Sven Heuchert

Wo das Begehren sitzt

Sie steht unter der Dusche. Ich kann sie nicht sehen, nicht richtig sehen, so wie man eine nackte Frau sehen sollte, die Kabine ist beschlagen, ich sehe sie wie durch dichten Nebel, ihr Körper ein Schemen, die helle Haut, das dunkle Haar, und das Deckenlicht wirft ihren Schatten an die Kacheln, kleine Kreuze, wo die Fugen aufeinander treffen, ich mache mir ein Kreuz ins Fleisch, und noch eins, und so zähle ich die Tage bis zum Tod. Nein, noch lebe ich. Da ist der Geruch ihrer Seife, sie benutzt ausschließlich Seife, nichts anderes, das hat sie gesagt, aber das hier ist keine Werbung oder so, denn ich erinnere mich, es gab da mal was mit einem ähnlich klingenden Spruch, doch das hier ist das echte Leben, und die Seife riecht auch nicht nach Blumen, wie man vielleicht annehmen könnte (so vieles riecht heute nach Blumen und nicht nach Blut) sondern nach Moschus, fast wie ein Mann, dabei ist sie ist eine Frau, eine wunderschöne Frau. Das Wasser fließt, es klingt wie Regen, wie der Regen auf dem Dach einer Bushaltestelle, und da fällt mir auf, wie lange ich nicht mehr Bus gefahren bin, und was das eigentlich bedeutet, Bus fahren, also tatsächlich bedeutet, die Erfahrung – zusammengepfercht mit anderen Menschen, Fremden, Anderen, ein Sammelsurium an Existenzen, und der Gestank, und das Gerede, und es wird gebremst, wieder angefahren, es geht hin und her wie auf einem Dampfer, nur die salzige Luft fehlt, meistens stinkt es nach altem Schweiß, dafür sieht man den Leuten bis in die Einkaufsnetze, Chirurgie am offenen Herzen ist das, Kartoffeln sind immer dabei, und Zwiebeln, ganz oft auch Sekt, aber ich bin nie zur See gefahren, ich vermute das alles nur, auf See gibt es salzige Luft aber keine Einkaufsnetze, nur Wellen und Möwen und Wale, und wir sind damals natürlich auch mit dem Bus gefahren, wir saßen immer ganz hinten, nie vorne, vorne sitzen nur die Angsthasen und die ganz alten Leute, die trotz des Verbots immer mit dem Fahrer sprechen, der nie antwortet, und wir saßen hinten in der Mitte, um jeden sehen zu können, der einsteigt, wenn wir ihn kannten, warfen wir ihm einen kurzen, wissenden Blick zu, denn es war klar, wir hatten hier das Sagen, und selbstverständlich saßen wir auch hinten, um von jedem gesehen zu werden, besonders von den Mädchen, die sich im Bus immer anders verhielten als sonst, die Fahrt schien sie irgendwie mehr anzustrengen, sie hielten sich an ihren Schulranzen fest und später an ihren Freunden, die keine echten Freunde waren sondern harmlose Händchenhalter, die aus dem Fenster glotzten, als gäbe es da draußen noch etwas Wichtigeres als … das heiße, straffe, glatte Fleisch neben ihnen. Eine verrückte Zeit, aber davon will ich hier nicht erzählen, denn es geht um diese Frau, und den Regen, plitsch-platsch, und jetzt summt sie, und das versetzt mir einen Stich, denn es ist das Summen einer Mutter, die ihr Kind in den Armen hält, es wiegt, ihre weichen, geschwungenen Lippen eng an die Stirn gepresst, und das Summen überträgt sich, vibriert im Knochen, beruhigt das Kind, und Dampfwolken steigen von ihrer Haut auf, der Duft ist nicht Moschus, ich lüge, oder ich weiß es nicht besser, es ist Zitrone, Orange, Südfrucht auf jeden Fall, exotisch, darf man das noch sagen?, und die Melodie, die sie summt, die kenne ich, ich kenne sie ganz bestimmt, sie hat sie schon früher einmal gesummt, in einem früheren Leben, als wir Adlige waren, Royal Family oder auch die Könige von Deutschland, Schland, wir haben an langen Tafeln in großen Hallen gespeist, Saft aus Weintrauben gesaugt und sie einfach wieder ausgespuckt, die abgenagten Knochen und leergetrunkenen Gläser haben wir uns über die Schulter geschmissen, so wie sich das gehört, und danach gaben wir uns wilden Orgien hin, pas de règles, jeder mit jedem, Laudanum und Absinth, Vater, Mutter und Kind, alles durcheinander, Luke 1, Luke 2, Luke 3, Schwanz blaaasen – Elmar saaagen, und daraus entstanden im Laufe der Zeit missratene Kreaturen, die wir in Verliese sperrten, bei Wasser und Brot, oder haben wir ihnen gleich den weichen Schädel zertrümmert?, das weiß niemand mehr so genau, aber vielleicht kenne ich die Melodie auch aus den durchsoffenen Nächten, Delirium tremens, Zinn 40 und Stroh 80, Elijah Craig oder Johannes Böhm, wo sie uns sanft über die Haare gestreichelt hat, die Mutter, das Tier, und wo wir ihren Atem auf der Stirn spürten, ein langer, kühler Atem, wie eine Brise am Meer, aber ich sagte doch bereits, dass ich kein Seemann bin, ich habe keine Ahnung von Gezeiten, ich kenne nur dieses Summen und ich kenne die Frauen, die summen, und als wir aufgehört haben, Bus zu fahren, fuhren wir Mofa, Moped, Mokick, und noch viel später Golf I, der hatte ein Loch im Kühler, und wir hatten ein Loch im Herzen oder vielleicht auch im Kopf, jedenfalls waren wir keine Kinder mehr und das Summen der Mütter war nur noch eine leises Grundrauschen, wir empfingen jetzt andere Frequenzen, vor allem die von Mädchen, die zu etwas anderem geworden waren, zu Madonnen oder Huren, alle hatten sie einen Sender eingebaut, der Tag und Nacht sendete, und dessen Signale wir noch in kilometerweiter Entfernung empfingen, selbst nachts, wenn wir unter unseren Decken lagen, die Augen fest verschlossen, sie waren immer da, lockten uns in ihre Träume und aus unseren heraus, und sie hielten sich jetzt auch nicht mehr an Schulranzen oder Schulfreunden fest, sie hielten sich gar nicht mehr fest, sie fielen und fielen und fielen, und da wir eine solche Angst um sie hatten, boten wir uns an, schließlich waren wir höfliche Jungs, die nur das Beste im Sinn hatten, wir folgten streng den Predigten des Johannes Böhm, Gott hab ihn selig, und deswegen hielten wir sie auch nur an den dafür bestimmten Körperteilen fest, die uns wie moderne Errungenschaften vorkamen, neumodische Erfindungen, die ausgetestet werden mussten, wie weit, wie hoch, wie tief, wie fest, meistens fest, und aus ihren Nippeln kam keine Milch, so sehr wir auch dran saugten, sondern Bier und Schnaps, zumindest kam es mir so vor, immer war da was mit Bier und Schnaps, und manchmal kam eben doch Milch, aber nur, wenn da einer etwas ganz grundsätzlich falsch verstanden hatte, das war dann sein Problem, und kollegial, wie wir waren, übernahmen wir den frei gewordenen Platz, und ihr Platz ist unter der Dusche, sie hat aufgehört mit dem Summen, sie steht ganz still da, und auf dem Spiegel ist noch ein Rest Lippenstift, so rot wie der Tod, aber sie ist doch gar nicht tot, außer das ist Blut und kein Lippenstift, aber das weiß ich nicht, denn ich bin nie zur See gefahren, ich lege meine Hand auf die Kabine, Biene, sie lassen mir immer eine Zigarette da, eine letzte Zigarette, ich habe sie drüben in der dunklen Küche geraucht, ganz langsam, Zug um Zug, und dann habe ich versucht, das Loch im Kühler mit dem Filter zu stopfen, Golf I, Camel ohne, oben ohne, ihre Brüste waren schwer, ich würde sagen, schwer wie Melonen, weil ich das Wort mag, Me-lo-ne, Melone-Teutone-Cylone, Pufferzone, Dornenkrone, aber das stimmt nicht, Nahgesprächszone, Flugabwehrkanone, Randfeuerpatrone, schon besser, und natürlich habe ich mit dem Filter das Loch in meinem Herz gestopft und nicht das im Kühler, ade VW, das Herz hat ein wenig gehustet, schon ging’s wieder, Herz hart wie Kruppstahl, das wäre was für die Werbung, Doppelherz, Doppelschmerz, und ihr Haar im Abfluss, H im Abfluss, ich male mit dem Finger ein Hügel mit einem Kreuz auf den Spiegel wie eine dieser Knasttätowierungen, mit zittriger Hand und Rotringtinte, Lippenstift, Blut, ihre Haut ist weiß wie was aus dem Gefrierfach, die Lippen blau, und ich frag sie, wo die Zigarette ist, die letzte Zigarette, aber sie nuschelt, als hätte sie ordentlich was getankt, und ich frag sie noch mal, und da macht sie die Augen zu, und ich weiß nicht, was ich noch tun soll, ich könnte das Wasser abstellen, dann wäre Schluss, Schluss mit Bus, mit Kuss, mit allem, deswegen lass ich es laufen, ich streck die Hand aus, warm ist es, ganz warm, und dann schließe auch ich die Augen und summe, ich summ eine Melodie, die ich von früher kenne, als wir Kinder waren, klein und schuldig, und sie nuschelt immer noch, Herrgott Mädchen, krieg doch mal die Zähne auseinander, mein Opa würde sagen: Kruzifix die Türken nochmal!, mein Opa war bei der SS, und in der Türkei haben sie mich mal drangekriegt, in Tophane, da bin ich mit dem Golf falsch abgebogen, aber das war ein Golf III und kein Golf I, und der hatte auch kein Loch im Kühler, nur Pulver im Kofferraum, jeden Tag Kebab, und der Schließer, richtiger Räuberbart, Ali Baba nannte ich den, und in Istanbul kannte ich auch eine die unter der Dusche so genuschelt hat, wunderschöne Frau, ich treffe nur auf wunderschöne Frauen, sie lieben mich, das haben sie schon immer, Sonnenkind, Kind der Sonne, von Anfang an, ich nenne sie alle Biene, denn jede Biene sticht, und jede Biene summt, und dann stell ich doch das Wasser ab, langsam reicht’s, auch wenn sie wunderschön ist, ich will meine Zigarette, die letzte, die allerletzte, und die Tropfen perlen von ihrer nackten, kalten Haut, den Hals hinab, sammeln sich in der Kuhle am Brustbein, Schwein, das Licht reflektiert, wie tote Augen sieht das aus, tausend tote Augen, ich singe das: tahahausend to-hote Au-au-augen, ist nur ein Schnitt, winzig, unter dem Rippenbogen, und das Blut fließt auch nur noch ganz langsam raus, aus die Maus, aber sie liegt da so verdreht, der Sog macht Wellen, und das Wasser läuft schon über den Rand der Wanne, bis an meine Sohlen, aber mit Wasser kenn ich mich nicht so gut aus, denn ich bin nie … ich bin doch zur See gefahren, Marine, Handelsmarine, Butterfahrt, Koksfahrt, ich war in Tokio und Kingston und Havanna, in Murmansk, Sidney, Rio, auch auf dem Mars, und überall waren da die Frauen, Mädchen, Frätchen, oder – Frrrrraun, mit einem rollenden r, wie die Russen, die machen das hinten im Rachen und vorne mit der Zunge, mit der Zunge hab ich auch immer viel gemacht bei den Frätchen, zick zack, Muster in die Muschi, gern hab ich die Frrrraun geküsst, und Mutter hab ich auch gern geküsst, und mit den Schnitten, wie-wo-was-warum, da kenne ich mich aus, Filetmesser für Fische, Kombüse, junges Gemüse, damit geht’s, sag ich dir, und Frrrraun und Fische, da sag ich jetzt nix, du musst nur wissen, musst wissen, wo das Begehren sitzt, nämlich da hinter den Rippen sitzt das, und du fragst dich jetzt bestimmt, woher ich das weiß, woher weiß er das?, und das ist ja auch eine berechtigte Frage, aber da gibt es kein Trick oder so, wie bei der Werbung, das sind ja nur Tricks und Lügen und Betrügen, du kriegst das schon raus, kriegst das selber raus, immer besser, du weißt, was ich meine, und ich will jetzt meine Zigarette!, ich klinge wie so ein ungeduldiges Kind, und irgendwie stimmt das ja auch, denn wir bleiben immer kleine Kinder, im Kopf jedenfalls, im Kopf, wo wir die Löcher mit Kippen und Begehren stopfen, das Begehren fließt aus denen raus, aus Frauen und Mädchen und Frätchen, nicht aus Fischen, läuft raus wie Sperma aus Möse, Schwanz in Käthe, raus hier, rein da, das alte Rein-Raus Spiel, und ich muss auch raus, raus aus diesem Badezimmer, ein letzter Blick, ein letzter Fick, im Flur bleibe ich stehen und lausche, aber sie summt nicht mehr, das ist kein Summen, das ist was anderes, der Kühlschrank oder die Elektrizität in den Leitungen, nicht das Summen einer wunderschönen Frau, und draußen regnet es vielleicht, vielleicht regnet es und ich nehme den Bus, wie früher, als wir Astronauten waren und unsere Träume offen wie ein Schweinebauch.

Muss

Sie stellt die Tasse vor mich hin und nimmt sich eine Zigarette aus meiner Schachtel. Für einen Moment betrachtet sie den Filter, liest den Schriftzug – CAMEL – dann zuckt sie mit der Schulter und sagt: Hast du mal Feuer?
Ich nicke und reiche ihr das Zippo.
Dein Bruder, sagt sie leise und öffnet die Schutzkappe. Der … ich weiß nicht.
Ich dachte, die Ärzte sagen, `s sei alles wieder in Ordnung?
Sie nimmt einen Zug und schüttelt den Kopf. Das kann ja sein, das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn die das sagen.
Was meinst du dann?
Der hat jetzt fast ein halbes Jahr lang zu Hause gesessen … Sie sieht mich lange an, legt die Zigarette in den Aschenbecher. Geh‘ ihn ruhig mal besuchen. Der braucht Gesellschaft. Das Alleine sein, das is‘ nix für den.
Ich nehme ein Schluck Kaffee, stelle die Tasse zurück auf den Tisch. Mutter nimmt immer zwei Löffel zu viel Pulver. Ölaugen auf der schwarz schimmernden Oberfläche. Zum Abschied schließe ich sie in den Arm. Wir stehen im engen, schmalen Flur. Auf der Kommode liegt immer noch der Zeitungsartikel über die Freisprechung letztes Jahr. Mein Bruder steht lächelnd neben seinem Gesellenstück, einem aufwändig gestalteten Brandschrank, der an diesem Abend mit dem ersten Platz prämiert wurde.
Stumpfsinnig, sagt meine Mutter und fährt mit den Fingerspitzen über den Artikel. Der wird mir noch stumpfsinnig vom vielen Rumsitzen.
Ich fahr‘ gleich rüber, versprochen.
Sie öffnet die Wohnungstür. Und grüß mir die Lisa.
Mach ich, sage ich und bleibe im Treppenhaus stehen, bis das Licht hinterm Spion erloschen ist. Ich lehne mich gegen das Geländer, gehe Stufe für Stufe ins Erdgeschoss. Draußen vor den Mülltonnen steht Herr Cyron. Er schiebt die Altpapiertonne unter den Verhau, hebt die Hand und sagt: Na, Jung, warste dinge Mutter besuchen?
Muss ja auch mal sein.
Na sicher, sagt er und schürzt die Lippen. Und? Wie läuft der Laden? Rentiert et sich schon?
Rentieren, nee, das können se verjessen, sage ich und schnalze mit der Zunge. Die Leute schmeißen heute doch alles direkt weg, da is nix mehr mit reparieren, und neu, neu kaufen die bei Saturn oder im Media Markt. Die lassen sich von mir beraten, sagen `Vielen Dank` – und weg sindse.
Ja, Jeiz is eben jeil, sagt der alte Cyron und klopft mir auf die Schulter. Sportschau fängt gleich an. Ich wünsch dir wat!
Effzeh wieder auf’m Abstiegsplatz?
Hör mir bloss auf mit denen – nur Driss, alles nur Driss, wat die da zusammenspille. Nächstes Jahr geht’s wieder nach Sandhausen.
Wir lachen beide. Er winkt noch einmal und zieht die Haustür zu. Ich gehe an den Mülltonnen vorbei über die Straße. Aus den Schornsteinen der KEPEC ziehen dichte Rauchschwaden. Den Wagen habe ich im Industriegebiet vor dem Getränkeexpress geparkt, ganz hinten neben den Einkaufswagen. Ich bleibe vor dem Eingang stehen. Die Neonreklame ist kaputt, das Licht flackert. Hinter der Milchglasscheibe sehe ich Schemen. Ich zögere, mache einen Schritt nach vorne – die Tür geht automatisch auf. Leise Musik dringt aus den Boxen. Hinter der Kasse sitzt ein junger Typ mit Wollmütze und starrt auf das Display seines Handys. Ich gehe zu den Kühlschränken und nehme einen Sechserpack Mühlen Kölsch aus dem untersten Fach. Der Junge sieht kurz auf das Bier, tippt einen Betrag in die Registrierkasse ein und sagt: 5,29. Ich lege einen Zehner in die Plastikschale. Er nimmt ihn, lässt ihn in die Schublade fallen und zählt mit einer Hand das Wechselgeld ab.

Das Bier stelle ich auf den Beifahrersitz und starte den Motor. Die Straßen sind frei, kaum Verkehr. Ich fahre an der Grundschule vorbei, biege am neu gebauten Kreisverkehr ab, den Seidenberg hinunter. Ab der Hälfte nehme ich den Gang raus, lasse den Wagen im Leerlauf rollen. Die Flutlichter im Stadion sind eingeschaltet. Mittelrheinliga. In die Stichstraße links. Graues Mietshaus. Ich drücke die Klingel an der Haustür, ein lauter Ton schrillt durch das ganze Treppenhaus. Nach dem sechsten oder siebten Mal höre ich seine Stimme an der Gegensprechanlage.
Ja?
Ich bin’s, dein Bruder. Stille. Er atmet ein, atmet aus, dann klickt der Türöffner. Im Erdgeschoss stinkt es nach Abfall und nassem Hund. Ich lasse das Licht ausgeschaltet. Hinter den Wohnungstüren gedämpfte Geräusche. Fernseher, Musik, Lachen. Auf einem Weichholzregal im Gang liegen Schuhe – alte Ledersandalen, Sneaker, verdreckte Gummistiefel. Die Wohnungstür steht einen Spalt breit offen. Auf dem Mülleimer in der Diele stapeln sich Pizzakartons. Der Fernseher läuft. Ich schließe die Tür hinter mir.

Er sitzt auf der Couch, die Beine ausgestreckt, seine nackten Füße liegen auf einem Sitzkissen. Die Jalouisen sind runtergelassen, einzelne Lamellen verbogen. Das Fenster verschlossen. Auf dem Boden unter dem Tisch steht Leergut. In einer 1.5 Liter PET-Flasche schimmert eine hellgelbe Flüssigkeit.
Was guckste?, frage ich und sehe auf die Mattscheibe. Zwei Bären stehen auf ihren Hinterläufen, die mächtigen Oberkörper erhoben, sie gebärden sich drohend, bereit zum Kampf.
`ne Doku, sagt er. Ich stehe vor der Couch, wir beide sehen auf den Bildschirm. Dann räuspert er sich, hebt den Kopf und sieht mich an. Ich guck‘ gerne so Dokus, `s gibt da echt abgefahrenes Zeug manchmal …
Ja, sage ich und setze mich neben ihn. Die Bären kämpfen nicht. Sie stieren sich an, kommen sich näher, bleiben Kopf an Kopf voreinander stehen, aber nichts passiert, sie gehen einfach auseinander, verschwinden wieder im Dickicht. Im Regal neben dem Fernseher steht die Playstation, die wir vor ein paar Jahren gemeinsam gekauft haben. Kabel zusammengerollt, die Controller liegen neben der Konsole.
Wie geht‘ s dir?, frage ich, ich betrachte sein Gesicht dabei, und da ist etwas mit seinen Augen, sie sehen eingefallen aus, alt und müde, der Blick starr.
Er nimmt die Fernbedienung von der Couchlehne, fährt mit dem Daumen langsam über die Knöpfe.
Ja, sagt er leise. Muss.
War vorhin noch bei Mutter. Ihr geht’s auch gut so weit.
Ja, die Mutter, wiederholt er und nickt. Dann schaltet er um auf einen Sportkanal. Eishockey.
Waren auch schon ewig nicht mehr in der Kölnarena …
Haie sind doch nix mehr, sagt mein Bruder. Und Jonesy ist auch nicht mehr da.
Ja, der Jonesy, das war einer …
Mein Bruder schaltet in den nächsten Kanal – es läuft eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg. Männer in SS-Uniformen. Panzer. Hitler. Hast du Kippen?, fragt er. Klar, sage ich und hole die CAMEL aus der Jackentasche. Er nimmt mir die Schachtel aus der Hand, ich reiche ihm mein Plastikfeuerzeug. Mutter raucht wieder, sagt er und zündet sich eine Zigarette an.
Ja, ich weiß.
Er nimmt einen tiefen Zug, behält den Rauch lange in der Lunge. Die hatte doch schon zwanzig Jahre aufgehört …
Manchmal fängt man mit so `nem Scheiß eben wieder an, keine Ahnung.
Der is‘ einfach langweilig. Er nimmt noch einen tiefen Zug.
Kann sein. Ich zeige auf die Playstation im Regal. `ne Runde Fifa zocken?
Er schüttelt den Kopf. Nee, sagt er. Geht nich‘ mehr …
Ich dachte, die Ärzte haben gesagt, das alles wieder okay is?
Alles okay, wiederholt er. Dann hebt er seine Hand, spreizt Zeige und Ringfinger ab, dreht sie langsam hin und her. Ich sehe die Narben – grobe Risse im Gewebe, immer noch rot unterlaufen. Die Gelenke sind weg, da is nix mehr drin. Die hab’n Gewebe aus’m Arm genommen und das damit … Er atmet Rauch aus. Nich‘ mal `ne Flasche kann ich richtig aufdrehen, und im Daumen, da ist gar kein Gefühl mehr drin, nichts. Der Nerv ist kaputt, da kommt auch nichts mehr wieder, das bleibt so, also was soll da alles okay sein?
Scheiße, das wusste ich ja nicht. Warum hast du nichts gesagt?
Was hätt‘ das geändert? Ändert doch nichts, oder?
Nein, aber …
Aber was? Die Hand, die is‘ verkrüppelt, und das wird die bleiben, bis ich in der Kiste liege. Er starrt mich an, seine Lippen feucht und zusammengekniffen. Dann sinkt er zurück auf das Kissen. Is‘ jetzt so, sagt er noch. Ich ziehe an der Zigarette, ich ziehe so hart, dass sie fast ein Drittel abbrennt. Der Tabak knistert. Im Fernsehen Hitler bei einer Rede, den Oberkörper vorn übergebeugt, das Gesicht verzerrt.
Und was meint der Kelzenbach?, frage ich nach einer Weile.
Was soll der schon meinen, der Kelzenbach? Der weiß auch nich‘, wie es weitergeht. Muss man einfach sehen. Ich konnte ja nix machen, die letzten Monate. Dreimal haben die operiert. Und dann immer die gleiche Scheiße. MD, BG, Unterlagen einreichen, Unfallrente beantragen, was weiß ich nich‘ alles. Baustellen hab’n wir genug, die Arbeit, die is ja da. Aber …
Ja, sage ich. Kann ich mir vorstellen.
Er lässt die Kippe in eine offene Flasche fallen, es zischt kurz. Danach schaltet er um auf einen anderen Kanal. Wieder Eishockey. Wir sitzen nebeneinander, ich halte die Zigarette in der hohlen Hand, spüre die Hitze der Glut. Es läuft die Zusammenfassung eines NHL-Spiels, Maple Leafs gegen Bruins. Wir hören dem englischsprachigen Kommentator zu. Seine sonore Stimme kippt, als er: John Tavares with the backhand, scoooores! schreit. Die Maple Leafs gewinnen in Overtime.
Willst du `n Bier? Ich hab‘ welches unten im Auto, hatt‘ ich extra beim Getränkeexpress gekauft, total vergessen. Ich lasse die halb gerauchte Zigarette in die gleiche Flasche fallen und stehe auf. Mühlen-Kölsch, ich kann grad runtergehen. Was sagste, biste dabei?
Ich bin hier, sagt mein Bruder, ohne mich anzusehen. Ich geh nirgendwohin.
Im Flur mache ich das Licht an, blicke in das Schlafzimmer, ein schmaler, langer Raum der an den Hinterhof grenzt. Das französische Bett, Laken und Decke liegen zerknüllt am Fußende, Laptop, Briefe, technische Zeichnungen auf dem Boden verteilt. Hinter dem Schreibtisch, gegenüber dem Fenster, eine große, leere Stelle. Ich kann noch die Umrisse an der Wand sehen, da, wo der Sonnenschein auf die Raufasertapete eingewirkt hat. Wo is`n der Schrank?
Ich höre, wie er sich auf der Couch bewegt, ein leises, unterdrücktes Husten. Ich bleibe für einen Moment in dem Raum stehen, sehe aus dem Fenster, auf die Wiese im Hof, die Grashalme erhellt durch das grelle, zuckende Licht der Fernsehapparate. Die Hecke, den Rest Stadtmauer, die Siedlung dahinter – zweistöckige Genossenschaftshäuser, von deren Fassaden die Farbe abblättert. Dann drehe ich mich um, bleibe in der Wohnzimmertür stehen. Der Schrank, wiederhole ich. Was hast du mit dem Schrank gemacht?
Ach, macht mein Bruder und legt die Füße hoch. Sperrmüll.
Sperrmüll?
War sowieso viel zu groß, das Ding.
Ich sehe mein Bruder, wie er bei der Freisprechung neben mir sitzt, direkt am Gang, in seinem alten Kommunionsanzug, und als sein Name aufgerufen wird, senkt er kurz den Blick, fast verschämt, aber dann lächelt er und zuckt mit der Schulter, als habe er es nicht anders erwartet.
Okay, sage ich leise und mache das Licht im Flur aus. Geh‘ grad runter, ja?
Er schweigt. Er bleibt vor dem Fernseher sitzen. Ich lasse die Haustür angelehnt.

Draußen ist es kühl, in der Luft liegt schon der Geruch von Regen. Der Himmel hat die Farbe von nassem Silber. Ich schließe die Fahrertür auf, lasse mich auf den Sitz gleiten, umfasse mit einer Hand das Lenkrad. Für einen Moment bleibe ich so sitzen, im gelblichen Licht der Armaturen, dann schließe ich die Tür und es wird wieder dunkel. Das Bier steht im Fußraum. Ich beuge mich über die Mittelkonsole, reiße die Umverpackung auf und ziehe eine Flasche heraus. Das Glas ist eiskalt. Kondenswasser auf dem Etikett. Ein Kater überquert die Straße, sein Körper geduckt, die Bewegungen geschmeidig. Ich klemme mir die Flasche zwischen die Schenkel und starte den Motor. Der Diesel springt mit einem kurzen Ruck an. Im Radio ein Song von Creedence Clearwater Revival. Bad Moon Rising. Die erste Gang kratzt, der Schaltknüppel ist so kalt wie das Glas. Ich fahre. In den zweiten Gang, den dritten, der Motor läuft gleichmäßig, der Duster rollt leise den Tönnisberg hinab. Unten an der Kreuzung halte ich vor dem STOP-Schild. Rechts der neu eröffnete Asiate. Das Geschäft ist längst geschlossen, nur der gedämpfte Lichtschein der Reklame erhellt noch den Häuserblock. Ich war mit Lisa letzte Woche dort. Sie hat ihr Gericht mit Stäbchen gegessen – Reis mit Garnelen in Erdnusssauce. Ich hatte Frühlingsrollen und dazu ein dünnes Bier. Als ich anfahre und die Kreuzung überquere, beginnt es zu regnen. Nieselregen, der die Frontscheibe vernebelt. Der Wind verweht das braun verfärbte Laub. Die Straßen leer. Nur das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt und John Fogerty’s Stimme aus dem Radio. In den Kreisverkehr, links abbiegen, am Affenfelsen vorbei. Auf einem der großen, gelb angestrichenen Balkone steht ein Raucher, die Glut seiner Zigarette ein einsamer, rot flirrender Punkt in der Dunkelheit. Über die Kaiserstraße, am Knast vorbei. Hinter der Unterführung halte ich mit laufendem Motor am Straßenrand, kurbele das Seitenfenster herunter, schmecke die Abgase in der Luft. Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen, denke an nichts. Zumindest versuche ich es. Dann lege ich den Rückwärtsgang ein.

Er steht an der nächsten Ampel, die Hand auf dem Drücker, den Blick Richtung Himmel. Der Wind zerrt an seinem Bademantel, bläht die Hälften auseinander. Regen tropft aus seinem langen, blonden Haar. Ich halte auf dem Bürgersteig, stelle den Motor ab. Als ich aussteige, nehme ich das Bier mit. Das Glas ist immer noch eiskalt. Ich halte ihm die Flasche hin, aber er dreht sich nicht um, sieht mich nicht an. Ich öffne die Flasche mit der Kante meines Zippos. Der Kronkorken landet in einem Rinnsal neben dem Gulli. Schließlich nimmt er die Flasche und lächelt schief. Wenn du mit Holz arbeitest, also so richtig, den ganzen Tag lang, von morgens bis abends – weißt du, was ich meine?, dann … keine Ahnung, dann riechst du irgendwann danach, dein Schweiß, deine Haut, deine Haare, alles, dann ist es so … er hält inne und schüttelt den Kopf. Vater sagte immer, ich rieche wie ein Baum.
Wir beide lachen, leise, fast tonlos, und dann nimmt er den ersten Schluck.
Warum hast du das mit dem Schrank gemacht?
Der Regen läuft seinen Hals hinunter, verschwindet im Ausschnitt des T-Shirts, der Stoffrand ist dunkel vor Nässe. Er führt die Flasche mit seiner gesunden Hand an die Lippen, schließt die Augen und trinkt einen Schluck, dann noch einen. Ganz langsam setzt er die Flasche wieder ab, lässt sie bis auf Hüfthöhe gleiten. Jeder kann so einen Schrank bauen, sagt er dann. Das ist nichts. Du brauchst nur einen Plan, einen Plan, das ist alles.
Der Regen wird stärker. Unser Atem kondensiert. Wir schweigen.
Komm, reden wir drinnen. Reden wir drinnen weiter.
Ja, sagt er und nickt.

Ich gehe los, ein, zwei Schritte. Er steht immer noch da, im strömenden Regen, die Flasche Bier in der einen Hand, die andere auf den Ampelmast gelegt, sanft, fast zärtlich.