so eben …
Er beobachtete sich dabei im Spiegel, starrte sich selbst in die Augen, bis sein Blick verschwamm. Dann fasste er seiner Frau in den Nacken, drückte ihren Kopf nach unten, ihr Gesicht in das Waschbecken, stieß härter zu, ihr Stöhnen wurde lauter, wurde ein Schreien, Lust, Schmerz, es war ihm egal, er stieß zu und wandte den Blick nicht ab von dem verzerrten Bild im Spiegel.

In dieser Nacht träumte er von dem Loch, das er angefangen hatte zu graben. Dass er auf dem Grund stand und nach oben blickte, das Blau des Himmels und die über einer schmalen, rechteckigen Aussparung hinwegziehenden Wolken, und es war kalt und feucht auf dem Grund und er war nackt, und er wusste, das war es, er würde dieses Loch niemals mehr verlassen.

Am nächsten Morgen stand er früher auf als seine Frau. Er ging in die Küche, setzte Kaffeewasser auf, vermengte acht Eier in einer Schale, gab sie in eine Pfanne mit Butter, würzte mit Paprikasalz und würfelte eine große Zwiebel, schnitt zwei daumendicke Scheiben Brot vom Laib und bestrich sie mit Leberpastete.
Du bist ja schon wach, sagte seine Frau.
Er nickte. Konnt nicht mehr schlafen.
Hast dir schon Frühstück gemacht?
Ist noch Kaffee da …
Was hast du dir da alles gemacht?
Paar Rühreier und zwei Brote …
Aber du isst doch sonst nicht so viel, oder?
Tja, Wachstumsphase.
Ja, nicht, dass du nachher noch krank bist, hier, Bandwurm oder so?
Ach was, woher soll ich den denn haben?
Was weiß ich, ich sag ja nur.
Nee, alles gut. Hab einfach nur Hunger. Schlimm?
Sie schüttelte den Kopf und goss sich eine Tasse Kaffee ein.
Ich kann dich heute wieder fahren, ist kein Problem.

Nachdem er sie zur Arbeit in die Stadt gefahren hatte, fuhr er zurück nach Hause und rief im Betrieb an. Ich fühl mich immer noch nicht besser, sagte er zu seinem Kollegen. Ich bleib heut noch zuhause. Wenns gar nicht mehr geht, geh ich zum Arzt, ok?

Bis mittags war das Loch so tief, dass er gerade noch über den Rand schauen konnte. Er sprang hoch, hielt sich an Grasbüscheln fest, stemmte sich mit den Füßen in die Erde, benötigte seine ganze Kraft, um endgültig herauszuklettern. Spaten und Schaufel ließ er auf dem Grund. Im Haus wechselte er das Hemd, nahm dann sein Portemonnaie und kaufte beim Metzger im EDEKA ein Kilo Rinderhüfte. Er briet es am Stück, aß es blutig und würzte nur mit Salz und einer Prise Pfeffer. Nach dem Essen suchte er die alte Haushaltsleiter im Keller und nahm noch zwei große Baueimer mit. Die Leiter stellte er an die schmale Stirnseite des Lochs, schmiss die beiden Eimer hinein und stieg wieder hinab.

Die Erde wurde dichter, härter, er musste sie mit der Hacke zuerst auflockern, bevor er sie abtragen konnte. Er befüllte zuerst die Eimer, trug sie anschließend nacheinander die Leiter hoch, kippte den Aushub neben den Komposter. Nach der vierten oder fünfte Fuhre stand sein Nachbar auf der anderen Seite des Zauns.
Bist ja immer noch dran, Mensch! Er lachte. Was denn da los? Bauste dir nachher noch einen Bunker, wie?
Nee, nee, keinen Bunker. Aber das muss mindestens zwei zwanzig tief, ich will aber drei Meter, weils ja auch für meine Frau sein soll, weißte? Ich hab mich genau erkundigt.
Der Nachbar nickte. Und was genau soll das werden?
Du, ich muss weiter, wird ja gleich dunkel.
Klar, sagte der Nachbar. Mach mal.

Er verschwand wieder im Loch, zertrennte mit der Spatenspitze Wurzeln, dick wie Kinderarme, füllte die Eimer, schleppte sie die Leiter hoch, entleerte sie neben dem Komposter.
Da unten bist du, sagte sie.
Er richtete sich auf, hielt den Spaten mit einer Hand am Stiel fest und blickte nach oben. Der Himmel, die Wolken, das Gesicht seiner Frau, ihr Körper klein und weit weg.
Ja, bin noch was dran.
Meinste nicht, das reicht jetzt langsam mal?
Nee, muss noch.
Ja? Ich mein, wofür willst du –
Ich hab mich genau erkundigt, unterbrach er sie. Zwei zwanzig mal zwei und mindestens drei Meter tief.
Und dann?
Dann ists geschafft.
Okay, sagte sie. Ich geh mal rein, ja?
Ist gut, mach das. Und, hier, da sind noch Straußensteaks in der Kühltruhe … kannst du mir die rauslegen?
Willst du die heute noch essen?
Tau ich in der Mikrowelle auf. Denkst du nur dran, die rauszulegen, ja?
Bist du –
Leg sie einfach raus, ja?
Ja, sagte sie. Ja, mach ich.

Als sie gegangen war, legte er den Spaten auf die Erde und richtete sich auf. Die Leiter reichte mit der ersten Sprosse jetzt genau an den Rand des Lochs. Da war der Geruch der kühlen Erde, feucht, modrig, es erinnerte ihn an Schimmel. Und es war still hier unten, keine Stimmen, nichts, auch kein Licht, keine Ablenkung, nur eine Schwärze, die das Loch weiter und weiter auszufüllen begann. Einen Tag noch, dachte er, dann ist es fertig.

In der Küche lagen die verpackten Straußensteaks in der Spüle. Er riss die Verpackung auf, nahm die einzelnen Fleischstücke aus der Folie, legte sie auf einen Teller und stellte ihn in die Mikrowelle. Er programmierte 200 Watt und zwanzig Minuten und ging ins Wohnzimmer. Das Zimmer war dunkel, der Fernseher ausgeschaltet. Er schaltete das Licht an, wieder aus, blickte aus dem großen Fenster vor der Terrasse auf die Linde, dunkel und mächtig in der Dämmerung.

Seine Frau lag schon im Bett, die Nachttischlampe eingeschaltet, ihr Mobiltelefon in der Hand. Er blieb vor der Tür stehen und nickte ihr zu.
Deine Sendung läuft doch, oder?
Hab keine Lust heute.
Keine Lust, wiederholte er.
Weiß auch nicht.
Langer Tag?
Sie seufzte. Hör mal, ich weiß nicht, aber … was ist eigentlich los mit dir?
Was soll mit mir los sein?
Du bist die letzten Tage so, ja, keine Ahnung, so … anders.
Gestern hats dir doch noch gefallen, oder nicht?
Ja, aber …
Was aber?
Nichts, schon gut.
Nein, sag.
Ich hab gesagt, schon gut. Ich will nicht streiten, wirklich nicht, okay?
Er setzte sich auf die Bettkante. In unserer Küchenwand ist eine Flasche Bier eingemauert. Das war wohl früher Brauch so.
Was?
Ja, das hat mir dieser Typ erzählt, vorgestern, weißt doch, der Irre, der unter der Linde gesessen hat.
Sie richtete sich auf, schob sich ein Kissen in den Rücken. Wen meinst du? Von welchem Typen redest du?
Du weißt doch genau, von wem ich rede, ganz genau weißt du das, du hast ihn doch zuerst gesehen …
Wen?
Verarsch mich nicht. Hör auf, mich zu verarschen.
Nein, nein, wirklich, ich …
Da unter der Linde hat der gesessen, und du, du hast doch gesagt, guck mal, da sitzt einer unter der Linde, wolltest sogar die Polizei rufen. Jetzt hör auf!
Er nahm ihren Blick in auf, ungläubig, erstaunt, verängstigt, spürte sein linkes Augenlid zucken und dann ging alles ganz schnell. Er packte sie am Hals, presste ihre Kehle zusammen, zog sie aus dem Bett auf den Fußboden, ihr Körper leichter, als er es vermutet hätte, ein Gesicht nah an ihrem, er konnte ihren Atem riechen, schmecken.
Sie versuchte, sich aus dem Griff zu lösen, aber er drückte sie auf den Boden.
Lass los, schrie sie, lass los.
Er presste ihr die Hand auf den Mund, brachte sie zum Schweigen.
Ja klar, es kann gar nicht anders sein, es kann ja gar nicht anders sein, du hast ihn doch zuerst gesehen … also, warum lügst du mich an, verdammte Scheiße, warum lügst du mich an?
Sie wurde ruhig, wehrte sich nicht mehr, lag ganz still da, und er nahm schließlich die Hand von ihrem Mund.
Ja, ja du hast Recht, ich hab ihn gesehen, ich hab den gesehen, unter der Linde, ja, du hast Recht, ich, ich weiß nicht, was mit mir los ist, du hast ja Recht, klar, natürlich, ich hab ihn auch gesehen.
Er nickte. Der Mann hat das Haus hier gebaut, sagte er und setzte sich neben sie. Weißt du, was das bedeutet? Der will hier sterben, der will sich hier beerdigen lassen, hier! Er lachte. Das musst du dir mal vorstellen.
Ja, sagte sie leise. Ja.
Er legte seinen Zeigefinger auf ihr Brustbein, schob den Stoff ihres Unterhemdes nach unten.
Sie schüttelte den Kopf. Nicht …bitte.
Er grinste. Nein, sagte er. Schon gut.
Er stand auf und zog den Stecker der Nachttischlampe aus der Dose.
Sie lag immer noch auf dem Schlafzimmerboden, ihre Haut so hell, dass er ihre Umrisse in der Dunkelheit erkennen konnte, den Schemen ihres Körpers.
Warte, sagte er. Komm her. Er sah ihre feuchten Augen schimmern, als er das Kabel um ihre Hände legte und zuzog.
Nein, schrie sie, lass das! Lass!
Wehr dich nicht, sagte er und presste ihr wieder die Hand auf den Mund. Wird ja alles gut, wirst sehen, wirst schon sehen.
Ihre Nasenflügel hoben und senkten sich, ihr Atem strich knapp und stoßweise über seinen Handrücken hinweg. Mit seiner freien Hand griff er nach dem Kopfkissen, schüttelte den Bezug ab und stopfte ihn in ihren Mund. Sie würgte, rang nach Atem, versuchte sich auf die Seite zu werfen, doch er hielt sie weiter fest, drückte sie zurück auf den Boden, zog sich den Gürtel von der Hose und fixierte die Schnalle zwischen ihren Fesseln, verknotete die Enden so fest, dass sie sich nicht mehr lösen konnten. Dann erklang der Signalton der Mikrowelle.

Er ließ sie gefesselt und geknebelt auf dem Boden liegen, ging in die Küche, nahm den Teller aus der Mikrowelle und stellte ihn auf den Tisch. Das Fleisch schwamm in einer gelblichen Flüssigkeit, sah grau und geschrumpft aus. Er drückte mit dem Daumen auf die Oberfläche, die leicht nachgab und zuckte mit der Schulter. Er nahm eines der Stücke in die Hand, steckte es sich in den Mund, begann zu kauen. Der Kern war noch roh, eiskalt, aber es machte ihm nicht aus, er kaute, schluckte, verschlang Stück um Stück, kaute, schluckte, bis nichts mehr übrig war. Dann stand er auf, stieg aus der Hose, zog sich Hemd und Schuhe aus und ging barfuß über die Terrasse in den Garten.

Es war Nacht, der Himmel vom silbernen Mondlicht erhellt. Er spürte den Willen in seinem Leib, etwas zu vollbringen, etwas zu Ende zu bringen. Er sprang in das Loch, kniete sich auf den Grund, legte die Hände flach auf die Erde. Nicht mehr viel, dachte er und nahm den Spaten, lockerte die Erde, schmiss sie mit der Schippe aus dem Loch, seine Bewegungen entschlossen, kraftvoll. Es war sein Werk, und es war das Richtige.

Im Morgengrauen hörte er, wie sein Nachbar das elektrische Garagentor öffnete und den Wagen anließ, das Tuckern des Diesels ein fremder Klang in seinen Ohren. Hier unten war alles weit weg, es berührte ihn nicht, erinnerte ihn an nichts. Hier unten fühlte er sich ganz und vollkommen. Er wusste, er musste es jetzt zu Ende bringen. Er nahm die Hacke, legte sie sich über die Schulter und stieg die Leiter hoch.

Das Gras unter seinen Füßen war noch feucht vom Tau, der Himmel diesig, es roch nach Regen. Die Schiebetür stand offen. Er blieb einen Moment auf der Terrasse stehen, atmete durch, trat in das dunkle Wohnzimmer. Das Zimmer war vollkommen leer. Keine Couch mehr, keinen Fernseher, keine Kommode mit gerahmten Urlaubsfotos. Sein Atmen klang in dem großen Raum nach, seine Schritte dumpf auf dem nackten Beton. Er drehte die Hacke um, ließ die Spitze absinken, ging langsam die Treppe hinauf.

Er blieb im Gang vor dem Schlafzimmer stehen und blickte in den Raum. Regen schlug gegen die Scheiben, er konnte die Tropfen sehen, aber nicht hören. Die Vorhänge an den Fenstern waren verschwunden. Das Bett war verschwunden. Der Schrank war verschwunden. Die Nachttischlampe war verschwunden. Sie war verschwunden. Er ließ die Hacke zu Boden sinken und betrat den Raum, der nur aus Wänden und Boden bestand. Er drehte sich um, berührte die Wände, nichts änderte sich, der Raum blieb leer. Dann trat er an das Fenster, blickte hinaus, die Linde war immer noch da, das tiefe Loch, die letzten vertrauten Bilder. Er wollte das Fenster öffnen, doch es gab keinen Griff. Er lehnte sich mit der Stirn an die Scheibe, spürte einen Schauer auf seiner Kopfhaut, der weiter und tiefer in seinen Körper einzog, als würde ein eiskalter Strom ihn durchdringen. Er trat einen Schritt zurück, suchte nach seinem Spiegelbild in der Scheibe. Auf der glatten Oberfläche fand er nur eine schwache, konturlose Verzerrung, als sei er ein Artefakt, ein Fehler.

Er schloss die Augen und hoffte, dass wenn er sie wieder öffnete, alles so war wie vorher, dass alles an seinem gewohnten Platz stand, dass es sich danach so anfühlte wie sein altes Leben, das Leben, bevor er begonnen hatte, das Loch zu graben. Er hatte keine Erinnerung an eine Entscheidung, an Gründe, an ein Bewußtsein, warum er tat, was er tat. Und als er die Augen wieder öffnete, stand er vor der Küchenwand und hielt die Hacke in beiden Händen. Auf seiner Haut haftete feuchte Erde, Farn, Grashalme, Steine, die Adern an seinen Unterarmen traten blauschwarz hervor.

Er starrte auf die Wand, eine große, weiße Fläche, so kahl und nackt wie er selbst. Er atmete ein, ein Tropfen Schweiß fiel ihm aus dem Haar auf den Boden, er spürte nagenden Hunger, ein Raunen aus den Eingeweiden. Er ahnte, sein Weg wäre bald gegangen, ein Ende in Sicht. Er holte aus, schlug zu, der Putz zerbarst, der Backstein, der darunter lag, splitterte, roter Staub schwebte wie feinster Puderzucker durch die Luft. Er wusste, was er tun hatte, was er suchte und finden musste. Er arbeitete fiebrig, mit letzter Kraft; das Ausholen, das Gewicht der Hacke, die schwungvolle Bewegung, der Moment, in dem die Spitze auftrifft, der Widerstand, den er bis in seinen Kiefer spürte, schlussendlich das Nachgeben des Materials, die Zerstörung, die Auflösung. Die Spitze der Hacke drang durch die letzte Schicht Putz im Winkel unter dem Sturz, ein großes Stück Mauer löste sich und gab den Blick auf verstaubtes Grünglas frei. Er ließ die Hacke fallen und nahm die Flasche aus dem Hohlraum. In das Glas war ein Emblem eingestanzt: Josef Breuer Biere, Siegburg.

Er hielt die Flasche in beiden Händen und trug sie hinaus auf die Terrasse. Über dem Hinterhof stand dichter Nebel, der den Dingen die Konturen nahm, sie zu Schatten und Ahnungen werden ließ. Die Linde eine mächtige, dunkle Erscheinung im trüben Dunst. Er blieb vor dem Loch stehen, die Erde gab leicht nach, und er konnte den Abgrund spüren, die tiefe, schwarze Leere. Bevor er hineinsprang, warf er noch die Leiter über den Jägerzaun auf das Grundstück des Nachbarn.

Er fiel, und Dunkelheit umfing ihn, und es war dasselbe Gefühl wie damals in seiner Kindheit, als er träumte, er falle und falle und der Fall nahm kein Ende, es war, als würde der Fall ewig andauern, als wäre das Fallen die Essenz seines ganzen Daseins. Dann war er nachts mit pochendem Herzen und stockendem Atem in seinem Bett aufgewacht und das Gefühl klang noch in seinem kleinen Körper nach, das Gefühl des ewigen Fallens. Man wird allein geboren und man stirbt allein, und während er fiel schmeckte er schon die Erde in seinem Mund, spürte sie auf den Augenlidern, auf der nackten Haut, Schicht um Schicht, schwerer und schwerer.

Kies

Der Staub legte sich langsam über den Schotter.
Sie sahen dem Pritschenwagen hinterher.
Was wollte der?
Rheinkies. Holt der nächste Woche ab.
Wim nickte. Bestimmt für ne Einfahrt, oder?
Drickes leckte sich über die Oberlippe. Schottergarten, Teich, Gabione – mir scheißegal, solange der pünktlich zahlt. Na ja, auch n Bier?
Klar, gerne.
Drickes zeigte auf die Holzbank vor dem Lagergebäude. Setz dich.
Der Geruch von nassem Stein und warmem Diesel wehte von der Grube herüber.
Drickes schloss die Tür mit einem Fußtritt und setzte sich neben seinen Bruder.
Hier, sagte er und drückte ihm eine Flasche in die Hand.
Stella, nobel, nobel … und auch noch eiskalt.
Hab ich aus Liege mitgebracht. Ist übrigens die alte Kühlbox vom Vater.
War ne gute Idee, die auszugraben … ich kann dir noch paar extra Kühlelemente mitbringen, ich kenne wen aus der Ophthalmologie, die kriegen ihre ganzen Sachen ja gekühlt, hier Hornhauttransplantation und so.
Von wo?
Augen, sagte Wim.
Ich dachte, du bist der für die Lauschlappen?
Na ja, die sind direkt gegenüber, deswegen …
Sein Bruder lehnte sich zurück und drückte seinen Daumen auf die Flaschenöffnung. Also, jetzt sag mal, was machst du da eigentlich genau? Ich meine – genau – was tust du da?
Wim lachte. Nicht so einfach zu erklären.
Glaubst du, ich bin zu blöd dafür oder was?
Nein, nein … er winkte ab. Zur Zeit bin ich in der Diagnostik.
Aber was machst du da? Nimmst du irgendwem Blut ab oder untersuchst die irgendwie?
Ich mache gerade Gleichgewichtsprüfungen. Er trank einen Schluck und drehte die Flasche in seiner Hand hin und her. Wenn dir schwindelig wird, dann …
Und, ich meine, wie stelle ich mir das vor? Wenn dir schwindelig wird …
Das nennt man orientierende Gleichgewichtsprüfung.
Aha.
Gibt verschiedene Versuche, die man macht, keine Ahnung, Romberg, Unterberger, Zeigeversuch, das müsste ich dir erstmal alles genau erklären, hat ja jetzt keinen Sinn, oder? Einfach so, mal eben aus der Luft gegriffen, du weißt doch, was ich meine, oder?
Schwindel? Du testest, ob denen wirklich schwindelig ist, oder wie?
Im Grunde gehts ums Gleichgewichtsorgan, genau.
Na, wie dem auch sei …
Mach ich nicht für ewig.
Ist doch egal, wenns dich glücklich macht. Guck mal, Sand, Kies, Erde, den ganzen Rest, Garten und Landschaft, das mach ich schon ewig, und ich wollt auch nie mehr, ich bin glücklich mit dem, was ich hab.
Ja, sagte Wim. Ich verstehe das.
Ja?
Tue ich.
Warum wird einem schwindelig, kannst du das sagen, ich meine …
Da gibt es viele Gründe, schwer einzugrenzen.
Aber es gibt Gründe, oder nicht?
Tja, kann was an den Nerven sein oder eine Entzündung, was am Gleichgewichtsorgan, psychisch, Alkohol, Medikamente, das muss man im Einzelfall sehen, das ist hochindividuell.
Hochindividuell!
Ja, jeder Mensch ist ja verschieden.
Siehst du, sagte Drickes, aber Kies ist eben Kies. Eine Drainage ist eine Drainage, eine Einfahrt eine Einfahrt.
Kann man aber nicht vergleichen, weißt du auch.
Sicher weiß ich das. Ich sag ja nur. Hast du dein Bier schon leer?
Nee, ich hab noch, Hälfte erst.
Mensch, ich würd sagen, beeil dich, aber nachher wird dir noch schwindelig!
Sie lachten und sahen einem Kormoran hinterher, der über das Gelände flog.
Ganz schön warm für Mai, oder?
Ja, und soll noch wärmer werden. Wahnsinn, oder?
Mir soll’s Recht sein, ich hab die Schnauze voll von der Kälte und dem Regen, ist einfach nicht mein Wetter.
Ja, aber mit dem Wetter kannst du nichts machen, das kommt, wie es kommt, oder?
Hast Recht. Petrus macht, was er will.
Sag mal, du bist doch ein schlauer Kopf, sagte Drickes und stellte die leere Flasche auf den Boden neben der Bank.
Schlau, nee, ich weiß nicht.
Na ja, also ich würd schon sagen, du bist schlau. Deswegen hab ich mal ne Frage, und ich will, dass du sie mir ehrlich beantwortest, kannst du das, ja?, sie mir ehrlich beantworten?
Also, ich kann es zumindest versuchen.
Na dann. Drickes lächelte. Stell dir mal vor, jemand kommt zu dir, und sagt: Ich hab da was, was du hier in der Grube verschwinden lassen musst, ja? Und du musst es so verschwinden lassen, dass niemand es findet. Und er sagt dir, wir zahlen dir hundert Riesen, wenn du es tust.
Wim atmete aus. Hat dir das jemand angeboten, also, ich meine …
Nein, darum geht es doch gar nicht, es geht darum, was du machen würdest.
Was ich machen würde?
Rede ich kyrillisch oder was?
Das, ja, das kann ich so gar nicht beantworten. Was sollst du denn genau verschwinden lassen? Ich meine, das wäre doch das Wichtigste, oder nicht? Ist es was Illegales?
Illegal oder nicht, egal.
Reden wir hier also über das, was ich glaube, über was wir reden?
Über was reden wir denn hier?
Na, also verblödet bin ich nicht.
Das habe ich ja schon gesagt, deswegen frage ich dich.
Einen Toten. Eine Leiche.
Eine Leiche?
Ja, darüber reden wir hier doch, oder nicht?
Das hast du gesagt.
Aber darüber reden wir doch hier, über eine Leiche, dass du eine Leiche verschwinden lassen sollst?
Wir reden darüber, dass ich irgendetwas verschwinden lassen soll, von einer Leiche hat keiner was gesagt.
Gedacht, aber gedacht hat das jeder, oder?
Jeder? Du oder ich?
Man denkt das eben, so wie du es erzählst, das steckt da schon drin … ich würde das auch denken, wenn mich das jemand anders fragt, so ist es nicht, das sind halt so meine ersten Gedanken.
Und Gedanken sind ja frei, hab ich gehört.
Drick, sagte Wim. Jetzt hör auf, sag was Sache ist, so oder so.
So.
Nein, das meinte ich nicht.
Wo wir dabei sind, sagte Drickes und stand auf. Jetzt mal das Bier leer?
Wart noch einen Moment, jetzt. Wim reichte ihm die leere Flasche.
Drickes stellte die Flasche neben seine auf den Boden und öffnete die Kühltruhe.
Was hast du eigentlich in Liege gemacht?
Ne Ladung Kies ausgeliefert.
Kies, nach Liege? Komm, Drick, red keinen Blech.
Was Geschäftliches eben.
Geschäftlich?
Sag mal, hörst du schwer? Mach mal so n Test bei dir selbst, hier, wie heißt das?
Audiogramm.
Genau, Audiogramm.
Nee, ich höre gut, sehr gut sogar.
Ach ja?
Ja, allerdings.
Ist auch egal, geht ja ums Prinzip.
Ums Prinzip?
Genau.
Das klingt aber anders.
Ja, wie klingt das denn?
Als ob du dich in die Scheiße reitest.
Weil ich in Liege war?
Weil du vielleicht irgendeine Scheiße mit Leuten aus Liege vor hast.
Und was, wenn ich nur zum Bier kaufen in Liege war? Im Colruyt direkt hinter der Grenze.
Kriegst du doch alles bei PM in Spich, erzähl mir nix.
Nee, die haben vieles nicht da, weil keine Nachfrage, also …
Und das ist es jetzt? Bier?
Was würdest du tun, das ist die Frage.
Wim schüttelte den Kopf und nahm die Flasche Stella Artois in die Hand. Worüber reden wir hier eigentlich? Das will ich wissen. Ist das hier nur ein Spiel, oder willst du mich wirklich was fragen, nur durch die Blume.
Spielt das eine Rolle?
Das spielt eine verdammt große Rolle, würde ich sagen.
Aber warum?
Hör auf!
Du hast Leiche gesagt, nicht ich.
Ja, ich habe Leiche gesagt, weil –
Denk mal an die hundert Riesen. Denk einfach mal nur an die hundert Riesen.
Nein, Drick, nein. Ich kann nicht einfach nur an die hundert Riesen denken, bist du vollkommen irre? Was ist los mit dir?
Nichts ist los mit dir.
Du weißt schon, dir ist doch klar, worüber wir hier reden, oder?
Worüber reden wir denn?
Wim legte seinen Kopf in den Nacken. Du hast gesagt, lass uns mal wieder treffen, lass uns mal wieder ein Bier zusammen trinken, und jetzt sitzen wir hier und …
Und was?
Und diskutieren über eine Leiche.
Ich habe nichts von einer Leiche gesagt.
Nein, nicht über eine Leiche, wir diskutieren über das Verschwindenlassen einer Leiche!
Drickes öffnete die Flasche mit seinem Feuerzeug und holte eine Schachtel Zigarillos aus seiner Hemdtasche. Glaubst du, die würden hier was finden?
Was? Wer ist die? Und klar würden die was finden.
Unter all dem Kies?
Glaubst du eigentlich, die sind blöde? Das sind doch keine Amateure. Die wissen genau, wo und wie sie nach was suchen. Nullkommanix, haben die was gefunden. Spürhunde, Sonar, das geht so schnell, da kannst du gar nicht gucken.
Spürhunde können nach zwölf Stunden keine Fährte mehr aufnehmen, und in der Sommerhitze funktioniert bei denen auch nicht alles so zuverlässig …
Wim hob die Augenbraue. Hast du alles schon herausgefunden, schon recherchiert oder wie?
Nein, da hab ich irgendwann mal was in der Zeitung drüber gelesen.
In welcher Zeitung liest man denn sowas? Fachblatt für Kriminalistik?
Was weiß ich, das war, als der kleine Junge in Frankreich verschwunden ist, in dem Dorf da. Da haben sie die Knochen nach einem halben Jahr erst gefunden – und auch nur rein zufällig, von ner Frau, die da in der Gegend gewandert ist, die hat das Skelett gefunden, die Spürhunde haben gar nicht angeschlagen …
Woher …
Und du musst eins bedenken, unterbrach ihn Drickes. Niemand wüsste davon. Dass hier etwas versteckt ist. Niemand kennt den Ort, und wenn niemand davon weiß …
Wim schüttelte den Kopf.
Was?
Nichts.
Hundert Riesen.
Das klingt wie aus so nem schlechten Film …
Was für n schlechter Film?
Du weißt, welche ich meine … wo irgendein gieriger Typ versucht, das schnelle Geld zu machen und sich dann, sagen wir es mal so, verkalkuliert und total abstürzt.
Und weiter?
Wie, und weiter? Nichts weiter. Meistens gehen die dabei drauf, oder? Eigentlich immer.
Ja, weil die keinen Plan haben, daran liegt’s, weil die sich das vorher nicht richtig überlegt haben, weil die nervös werden und dann dumme Fehler machen.
Aber du würdest keinen dummen Fehler machen oder wie?
Nee, sagte Drickes. Nicht wenn es um hundert Riesen geht.
Nein, du machst natürlich keine Fehler, selbstverständlich nicht, du bist eiskalt, klar. Und dann, was ganz anderes, ich weiß ja nicht, aber lohnt sich das überhaupt? Sind hundert Riesen so viel Kohle?
Hattest du schon mal hundert Riesen auf dem Konto?
Nicht, dass ich wüsste.
Siehste.
Aber deswegen gleich was Illegales tun, ich meine, wie lange halten Hundert Riesen? Nicht lang, oder?
Geht doch gar nicht darum, wie lange das hält. Du musst das mal so sehen: Ich tue dafür ja nix. Ich mach mir selbst nicht die Hände schmutzig, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, nichts. Das ist wie ne Dienstleistung im Grunde, das Gleiche wie ne Tonne Rheinkies ausliefern.
Nein, das is was anderes … da machste dich mitschuldig. Kannst nicht einfach eine Leiche in der Grube verschwinden lassen.
Nochmal: Ich hab nichts über eine Leiche gesagt, das hab ich nie.
Trotzdem würdest du dich mitschuldig machen.
Mitschuldig … Drickes lachte. Weiß doch keiner was von.
Außerdem … dir gehts doch gut. Glaubst du, die hundert Riesen würden dein Leben so viel besser machen.
Ich wüsste jedenfalls, was ich mit so viel Kohle anstelle.
Ja? Was denn?
Nicht, was du denkst.
Kannst es nicht anlegen, nicht auf die Bank bringen, dir nichts Großes dafür kaufen …
Und woher willst du eigentlich wissen, ob’s mir gut geht, sag mal?
Das sehe ich.
Ah ja?
Klar.
Woran siehst du das denn?
Ich kenn dich doch …
Wer sagt dir denn, dass ich nicht ne Haufen Miese auf dem Konto habe? Dass ich gezockt habe und jetzt ner Menge Schulden hinterherlaufe?
Du zockst nicht.
Woher weißt du das?
Weil ich dich noch nie zocken gesehen habe. Du bist doch geizig wie ein Schotte, du schmeißt ja noch nicht mal einen mickrigen Euro in irgendeinen von diesen beschissenen Automaten.
Das ist was anderes.
Was soll da anders sein?
Vergiss es …
Sie saßen schweigend nebeneinander und tranken das Bier.
Ich meine, wie laufen denn deine Geschäfte, fragte Wim nach einer Weile.
Nein, schon gut … Drickes winkte ab. Ich hab keine Schulden, mach dir mal keine Sorgen, läuft alles gut, läuft super.
Ist sicher auch nicht einfach …
Na, was ist schon einfach? Aber lass mal, der Alte hat das schon gut gemacht, wenn es was gab, wovon er Ahnung hatte, dann davon. Sind ja nur Stammkunden, die Leute kommen alle wieder, und die fragen immer noch nach dem Alten. Ist ja auch schon fast wieder fünf Jahre her.
Ja, stimmt, diesen Sommer sinds fünf Jahre. Er hielt die Flasche in beiden Händen und wartete. Dann fragte er: Und, fehlt er dir?
Ich weiß nicht … fehlen? Fehlt mir, wenn ich angeln geh, seine Geschichten, die waren immer gut.
Ach komm, doch nicht nur deswegen, oder?
Na ja, am Ende ist er schon ganz schön wunderlich geworden …
Krank, er war krank. Dann werden Menschen so.
Mag sein, aber davon hast du ja nicht so viel mitbekommen …
Ich dachte, das hätten wir geklärt?
Haben wir.
Das Gefühl hab ich aber nicht.
Bist keinem was schuldig, mir schon mal gar nicht.
Das weiß ich doch.
Na also. Du machst deins, ich mach meins.
Ja, schon richtig … aber manchmal denk ich …
Musst dich nicht rechtfertigen. Kann ja auch nicht jeder, das mit den Schwindeltest.
Arschloch …
Du weißt, wie ich das meine …
Wim stellte die Flasche auf den Boden vor sich.
Willste noch eins?
Ich glaub, ich hab schon einen in der Krone.
Ach was, bist nichts mehr gewöhnt.
Hör mal, was ich noch sagen wollte … tut mir ehrlich leid, dass ich damals nicht dagewesen bin, als das …
Ist gut, unterbrach ihn Drickes. Ist schon gut. Lass nicht wieder davon anfangen, das hat doch keinen Sinn. Ist, wie es ist. Zeit können wir nicht zurückdrehen, und wollen wir auch nicht. Der Alte hat immer gesagt: Kopf hoch und guck nach vorne. Und das machen wir jetzt auch. Und deswegen hol ich uns noch ein Bier.
Wim lachte. Weißt du noch, wie wir mit der alten 80er durch die Grube sind?
Klar weiß ich das noch. Die gibts sogar noch, die Maschine.
Was, echt?
Sicher.
Fährt die noch …
Die fährt noch, aber du fährst die garantiert nich mehr, jedenfalls heute nich mehr, sonst kann ich dich nachher noch irgendwo abkratzen.
Warum?
Drickes zeigte auf das Bier der Hand seines Bruders.
Ich mein, bist doch du, du drückst mir doch ein Bier nach dem anderen in die Hand!
Ja, von nix kütt nix …
Wim nickte und nahm einen Schluck. Na dann, Prost!
Sie sahen auf die Grube hinter der Einfahrt, sahen die Dämmerung kommen.
Für Hundert Riesen würd sich’s einfach nicht lohnen, sagte Wim dann. Das ist zu wenig. Zu viel Risiko. Wenn, dann einmal richtig absahnen. So viel Kohle, dass du nie wieder was machen musst. Und dann ab, in irgendein Land, was nicht ausliefert, keine Ahnung, Paraguay, Brasilien, so was.
Copacabana?
Scheint jedenfalls immer die Sonne, und‘s Leben kostet fast nichts. Was willste mehr?
Drickes lächelte. Man müsste es halt nur machen.
Ja, müsste man. Aber ich weiß nicht …
Ich auch nicht …
Vielleicht besser so.
Aber zutrauen würdest du’s mir schon, oder?

Der Abend kam. Die Nacht kam. Sie tranken das Bier. Sie würden am nächsten Morgen in ihr Leben zurückkehren und nichts wäre passiert.

Schwarzbau

Das Haus seines Vaters lag am Fuß eines Hügels, zur Hälfte von einem schmalen Feldgehölz verdeckt. Ein junger Imker aus der Gegend hatte im vergangenen Jahr um Erlaubnis gebeten, seine Beuten dort aufstellen zu dürfen. In der angehenden Dämmerung schimmerte der goldgelbe Anstrich der Holzkisten durch das Unterholz. In der Küche brannte Licht. Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, schnippte die Kippe in das Gemüsebeet und trat die Glut mit der Schuhspitze aus.

Die Haustür öffnete sich von innen.
Hab dich schon kommen sehen …
Und, wie stehen die Aktien?, fragte er.
Hast grad noch geraucht, oder? Riech ich doch bis hierhin, verdammt. Wolltest du nicht aufhören?
Ja, tschuldigung.
Da kann ich mir aber auch nichts von kaufen, von deiner Entschuldigung.
Sie standen sich einen Moment lang schweigend gegenüber.
Na ja, dann komm mal rein.
Auf dem Küchentisch lag ein aufgeschlagener Stadtanzeiger, ungeöffnete Briefe, eine offene Packung Ibuprofen.
Und, willst was trinken? n Kaffee?
Ja, ja, Kaffee geht immer.
Trink ja nich mehr so viel, Tasse, zwei, und was hab ich früher Kaffee gesoffen, das erste und letzte, was ich im Betrieb gemacht hab.
Er nickte.
Komm setz dich, ich mach grad.
Nee, musste nicht extra aufsetzen, keine Umstände wegen mir.
Ach wat, ist doch schnell erledigt.
Er sah kurz auf die Briefe. Was Wichtiges dabei?
Sein Vater zuckte mit der Schulter. Immer derselbe Scheiß, weißte doch. Er löffelte Kaffeepulver in die Maschine. Und bei dir, die Familich?
Alles im Lot.
Ist das Wichtigste, das Wichtigste überhaupt.
Er betrachtete seinen Vater, verfolgte seine langsamen, bedächtigen Bewegungen. Nie wirkte er in Eile, es schien immer, als wisse er genau, was er als nächstes tun würde.
Was liesten da, fragte er und nahm die Zeitung in die Hand. Sport?
Die wollen n Spielkasino neben den OBI bauen, haste das mitbekommen? Sind die eigentlich bekloppt?
Irgendwoher muss die Kohle ja kommen, oder?
Aber ich bitte dich! Hier? Ich kann dir sagen, was da nachher für Typen rumhängen …
Ja, jetzt warts doch erstmal ab.
Geht mich im Grunde ja sowieso nix an, ich hab noch nie auch nur eine Mark verzockt.
Auch nicht früher, wenn de in die Kneipe gegangen bist?
Skat, Schocken, aber immer nur um Bier, nie um Bares.
Bier kostet aber auch Geld.
Das ist was anderes.
Er lachte und legte die Zeitung zurück auf den Tisch. Ich war letztens nochmal beim Charlie in der Bürgerstube, mitm Uwe, paar Feierabendkölsch, ist ja direkt um die Ecke.
Wahrscheinlich immer noch die gleichen Gesichter. Sein Vater machte eine abfällige Handbewegung.
Würd ich so nicht sagen, da sind mittlerweile auch viele junge Leute, also Jüngere, hat mich selbst auch gewundert, war ne gute Mischung.
Gibt ja nix mehr! Früher gabs hier mal knapp zweihundert Kneipen, heute noch drei oder vier!
Was ich damit sagen wollt: Ist nicht alles vor die Hunde.
Nee, nee, hast schon Recht. Ich trink heut nur viel lieber n guten Weißwein, ja? Grauburgunder oder so, da kann man sich Zeit lassen, das stürzt du nicht so runter wie n Kölsch. Was hat der Charlie überhaupt für eins?
Zunft.
Ach du je, da musste dir ja die Nase zuhalten.
Vom Faß gehts.
Nimmst n Schuß Milch, sag wenn Stop.
Bisschen noch – reicht, danke dir.
Sein Vater stellte die Tasse vor ihn auf den Tisch. Und sonst?
Alles beim Alten.
Was Neues von der Firma?
Läuft, aber neuer Gebietsleiter nervt. So n junger Typ, frisch von der Uni, tut aber so, als sei er schon ein halbes Jahrhundert dabei.
Deswegen war ich immer selbstständig, mein Junge – da haste keinen, der dir reinsabbelt.
Ja, aber kann ich nich …
Nee, du willst nich, das ist was anderes.
Bei mir fällt um Sechs der Stift und dann scheiß der Hund drauf. Und, dreizehntes Monatsgehalt, sechs Wochen Urlaub, bezahlt!
Ich sag, jeder wie er will, aber … na ja.
Ist ja jetzt auch egal, et is wie et is.
Und? Gut, der Kaffee?
Ja, gut, ja. Trinkst du keinen? Er nahm noch einen Schluck. Der Kaffee war heiß und stark.
Nee, ich mach mir ne Flasche Wein auf. Sein Vater stand auf, ging zum Regal über der Spüle, nahm eine halbvolle Flasche heraus, hielt inne und stellte sie dann wieder zurück.
Wie, jetzt doch nicht?
Hab’s mir anders überlegt. Er setzte sich und schob die Briefumschläge zusammen.
Nochmal was von den Anwälten gehört?
Nix, ist doch alles schon gelaufen.
Ja? Nichts Neues?
Kommst hier raus, den ganzen Weg? Hätteste auch anrufen können.
Nein, sagte er, bin ja nicht nur deswegen hier. Wollt einfach nach dir gucken, darf ich doch, oder?
Sein Vater lachte kurz. Ja, sag schon, kannst ruhig sagen, ändern tut sich da nix mehr dran, da kannst du Gift drauf nehmen.
Und dann? Ich mein …
Junge, ganz ehrlich … kotzen könnt ich. Zweihundertfünfzigtausend hat das hier gekostet, grad mal zwanzig Jahren ist das jetzt her, und ich hab gut und gerne nochmal Hunderttausend reingesteckt mit allem zusammen, Garten, Teich, Balkon … und jetzt?
Ja, aber meinste, die wollen das wirklich abreißen? Das bringt doch keinem was, oder?
Bringen, bringen tut das keinem was, sicherlich nicht, das sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand, den die aber natürlich nicht haben. Oder wie kommt man sonst auf die Idee, ein vollkommen intaktes Haus abreißen zu wollen, die Kiste hier ja seit über siebzig Jahren und würd auch nochmal siebzig stehen! Der Anwalt sagt, kann so oder so. Ich glaubs nicht, dass die noch groß was ändern dran, warum auch? Da sagt der von der Behörde zu mir: Herr Triesch, wenn hier einfach jeder baut, wo er will, tja, dann kommt es zu einer Zersplitterung der Landschaft, die nicht gewollt ist. Sag ich zu dem: Von wem nicht gewollt? Von Ihnen? Wer glaubt er überhaupt, dass er ist? Der König von Deutschland? Außerdem hab nicht ich den Kasten gebaut, sag ich, der steht hier seit dem Krieg. Davon wussten die wahrscheinlich auch die ganze Zeit, steht ja im Grundbuch und auch im Kataster. Da hat er sich dann fein rausgeredet: Der Bebauungsplan einer Gemeinde setzt dafür eben die Grenzen, da könne er persönlich nicht dran machen, fertig, aus der Lack.
Die halten sich halt eben auch nur an Gesetze, was wollen die denn machen? Denkst du, die können machen, was sie wollen?
Sicher können die das, mein Junge. Die Gemeinde kann den beschissenen Bebauungsplan sogar nachträglich noch ändern, wenn die nur wollten, aber einen rechtlichen Anspruch darauf hab ich eben nicht, das ist die Krux. Das heißt also, mein Schicksal liegt in deren Händen …
Wahnsinn … ich meine, hättest du’s nicht verkaufen wollen, wäre das doch gar nicht aufgefallen, oder? Darf man gar nicht drüber nachdenken.
Das ist ja das Beste an der Sache. Weißt du, ich will ja nix sagen, aber wenn ich schon unter der Erde gelegen hätt, neben deiner Mutter, und dann war das rausgekommen, na, dann scheiß eben der Hund drauf, hättest du dich zwar wahrscheinlich mit rumschlagen müssen, aber du hättest nix großartig verloren, wäre nur Pustekuchen mitm Erbe gewesen. Aber jetzt … und es ist einfach so, ich werd mit dem Haus nicht mehr fertig, ich brauch was Kleineres, näher bei den Ärzten auch, und das Geld, Junge, das Geld was ich für das Haus gekriegt hätt, das wäre meine Vorsorge gewesen, verstehst du das eigentlich?
Versteh ich, klar. Er nahm noch einen Schluck Kaffee.
Das ist mein Ruin, sagte sein Vater und atmete tief ein. Der Abriss, für den muss ich ja auch noch löhnen, wenn es dann soweit kommt. Dann kann ich mir gleich den Strick nehmen.
Ach, jetzt hör auf, red nicht so.
Tja, oder ich jag die Brücke in die Luft, bis die die wieder aufgebaut haben, lieg ich schon unter der Erde …
Womit denn?
UnkrautEx und Zucker, da bastel ich schon was draus, was ordentlich Bumms hat.
Er sah seinen Vater an, ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht. Jaja, sagte er und winkte ab. Das ging vielleicht früher noch, wenn du einen auf Unabomber hättest machen wollen.
Wer?
Egal, aber komm ja nicht auf dumme Gedanken!
Ach, sagte sein Vater. Scheiß was drauf. Er stand auf, nahm sich die Flasche Wein und ein Glas und goss ein. Weißt du, das ist so … ich hab dir das, glaube ich, nie erzählt, aber das Haus hier, das war nicht meine Idee.
Wie? Was meinst damit, es war nicht deine Idee?
Na, das, was ich eben damit meine: Dass es nicht meine Idee war.
Du wolltest doch unbedingt raus aus der Stadt … du hast gesagt, wenn das mit dem Geschäft durch ist, dann willst du die ganzen Fressen nicht mehr sehen, das weiß ich noch, als sei es gestern gewesen.
Ja, ja, das kann sein, dass ich das gesagt hab, aber es war so: So weit raus, das war sicher nicht meine Idee, mir hätte schon was Kleineres gereicht, in Birk oder Schreck oder die ganze Ecke da, wo ich noch in Reichweite der Stadt bin … aber nein, deine Mutter meinte, Fachwerk, weiter draußen, Ruhe, Gemüse selber anbauen, den ganzen Öko-Scheiß, und dann Hund und keine Flugzeuge. Das war nicht ich!, und dann kam das hier, und das war’s dann. Aus und vorbei. Ich hatte da gar nichts zu melden.
Moment mal, sagte er. Hast du nicht gesagt: In deinem ersten Leben hättest du mal Schreiner gelernt, und jetzt, endlich!, jetzt kannst du mal so richtig loslegen? Meine Werkstatt hab ich ja zwanzig Jahre nicht mehr gebraucht, so ungefähr, oder? Das würde alles nur einstauben, das ganze geile Werkzeug?
Sein Vater trank einen großen Schluck Wein. Anfangs, sagte er, anfangs war es ja auch so. Hat Spaß gemacht, hier was draus zu machen, aber ich sag dir, wie es ist: Ich hatte mir das schon etwas anders vorgestellt … ich hab nicht mein Geschäft für gutes Geld verkauft für nix. Ich wollte eigentlich was von der Welt sehen, hier, auf so nem Dampfer durch die Fjörde, Feuerland, Safari … das hatten wir uns ja alles vorgenommen. Und dann?
Komm, dir hat doch keiner die Pistole auf die Brust gesetzt. Das ist aber ziemlich unfair von dir, finde ich. Mutter hat ja nicht gesagt, so wird das jetzt gemacht, sonst lass ich mich scheiden, oder so.
Du kanntest deine Mutter schlecht, wenn die was wollte, dann …
Ach, hör auf, du wolltest das doch genauso, konnte dir ja ga nicht schnell genug gehen, da kann ich mich noch gut dran erinnern … bloß raus aus der Stadt, so laut geworden alles, und die ganzen Assis vorm Kaufhof, Drogen, ich will endlich meine Ruhe!, du hattest doch sogar überlegt, eventuell sogar noch deinen Jagdschein zu machen, oder liege ich da falsch?
Sein Vater schmatzte mit den Lippen und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Willst du mir jetzt einen reinwürgen, oder was?
Nein, ich will dir keinen reinwürgen, ich sag nur, wie es gewesen ist.
Du kennst aber nur die halbe Wahrheit, sagte sein Vater. Aber du warst ja schon immer gut im Reden, das hast du von deiner Mutter … die Sache ist die, dreißig Jahre lang hab ich die Knochen hingehalten, ich hab das beschissene Geschäft ganz alleine aufgebaut, aus dem Nichts, ich musste keinem Bitte und Danke sagen, und ich hab mich auch nie beschwert, obwohl es nicht immer einfach war … und alles, was ich sage, ist, dass ich immer verzichte habe, ich hab immer auf alles verzichtet, wegen der Familie, und das ist auch vollkommen in Ordnung so, nur hab ich immer gesagt, danach, danach, wenn ich die ganze Scheiße losgeworden bin, wenn finito ist mit Maloche, dann … will ich was von der Welt sehen.
Ja, aber … ich mein, ihr wart doch in Kuba, in Florida, Ägypten, Marokko, wolltest du in 80 Tagen um die Welt, oder wie?
Sein Vater trank einen großen Schluck Wein und fuhr mit der Zeigefingerspitze über den Glasrand. Also, wir haben dir das nie erzählt, weil da auch nichts draus geworden ist, aber eigentlich war der Plan, dass wir uns ein Wohnmobil kaufen, und dann … na ja.
Wohnmobil? Davon höre ich ja das erste Mal.
Ja, genau, Wohnmobil. Wir hatten uns sogar schon welche angeguckt, bei so einem Händler in Troisdorf.
Ach was, ehrlich jetzt?
Ja, wenn ich es dir doch sage, so war’s. Wir wollten damit rumfahren, Costa Brava, Portugal, Bretagne, immer ein halbes Jahr unterwegs sein, aber dann …
Davon wusste ich ja gar nichts.
Musst auch nicht alles wissen, bist ja mein Sohn, nicht mein Beichtvater.
Aber wie habt ihr euch das denn vorgestellt? Halbes Jahr durch die Gegend kutschieren, und dann …
Kleine Wohnung, wär doch alles gegangen. Hätten ja auch nicht viel gebraucht, deine Mutter und ich, wir waren immer genügsam, sind mit wenig ausgekommen. Uns ging es ja darum, was zu sehen.
Hätt ich nie gedacht, dass du so ein Wohnwagentyp bist.
Kein Wohnwagen, sondern Wohnmobil, das ist ein Unterschied. Wohnwagen fahren die Holländer, sagte sein Vater. Aber was ich wollte, war kein Blechei mit Matratze drin, sondern so ein richtig edles Teil, mit allem drum und dran, da hätten wir eben einmal richtig investiert und gut … das wollten wir ja eigentlich auch viel früher gemacht haben, als wir selbst noch jung waren. Nach meiner Umschulung, als ich damit grad fertig war, da hab ich zwei Jahre lang schwarz Fenster und Türen eingebaut, zusammen mit nem alten Kollegen, und da hatten wir das Geld im Grunde schon zusammen.
Ich dachte, du hast nach deiner Umschulung erstmal in dieser Chemiefabrik in Königswinter gearbeitet?
Nein, nein, das war später, du meinst die Emitec, aber die war nicht in Königswinter, sondern in Lohmar, die Firma gibt’s sogar noch.
Und dann, ich mein, was ist passiert?
Du bist passiert.
Wie ich?
Ja, also, muss ich dir das jetzt technisch erklären, wie das genau funktioniert, oder was? Du hast doch selber Kinder, Mensch!
Nein, aber …
Ich sag nicht, dass wir dich nicht gewollt haben, das sag ich ja nicht, nur der Zeitpunkt, der war nicht, na ja, sagen wir mal, nicht ganz so optimal.
Nicht ganz so optimal!… da weiß ich ja gar nicht, was ich jetzt sagen soll? Ihr habt mir doch immer erzählt, ich wäre ein absolutes Wunschkind gewesen … und jetzt haust du so was raus! Da klingt das aber plötzlich ganz anders, eher wie so ein, ja, wie so ein Unfall. Was würdest du denn jetzt an meiner Stelle glauben? Also, ehrlich.
Hör mal, du musst das mal so sehen, wir waren jung, wir wollten das eben was anders machen als unsere eigenen Eltern … hier, Schrebergarten und Urlaub in der Eifel oder im Sauerland, nee, da hatten wir keinen Bock drauf, und wir hatten ja auch noch keine Verpflichtungen.
Aber dann kam ich, und dann war’s damit auch vorbei, ja? Oder nicht? Willst du das damit sagen? Ich war also dann eine Verpflichtung? Dein Plan war eigentlich ein anderer, aber dann bin ich eben so passiert, und dann ging’s nicht mehr anders. Mitgehangen, mitgefangen?
Sein Vater seufzte. Wir wollten ja so oder so Kinder, du warst nicht ungewollt, nein, darum geht’s doch gar nicht …
Na ja, Kind oder Wohnwagen, beides ging ja offensichtlich nicht …
Wohnmobil …
Ist doch scheißegal jetzt!
Scheißegal isses, da hast du Recht. Spielt jetzt doch sowieso keine Rolle mehr, oder? Oder ändert das was? Ändert doch nix.
Er lehnte sich zurück und atmete tief ein. Neben der Küchenzeile hingen ein paar gerahmte Fotografien, alte Landkarten, Sonnenuntergänge, einsame Strände und Blumenwiesen.
Hör mal, sagte sein Vater. War ne andere Zeit damals, lang vorbei. Nur dass du das verstehst, wenn ich dir das erzähl, so wollten wir das eigentlich machen, und ich hatte das eben nicht vergessen. Bis das Haus hier kam. Und ich hatte ja immer noch Hoffnung, dass das mal was wird, Reisen undsoweiter, hätte ja nichts Großes sein müssen, und auch nicht für ein halbes Jahr weg, aber ein bisschen die Knochen in die Sonne hängen, weißt du, was ich meine? Nur dann wurde deine Mutter krank, und …
Ja, sagte er. Ja, verstehe ich, versteh ich schon.
Dann war das alles vorbei, die ganze Träumerei, und jetzt, jetzt dachte, verkauf die Kiste und mach. Ich hätts zwar nur für mich gemacht, ohne deine Mutter, aber es wär so gewesen, als sei sie mit dabei, ja? Zumindest hab ich mir das so vorgestellt. Aber wie du siehst, er breitete seine Arme aus, kann ich mir das von der Backe schminken.
Er schüttelte den Kopf. Was musste denn für so ein Wohnmobil löhnen?
Achtzig, Neunzig, wenn du ein gutes haben willst.
Scheiße.
Tja, nix ist umsonst.
Sie schwiegen. Sein Vater blickte aus dem Fenster. Draußen war es längst dunkel geworden. Ich wollte das Haus ja auch, so ist es nicht. Aber, du weißt doch wie das ist, wie sowas läuft, wenn man einmal anfängt … und jetzt ist es so, da frag ich mich, was soll ich hier noch?
Weißt du, was ich meine?
Ja, das verstehe ich, klar. Ich weiß nicht, wir haben da noch gar nicht drüber geredet, aber … ich meine, du kannst gerne ne Zeitlang bei uns wohnen, wir haben das große Gästezimmer, mit eigenem Bad … wenn du mal was anderes sehen willst, kannst ja drüber nachdenken, ist erstmal nur ein Angebot.
Hast du etwa noch nicht genug von mir? Sein Vater lachte. Fast zwanzig Jahre unter einem Dach hat dir also noch nicht gereicht, das hätte ich mir ja auch nie träumen lassen … nein, Junge, das ist zwar nett gemeint, wirklich, aber ich bin ein alter Mann, und alte Männer werden wunderlich, das würde nicht lange gut gehen, glaub mir. Ich muss da jetzt durch, komme, was wolle.
Und was machst du, wenn sie dir das Haus doch lassen? Wenn sie eine Ausnahme machen, Wohnrecht auf Lebenszeit oder so was, ein Kompromiss?
Tja, was soll ich dann machen? Dann bleib ich eben hier, bleibt mir ja nix anderes übrig. Verkaufen werden die mich das nicht mehr lassen, das kann ich mir auf keinen Fall vorstellen, da verlieren die doch ihr Gesicht bei. Nee, dann bleibt alles so, wie es ist. Aber, da ist ja das letzte Wort noch nicht drüber gesprochen, bringt also nix, sich den Kopf über so ungelegte Eier zu zerbrechen, oder?
Nein, hast Recht, bringt nix.
Ich weiß nicht, aber manchmal denke ich, dass alles hat was damit zu tun, hier, früher, als ich den Betrieb noch hatte, sagte sein Vater.
Was genau meinst du?
Dass das zu einem zurückkommt … ich mein, ich hab so vielen Leuten was verkauft, was die eigentlich gar nicht wirklich brauchten … ich hab mal ner alten Frau einen neuen Fernseher von Loewe verkauft, richtiges nobles Teil, obwohl ich wusste, dass die bald stirbt, aber ich dachte mir einfach, wenn ich es nicht nehme, nimmt es eben ein anderer. Am Ende gehts doch sowieso immer nur um die verdammte Kohle, sehen wir ja jetzt. Aber das war kein Einzelfall, das hab ich reihenweise so gemacht. Ich musste das machen, versteht du das? Die Kohe musste doch irgendwoher kommen, alle wollen nur essen, Junge. So ist das Leben. Und dann holst du es dir eben von der Oma, die bald ins Gras beißt, scheiß der Hund drauf.
Hasten schlechtes Gewissen auf einmal? Das waren aber immerhin alles erwachsene Menschen, die hätten jederzeit Nein sagen können, oder nicht?
Ja, sagte sein Vater. Das stimmt, das stimmt schon, aber trotzdem. Seitdem deine Mutter nicht mehr ist, denk ich da irgendwie anders darüber, ich weiß nicht. Da kommt einem das einfach bisschen schäbig vor, Vielleicht werd ich auch einfach nur alt.
Und du glaubst, jetzt kommt das alles zurück?
Vielleicht.
Das nennt man Karma.
Ja?
Ja.
Dann scheiß auf Karma.
Sie lachten.
Sein Vater trank das Glas Wein leer und goss nach. Oder ich brenn die Bude einfach ab und leb von Bürgergeld. Soll sich doch die beschissene Regierung um mich kümmern! Mein Leben lang geschuftet, immer pünktlich meine Steuern gezahlt, nie was von denen verlangt, und jetzt lassen die Schweine mich einfach hängen.
Noch ist ja gar nix entschieden, abwarten.
Tut mir leid, sagte sein Vater, und auf einmal wurde seine Stimme ganz ruhig und leise. Das hätt ich nicht sagen dürfen, nein, das war falsch von mir. Tut mir leid, ich entschuldige mich, ja? Natürlich warst du ein Wunschkind, verdammte Scheiße, was hab ich dir da nur erzählt? Das wollte ich so ja nie sagen, das musst du mir glauben, das musst du mir einfach glauben. Nicht, dass du jetzt denkst … ach, Scheiße. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Tut mir auf jeden Fall leid, ja?
Er nickte schweigend. Er sah seinem Vater an, dass es ihm ernst war, dass er aufrichtig war.
Erzähl mir mal mehr von dem Wohnwagen, sagte er, das interessiert mich.
Wohnmobil, antwortete sein Vater und stand auf. Ich hab noch ein paar Prospekte, wart mal, hol ich grad.

Später, als er wieder zu seinem Wagen zurückging, fühlte er sich leicht und unbeschwert, als wäre ihm ein lange gehegtes Geheimnis offenbart worden. Er blickte zurück auf das Haus, den Schwarzbau, in dem sein Vater noch lebte, leben musste. Seine Mutter hatte dieses Haus geliebt, die Nähe zum Wald und die Abgeschiedenheit, das Intime, die Ruhe und Zweisamkeit. Sie schien an diesem Ort glücklich gewesen zu sein. Er startete den Motor und dachte darüber nach, wie sich ein Wohnmobil fahren lässt; in dem Prospekt sahen sie groß und schwer aus, nicht einfach zu manövrieren. Er hatte noch nie in einem Wohnmobil gesessen, sich nie dafür interessiert. Er wollte auch über andere Dinge nachdenken, über die Worte seines Vaters, aber er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er fuhr weiter in die Dunkelheit, das Fenster geöffnet, den Blick nach vorne gerichtet.

Nach der Stille im Maisfeld

Winfried Schell saß auf der Gartenmauer hinter dem Haus, die Beine im Gras ausgestreckt, in der Hand eine Tasse Kaffee. Auf dem Boden vor ihm lag die Motorsäge, die er am vergangenen Wochenende gekauft hatte. Über dem Schwert befand sich noch der Kettenschutz aus ölig glänzendem PVC. Er trank einen letzten Schluck aus der Tasse und stellte sie auf der Mauer ab. Der Verkäufer hatte ihm zum größeren, leistungsstärkeren Modell mit mehr PS geraten. Winfried nahm die Säge, hielt sie fest am Griff und zog am Anwerfseil – einmal, zweimal, danach sprang der Motor an.
Ein bereits gespaltenes Stück Meterholz lag vor ihm auf dem Bock. Er klappte den Gehörschutz fest und flach auf die Ohrmuscheln. Die Säge lag gut in der Hand, kaum Vibrationen, aber er ahnte die Kraft. Das Schwert senkte sich langsam ab, glitt durch die Rinde und folgte der Schwerkraft, arbeitete sich mühelos durch den Stamm. Er hielt inne, spürte, wie seine Muskeln warm, der Nacken schweißfeucht wurde. Das Sägen von Brennholz barg keine Geheimnisse: es war, was es war. Die Scheite fielen auf die Grasnarbe, immer gleich große Teile, danach das nächste Meterholz.
Er hielt den Blick stets auf das schmale, scharfe Blatt der Säge gerichtet, das trockene Knurren des Motors unter dem Gehörschutz dumpf und wie aus weiter Entfernung. Er arbeitete konzentriert und vorsichtig, Scheit für Scheit, machte nur Pausen, um das Holz in dem kleinen Verhau neben dem Blumenbeet zu stapeln. Als er den vorletzten Meter Holz auf den Bock legte, nahm er aus den Augenwinkeln eine Gestalt vor dem Gartentor wahr. Er senkte die Säge ab und legte die Bremse ein. Der Postbote war schon durch. Er klappte den Gehörschutz hoch und wartete ab, bis die Person hinter dem großen Haselnussbaum auftauchte.

Ach, der Hajo …Mensch, machstn du hier, sag mal?
War in der Gegend und wollt einfach mal vorbeischauen.
Winfried schaltete die Säge ganz ab, stellte sie auf die Erde neben dem Bock und zog sich den Sicherheitshelm vom Kopf.
Haste dir ne neue Kettensäge zugelegt?
Ja, wollt mal wieder n bisschen Holz machen.
Der Winnie … fleißig, fleißig.
Und du? Was hat dich denn in die Pampa verschlagen? Er sah ihn an. Willste n Bier?
Nee, bißchen früh, wa?
Winfried zuckte mit der Schulter. Na ja. Kannst ja nicht immer nur Kaffee saufen.
Ist auch wieder wahr.
Ich hab Helles da, hat mir mein Schwager aus Bayern mitgebracht. Kellerkalt.
Lass mal, ich muss noch fahren.
Winfried nickte. Na, wenn das so ist.
Die Große von STIHL, oder?
Na ja, groß … ein bisschen mehr PS hat die. Gönnt sich ja sonst nichts.
Na sicher, sagte Hajo und lächelte.
Also … bist aber doch nich nur wegen bißchen plaudern gekommen, oder?
Nee …
Winfried räusperte sich. Willst mich nachher noch zurückholen?
Du weißt, wie es is, würd ich gerne, aber …
Schon gut. Er schüttelte den Kopf. Brauchen wir jetzt ja nicht drüber reden. Schnee von gestern. Hab auch schon alles weggegeben; Büchsen und Flinten, das ging alles an den Ulf, die Kurzwaffen auf eGun.
Aber den LADA hast du noch?
Du meinst den Niva?
Ja, genau, genau den … hier, Allrad, in Petrol.
Hab ich noch, ja.
Das ist n super Wagen, sagte Hajo Peters.
Isser.
Fährste damit hier innen Forst? Wegen Holz machen?
Ach wat, sagte Winfried. Ich hatt einfach noch n paar Raummeter rumliegen, die sind jetzt erst richtig trocken. Der Bernd hatte mir das damals aber nur gespalten, ich wollt die jetzt auf Scheit sägen.
Der Bernd Hollerbach vom Driesch?
Der auch die Motorsägenkurse gibt.
Kenn ich.
Brauch doch nix mehr an Holz, ich sitz hier draußen an der Feuerschale und trink mir n Bier und rauch n paar Zigaretten … das war’s.
Mitm Rauchen hab ich ja aufgehört.
Ach ja?
Mit so nem Medikament, das war hart am Anfang, aber dann, so nach zwei Monaten, da hats dann gewirkt, ich hatt echt kein Verlangen mehr, keine Schmacht – und ich hab echt gerne geraucht, gerne und viel.
Früher nie ohne, heute nie mit.
Sie lachten.
Seitdem gehts mir aber bedeutend besser, sagte Hajo Peters. Geh auch noch n bisschen joggen jetzt.
Joggen?
Ja, kleine Rentnerrunde um den Allner See, zwei, dreimal die Woche. Bisschen fit halten.
Verstehe.
Und du?
Ich? Ich rauch immer noch ne Schachtel pro Tag.
Änderst dich nicht mehr.
Nem alten Hund bringste keine neuen Tricks bei.
Hajo zeigte auf die STIHL. Stör ich dich, wo du grad deine neue Säge einweihen wolltest.
Ach, spielt keine Rolle. Hab doch Zeit ohne Ende.
Ja?
Kann mich nur nirgendwo mehr blicken lassen …
Komm, so schlimm kanns nu auch wieder nicht sein.
Nee? Winfried Schell hob die Augenbraue. Die haben mir vor nem Monat die Fensterscheibe eingeworfen – direkt hier, unten in der Küche das große Fenster … riesen Trumm, ist aufm Tisch gelandet. Zum Glück saß da keiner.
Ach du Scheiße! Das kann ich doch nicht wissen! Hamse die Schweine denn drangekriegt?
Drangekriegt! Natürlich nicht. Wie denn auch?
Haste denn die Polizei gerufen?
Klar, klar hab ich die gerufen … aber was wollen die da groß machen? Da sagt der zu mir: Ja, also, sie könnten ja schließlich nicht jeden Tag hier Streife fahren, denn man müsste die ja wenn auf frischer Tat ertappen, und außerdem wär ich doch versichert. Dann bau ich meine Wildkameras auf, sag ich, ich hab ja Dutzende, da nehm ich die mit auf, wenn die nochmal kommen … aber da sagt der, selbst wenn die dann da drauf sind, selbst wenn ich die erwisch, also inflagranti, dann könnte man das nachher vor Gericht nicht verwenden … da fällt einem doch nix mehr zu ein, oder?
Ich versteh das ja immer nicht, ich mein – das Ganze, das ändert doch jetzt auch nichts mehr, oder?
Winfried Schell schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dann sagte er: Nein, nein, das ändert jetzt auch nichts mehr.
So eine Scheiße.
Kannste laut sagen.
Und Fenster haste ersetzt?
Sofort, denkste ich will hier wie die Hottentotten hausen? Aber auch nur Ärger mit der Versicherung, das sind alles Verbrecher sag ich dir, Politiker, Anwälte und Versicherungen, in der Reihenfolge.
Muss ja alles seine Richtigkeit haben, weißte doch.
Richtigkeit, Richtigkeit … da wollten die Kostenvoranschlag hier, und noch das Formular von der Polizei, und dann das noch und das auch noch, da hatt ich die Faxen nachher aber dicke. Na ja, jetzt isses erledigt.
Besser is.
Also, wenn kein Bier, kann ich dir denn was anderes anbieten – Kaffee, Limo?
Nee, alles gut.
Na dann …
Sag mal. wo isnen eigentlich die Monika?
Schwester, die is bei ihrer Schwester … die haben doch jetzt ein Welpen, seit kurzem erst, kleinen Münsterländer, genau wie unser Harras damals, deswegen ist die öfters da.
Ach so, ja dann … wie gehts ihr denn? Gehts ihr gut soweit?
Ja, ja. Kennst doch die Monika, die bringt nix aus der Fassung, die behält immer die Ruhe.
Und du?
Was ich?
Ja nen Hund. Ich meine, wo du jetzt so viel Zeit hast, wär das nix?
Nee, das is vorbei, will ich nicht mehr. Was soll ich auch mitm Hund? Kann ich ja nirgends hin … und immer nur so durch den Wald traben, nee, das ist was für Rentner.
Wasn das fürn Helles, was dein Schwager dir mitgebracht hat?
Aus Rosenheim. Willste jetzt doch eins.
Eins!
Eins ist keins, weißte doch.
Nee, wirklich nur eins.
Moment, ich geh grad holen.

Winfried Schell ging über den Rasen auf den gemauerten Bereich der Veranda, über die Treppe weiter in den Keller, wo es kühl und dunkel war.
Er drehte am Lichtschalter, ging an den Regalen vorbei, in denen noch Trophäen lagen, die seit Monaten darauf warteten, abgeschlagen und gebleicht zu werden. Die Getränkekisten lagerten unter dem kleinen Fenster. Er holte zwei Flaschen Bier aus dem Kasten, stellte sie in einen Eimer und ließ am Nebenhahn der Waschmaschine kaltes Wasser hinein. Hajo trank selten nur ein Bier, das wusste er. Dann nahm er noch zwei weitere Flaschen heraus, prüfte mit seinem Handrücken, ob sie kühl genug waren. Vorsorglich ließ er das Licht eingeschaltet. Auf der Treppe drehte er sich noch einmal um, übersah die Werkbank, auf der die große Geweihsäge sowie mehrere Behälter mit Wasserstoffperoxid standen. Er bekam sich wieder in die Hand und stieg die Treppe hinauf.

Hajo stand jetzt neben dem Sägebock, den Oberkörper über die Kettensäge gebeugt.
Wo haste die her, sagste?
Vom Endress, in Spich, Industriegebiet.
Ja, sagte Hajo. Da hab ich meine auch her, guter Laden, kriegste als Jäger glaub ich auch paar Prozente noch.
Winfried nickte. Meine alte Husqvarna, die war eigentlich noch in Ordnung, aber ich dacht mir, was Neues kann auch nicht schaden.
Ach, Flötzinger … Hajo zeigte auf die Bierflaschen in Winfrieds Hand. Kenn ich, Oberbayern, war ich früher öfters wandern, in den Alpen, ist super da, tolle Landschaft.
Schwager ist ja regelmäßig vor Ort, wegen der Arbeit, der ist in nem Logistikunternehmen tätig, ab und zu bringt der mir mal n Kasten mit. Kann man schon trinken.
Schaumermal, wie der Kaiser sagen würde.
Sie lachten.
Winfried öffnete die Flaschen mit der Feuerzeugkante. Die Kronkorken fielen in das kurz geschnittene Gras.
Lass einfach liegen, sagte er und reichte die Flasche weiter.
Sie stießen an und tranken.
Ja, geht gut, isn Zechbier.
Winfried hielt die Flasche gegen das Licht. Das Helle geht so oder so gut runter …
Und, sag mal, Hajo nahm einen kleinen Schluck und stellte die Flasche auf die Mauer, wie biste denn deinen Kram losgeworden, der Ulf macht doch an sich gute Preise, oder?
Ach, Preise … war ja nicht mehr viel, der Sauer Drilling, ne Bockbüchsflinte und die Mauser in .308, aber sagen wir so, war schon in Ordnung. Winfried zuckte mit der Schulter. Ging ja nicht ums Geld, das ich da noch möglichst viel Reibach mache, weißte? Ich wollt die einfach loswerden, war schwierig nachher, der Schrank stand ja im Arbeitszimmer, und da bin ich ja immer dran vorbei, gehste in die Küche, runter in den Keller, aufs Klo … immer kommste da dran vorbei und immer …
Verstehe … einfach ne Scheißsache.
Tja, machste nix, und dann war ich wirklich froh, dass alles weg war.
Fehlt’s dir denn?
Was meinste?
Na ja, also …
Das Jagen?
Hajo nickte.
Ich sags, wie es is: klar. Fehlt mir, Hajo, jeden Tag, jeden Tag denk ich drüber nach, ins Revier zu fahren, oder wie’s wär, jetzt ins Revier zu fahren, aber nee …
Klar, sagte Hajo, klar.
Dann tranken sie wieder aus ihren Flaschen.
Die Jule ist jetzt mit dabei, wo du’s gerade sagst. Im Revier, weißte?
Hatse ihren Schein doch noch gemacht?
War auch erstaunt, aber …
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Tja, könnte man so sagen.
Dann seid ihr jetzt ja wieder vollzählig, ist doch alles gut. Musst halt nur gucken, wie du das mit den Ansitzen machst, wenn du da mal einen versetzen willst … die Jule ist doch so zierlich. Aber fragste einfach den Ott, hier aus Puderbach 1, der hilft ja immer gerne.
Winnie, sagte Hajo. Das kann man ja nicht vergleichen, weißt du doch auch. Erstens ist die Jule meine Tochter, und zweitens … die hat ja noch gar keine Erfahrung, und du hattest fünfzig Jagdjahre.
Die hab ich immer noch, Hajo. Das ist nichts, was einfach so verschwindet, ganz egal, was passiert ist, das bleibt.
Klar, klar. Hast natürlich Recht. Ich mein ja nur, das …
Das was?
Nee, nix. Schon gut.
Sie tranken wieder aus ihren Flaschen, kleine Schlucke, den Blick auf die gegenüberliegende Mauer gerichtet.
Hajo, sagte Winfried dann und legte seine freie Hand auf das Meterholz, das noch in einem Stück auf dem Bock lag.
Was?
Winfried senkte die Flasche. Kommst doch nich den ganzen Weg hier raus wegen nix?
Ach ja … Hajo atmete aus, sein Oberkörper sank dabei leicht zusammen, dann richtete er sich wieder auf und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Na ja, also ich dacht, wegen dem LADA, weißte?
Winfried nickte. Er nahm einen Schluck Bier, räusperte sich und antwortete: Für die Jule, nehm ich mal an?
Wär doch ne gute Lösung, ich mein … bevor der nachher nur rumsteht, Rost ansetzt, oder?
Jaja, schon nicht verkehrt gedacht, sagte Winfried. Er leckte sich über die Oberlippe.
Eben fürs Revier, wo die Jule jetzt demnächst dabei ist, da kam dann halt die Frage auf – wie hin, wie zurück, und wenn schon nen eigenen Wagen, ob neu oder nicht, und da musst ich an dich denken …
Ja, klar, aber ich weiß nicht, Hajo. Weißt doch, was ich meine?
Versteh schon … hängt ganz schön was dran, an dem LADA. Er trank den letzten Schluck Bier, hielt die leere Flasche zwischen den Fingern am Hals.
Ne ganze Menge hängt da dran … also.
Verstehe ich natürlich. Aber kannst ja trotzdem mal drüber nachdenken, oder? Ich mein, nachdenken kostet ja nix.
Ich denk drüber nach, ja? Sag dir Bescheid, lass mir n bißchen Zeit. Winfried zeigte auf die leere Flasche. Willst noch eins?
Nee, danke, echt, aber das Eine reicht, wirklich, is nett von dir aber … muss noch fahren! Nachher stehen die irgendwo und ziehen mich raus, und dann … geht so schnell heute, is der Lappen weg, und das kann ich nicht gebrauchen.
Klar, klar.
Winfried trank seine Flasche leer. Na ja, also biste nur deswegen hier raus gekommen, wegen dem LADA?
Nich nur wegen dem LADA …
Winfried lächelte mit zusammengekniffenen Lippen. Nee, nicht nur, aber eigentlich schon, oder? Oder nicht?
Na ja, so isses ja auch nich.
Mein Vater sagte immer, versuch nichts zu kaufen, was nicht zum Verkauf steht. Winfried lachte trocken. War so einer seiner Regeln.
Regeln, wiederholte Hajo Peters und schüttelte den Kopf. Ich weiß ja nich … ist so ne Sache mit den Regeln.
Winfried stellte die leere Flasche auf die Mauer und bedeutete Hajo mit einer Handbewegung, ihm seine ebenfalls zu reichen. Bring ich gleich runter innen Keller, stehen die hier nicht so rum. Komm, ich bring dich noch zum Tor.
Hajo nickte. Aber denk mal drüber nach, ja?
Winfried nahm die Flaschen in eine Hand. Ja, Hajo. Wie gesagt …
Und lass dich doch wenigstens mal wieder beim Stammtisch blicken, ist immer noch im Alpenhäuschen, jeden ersten Dienstag im Monat, alles wie gehabt.
Und was soll ich da? Rumsitzen und mir einen lümmeln?
Mensch, Winfried, komm.
Ich guck, Hajo, ich guck.
Mach das, und danke fürs Bier.

Winfried Schell schloss die Fahrertür und lehnte sich im Sitz zurück, das kalte Plastik der Nackenstütze ließ ihn kurz erschaudern. Er hatte den Wagen schon seit Monaten nicht mehr benutzt, es sogar vermieden, ihn anzusehen. Deswegen stand der LADA ganz hinten im Carport. Durch die Windschutzscheibe konnte er auf das brachliegende Feld gegenüber der Straße blicken. Vor ein paar Tagen hatte er dort zwei junge Füchse beim Spielen beobachtet. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen ersten Zug. Im Fond vor dem Beifahrersitz lag noch der ausgeleierte Gehörschutz vom DJV. Er beugte sich über die Mittelkonsole, hob ihn vom Boden auf und klemmte ihn sich über den Oberschenkel.
Der Junge war siebzehn Jahre alt gewesen und hatte die vorschriftsmäßige neonfarbene Warnweste getragen. Der Mais stand über zwei Meter hoch. Winfried hatte die Bewegung gesehen, die Geräusche gehört. Damals war er sicher gewesen. Doch wenn er jetzt versuchte, sich an diesen Tag, an den Moment zu erinnern, war da nichts, nur ausgegraute Zeit, eine Nicht-Erinnerung. Es war, als hätte nicht er selbst abgedrückt, sondern jemand anderes. Jemand, den er nicht kannte und auch nicht kennen wollte.

Er legte seine Hände auf das Lenkrad, umfasste den Kranz, der sich fremd anfühlte, ungewohnt hart und neu, als sei er kaum benutzt worden. Dann kurbelte er die Seitenscheibe herunter, zog an der Zigarette und sah dem entweichenden Rauch hinterher. An diesem Tag, an den er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte, hatte er sich in den LADA gesetzt und war darin nach Hause gefahren. Polizisten fanden ihn in der Küche sitzend, den geladenen Revolver vor sich auf dem Tisch. Die Waffe gegen sich selbst zu richten, hatte er nicht fertiggebracht. Etwas hatte ihn zurückgehalten, die Möglichkeit der Sühne oder die Hoffnung auf Gnade … er konnte es nicht benennen. Er zog ein letztes Mal an der Zigarette und atmete den Rauch langsam aus. In dem LADA war es jetzt genauso still wie damals auf dem Maisfeld, nachdem der Schuss gebrochen war. Kein Wind, kein Rascheln, kein Lachen.

Rotter See

Und ja, gab auch einen Artikel im General-Anzeiger, allerdings nur im Regionalteil Rhein-Sieg. Mit großem Photo, deswegen haben Sie mich wahrscheinlich erkannt. Nein, schon gut, ist mir ja schon öfters passiert, dass mich Leute auf der Straße ansprechen.

Da gibts eigentlich nicht besonders viel zu erzählen. Bin ja mein Leben lang beim DLRG gewesen und dann dreißig Jahre Bademeister im Oktopus, ich guck da wahrscheinlich einfach anders hin, das passiert ganz automatisch, denk ich. Ja, das ist richtig, ich war mit meinen Enkelkindern am Rotter See unterwegs, wir gehen da regelmäßig spazieren, meine Tochter hat einen Labrador, die Milly, und die mag’s natürlich auch am Wasser ganz gerne. Ist in der letzten Zeit wieder viel passiert, am Rotter See, und auch in der Vergangenheit. Steht groß in den Zeitungen, dass da wieder jemand ertrunken ist, passieren tut aber nie was, da hat sich eigentlich nichts dran geändert in all der Zeit. Und jetzt, also dieses Jahr, da waren es zu Beginn des Sommers drei Jugendliche, junge Männer eher … und ja, natürlich hat das mit Alkohol zu tun, ist schon genau so wie Sie sagen, aber die meisten wissen das gar nicht richtig einzuschätzen, die Hitze, das Wasser, das ist so ein Zusammenspiel, da geht das dann ganz schnell, das kriegt man selbst überhaupt nicht mit.

Wenn jemand ertrinkt, das Ertrinken, das ist anders, als man sich das vielleicht so vorstellt. Ja, leise, ganz leise, ganz leise ist das, da schreit keiner und keiner rudert wild mit den Armen herum, das ist wirklich … ganz leise, ganz still geht das. Und man muss da ein Auge für haben, man muss das sehen können, denn da winkt ja auch keiner oder ruft laut um Hilfe, weil dafür die Kraft einfach fehlt. Mir ist das wegen der Luftmatratze aufgefallen, da hab ich das erste Mal gedacht: Moment!, da stimmt was nicht. Nun, ich sah die Luftmatratze auf dem Wasser, aber sonst war keiner da, und dann hab ich einfach noch mal bisschen genauer hingeschaut.

Ja, das ist richtig, der war mit zwei Freunden da. Die waren aber schon längst wieder am Ufer, als das passiert ist und dachten wahrscheinlich, der wäre noch was alleine auf dem Wasser unterwegs … ich kann dazu nichts sagen, im Nachhinein hat sich dann wohl herausgestellt, dass es allgemein bekannt war, dass der Junge kein guter Schwimmer ist, aber ich will den anderen beiden jetzt natürlich auch nichts unterstellen. Ich habe den Kopf gesehen, wie der immer wieder kurz aus dem Wasser aufgetaucht ist, das waren ja schon etliche Meter von der Luftmatratze entfernt, und ab da wusste ich einfach, der ist akut in Not. Und dann hab ich mir halt die Schuhe und das Hemd ausgezogen und bin rein … ich musste tauchen und hatte auch noch Glück dabei, weil der See an der Stelle nicht ganz so trübe ist, ich habe den gleich gefunden, zwei, drei Meter unter der Oberfläche, und der Rest … naja, ich sehe mich jetzt nicht so, Held, überhaupt nicht. Das hat die Presse zwar geschrieben, aber mir persönlich war das eher unangenehm. Ich hab gemacht, was jeder andere auch gemacht hätte, mehr nicht.

Das mit dem Rummel danach, das hat mir gar nicht gepasst, um ehrlich zu sein, denn ich denk, ohne dieses ganze Trara wäre das andere auch nicht passiert. Ich rede da nicht gerne drüber. Nein, ich kannte den Mann vorher nicht, ich denke mal, der hat auch das Photo im General-Anzeiger gesehen, den Artikel gelesen … nein, nein, das war nichts Offizielles, der hat einfach bei mir privat angerufen, ich nehme mal an, der hat meine Nummer über das Oktopus herausbekommen oder vielleicht auch im Internet gesucht, die wird da ja sicher irgendwo stehen, aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau. Ich habe ihn auch nie danach gefragt, seltsam eigentlich, oder? Er machte am Telefon jedenfalls gleich so einen vertrauenswürdigen Eindruck, da habe ich jetzt gar nicht drüber nachgedacht, ob der was Krummes vor hat oder so. Obwohl man weiß es ja nicht, man weiß es ja nie, wen das alles so anzieht. Da liest halt einer diesen Artikel im General-Anzeiger, und dann … will er dich nur was hochnehmen, dich, auf gut deutsch gesagt, ein bisschen verarschen. Das konnte ich ja nicht wissen. Na ja, jedenfalls hat der mich gleich am Telefon gefragt, ob ich ihm das Schwimmen beibringen würde. Wenn er Schwimmen lernen will, dann soll er doch bitteschön in ein Schwimmbad gehen und dort das Personal fragen, die würden sich um ihn kümmern, die würden das schon machen.

Das wollte er aber nicht. Genau das wollte er nicht. Nein, ich weiß schon, dass die das da machen, hat er gesagt, aber er wollte das eben von einem lernen, der weiß, was er tut. Der sich bewährt hat, so in etwa. Ich wusste ja, was die in dem Artikel geschrieben hatten und das klang natürlich alles ziemlich übertrieben, als sei das eine große Sache gewesen, ist natürlich Blödsinn. Ich kann jedoch verstehen, wie jemand auf diese Gedanken kommt, wenn man das so liest. Der denkt dann vielleicht, da muss wirklich was dran sein, der liest da was von Held und wie gefährlich das war und hier, Leben gerettet, und dann … ich weiß nicht, natürlich war ich auch irgendwie stolz, das muss ich schon sagen, das hat mir auch geschmeichelt, die Aufmerksamkeit, aber das wäre doch bei Ihnen auch nicht anders gewesen.

Na ja, aber ich hatte das schon richtig verstanden, das war nicht nur dahergeredet: der wollte wirklich Schwimmen lernen. Zuerst war ich hin und hergerissen, auf der einen Seite hab ich gedacht, du hast ja immer noch eine Verantwortung, und er ist extra zu dir deswegen … auf der anderen Seite aber war das ja schließlich ein Wildfremder, und ich meine, man lässt doch nicht einfach so jeden an sich ran. Meine Frau meinte, mach es einfach. Du tust was Gutes, nutz das, nutz die Aufmerksamkeit, die du bekommen hast und tu was Gutes damit. Guck ihn dir erstmal an, das kostet nix und dann, wenn es nichts ist, kannst du immer noch sagen, du hättest keine Zeit oder wärst aus anderen Gründen verhindert.

Ein paar Tage später habe ich zurückgerufen, um mit ihm zu vereinbaren, dass man sich ja erstmal unverbindlich treffen kann. Wir haben uns dann an der Sieglinde getroffen. Er war sicherlich Mitte Fünfzig … ich sag mal, in seinen besten Jahren. Ich habe ihn sofort erkannt. Wir haben uns an eine der Bierbänke draußen gesetzt, und was sollte ich da jetzt noch groß sagen? Wissen Sie, Schwimmen, Schwimmen ist ja etwas Natürliches, etwas … na ja, etwas, das man können sollte. In den letzten Jahren, kurz vor der Rente, da hatte ich viel mit Flüchtlingen zu tun, da konnten auch viele nicht oder nicht richtig schwimmen, die haben das dann bei uns gelernt. Da waren auch viele im fortgeschrittenen Alter, also kannte ich das, ja? Wenn man das später im Leben noch lernt. Ich meine, da gibt es ja viele Gründe, warum man das nicht schon früher gelernt hat, ich habe ihn auch nicht sofort danach gefragt, weil mir das für ein erstes Treffen unpassend erschien. Oft sind es ja persönliche Umstände, über die man nicht so gerne redet. Und heute können auch schon jede Menge Kinder nicht schwimmen. Fatal ist das, meiner Meinung nach. Das Schwimmen sollte man einfach beherrschen. Deswegen konnte ich den Mann schlecht wegschicken. Und er sagte das ja auch zu mir, dass das Schwimmen ihm wichtig ist, das klang absolut vertrauensvoll in meinen Ohren. Nun, also … da saßen wir schon zusammen, hatten uns jetzt persönlich kennengelernt … aber eins musste ich trotzdem wissen: Warum denn ausgerechnet jetzt?

Sein kleiner Enkel hätte ihn im letzten Sommer ständig gefragt, warum der Opa eigentlich nie mit ins Wasser kommt? Und wie er das so erzählt hat, da ist mir das Herz aufgegangen, das muss ich schon sagen. Weil ich das ja selbst auch kenne; ich gehe mit meinen beiden Enkeln auch regelmäßig schwimmen, und die haben das auch von mir gelernt, gleich von der Pieke auf, einer schwimmt mittlerweile sogar im Verein, das wird mal ein super Rückenschwimmer. Kann ich mir gar nicht vorstellen, darauf zu verzichten, nur weil ich selbst nicht schwimmen kann. Es ist ja vor allem so, man sieht ja, wie schnell die groß werden, und nachher ärgert man sich wegen der Zeit, die man verpasst hat – das ist doch das Allerwichtigste, die gemeinsame Zeit, denn die kommt nur einmal, wat fott is is fott, wie man so schön sagt, die Zeit kriegt man nicht mehr wieder, die kriegt man nie wieder. Das war also etwas, das ich absolut nachvollziehen konnte. Jeder würde das doch wollen, mit seinen Enkeln schwimmen können.

Also das Erste, was man übt, ist das Treiben lassen, sich einfach im Wasser treiben lassen. Ich hab festgestellt in all den Jahren – ich spreche immer nur aus eigener Erfahrung -, dass die Leute, je älter sie werden, dass sie dann immer mehr Angst vor dem Wasser bekommen. Kinder haben diese Angst noch nicht, da ist das noch nicht so ausgeprägt, denen ist das Wasser vertrauter. Ich denke einfach, ab einem gewissen Alter muss man sich erstmal dran gewöhnen, das ist Kopfsache. Man weiß ja, was theoretisch alles passieren kann, und die Motorik lässt auch langsam nach, das ist die andere Sache.

Wir haben uns dann im Oktopus getroffen, ich hatte die ganze Sache mit ein paar der alten Kollegen abgesprochen. Zuerst im kleinen Becken, wo es ganz flach ist, danach weiter rein bis zur Hüfte, da sollte er sich langsam aufs Wasser legen, sich dabei ganz leicht machen, Toter Mann spielen. Die ersten Male ist er ja runter wie ein Stein, weil er total verkrampfte. Ich kenne das natürlich. Ich weiß, dass das oft so ist am Anfang, wenn man das noch nicht gewöhnt ist, aber das hat sich mit der Zeit gelegt, da fiel ihm das immer leichter. Später, als das dann richtig gut klappte, haben wir am Beckenrand weitergemacht. Er hat sich festgehalten und mit den Beinen gepaddelt, einfach um den Bewegungsablauf reinzubekommen, das Gefühl, sich im Wasser zu bewegen, langsam und gleichmäßig, die Bauchmuskeln dabei anspannen. Es hat etwas gedauert, das war schon so. Dann haben wir erstmal richtig atmen geübt, das habe ich ihm gezeigt – die Luft überm Wasserspiegel auspusten, und ruhig richtig blubbern lassen. Er wollte alles gleich ohne Brille machen, aber nix hab ich gesagt, die Brille muss an, sonst werden die Bewegungen unkoordiniert, und wenn man einmal die Kontrolle verloren hat, bricht man schnell in Panik aus, und das kann keiner wollen, oder? Nein. Das bringt doch nichts, da jetzt eine Abkürzung nehmen, zu was soll das gut sein? Da musste ich dann auch kurz mal laut werden, um ihn wieder zu bändigen.

Ja, natürlich haben wir uns besser kennengelernt, das lässt sich ja kaum vermeiden. Wir haben schließlich mehrmals die Woche immer volle fünfundvierzig Minuten trainiert. Das muss schon sein, diese Regelmäßigkeit. Danach sind wir oben ins Restaurant und haben dann in aller Ruhe eine Tasse Kaffee getrunken. Darauf hat er bestanden, die hat auch immer er bezahlt! Er war an sich ein zurückhaltender Typ. Man hat schon auch gemerkt, wie unangenehm ihm das Ganze war, dass er erst jetzt, sozusagen als Erwachsener, das Schwimmen beigebracht bekommt, also dass ihm das einer beibringen muss. Das hat er mir irgendwann mal gesagt, aber auch dass ich es ihm leicht gemacht hätte. Er wäre sich nicht so hilflos vorgekommen, wie er das anfangs dachte. Ich hab gesagt, dass es nie zu spät dafür ist, lohnt sich einfach immer, Schwimmen lernen. Er arbeitete beim Amt für Grünflächen der Stadt Bonn, ich weiß aber jetzt nicht, was er da genau gemacht hat. Schien auf jeden Fall gut zu verdienen, kam immer in einem silbernen BMW, sportlich … Wir haben ansonsten nicht viel über Privates gesprochen, er erzählte mal etwas von seinen Söhnen, zu einem war da wohl der Kontakt abgebrochen, der lebte schon seit längerem in Italien … das fragt man ja nicht, was da genau vorgefallen ist, so etwas macht man einfach nicht, und es geht mich im Prinzip ja auch gar nichts an. Ich wollte ihm schließlich das Schwimmen beibringen und sonst nichts.

Sagen wir so, ich war zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre zu Hause … ich hab mich noch fit gefühlt, ich fühl mich immer noch fit, und ich hätt auch gerne noch im Oktopus weitergemacht, aber das ging halt nicht mehr; da konnte ich nichts mehr dran machen. Und es ist so, das merkt man dann, wenn man zu Hause ist, da sitzt man erstmal nur rum und guckt der Frau über die Schulter. Die war ja schon richtig genervt von mir, wie ich da durchs Haus getigert bin, und nichts zu tun! Da wird man richtig unzufrieden. Das ist schon eine Umstellung. Früher war ja immer was los – im Oktopus hab ich alles gemacht, nach den Becken geguckt, Kollegen eingewiesen, Schwimmgruppen geleitet, Seepferdchen abgenommen und auch bisschen was bei den Leistungsschwimmern mitgeguckt, weil ich früher ja auch mal Wettkämpfer war, da hat man einen anderen Blick drauf. Ich bin ja mit den Trainern per Du gewesen. Und dann … wenn man auf einmal zu Hause ist, rumsitzt und nichts machen kann, dann ist das schon hart. Ich war jetzt auch nie der Typ für irgendwelche Hobbies; mein Beruf war mein Hobby. Ich war ja von klein an schon im Wasser, man kannte mich gar nicht anders. Richtige Wasserratte, sagte mein Vater immer. Als ich dann aber nachher großer Fan vom Roland Mathes wurde, da war er nicht mehr so begeistert. Die kriegen doch alles Mögliche gespritzt da drüben, nur damit die auch ja schön den Klassenfeind besiegen! Na ja, was ich eigentlich sagen will: es hat mir natürlich auch Spaß gemacht.

Ich war zwar oft mit dem Hund von meiner Tochter draußen, jeden Tag im Grunde. Die wohnen ja gleich bei uns um die Ecke, und dann ab, durch die Siegauen, immer die große Runde, Lohmarer Wald, an den Teichen vorbei, runter bis zur Autobahnbrücke … aber wie ich schon gesagt habe, es fällt mir schwer, einfach nur so dazusitzen, tut es heute noch, und da war das schon auch gut, eine willkommene Abwechslung, wie man so schön sagt.

Nach einem Monat hat man erste Erfolge gesehen, da klappte das alles schon viel besser. Er hat sich auch wirklich rangehalten! Man sagt ja, als Erwachsener braucht man so um die dreißig Stunden, bis man halbwegs schwimmen kann, aber das ist ja immer nur eine grobe Schätzung, das muss man auch einfach individuell betrachten. Und ich denke, hier kamen noch ein paar Punkte dazu: er war mir fast schon zu fix bei der Sache, da musste ich ihn sogar manchmal bremsen. Ich kenne das gut, wenn man denkt, man sei schon weiter, als man eigentlich ist, das kenne ich noch gut aus der Zeit, als ich Leistungsschwimmer war … da habe ich auch oft gedacht, die gesetzte Zeit schaff ich locker, und dann kam es doch ganz anders. Da muss man sich halt den Mund abputzen und weitermachen, was bleibt einem anderes übrig? Und er war ja erst Frühschwimmer, deswegen habe ich ihm immer wieder gesagt, dass er es ruhig angehen lassen soll. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit.

Ja, danach hat er mir auch gefragt, klar. Ich habe ihm aber nichts anderes erzählt als den Pressefritzen, ich habe nichts ausgeschmückt oder dazu erfunden oder so, das war in meinen Augen ja auch wirklich nur eine kleine Sache, die dann vollkommen unnötig aufgeplustert worden ist. Aber ich habe eben schon gemerkt, einfach an der Art, wie er gefragt hat, dass ihm das imponiert hat, und er hat auch immer wieder betont, wie wichtig ihm das ist, dass er das Schwimmen von mir lernt, von einem, der schon mal ein Menschenleben gerettet hat, so hat er das gesagt. Doch dazu gehört natürlich schon noch etwas mehr. Ich hab schließlich auch die Ausbildung als Rettungsschwimmer in Gold, schon ewig her, dass ich die gemacht hab. Außerdem hab ich das ja auch angewendet, ich hatte in all den Jahren etliche brenzlige Situationen im Oktopus, das glaubt man kaum, was da alles im Freischwimmerbecken passieren kann, davon kann ich schließlich ein Lied singen.

Aber ich gebe gerne zu, er wurde schnell richtig gut. Hat sich richtig reingekniet, wurde ein guter Schwimmer, saubere Technik. Ich glaube, er wollte mich damit auch beeindrucken, deswegen … Meine alten Kollegen haben das natürlich bemerkt, wie er da reingehauen hat, die haben schon gescherzt, ob ich ihn für Olympia trainiere, ob ich ihn deswegen so an die Kandarre nehme. Ich wollte einfach, dass er gut ausgebildet wird, wie ich das bei jedem anderen Schwimmer eben auch gemacht hätte, ob groß oder klein, jung oder alt, ich mache da keine Unterschiede.

Ja, wir haben vielleicht schon länger gemacht, als es nötig gewesen wäre, einfach, weil ich mir sicher sein wollte. Das war ja schließlich meine Verantwortung, und als es dann soweit war, da ist es mir schwer gefallen, schwerer als ich dachte … wir haben dann noch ein letztes Mal Kaffee zusammen getrunken oben im Restaurant, von da kann man ja so schön auf die Becken im Innenbereich gucken, die Leistungsschwimmer haben gerade trainiert. Ich habe ihm noch gesagt, er soll ja schön vorsichtig sein, nicht in offene Gewässer sofort, aber da hat er nur gelacht und gesagt, dass er am Wochenende schon mit seinem Enkel in der Sieg schwimmen war, aber in einem ruhigen Abschnitt im Bröltal, und das ich mir keine Sorgen machen soll, das wäre das beste Gefühl gewesen, was er je hatte: mit seinem Enkel schwimmen zu gehen.

Ich habe dann längere Zeit nichts mehr von ihm gehört. Ich bin einfach wieder mit der Milly raus, hab meine Runden gedreht und meiner Frau beim Kochen über die Schulter geguckt, hätte mich zwar schon interessiert, aber so was macht man ja nicht, da jetzt extra nachfragen. Einer vom General-Anzeiger hat die Geschichte wohl spitz gekriegt und wollte noch einen weiteren Artikel schreiben, aber ich habe gesagt, nein, das würde ich nicht wollen, es wäre jetzt langsam mal genug damit.

Mir ist das erst später zugetragen worden, von einem meiner alten Kollegen, der hat bei mir angerufen, als es endgültig klar war. Ich hatte das schon in der Zeitung gelesen, aber nicht mit ihm in Verbindung gebracht … nein, das stimmt ja so nicht, es ist anders gewesen, ich hab eigentlich sofort an ihn gedacht, dass er das gut und gerne sein könnte, gleich als ich den Artikel gelesen habe … genau vor so Sachen, da hast du ihn immer gewarnt, da hast du immer wieder gesagt … hat natürlich alles gepasst. Die Strömung in so einem Gewässer, sich selbst überschätzt, dann weiß man nicht, wie man sich in schwierigen Situationen verhält, das kommt ja alles erst mit der Zeit, mit der Erfahrung, da hat er sicher gegen den Sog angekämpft, was ja das Verkehrteste ist, was man überhaupt machen kann, aber ja, diese Erfahrung hat er eben einfach nicht gehabt. Mir wäre jedenfalls im Traum nicht eingefallen, direkt im Rhein schwimmen zu gehen. Ich meine, der Rotter See, das ist eine Sache, aber der Rhein, da sind selbst gestandene Schwimmer gescheitert, die sie da grade noch vorm Ertrinken rausgezogen haben, die haben Glück gehabt, dass sie überlebt haben.

Natürlich, ich meine … ich hab mir jetzt keine Vorwürfe gemacht oder so. War ja schließlich ein erwachsener Mann. Manchmal laufen die Dinge eben so, wie sie laufen. Tragisch ist das gewesen, das kann man nicht anders sagen. Ich meine, er hatte ja schließlich Familie, Frau und Kinder, Enkelkinder … bin seitdem auch nicht mehr in einem Becken gewesen, eigentlich überhaupt nicht mehr im Wasser, ich weiß nicht. Die vom Oktopus haben mich vor Kurzen gefragt, ob ich nicht nochmal zurückkommen will, gibt ja wieder mehr Flüchtlinge jetzt. Die Zeit hätte ich, aber ich hab gesagt, nein, das ist vorbei, das ist endgültig vorbei. Ich geh meine Runden mit der Milly und das reicht mir, das reicht mir vollkommen, ich muss keinem mehr was beweisen, oder? Nein, das muss ich nicht mehr.