Die Ankunft der Göttin

Wir stellten uns vor das vergitterte Fenster, gleich neben der schweren Tür, die weiter in die Waschküche führte. Die Keller waren kleine Verhaue, gezimmert aus Dachlatten und nur mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert. Unter der Treppe befand sich noch ein Stauraum, der bis auf ein paar alte Kartons und Kisten leer war. Tasso besorgte die Zigaretten – er stahl sie seinem Vater, der mittags von der Schicht kam und meistens nach dem Essen auf dem Sofa im Wohnzimmer einschlief. Drei Stück, eine für jeden von uns, und eine in Reserve.

Ich öffnete immer das Gitter, weil ich einen halben Kopf größer war als Tasso, während er sich schon die erste Zigarette anzündete. Er hielt sie zwischen Zeige- und Mittelfinger, der Filter schloss nahtlos an die Lippen an. Natürlich pafften wir, gaben es aber voreinander nicht zu. Durch die schmale Einfassung sahen wir auf die Jägerstraße, eine lange Gerade, die das gesamte Viertel durchquerte und die an der Chemiefabrik vorbei zum EDEKA-Markt führte. Wir rauchten und warteten auf die Göttin. Wir warteten seit einer Woche.

Wir hatten sie erst einmal gesehen. Sie war aus einem Auto gestiegen, das in der Fabrikzufahrt hielt und dann gleich weitergefahren war. Tasso hatte sie zuerst gesehen. Überhaupt war das Ganze Tassos Idee gewesen, das mit den Zigaretten und dem Rauchen im Keller. Wir sahen von ihr am Anfang nur die Beine, lang und schlank und die Haut schimmerte bronzefarben in der Sonne. Ihr Rock war kurz, und ich meine kurz, nicht italienische Länge. Dann das scharfe Klicken ihrer Absätze auf dem Asphalt; eine fremdländische Melodie, ein bestimmender Rhythmus, fast wie ein Tanz.

Sie suchte nach etwas in ihrer Handtasche und blieb auf dem Bürgersteig vor dem Fenster stehen. Es ist eine seltsame Sache: Menschen, die nicht das Gefühl haben, beobachtet zu werden, verhalten sich so natürlich, so echt, dass man ein klein wenig mehr ihrer Seele sieht. Sie fand die Schachtel Marlboro, zündete sich eine Zigarette an, und erst jetzt, als sie sich nach vorne beugte, um das Feuerzeug mit ihrer Hand abzuschirmen, sahen wir ihr Gesicht. Die raucht auf Lunge, sagte Tasso leise.

Sie trug einen goldenen Armring, der sich eng um ihr Handgelenk schmiegte, und ihr Haar war dunkel, dunkel und lang. Wir starrten auf den dreieckigen Schatten zwischen ihren Schenkeln, und als sie schließlich am Fenster vorbeigegangen und aus unserer Sicht verschwunden war, atmeten wir aus, fast gleichzeitig, und wir sagten es nicht, aber wir mussten sie wiedersehen, das wussten wir beide.

Ich träumte von ihr. Ich träumte von diesem Schatten zwischen ihren Beinen und welches Geheimnis dieser Schatten verbarg. Meine Fingeer strichen langsam über ihr warmes, festes Fleisch, ich spürte den Widerstand der Haut, wie sie sich zuerst dehnt und dann nachgibt, die feinen Härchen, diese helle, glatte Nacktheit, und ihr Duft, wie sie wohl duftete, wie duftet ein Frau, eine wirkliche, echte Frau?

Wir warteten seit einer Woche. Wir trafen uns nach der Schule im Keller, pafften die beiden Zigaretten, teilten uns die dritte und warteten. Am zweiten Tag stahl Tasso vier Zigaretten, gegen Ende der Woche die ganze Schachtel. Es war Hochsommer, Mitte Juni, und gegen Nachmittag gab es eine gute halbe Stunde, in der wir nicht aus dem Fenster gucken konnten, weil uns die Sonne so sehr blendete. Dann gingen wir in den langen, kühlen Gang vor den Kellerräumen und hockten uns in eine Ecke, mit dem Rücken gegen die Wand. Einmal lösten wir ganz vorsichtig eine Dachlatte an einem der Verhaue und stahlen eine Flasche Malzbier aus einem Kasten; es schäumte wild in unseren Mündern und war so süß wie flüssiger Zucker, das Beste überhaupt. Auf dem Schloss stand in schwarzen Lettern UG2, aber wir wussten nicht, welchem Nachbarn dieser Keller gehörte. In diesen Stunden wirkte das Haus leer und wie ausgestorben; nur das Gluckern aus den Rohren oder das Abpumpen der Waschmaschinen, die stundenlang liefen. Wenn sich doch jemand in den Keller verirrte, schlichen wir in den hintersten Winkel des Stauraums, duckten uns in den Schatten der Schräge und warteten, bis die Sicherheitstür wieder zugezogen wurde.

Wir sahen eine Menge: einen Autounfall, eine Schlägerei zwischen zwei Betrunkenen, auf die Straße pissende Hunde. Nur von der Göttin keine Spur.
Sie kommt nie wieder, meinte Tasso. Vielleicht war sie doch nur ein Traum.
Sie war kein Traum, meinte ich.
Woher willst du das wissen?
Ich sah ihn an und zuckte mit der Schulter.
Wir wussten es beide nicht.

An diesem Tag regnete es, das erste Mal seit Wochen. Draußen vermengte sich der Staub auf den Straßen zu einem feinen Schlick, der den Asphalt benetzte, und aus der Kanalisation drang der typische, organische Gestank der “Dicken”, in den Rohren festgebackenen Klumpen aus altem Fett, Haaren und Scheiße. Doch danach klarte es wieder auf, die Luft erholte sich, der Himmel ohne eine einzige Wolke. Die modrige Kälte aus den Kellerräumen kroch uns allmählich die Beine hinauf, aber es machte uns nichts. Wir warteten.

Im ersten Stock wohnte eine alte, alleinstehende Frau mit einem kompliziert klingenden slawischen Nachnamen. Wir sahen sie mehrmals unter der Woche, wie sie zuerst ganz vorsichtig die Straßenseite wechselte, dann im EDEKA einkaufte und nach einer halben Stunde mit vollen Tüten wieder zurückkehrte. Wir hatten ihr nie Aufmerksamkeit geschenkt, weil alle unsere Sinne sich auf die Ankunft der Göttin konzentrierten, und deswegen fiel sie uns auch an diesem Tag nicht weiter auf. Wir hörten nur, wie draußen etwas zu Boden fiel und kurz darauf einen lauten Fluch, dann sahen wir die Konservenbüchse, die langsam auf das offene Fenster zurollte.

Sie war keine Göttin. Sie war eine schwere Frau, die sich auch so bewegte, ächzend und mit mühsamen, schleppenden Schritten. Ihr Körper verdunkelte die ganze Sonne, so schien es, ein großer Schatten legte sich vor den Ausschnitt des Fensters, und als sie sich bückte, konnten wir das Sauerkraut in ihrem Atem riechen. Sie stützte sich mit einer Hand auf dem Asphalt ab und griff mit der anderen nach der Dose.
Sie sah mir genau in die Augen.
Is da wer, fragte sie. Da unten? Ja is da wer?
Wir bewegten uns nicht, wir standen nur still da und hielten den Atem an.
Sie hustete und wollte die Dose vom Boden aufheben, machte dafür einen kleinen Schritt zur Seite, eine schmale Sichel Sonnenlicht umspielte ihre gebeugte Hüfte. Dann seufzte sie, ein langer, tiefer Ton, und für einen Moment dachten wir, das es jetzt vorbei, das alles nur eine lästige Störung gewesen wäre.

Im nächsten Moment sackte sie zusammen und fiel gegen die Hauswand, Knochen und Fleisch auf Rauputz, ein Geräusch als zerreiße jemand Papier, ein Stöhnen, leise und erstickt, sie war ganz nah, nur die Mauer trennte uns von ihr, und da war immer noch die Konservenbüchse, glitzernd und kompakt im Sonnenlicht, wie etwas, das fehl am Platz ist, das dort nicht hingehört. Sie glitt ganz langsam zu Boden, griff sich dabei unter die Brust, ihr Oberteil aus Wolle rutschte nach oben, und wir blickten auf die frei liegende weiße Haut, die matt schimmerte und durchsetzt war mit dünnen blauen Adern. Autos fuhren vorbei, beschleunigten am Ende der Kreuzung, Stimmen, eine Waschmaschine ging in den Schleudergang, vibrierte auf dem unebenen Plateau, und der Puls in meiner Kehle, so hart, dass er mir die Luft zum Atmen nahm, Atmen, Atmen, Atem. Sie zuckte, ihr Arm schnellte nach oben, der Rumpf drehte sich wie von selbst in in einer einzigen, langen Bewegung, und dann lag ihr Kopf vor dem Fenster, dieser große, mächtige Kopf mit den grauen Haaren, die immer noch zu einem strengen Dutt gebunden waren, so eng anliegend, als seien sie nass. In ihren Augen ein suchender Blick, der nichts fand, der nichts finden konnte, der Mund halb geöffnet, ihre trockene Zunge schabte gegen die Zähne, flopp flopp, flopp, und aus ihrer Kehle drang ein Pfeifen, kaum wahrnehmbar und unregelmäßig, Luft die aus einem Ventil entweicht, dann nichts mehr, Stille.

Tasso fasste mich an der Schulter, seine Finger eiskalt, und ich drehte mich um, trat die Zigarette aus und wollte gehen, wollte wegrennen, blieb aber doch stehen, um ihr noch einmal in die Augen zu sehen, in die starren, geweiteten Pupillen, und dann streckte ich meine Hand aus, berührte sie an der Wange, nur ganz kurz, ihre Haut dort weich und noch warm von der Sonne, warm wie das Leben.

Wir schlichen durch die Waschküche davon, nahmen den Hinterausgang, die Treppen hoch, sprangen über das Geländer und verschwanden im Labyrinth der Genossenschaftshäuser am Kiefernweg, wo Kinder Ball spielten und Männer grillten, wir bekamen nichts mit von der Aufregung, die schließlich die ganze Straße ergriff, die Jägerstraße, unsere Straße, wir bekamen nichts mit vom Blaulicht und dem Krankenwagen, und niemand fragte uns, niemand hat uns jemals gefragt. Wir haben danach kein einziges Wort mehr über die Sache verloren. Wir haben uns gezwungen, nicht darüber zu sprechen und uns selbst weisgemacht, es wäre nicht passiert, der Tag, eine Auslassung, eine Lücke im Gedächtnis.

Ich war nie wieder dort, in dem fast leeren Stauraum unter der Treppe. Nein, das stimmt nicht, ich war noch einmal da, ein paar Wochen später, und da lagen zwei platt getretene Kippenstummel auf dem Boden und das Fenster stand immer noch offen. Ich habe die Kippen aufgehoben und bevor ich das Fenster schloss … aber natürlich kam sie nicht, sie kam nie, wir haben vergeblich auf die Ankunft der Göttin gewartet.