Sven Heuchert

"I'll take you higher than you're grocery bill"

Dahin, wo es weh tut

He told me he liked the fact that I could keep up with him,
bottle for bottle, on an all-night bender;
that I let life hit me in the mouth
and could still see the sadness without giving up.
Gerald Locklin.

Sie steht vor dem Fenster und schiebt den Vorhang ein Stück zurück. „Lass doch mal was Licht hier rein“, sagt sie. Es sind dunkle Vorhänge, und jetzt bewegen sie sich, kleine Wellen im schweren Stoff. Die kühle Luft, ich kann sie schmecken. Ich atme durch und schließe kurz die Augen. Sie sieht mich an und lächelt dabei. Immer wenn sie lächelt, ist da diese Delle in ihrer Oberlippe. Ich kann die Delle nicht sehen, dafür ist sie zu weit weg, aber ich weiß ja, dass sie da ist.

Die Mini-Anlage, die ich für einen Zehner gebraucht beim Türken gekauft habe, spielt einen Song von Steve Earle. I was born my papa’s son, a wanderin‘ eye and a smokin‘ gun. Das Fachteam hat ihn mit einem kleinen gelben Sticker markiert, das heißt, dass er okay ist. Unbedenklich, wegen Kurzschlussgefahr und so. Der Sound ist natürlich hundsmiserabel, aber das ist mir scheißegal. Ich drehe noch etwas lauter, hier im Musikzimmer darf ich das ja. Now some of you would live through me, lock me up and throw away the key. Der Laden von dem Türken ist um die Ecke, gleich die Straße runter. Er verkauft nicht nur Elektrogeräte – hinten durch hat er einen Kühlschrank voller Kram; Efes, Uludug und Sucuk, das volle Programm. Gibt sogar Baklava, ich habe ein ganzes Tablett gesehen, original mit Zuckerguss und geriebenen Pistazien oben drauf. Ich habe keins gegessen wegen den Kohlenhydraten. Ausgang ist etwas kompliziert – ich darf erst mal nur im Dreierverband raus, und zwei müssen auch schon was länger dabei sein.

Sie hat noch andere CDs mitgebracht; Little Feat, Widespread Panic, Darrell Scott. Sie setzt sich zu mir an den Tisch. Sie bewegt sich, als könnte sie mich verletzten, als sei ich zerbrechlich. Ihre Finger auf meinem Oberschenkel, so lang und dünn, ich spüre sie kaum. An den Tagen, an denen sie mich nicht besucht, stelle ich mir vor, wie sie mir mit diesen Fingern ganz langsam einen runterholt. Wie mein Bauch vorm Abspritzen zuckt und vibriert, und wie wir beide auf das kleine schwarze Loch in der Eichel starren, wo der Saft schließlich nur so herausschießt. So wie damals – mit elf, zwölf, als wir draußen im Maisfeld vor dem Haus um die Wette gewichst haben. Jetzt, wenn sie hier sitzt, mit ihrem glänzenden Haar und ihrer guten Haut und diesem unschuldigen Lächeln – da schäme ich mich, da komme mir wie ein perverses Schwein vor.
„Hast du jemand geküsst?“, frage ich, und sie zieht die Hand zurück und fasst sich ans Kinn.
„Wie – geküsst?“ Sie schüttelt den Kopf, eine Haarsträhne löst sich, sie klemmt sie hinter das Ohr, und für einen Moment kann ich nicht denken, nichts sagen.
„Du weißt, was ich meine“, sage ich schließlich.
„Nein“, sagt sie. „Nur weil du ….“ Sie bricht ab und schüttelt wieder den Kopf, ganz leicht nur.
„Ich weiß“, sage ich, ein neuer Song fängt an, ich habe die Pause gar nicht bemerkt. Immer noch Steve Earle, aber es ist ein Song, der von Townes van Zandt geschrieben wurde, das weiß ich genau. Wir sitzen da, hören zu – es ist ein kurzer Song, und sie sieht währenddessen aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne, zwei Fliegen schwirren umher, setzten sich auf die Scheibe, ich höre das leise Bssssss, das sie machen.

Irgendwann sagt sie, dass sie gehen muss. Ich muss jetzt. Ich achte nicht auf ihre Worte, ich sehe nur auf ihren Mund, wie er sich öffnet und schließt. „Ist ’ne lange Fahrt“, sagt sie, sie ist ganz nah bei mir, ich könnte ihr Haar berühren, ihren Hals. Später ist die Musik aus. Ich sitze da und starre an die Decke, nur die Fliegen schwirren noch umher. Wenn sie geht, denke ich jedes Mal, dass sie nie wiederkommen wird. Sie findet jemand anderen, es muss so sein, eine Frau wie sie, gar keine Frage. Vielleicht schon auf dem Flur – ein Weißkittel, einer von denen, die richtig Kohle haben, die Liebesbriefe auf ihre Kontoauszüge schreiben. Mit dem geht sie mit, ganz bestimmt. Sie lässt sich in einer noblen Karre in seine Villa kutschieren, dann stehen sie vor dem Panoramafenster, betrachten die Idylle, trinken Chateau Lafite, reden über moderne Kunst, und später ficken sie auf der Designercouch. Er macht da ein paar Sachen – steckt ihr den Zeigefinger tief ins Arschloch und lässt sie ablecken. Das Gefühl, das man bei solchen Gedanken hat, kenne ich gut, es ist wie beim alten Spiel, Hand über Feuerzeug – testen, wie lange man das aushält. Am Ende sind es Schmerzen. Immer sind es Schmerzen, ganz egal, wie’s ausgeht.

Im Flur, kurz vor Tür, hängt ein Spiegel, ein langer, schmaler, wie in einer dieser billigen Absteigen. Ich sehe nicht hinein, das habe ich mir hier abgewöhnt. Nach ein paar Wochen hast du dich verändert, ob du willst oder nicht. Es ist, als lebe da jemand anders unter den Resten deines alten Ichs weiter.

In der Cafeteria ziehe ich mir einen Schokoriegel aus dem Automaten. Ich streiche über die Euromünze, bevor ich sie in den Schlitz schmeiße; es ist mein letztes Geld. Sie will mir immer was dalassen, damit ich flüssig bin, aber ich möchte das nicht. Ich weiß ja, wie viel sie verdient, und das reicht vorne und hinten nicht. Ich könnte es sowieso nur für Scheiße ausgeben, Scheiße aus Automaten.

Am nächsten Tisch sitzt dieser Neue. Er ist seit ein paar Tagen da. Vielleicht auch Wochen. Hier ist jeder Tag Montag oder Samstag. Seine Haut ist hell, und er ist ganz schmal, mit einem kleinen, knochigen Arsch. Von hinten könnte man ihn glatt für ein Mädchen halten. Nein, das stimmt nicht, zuerst denke ich: für eine Straßennutte. Eine von der Gerhart-Domagk, natürlich auf Heroin, und immer mit diesem Dackelblick, wenn sie gerade an deinem Schwanz saugen. Er sitzt da alleine. Er hatte noch nie Besuch. Er sieht kurz in meine Richtung und lächelt, dann blickt er schnell auf den Pappbecher in seiner Hand.

Ich setze mich ihm gegenüber und lege den Schokoriegel auf den Tisch. Für einen Moment passiert gar nichts.
„NUTS“, sagt er und zeigt auf den Riegel. Seine Stimme ist leise und ganz weich. „Schokolade schmeckt so billig, schlimmer als die russische.“
„Ist der Outlaw unter den Schokoriegeln“, sage ich. „Der Johnny Cash im Süßigkeitenregal.“
„Wer?“
„Du kennst Johnny Cash nich‘?“
„Nein“, sagt er und zuckt mit der Schulter. „Wer soll das sein?“
„Wie alt bist du?“
„Wie alt schätzt du mich denn?“ Er legt den Kopf schief und lächelt.
„Jedenfalls zu alt für solche Spielchen.“
„Neunzehn“, sagt er dann und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Behandlungsschwerpunkt?“
Er runzelt die Stirn. „Was?“
„Naja“, sage ich und reiße den NUTS-Riegel auf. „Warum du hier bist.“
„Ach so, sag das doch gleich.“ Er sieht aus dem Fenster, fasst sich an die Nase, reibt die Handflächen aneinander. „Wegen allem so ’n bisschen.“
„’s erste Mal?“
Er nickt und schließt kurz die Augen.
„Wenn du an deine Stärke glaubst, wirst du täglich stärker!“, sage ich und beiße ein Stück vom Riegel ab. Die Schokolade schmeckt wirklich billig, und die Füllung klebt an den Zähnen. „Gewöhn‘ dich schon mal an so Sprüche.“
„Ja“, sagt er, er schüttelt leicht den Kopf, und dann sagt er es noch einmal: „Ja.“
„Polytox, multiple Substanzen – da haben die echt am meisten Spaß dran, können die bei den Sprechis richtig was reißen. Kriegste nachher Applaus, wenn du ’ne Briefmarke auf ’n Umschlag klebst.“
„Und du?“, fragt er. Er starrt mich mit seinen himmelblauen Augen an.
„Weil ich das Sportprogramm hier so geil finde“, sage ich und winke ab. „Und weil ich das Klassenfahrtsfeeling vermisse. Deswegen komme ich immer wieder.“
Er lacht. Ich beiße vom Riegel ab und lege ihn zurück auf den Tisch.
„Ich soll meine Problempäckchen aufmachen – das hat einer von denen da gesagt.“ Er sieht wieder aus dem Fenster und wiederholt: „Problempäckchen.“
„Bist halt ’n Rohdiamant, den sie jetzt schleifen wollen, so ist das eben. Und die glauben auch noch, die wissen genau, was sie tun.“
„Ja“, sagt er und kratzt sich am Oberarm. „Also, ich weiß nicht … keine Ahnung.“
„Wie keine Ahnung? Eigentlich denkste, das alles gut is‘, wie es war.“
„Genau, Mann“, sagt er und hebt seine Hände. „Genau.“
„Weißt gar nich‘, was de hier sollst?“
„Ey“, sagt er und richtet sich im Stuhl auf. „Hundertpro, so isses!“
„Bist eben Zwanzig“, sage ich. „Und ’s erste Mal hier.“
Er murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Er legt den Kopf in die Hände, ich höre, wie er atmet, ein, aus. „Scheiße“, sagt er, zuerst leise, dann lauter. Er nimmt die Hände weg und reibt sich die Augen. „Scheiße!“
Ich stecke die Verpackung vom Schokoriegel in meine Jackentasche. „Ich geh‘ was Gewichtheben“, sage ich. Er bleibt sitzen, und ich gehe und drehe mich nicht mehr um.

Auf dem Gang steht einer von den 35ern – ich sehe schon aus den Augenwinkeln, wie er seinen Oberkörper vor und zurückbewegt – Abpasser auf dem Sprung, nervöses Wrack.
„Du, hömma“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf mich. „Unten da, ne, unten machen die ’n Turnier, ne, so die Gruppe, ’n Tischtennisturnier, und samma – also hab‘ ich mich gefragt, samma haste Bock?“ Er hebt die Augenbrauen und ich sehe auf seine feucht glänzende Lippe und beuge mich zu ihm herunter. „Ist das Old Spice?“
„Wat is?“
„Dein After Shave – Old Spice?“
Er winkt ab. „Ja, dat mit dem Schiff drauf, haste Recht. Aber jetzt samma, wat is‘ nu mit dem Tischtennis? Soll’n wa? Bisschen wat zocken, ne.“
„Mein Alter hat auch immer Old Spice benutzt“, sage ich. „Aber dass ’s das noch gibt?“
Er bewegt sich jetzt schneller – Oberkörper vor und zurück, wie eine Meidbewegung beim Boxen, wie ein Spastiker.
„Komm jetzt, hier, scheiße, keiner will da mitmachen, hier Tischtennis, hab‘ alle gefragt, allet Luschen. Dabei hab‘ ich et voll drauf, nee ehrlich! Bin ’n richtiges Ass, ehrlich, Ping-Pong, angeschnittener Aufschlag und so, und dann Schmetterball – Bamm!“, er ahmt den Schlag nach, „also volle Kanne, früher Verein, und so … komm machste mit.“
Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. „Nee“, sage ich, „lass mal, Tischtennis, da verkackste nur mit mir. Ich weiß gar nicht, wie das geht, noch nie gemacht.“
„Na, aber kein Problem“, sagt er, „gar kein Problem. Dann lässte mich eben ma machen – wie früher, und du musst immer nur so hier machen, hier so, wat ’n Schläger hinhalten.“ Er atmet tief ein und macht was mit seiner Hand, hält sie schräg vor seine Brust. „Bin ’n Ass, ehrlich, musst nur hier bisschen so und so, und so und so ….“

In welcher Art der Rausch erlebt wird und welche Wirkungen besondere Bedeutung bekommen ist immer vom situativen Kontext und von persönlichen Faktoren abhängig. Als Faustregel gilt: Bei unerfahrenen Probierern, bei hohen Dosierungen und bei Dauerkonsumenten mit exzessiven Konsum sind negative Rauscherlebnisse häufiger anzutreffen.

„Nee“, wiederhole ich. „Hab‘ keine Lust, ist aber nett von dir, dasse‘ fragst, aber, nee, danke.“
„Bin ’n Ass“, schreit er und packt mich am Arm. „Wat is‘ los mit euch, wat is‘ denn nur los mit euch – mit dir, ihr verdammten, ihr, du verdammtes … Schwein! Ist doch nur Tischtennis, Tischtennis is’ses nur, und nix anderes, hömma, hier, so und so machste, nur so und so ….“
Ich reiße mich los, und er greift wieder nach meinem Arm, sein Gesicht rot wie sonst was, und er brüllt weiter: „Is‘ doch nur Tischtennis, nur Tischtennis, is‘ doch nur ….“

… einen Rückfall in die alten Trinkgewohnheiten zu verhindern. Zentrale Aspekte einer Verhaltenstherapie sind die motivierende Gesprächsführung. Dazu gehört zum Beispiel, dass er Strategien zur Stressbewältigung lernt und alternatives Verhalten zum Alkoholkonsum kennt. Wenn jemand das starke Verlangen nach Alkohol spürt, könnte er zum Beispiel stattdessen joggen gehen oder eine Vertrauensperson anrufen. Dabei wird der Patient zunächst in der Therapiestunde und später in realen Situationen mit den Auslösern (Geruch von Bier, Öffnen einer Flasche) konfrontiert, bis sie kein Verlangen nach Alkohol mehr auslösen. Es wird angenommen, dass ein problematisches Trinkverhalten häufig nach traumatischen Erlebnissen oder als Abwehr gegen eine Depression auftritt. Wenn jemand von einer Alkoholproblematik betroffen ist, wirkt sich dies immer auch auf die Beziehungen zu nahestehenden Menschen, zum Beispiel Ehepartner, Kinder oder Eltern aus.

Ich rufe eine Vertrauensperson an, Stimme, Stimme, ich schneide das in meinem Kopf zusammen, Stimme und ein Glas Gutes, Stimme und ein Glas nicht so Gutes, ein brillanter Gedanke!, ihre Stimme, die ich dann saufen kann, die ich aussaufe, auf ex, immer rein in die Kehle, koss‘ ja nix! Ist belegt, de peep peep peep peep, de peeeeep – was auch sonst, denn du, also ich, du bist ja weggeschlossen, Verbindung gekappt, in einer anderen Welt, Paralleluniversum, und da, von wo ich anrufe, ja, das ist ein wenig kompliziert – wie kam ich her, wo geh‘ ich hin – weil es war so: Ich gluck gluck, und gluck gluck, und gluck gluck gluck … gehe ich joggen! Ich jogge im Zimmer, drei Schritte vor, drei zurück, drei vor, drei zurück, drei vor, drei – springe in die Luft, eins, zwei, eins, zwei, wie beim Kommiss, Drill, Bootcamp, Hände hoch!, Klappspaten, auf den Boden, Liegestütz!, in die Hocke und halten, und halten, und halten, und …

„Du hast da was“, sagt sie und fährt mit ihrem Zeigefinger sanft über meine Lippen. „Taco“, sage ich. „Taco, Taco, Taco.“ Sie lächelt. Guadalupe Street nach Mitternacht, wir steigen über ein paar schlafende dragrats hinweg und schauen in die Auslagen der Pawn Shops. Verschmierte Scheiben unter Neonlicht, Handabdrücke auf dem Glas, und dahinter Bücher, vergilbt, zerlesen, Toaster, Pfannen, Elektrokram. In der Mitte hängt eine alte Gitarre, hollow body, sunburst, die Saiten kräuseln sich um den Hals. Ich bleibe stehen. „Könnte Blaze gehört haben.“
„Du und dein Blaze“, sagt sie und schüttelt den Kopf.
„Stell dir mal vor, er hat da ‚If I could only fly‘ drauf geschrieben? Was die dann wert wäre, ich meine, ideell?“
Sie nimmt meine Hände und drückt sie leicht. Ich küsse sie auf den Nacken. Wir sehen auf die Gitarre, Arm in Arm, ihr Atem auf meiner Brust. Dann nehme ich einen Schluck aus der Flasche Old Grand Dad, sie seufzt, und für diese Sekunde ist alles gut. Ich fühle mich wie ein Gott, der Kontinente mit seinem Zorn erobert, der … Sage mir Muse, ist der Rausch nicht zeitlos und vollkommen? Bin ich nicht wie Marsyas?

„Was ist mit deinen Fingernägeln“, fragt er. Er sitzt auf meinem Bett, nicht weit weg, ich könnte ihn anfassen, ihn schlagen.
„Was machst du hier?“
Er nickt in Richtung meiner Hände. „Was soll die Scheiße? Fünf-Finger Koksschaufel?“
„Du kleiner Wichser“, sage ich. „Hast du denn gar keine Ahnung? Ich bin Gitarrist, deswegen ….“
„Gitarrist?“
„Ja, so pleng pleng pleng ….“
„Ach so.“
„Wie bist du hier reingekommen?“
Er lacht. „Tür stand offen.“ Er legt eine Hand auf meinen Schenkel und sieht sich im Zimmer um. „Wo ist deine Gitarre, Gitarrist?“
„Hab‘ ich nich‘ hier“, sage ich. „Spiel zur Zeit nich‘ so viel.“
„Ist klar, LZT ist auch ’n Vollzeitjob.“
Mein Mund ist trocken. Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche, die auf dem Nachttisch steht. Das Wasser ist kalt, ich spüre es durch meine Eingeweide laufen.
„Haste denn was Angesetzten da?“
„Was meinste?“
Er fasst sich mit zwei Fingern an die Nase. „Na, ’ne kleine Bowle, Knast-Sangria oder so was, kennste nich‘.“
„Halt ja die Fresse, klar?“ Ich sehe auf seine Hand, die immer noch auf meinem Schenkel liegt. Er hebt die Augenbrauen und sagt: „Mach dich mal locker.“
„Mach dich mal locker?“
„Denkste, ich bin ’ne Ratte? War ja nur ’ne Frage.“
„Ich denke, du bist ’ne kleiner Pisser, der von nix ’ne Ahnung hat.“
Er lächelt. Er hat ganz kleine Zähne mit feinen, schwarzen Rillen dazwischen.

Nov. 1992: Angst-und Zwangsstörung. Behandlung mit Radepur, Diazepam, Trimipramin. Gesprächsther.
Danach Eigenmedikation mit Alkohol zur Unterdrückung der Gedanken und zur Beruhigung.
Zwischendurch Diazepam 5-10mg

Sept. 1997: Diagnose Alkoholkrankheit. Mehrere Entzüge mit Diazepam. Versuch mit Dipiperon zur Beruhig. gescheitert wegen asthm. Reaktion, ähnlich bei Melperon u. Eunerpan.

Okt. 98- Okt. 02: 4 Jahre trocken, Medikation 50mg Mirtazapin abends.

Seit 2007: bei Bedarf je 5mg Diazepam, nach 1 Jahr täglich, dann tgl. 10mg Stilnox, später 7,5mg Zopiclon.
Zwischendurch Alkoholrückfälle, alle mit Diazepam selbst entzogen, teilweise bis zu 40mg/Tag.

Febr.´12 stat. Entzug von Alk. und Diazepam sowie Zopiclon, alles sofort auf Null, mit Distra substituiert, nach 4 Wochen Entlg. mit Entzugsersch.

24.05.12: stat. Entzug von allem sofort auf Null. (6Wochen) Neu: Seroquel prolong 200mg + 25mg Seroquel bei Bedarf. LZT.

„Apfelsaft oder Dosenobst, ’n Stück Brot, paar Würfelzucker, alles in ’ne Plastiktüte und ab dafür“, sagt er und zeigt auf die Heizung. „Klemmen wir dahinter – kriegt keiner mit, die Putzen, die gucken da nich‘. Drei Tage, kippen wir die Plörre durch ’ne Socke oder so, und dann ….“ Er macht die Schluckgeste. „Schmeckt übelst, als hättste beim Zähne putzen gekotzt, und kriegste auch kaum runter, aber hey – ’s zündet wenigstens ordentlich.“
„Zündet wenigstens“, wiederhole ich und schüttele den Kopf. „Fürs Rauchen im Zimmer kriegste schon ’ne gelbe Karte. Und was machste beim Zapfenstreich, vorm Pennen, wenn die Bude nach Fusel stinkt oder morgens, wenn ’n Anruf kommt und die dann mit der Puste in der Tür stehen? Oder einer von den Theras macht ’ne Stichprobe und kriegt dich so am Arsch? Schicken se dich nach Hause. Willste das?“ Ich sehe ihn an. „Und außerdem – woher weißten so ’ne Scheiße?“
„Was?“, fragt er. „Wie man Pruno macht? Ach!“, er winkt ab und grinst. „Ist doch nix. Bin eben was rumgekommen.“
„So siehste aus.“
„Wie sehe ich aus?“
„Wie ’n Stricher auf MDMA.“
Er verzieht seinen Mund. Dann sagt er: „Und du siehst aus wie ’n fetter Säufer.“
„Ich bin nich‘ fett – ich bin Vierzig“, sage ich. „Dann ist das was anderes.“
„Kriegst dein Arsch ja kaum noch hoch.“ Er tätschelt mein Knie und lässt seine Hand drauf liegen.
„Für dich reicht’s grade noch“, sage ich. „Du mit deinen Himbeerpflückerärmchen. Kriegst von mir ’ne Flanke und dann machste dich flach. Kannste mir ruhig glauben.“

Er legt sich neben mich. Seine Füße ragen über die Bettkante, die Matratze knistert, wenn er sich bewegt. Ich schließe meine Augen, öffne sie wieder – wir beide starren an die Decke, es ist seltsam ruhig, kein Wind geht, die Vorhänge sind geschlossen, es ist fast dunkel. Dann dreht er sich zu mir und legt mir eine Hand auf den Bauch.
„Unten spielen sie Tischtennis“, sagt er und hebt den Saum meines T-Shirt mit den Fingern an.
„Immer noch“, sage ich. Ich sehe, wie er nickt, und dann berühren seine Finger meine Haut, streichen über die Haare. Vor dem Bauchnabel hält er inne und räuspert sich. Einen Moment lang geschieht nichts – Stimmen auf dem Flur, gedämpft und weit weg, eine Fliege setzt sich auf die Bettdecke, dreht sich hin und her, fliegt geräuschlos wieder davon. Er atmet aus, ganz langsam, und kurz bevor er einatmet gleitet seine Hand in meine Hose.
„Was machst du da?“
„Nichts“, sagt er, sein Kopf liegt genau vor meiner Brust, ich erkenne den Wirbel am Hinterkopf, die Haare struppig und straßenköterblond. Der Rest geschieht ganz von selbst, es passiert einfach. Ich werde hart und starre weiter auf den Wirbel, genau auf die runde, weiße Stelle in der Mitte. Er rückt noch ein Stück nach unten, und ich lege meine Hand auf seine Hüfte, die ganz kalt ist, kalt und knochig.

Danach macht er den Reißverschluss meiner Jeans wieder zu, beugt sich über mich und nimmt die Wasserflasche. Ich kann sein Deo riechen, frisch und süß, fast wie das einer Frau. Er lässt einen letzten Rest in der Flasche und stellt sie wieder auf den Tisch. Es ist dunkel und ruhig im Zimmer. Er setzt sich auf die Knie, schiebt die Bettdecke zur Seite, und dann hebt er die Arme und zieht sich das T-Shirt aus. Sein Oberkörper ist dünn und ganz glatt, die Haut hell. Er legt sich neben mich, die Wange gleich an meinem Oberarm, ganz weich ist das, keine Bartstoppeln, nichts. Ich spüre, höre seinen Atem – ein, aus, ein, aus. Ich drehe mich zur Seite, zur Wand, da ist nur Beton und Dunkelheit.
„Hau ab“, sage ich. „Kommen gleich kontrollieren, ist schon fast zehn.“
Er kichert nur.
„Körperkontakt und Paarbildung in der Integrationsphase sind nicht möglich.“
„Was redest du da für ’n Scheiß?“
„Um Ihnen die Konzentration auf das Ankommen in der Bezugsgruppe und die Therapieangebote zu ermöglichen, ist innerhalb der ersten sechs Wochen die Gestaltung von sexuellen, intimen und exklusiven Beziehungen nicht gestattet“, sage ich. „Haste die Hausordnung nich‘ gelesen?“
„Doch“, sagt er. „Doch, hab ich.“
„Rehabilitanden“, sage ich, „dürfen sich nicht auf den Zimmern besuchen.“
Er nickt und sagt: „Okay.“ Er sagt es sehr leise, ich sehe auf seine Lippen, die geschlossenen Augen, wie er sich mit dem Kinn über die Schulter fährt und dann das T-Shirt nimmt. Er hat drei Leberflecke auf der Brust, über dem Herz, wie Auslassungspunkte. Ich kann seine Rippen zählen, die geschwungen und klar abgegrenzt unter der Haut liegen. Dann atmet er aus, ich weiß, was in ihm vorgeht, was er denkt, fühlt.
„Du musst keine Angst haben“, sage ich, aber er schüttelt den Kopf und winkt ab. „Jaja“, sagt er und zieht sich das T-Shirt wieder an. „Scheißegal.“
In der Tür bleibt er kurz stehen und dreht sich noch einmal um. Er sieht nicht mich an, er sieht in die Dunkelheit, den Blick auf endlos gestellt.

Sie hat Baklava mitgebracht. Sechs Stück in einer Frittenschale aus Pappe. Wir sitzen an einem der Tische in der Cafeteria, trinken Automatenespresso, der bitter und wässrig ist. Es sind noch andere Leute da – Familien, Kinder, die dumm rumstehen. Draußen scheint die Sonne. Wenn ich die Augen schließe, wenn ich nur auf die Stimmen höre, könnte es fast Urlaub sein, Urlaub in einem dieser versnobten Clubs, in denen sie Animateure und gepanschte Cocktails haben.
„Ich hab‘ letztens an was denken müssen.“
„An was?“, fragt sie und schiebt sich ein Stück Baklava in den Mund. Sie kaut, stützt dann das Kinn auf ihre offene Hand. Sie trägt einen schwarzen Poncho und hat sich die Haare streng nach hinten gebunden.
„Ach“, mache ich. „Kannst du dich erinnern? Auf dem Drag in Austin? Damals, als wir Gurf besucht haben?“
„Ich erinnere mich …“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Ich drücke meinen Zeigefinger in den Zuckerguss und lecke ihn ab. „Die Gitarre da ….“
Sie sieht über meine Schulter und fasst sich mit den Fingern an die Wange, ganz kurz nur. „Das ist alles, an was du dich erinnerst, ja? An diese beschissene Gitarre?“ Ihre Züge werden hart; die Lippen zu Strichen. „Ist das dein Ernst?“
„Was, wieso?“
„Macht dir das eigentlich Spaß?“
„Was macht mir Spaß?“
„Dahinzugehen, wo es weh tut.“ Ihre Augen werden feucht, sie streicht sich mit dem Handrücken über das Gesicht, verschmiert dabei das Mascara ein wenig. „Gehst immer da hin, wo es am meisten weh tut.“
Ich lehne mich zurück und starre auf den Rest Espresso in meinem Becker. „Was soll ich denn jetzt sagen?“
Sie öffnet ihre Tasche und holt ein Tempo heraus. „Sag einfach nichts, sag einfach gar nichts mehr.“
Jemand lacht, und sie sieht mich an, und ich kenne diesen Blick. Sie schnäuzt in das Tempo und sagt: „Ich kann das nicht mehr.“ Sie sagt es leise, und ich will ihre Hand nehmen, aber sie zieht sie zurück und holt stattdessen einen kleinen Spiegel aus der Tasche. Ich sehe auf den Schatten, den meine ausgestreckte Hand auf der weißen, sauberen Tischplatte wirft. „Wenn ich hier raus bin“, sage ich, und sie hebt die Augenbrauen, nickt und klappt dann den Spiegel auf. „Bald sind acht Wochen um.“
„Vielleicht wäre es besser, wenn du an den Wochenenden nicht nach Hause kommst“, sagt sie. Sie faltet das Tempo zusammen und legt es auf den Tisch. „Vielleicht wäre das wirklich gut. Ich brauche was Abstand … .“ Ihr Blick gleitet zu einem Paar am Nebentisch, das sich schweigend gegenüber sitzt.
„Verstehe“, sage ich. „Ist ja noch was hin. Vielleicht sieht es dann anders aus.“
„Ja, vielleicht“, sagt sie. Sie will aufstehen, hat sich schon ein Stück vom Stuhl erhoben, überlegt es sich aber anders. Sie setzt sich wieder, sieht auf den Tisch, auf die Stelle, wo unsere Hände ineinander liegen sollten und wo jetzt das Tempo liegt.
„Ich weiß“, sage ich.

Es ist absolut ruhig, kein Auto, nichts. Ich sitze auf der Bank und rauche die dritte Zigarette. In den Gebäuden und im Park ist Rauchverbot – nur auf der Veranda ist es erlaubt. Ich warte ab, bis es ganz leer ist. Ich sitze seit einer halben Stunde hier. Dann geht die Schiebetür auf. Er begrüßt mich nicht, er setzt sich neben mich und sagt: „Die Schweine haben ’n Päckchen von mir aufgemacht – was ’n los mit denen? Sind die durch, oder was? Einfach aufmachen? Gibt’s da nich‘ so was, hier Postgeheimnis und so?“
„Die kontrollieren alles“, sage ich und zünde mir eine neue Zigarette an. „Wenn du in irgendeiner Gruppentherapie sitzt und da alles zum tausendsten Mal runterbetest, filzen die auch dein Zimmer. Die machen es so, dass du es gar nicht mitkriegst, die sind richtig gut. Und, lass es dir gesagt sein – die finden alles, die haben überall ihre Finger drin. Öffnen jedes beschissene Päckchen, das du bekommst, egal von wem, Mama, Papa. Ist doch klar, oder?“
„Ja, trotzdem Wichser“, sagt er und nickt. „Ey, haste mal ’ne Aktive für mich?“
Ich gebe ihm die Schachtel, und er nimmt sich eine Zigarette. Er zieht drei, vier Mal dran, hustet und sagt: „Ich weiß nicht, ey, echt ….“
„Bist ja erst ’n paar Tage hier.“
„Ja, aber trotzdem.“ Er sieht mich an und drückt die Zigarette dann im Standaschenbecher wieder aus. „Krieg‘ das auch alleine hin. Oder ambulant. Ich weiß nich‘, ob ich das hier aushalte.“
„Klar“, sage ich. „Wir kriegen das alle alleine hin.“
„Nee, ich mein‘ das echt Ernst.“
„Ja, ich meine das auch Ernst“, sage ich. Ich richtete mich auf und lege den Arm über die Banklehne. Das Holz ist kalt, ich schiebe meine Hand hin und her, fahre die Maserung nach, spüre kleine Splitter in der Oberfläche. „’n Freund von mir, der ist in die alte Heimat, in ’n kleines Dorf, irgendwo in Kroatien, da wo sein Opa lebt. Der hat sich sechs Wochen in den Keller eingeschlossen – in ’nem echten Loch, bei Wasser und Brot, so kann man das sagen, und der Alte, der hat rund um die Uhr die Tür bewacht, damit er nicht raus kann und sich was Sprit besorgt.“
„Und?“
„’s geht nich‘ ums Gift – dein Körper kann sauber sein, wie er will. ’s geht um das, was hier drin ist“, sage ich und tippe mir gegen die Stirn.
„Kennst‘ dich aus, wa?“, sagt er und grinst.
„Ja“, sage ich. „Aber das is‘ nix, worüber man lacht.“
„Is‘ ja schon gut.“
„Der Kumpel, der, der sich in Kroatien trockengelegt hat, der is‘ übrigens verreckt. Geht über die Straße, wird angefahren und denkt, ist nicht so schlimm, und stirbt zu Hause im Bett. Am gleichen Tag noch. Innere Blutungen.“
Er schüttelt den Kopf. „So ’ne Scheiße. Knall ich mich lieber voll und verrecke. Hatte ich wenigstens was von.“
„Was denn? Was haste denn dann gehabt?“
„Spaß.“
Ich ziehe ein letztes Mal an der Zigarette, der Filter wird ganz heiß. „Muss mal hier raus, ’ne Runde gehen, paar andere Gesichter sehen.“
„Alles klar.“
Ich stehe auf, streiche mir das Hemd glatt. „Kommste mit?“
„War das deine Ische – heute Nachmittag die?“ Er schlägt ein Bein über das andere und macht so eine Bewegung – nimmt die eine Schulter ein Stück hoch, dreht sich in die Hüfte und wieder zurück.
„Was?“, frage ich, und er lächelt knapp und sagt leise: „Schon gut.“
„Dich kommt ja nie einer besuchen ….“
„Ja“, sagt er, einen Moment passiert nichts, wir sehen uns nur in die Augen. „Was is‘ ’n jetzt – gehen wir, oder labern wir hier rum? Rumlabern können wir immer noch.“
„Brauchen ’n dritten Mann – und muss einer sein, der lange genug dabei is‘.“
„Du kennst doch hier jeden.“
„Ich kenn‘ da wen“, sage ich. „Lass mich mal machen.“

Der Tischtennismann geht im Stechschritt vor.
„Was’n mit dem los?“
Ich zucke mit der Schulter. „Keine Ahnung, lass den mal, die 35er sind alle was seltsam.“
„Leute“, sagt der Tischtennismann. „Hatte ich echt ’n Lauf. Von der 5 hab‘ ich ja alle geputzt, jetzt wichs‘ ich die vonner 3 weg – die Pisser da, die können alle nix. Sagt der Dachdecker doch, hier, hömma, du nich‘ mehr beim Turnier, weil von wegen ich soll auch ma‘ die anderen gewinnen lassen. Ich sach‘ dem: Wat is‘, so ’ne Scheiße, dat kannste dir aber inne‘ Haare schmieren, dat müssen die eben abkönnen, wenn ich die abzieh‘ – ich meine, so isset doch auch im echten Leben, oder? Oder nich‘?“
„So isset“, sage ich. Der Kleine nickt, ich sehe, wie er den Kopf zur Seite nimmt und grinst. Der Tischtennismann dreht auf, ist schnell fünf, dann zehn Meter vor uns und bleibt an der nächsten Kreuzung stehen.
„Wie heißt du eigentlich?“, frage ich und berühre den Kleinen kurz am Arm.
Er schubst mich leicht. „Warum willst’n das jetzt wissen, ey, ich meine jetzt …?“
„Heißt du Hans oder was?“
Er lacht und schüttelt den Kopf. „Ich heiße Benjamin.“
„Benjamin“, wiederhole ich. Hinter der Kreuzung beginnt der Park, die Bäume kahl, das Licht schmerzt in den Augen. Wir gehen weiter, jeder Schritt macht ein Geräusch im feuchten Schotter. Ich drehe mich um und sehe, wie kleine, braune Pfützen in unseren Fußabdrücken entstehen, und wie die Abdrücke langsam wieder verschwinden, als seien sie nie dagewesen.
„Was’n los, Mann?“, fragt er und bückt sich, um mir ins Gesicht sehen zu können.
„Nix“, sage ich, aber er lacht, so ganz kurz und hart, er lacht, als wüsste er genau, worum es geht.

An der Kreuzung wartete der Tischtennismann. „Wat macht ihr denn da? Hier rumturteln is‘ nich‘, ja?“
Benjamin sieht mich aus den Augenwinkeln an und fährt sich mit der Hand übers Kinn.
„Ach was, Rumturteln, du Spinner!“, mache ich und winke ab. „Sachma lieber, wofür de eingefahren bist.“
Er stützt sich an der Ampel ab, sieht in den Gulli und drückt dann wie wild auf den Warteknopf. „Im Kino geraucht, wie alle. Weißte doch, kennste doch. Immer dieselbe Scheiße. Oder? Oder nich‘?“

Wir gehen nebeneinander auf dem Bürgersteig; ein Säufer, eine Tunte, ein Knacki. Im Tal liegt die Stadt: bunte Lichter im Nebel, Hochhäuser, graue Ladenzeilen, schmuddelige Einkaufspassagen, die wie riesige, ungepflegte Gräber wirken, über allem eine Glocke aus Abgasen. Fata Morgana und surrealer Rausch. Wir nehmen schweigend einen Fuß vor den anderen. Vor dem Türken bleiben wir stehen, ich sehe in die Auslage; Äpfel, Bananen, Avocados, das alles eine entfernte Erinnerung – Geruch, Geschmack. Pfirsiche im Sommer, weich und süß und glitschig, dann die Sonne, die im Nacken brennt, die Bienen, die brummend in halbvollen Limonadegläsern ersaufen.

Hinter der Scheibe ein Dönerspieß, das Fleisch noch roh. Weiter durch Regale mit CDs und dem Elektrokram.
„Meinste, die haben auch Kuschelrock?“, sagt Benjamin.
„Keine Ahnung. Was weiß ich.“
„Gehen wir rein und checken das mal.“ Er schubst mich wieder, diesmal leichter.
„Ham‘ die wat zu fressen da drin?“, fragt der Tischtennismann. „Kann auf den Fraß da nich‘ mehr, is‘ besser wie drin – aber ich sach‘, wie et is‘ – is‘ immer noch beschissen, ganz beschissen, der Fraß treibt ’nem Toten die Würmer aus’m Sack.“

Im Laden riecht es nach allem Möglichen – Seife, Gewürzen, Schweiß. Der Türke hockt vor einem der Regale und sortiert Ware ein. Er nickt kurz, als er uns sieht.
„Hier, Meister“, sagt der Tischtennismann. „Wie isset mit wat Gyros – kannste machen?“
Der Türke stellt eine Dose in das Regal und kommt dann hoch, seine Gelenke knacken dabei. Er hat ein großen Leberfleck auf der Wange, das ist mir schon beim letzten Mal aufgefallen, und die Augenbrauen sind zusammengewachsen, ein Balken dichtes, schwarzes Haar. Mein Alter sagte früher immer, zusammengewachsene Augenbrauen, das bedeutet, dass du mal ins Kittchen wanderst.
„Mit scharf und allem?“ Der Tischtennismann schiebt die Lippe nach vorne; seine Augenbrauen sind nicht zusammengewachsen.
„Ja, is‘ kein Problem, ja“, sagt der Türke. „Mach‘ ich mit scharf. Kommst du vorne.“
Ich gehe an ihm und dem Kühlschrank vorbei, in dem das eiskalte Bier steht, ich sehe nicht hin, ich weiß es ja. Mein Mund ist trocken, das ist nur das Gehirn mit seinen Spielchen, aber verdammt noch mal! – ich schmecke es, kühl und ganz weich, wie es auf meiner Zunge perlt, dann spüre ich den Alkohol, und wie er mir langsam in den Kopf steigt, wie ich meine Augen schließe, den Kopf in den Nacken lege, ein Schluck, noch einer, noch einer, und noch einer …
„Tatsache“, sagt Benjamin. „Kuschelrock.“
Ich nehme ihm die gebrauchte Doppel-CD aus den Händen. „Meine Fresse“, sage ich. „Fühle ich mich gleich zehn Jahre älter … “
Er sieht mich stirnrunzelnd an. „Das is‘ keine Kuschelrock. Hab‘ dich nur verarscht.“
„Ich weiß“, sage ich. Er kommt ganz nah, ich kann seinen Atem riechen, und für einen Moment denke ich, er will mich küssen. Benjamin, dieser schöne, schmale Junge, Benjamin mit den einstudierten Bewegungen und dem runden Mädchenarsch – ein kleiner Schwanzlutscher, nichts weiter, ich sehe das richtig vor mir, wie er im Hühnerfranz an der Theke sitzt und an einem Kölsch-Cola nippt, das so aussieht, als hätte jemand reingepisst. Auf Kunden wartet er natürlich – alte, fette Typen, die so tun, als sei er so was wie ihr jüngerer Bruder, und das alles sei total unkompliziert und nicht die letzte Scheiße. Paar mehr Bier, ein Schwatz, dies-das, dann geht er irgendwo auf die Knie; unter einer der Rheinbrücken, im Jugendpark, auf einer stinkenden Toilette, in einer Tiefgarage vor einem Auto. Bisschen Kehle anfeuchten zwanzig Euro, dreißig mit Schlucken, Versilbern ’n Fuffi, Schlammschieben geht auch klar, aber dann nur mit Aufpreis, und aufs Zimmer komm ich auch, ich kenn‘ ’n Stundenhotel am HBF, hab’n auch Spiegelzimmer und Gummis gibt’s da umsonst.
„Benjamin“, sage ich, und er sieht mich mit diesen großen, dunklen Augen an und nimmt mir die CD aus der Hand.
„Schon gut“, sagt er. „Bin ja nicht blöd.“
„Okay“, sage ich. „Okay.“

Im Park holt er mich ein. „Hey“, sagt er und hält mich an der Schulter fest. „Alles gut? Alles okay bei dir?“
„Ja“, sage ich. „Geht schon.“
„Sicher? Siehst‘ ziemlich scheiße aus.“
„Kommst auch noch dahinter.“
„Was’n los mit dir?“
„Verpiss dich“, sage ich. „Hau einfach ab.“
„Ey, was … ich dachte ….“
„Lass mich in Ruhe, ja? Sonst schlag ich dir eins in deine Schnauze, alles klar? Kriegste gleich ’n Gong, kannste dumm gucken, wie de willst!“
Da stimmt was nicht, Blut an meinen Händen, Puls im Hals, ich muss kotzen, aber nix kommt, der Kleine liegt da im Dreck, Kopf auf, und wie er mich ansieht, mit Augen voller Tränen, ich halte das nicht aus!, ich schreie ihn an, „Ich hab’s dir gesagt, ich hab’s dir ja gesagt!“, das alles macht mich müde, so müde, ich stehe auf und gehe, der Weg zurück ist lang, endlos lang.

Tagelang nichts. Gruppengespräche. Gespräche. Reden. Zerreden. Ich schweige. Tausend Wörter für nur eine Sache. Die meisten sieht man wieder. Im nächsten Rattenbau. In der Gosse. Im Grab. Gläser klirren, Gläser werden klirren. Wir lügen. Wir lügen gut. Am Ende glauben wir uns selbst. Tage, die Tage vergisst man. Die Nächte nicht. Die Nächte nie. Wachliegen, das Wachliegen, Halbschlaf ganz ohne Traum, keine Möglichkeit, zu entkommen. Wichsen, wichsen bis kein Tropfen mehr kommt. Das Bleiben bleischwer. Weitermachen.

Das erste Wochenende zu Hause. Wir warten vor einer roten Ampel, es läuft ein Song von Whiskytown. Well traveling to the point, that I can’t stop it, get so familiar. Ich zünde mir eine von ihren Marlboro an. Sie sieht kurz zu mir rüber und lächelt. Die Ampel springt auf Grün. Es ist Freitagnachmittag, Fünf-Uhr-Verkehr, alles stockt. Ich sehe aus dem Seitenfenster, die Brücke kommt näher, die grauen, leeren Fabrikhallen, der Turm und die Wiesen, braun, abgegrast. Die Spielplätze aus schäbigem Plastik, hier hat alles angefangen hat, im Mondlicht, in der Dämmerung, mit ein paar harmlosen Dosen Reißdorf und süßem Genever.
„Ich weiß es“, sage ich und lege meine Hand auf ihren Schenkel. Sie setzt den Blinker, sieht noch einmal zu mir herüber, gibt ein wenig mehr Gas. „Was weißt du?“
„Naja, in der Nacht, in dieser … Nacht damals ….“
„Spielt keine Rolle mehr“, sagt sie. „Spielt alles keine Rolle mehr. Bist hier. Bist jetzt hier. Das zählt, nur das zählt.“ Sie nimmt eine Hand vom Lenker und legt sie auf meine. „Oder?“ Ihre Hand ist kalt und so klein, wie sie da auf meiner liegt.
„Ja“, sage ich. „Diesmal wird alles gut.“
Sie fährt mit einer Hand am Lenkrad, lässt die andere in meiner liegen. Über die Brücke, vorbei am HUMA, die 66 hält gerade in diesem Moment, Station Markt, alles hell erleuchtet, Bremsen quietschen, ich höre sie durch die geschlossenen Fenster, den Fahrtwind und die Motorgeräusche hindurch.
„In die Schnäuzerdiele – bist du dir sicher?“
Ich nicke. „So, direkt volle Pulle.“
Sie biegt links ab, und ganz am Ende der Straße, in einer schmutzigen Nische zwischen Garagen und Wohnpark, da sehe ich die Lichter der Neonreklame. Sie fährt einmal um den Kreisverkehr und parkt auf dem Parkplatz des NETTO gegenüber, neben einer langen Schlange Einkaufswagen. Auf einer Mauer vor dem Eingang stehen drei leere Flaschen Peters Kölsch. Sie beugt sich nach vorne, Kinn fast am Lenkrad, und schließt die Augen. Dann macht sie den Motor aus und zieht den Schlüssel ab.
„Musst nicht auf mich warten“, sage ich. „Ich muss das alleine durchziehen. Wenn nich‘ das, ja, was ….“
„Was dann?“, fragt sie.
Ich sehe auf meine Hände, auf den Dreck unter meinen Fingernägeln. „Pack ich“, sage ich. „Ich pack‘ das schon.“
„Okay“, sagt sie leise, „okay.“ Sie beugt sich zu mir, drückt mir einen Kuss auf die Wange, und das Geräusch, das ihre Lippen dabei machen, ist ganz nah an meinem Ohr, ganz nah bei mir, vielleicht war sie mir noch sie nahe.

Ich gehe, ich drehe mich noch einmal um, sie sitzt noch da, hinter dem Steuer, sie sieht ganz klein und grau aus. Schnäuzerdiele. Old Grand Dad mit Thomas Henry spicy ginger und zwei Eiswürfeln. Bitte immer doppelt, ja? Bier für die Musiker? Musiker-Barbusiker. Kasten Becks backstage im Kühlie, eiskalt. Eine Kapelle karrt die backline aus einem schäbigen Van; Marshall stacks, Ampeg-Trümmer, Gitarrenkoffer, Mischpulte, eine kleine P.A. Die Jungs sehen ziemlich abgerissen aus – ninety days on the road is what I need, when my axe cuts me deep, I let it bleed. Durch den schmalen, dunklen Schlauch in den Laden, es stinkt nach Pisse und aufgeweichtem Papier. Mir wird flau im Magen. Es ist, als übernehme jemand die Kontrolle über meinen Geist, kaum dass ich den Schuppen betrete. Achtung, die Körperfresser kommen!

Der dicke Uwe steht hinter der Theke, ich sehe seinen Hinterkopf im Spiegel, der über der Bar hängt. Aber zuerst sehe ich die Sachen, die richtig Zunder haben – wie sich das Licht in den Flaschen bricht, wie in mir etwas bricht.
„Jimmy“, sagt Uwe und legt seine Hände auf den Tresen. „Bist was früh dran, bauen erst auf, die Jungs.“
Ich winke ab. „Wer is’n das überhaupt?“
Er zuckt mit den Schultern. „Kommen aus Münster. 77′ Punkrock machen die – sagen se jedenfalls.“
„Ja“, sage ich. „So sehen se auch aus. Stiv Bators mit Föhnfrisur und Bausparvertrag.“
Wir lachen.
„Hast dich rar gemacht“, sagt Uwe dann.
„Kennst‘ das doch – mal hier, mal da. War bisschen beim Wolfgang, hab‘ dem mit ’n paar Aufnahmen geholfen.“
Er nickt. „Oben in Schladern?“
„Bei den Hillbillies, ganz genau, ja.“
„Mike war letztens hier“, sagte Uwe und zeigt auf die Bühne, die noch ganz ohne Licht im Dunkeln liegt. „War auf Durchreise. Hatte paar Gigs in Berlin, ist wohl gut gelaufen. Hat ’n kleines Hauskonzert gegeben. Hat ja auch ’ne neue Scheibe.“
„Ich weiß“, sage ich.
„Wolfgang hat da Buzuki auf ’nem Song gespielt – hat er mir jedenfalls erzählt. Gutes Ding, mein‘ ich.“
Er sieht mich an, und ich setze mich auf den Hocker und frage: „Machste schon was zum Trinken?“
„Klar, für dich immer. Was kriegste denn?“
„Was hat ich denn beim letzten Mal?“
Er grinst und sagt: „Ich weiß schon Bescheid, Jimmy.“

Der Rausch ist zeitlos und vollkommen. Sagt die Muse. Sage ich. Uwe stellt das Glas vor mich hin, ein doppelter Whiskey-Ginger Ale, die Eiswürfel schwimmen oben, sie sind perfekt, ohne Blasen, ohne Kratzer, wie gefrorenes Glas, und dann, wie das duftet … Da passiert etwas in mir, Synapsen kochen und brennen, das spüre ich, Nadelstiche direkt unter der Kopfhaut … Sie dürfen es trinken, sagt der Dachdecker und schiebt sich die Brille wieder auf seine Nase, Sie dürfen trinken, Herr Kraus, wir besprechen das dann in der Gruppe, in der Runde, was Sie damit verbinden, und warum, ja?, warum Sie nicht anders konnten, also das ist ja sehr wichtig, und dass Sie das auch erfahren, die Gründe, und über sich selbst erfahren auch – und Sie müssen sagen, müssen es ja nur sagen, wenn Sie getrunken haben, wenn Sie nicht mehr widerstehen konnten, keine Bestrafung!, Sie müssen das nur mitteilen. Ansonsten, ja, ansonsten bleiben Sie einfach sitzen, einfach davor sitzen, vor ihrem Getränk, sagen wir – eine halbe Stunde?

Ich stehe vor dem Pissoir, halte meinen Schwanz in der Hand und bin wieder sechzehn, eigentlich liege ich auf der Brücke vorm SIEGWERK, eine Flasche Genever in der Hand, natürlich fast leer, man hat ja einen Ruf zu verteidigen!, und ich sehe in den Sternenhimmel und weiß, nichts und niemand kann mir etwas anhaben … und in dieser einen Nacht in Austin, da hab‘ ich ihr eine verpasst, voll aufs Auge, ich weiß gar nicht mehr warum, jedenfalls war das später, viel später, im Motelzimmer war das – billige Absteige, Ausfallstraße, Kakerlaken auf dem Fußboden – und ich war wütend, wegen einer Kleinigkeit wahrscheinlich, und dann habe ich die Fensterscheiben eingeschlagen, mit einem einem Stuhl aus rotem Plastik, ich erinnere mich ganz genau, und sie, sie hat geweint, und was habe ich getan? Ich habe gelacht, laut gelacht, weil der Rausch vollkommen ist, weil er zeitlos ist, das sagt die Muse, und das sage auch ich, zeitlos und vollkommen, vollkommen und … ich habe immer Recht, und die Muse sowieso, also Schnauze jetzt! Fresse im Spiegel, diese Fresse – die kenne ich, die kenne ich von früher – „Dich kenne ich von früher!“ will ich sagen, will ich schreien, dich werde ich immer kennen, du verdammte Drecksau, diese Fresse geht mit, die verfolgt mich bis ins Grab. Auf die Kacheln über dem Spiegel hat jemand mit schwarzem Edding geschrieben: You’re a beautiful loser, too!, und das ist ja die Wahrheit!, dieses Bild, nichts als die reine Wahrheit, so viel Erkenntnis, das könnte auch ich selbst geschrieben haben, das denke ich, und vielleicht habe ich das ja auch geschrieben und kann mich jetzt nur nicht mehr dran erinnern, so wie ich mich an so vieles nicht mehr erinnern kann – egal, die Band legt los, und ich höre wie jemand anzählt, Drumsticks, eins zwei drei vier, 77′ Punkrock, Geschrammel, aber egal, Mucke ist Mucke, und wenn der Geschmack erst einmal an den Lippen ist … niemand von euch hat ja eine Ahnung! ’n halbe Stunde, dieser Pisser, soll der sich mal ’ne halbe Stunde vor sein Gift setzen, und alles in dir schreit danach, du wägst ab, Chaos, Rausch, die Muse flüstert in dein Ohr, und das Flüstern wird immer lauter, und du siehst über den Rand des Glases hinweg in die Unendlichkeit, aber das geht nicht ewig so, also Handvoll Erdnüsse, du kaust extra langsam, und eine Handvoll später siehst du nur noch auf die Eiswürfel, diese perfekten Eiswürfel, die sich ganz langsam auflösen, bis der Pegel im Glas steigt, und du weißt, es ist jetzt kalt, es ist jetzt eiskalt – das Getränk, vor dem du eine halbe Stunde sitzen sollst, einfach so, ohne es anzurühren, es anglotzen wie eine Mattscheibe. Und dann?

Ich gehe den Gang entlang, Auflauf vor einem der Zimmer, Pfleger und Personal, die Tür steht weit offen.
„Hier gibt’s nix zu sehen“, schreit einer der Pfleger, ein kleiner, dicker, und ein anderer schreit: „Verdammt noch mal, lass jetzt, ist gut, ist ja gut jetzt!“
Benjamin liegt auf dem Boden, das Gesicht blutig, die Brust nackt, Augen weit aufgerissen, zurück in die Höhlen gedreht – ich kann nur das Weiß erkennen. Ein Pfleger sitzt auf ihm und drückt ihm die Knie in den Rücken, aber da ist nichts mehr, kein Aufbäumen. Alles ist schon passiert, die Kraft aufgebraucht. Jemand neben mir hält sich die Hand vor den Mund und würgt. Scheiße tropft von den Wänden, eine Handbreit klebt über dem Bett, dunkel wie Teer. „Gibt nix zu sehen!“ Der Pfleger schmeißt die Tür zu, aber ich höre ihn immer noch schreien, und dann dumpfes Poltern, etwas fällt zu Boden.

Der Tischtennismann fasst mich am Ellenbogen an. „Samma, hier, den? Den kennen wa doch auch, oder?“
„Nein“, sage ich. „Kenn‘ ich nicht.“
Er hält sich die Hand an den Kopf und formt eine Pistole. „Is‘ durch. Hat ’n Koller. Erste Mal, nech. Sind die ja schnell von ’n Schienen, die Bengel, imma, regelmässig, sag ich dir.“
Ich bleibe stehen, sehe ihn an und nicke. „Soll ’n war wat Tischtennis spielen?“
Er öffnet den Mund, sieht zurück in den Gang, immer noch die Pfleger, immer noch Tumult. Dann lächelt er, streicht sich über den Tablettenbauch und sagt: „Sicha, hömma, bin doch ’n Ass. Wie früher.“
„Wie früher“, wiederhole ich.

In den Augen des Champs

Ist kleiner geworden.
Fast auf Augenhöhe bin ich jetzt –
mit dem Champ.
Und hat sich die Nase machen lassen.
Konnte nich mehr atmen, sagt er

Er trinkt ein paar Schlucke
Multi-Vitaminsaft, kippt dann
den Vodka in die Plastikflasche
Frühstück, sagt er

Da ist was Gelbes in seinen Augen
Manche sagen ja, er hätt‘ nicht mehr lang
Sonny Liston steck ich mir immer noch
inne‘ Hosentasche, sagt er

Wann war das? Bottrop 97′
zweite Runde kam der Hammer, einer sagte noch:
Der ist aber ’n Metzger –
fiel wie ’n nasser Sack, der andere

Danach hab‘ ich ja einiges gesehen vom Champ,
Knock outs, und auch ’ne Menge Koks auf’m Tisch
manchmal kommt’s Licht
manchmal eben die Dunkelheit

Bevor du was sagst, denkt an die Schläge,
an die Cuts, an den Geschmack von Blut
in deinem Mund, an die Schmerzen,
die du nicht kennst

Und auch an das, was wirklich zählt:
Das Stehenbleiben. Den Moment in der Ringecke,
in dem du nickst, den nassen Schwamm auf
deinem Kopf spürst, weitermachst, als sei nichts

Für was kämpfen wir?
Der Champ hat Ringe unter den Augen
Er war mal in Hamburg und in Berlin
jetzt fragt er mich nach ’nem Heiermann

Ich sage: Nein!
Und gebe der Klofrau dann doch einen Zehner
Für was zu essen, sage ich
nicht alles für Sprit

Sie lächelt, nimmt den Schein
und für eine Sekunde sehe ich den Blitz
in den Augen des Champs,
und denke mir nichts dabei

Wotschofska

Spreewald. by Niels Parthey


 

Wir reden kaum. Das Wasser ist nicht tief. Blaue Libellen kommen an das Boot, wir hören sie erst im letzten Moment. Wir vertreiben sie, bis sie wieder im Schilf verschwinden.

Unsere Bewegungen ungestüm. Das Paddel wird schwerer. Wir sind nicht weit gekommen. Eine tote Ratte treibt an uns vorbei. Weiden und Erlen säumen das Ufer. In ihrem Schatten ist es kühl. Äste hängen bis ins Wasser.

Wir nehmen einen Schluck aus dem Flachmann. Die Fließe werden schmaler, das Wasser aufgewühlter. In die Dunkelheit. In das Unbekannte. Das flache Land verborgen.

Wir hören Lachen. Klirrende Gläser. Musik. Zwei Mädchen sitzen auf Baumstümpfen, Füße im Wasser. Wie Gespenster gleiten wir an ihnen vorbei. Wir werden nicht gesehen. Wir sehen uns nicht um.

Ein letzter Rest

Vögel in Formation, ein schwarzes V am Rand der Wolken; gen Süden, noch ist da Sonne, aber die grauen Tage schleichen sich bereits in die Gedanken ein; wir ahnen den Regen, sehen ihn an Fensterscheiben, hören ihn auf Dächern.

Wir sehen auch uns: in zu vollen U-Bahnen, auf lauten Straßen, an Tischen mit Frau und Kind, mit Fremden – eingenommen vom Gestank, den Pfützen, in die wir treten; den Kopfschmerzen vom Lärm der Motoren, Maschinen; den Magenschmerzen vom hastig verschlungenen Fraß, von zu viel zermahlenen Knochen. Wir taumeln der Einsamkeit in überheizten Zimmern entgegen.

Die Träume narkotisches Flackern, Blitze zwischen Erwachen, Bewusstlosigkeit, dem freien Fall; Fußabdrücke im feuchten Sand; kalte Waldluft brennt in den Lungen; das Angesicht spiegelt sich im tiefen Schwarz eines Tierauges. Noch ist da Sonne; ein letzter Rest der Sehnsucht nach den Dingen, die wir hätten tun können.

Russigmühle

Schluchten, deren Grund wir nicht sehen
wir ahnen das Verborgene
Äste brechen wie Knochen
Trameten befallen Totholz
Silbernes Licht bricht sich in Baumkronen
Schwarzbier aus Krügen

Am Engk vun d’r wiesse Ling

Ich war seit ein paar Wochen aus dem Eschenberg Wildpark raus und hatte gedacht, diesmal bleibe ich weg vom Saft, aber es kroch in mir hoch wie schlechter Atem. Vor Jahren hatte mir ein stationärer 35er gesagt, er setze sich in Bewegung, wenn der Saufdruck kommt. Weglaufen vor dem ersten Schluck. Wenn es einmal an den Lippen ist … Kannst nicht immer mit Flacker in den Pfoten rumsitzen, die Wand anstarren, tote Fliegen zählen. Dein Gehirn schiebt dir die alte floppy disc rein – und da ist noch alles drauf, jeder süße Nektar, von dem du gekostet hast, das volle Programm.

Meine Mutter saß in der Küche, auf dem Tisch der Stadtanzeiger und eine Tasse Kaffee. Sie drehte sich um, zuckte mit der Schulter und sagte: „Ach, ich seh‘ nur was aus dem Fenster.“
Ich nahm eine Zigarette aus ihrer Schachtel, sie rauchte Peer 100.
„Mach das manchmal auch, Leute beobachten“, sagte ich, obwohl das nicht stimmte. In letzter Zeit starrte sie für meinen Geschmack zu oft aus dem Fenster, außerdem übertrieb sie es mit dem Melissengeist. Ich sah die Flaschen nie, die hielt sie in ihrem Schmuckschränkchen unter Verschluss. Damit ich nicht erst auf Gedanken kam, schloss sie die Schlafzimmertür ab, auch wenn sie Zigaretten vom Büdchen gegenüber holte. Sie dachte mit, wie das Mütter tun, aber in ihrem Atem roch ich die Dosis, die sie jeden Morgen löffelte.
Sie sah mich an. „Was möchtest du von mir.“
„Den Wagen.“
„Wofür brauchste den Wagen?“
„Was durch die Gegend fahren. Nur so.“
„Nur so?“
„Bisschen auf andere Gedanken kommen. Ich geh kaputt, wenn ich immer in dem Zimmer rumhäng‘.“
Sie sagte: „Wie lange willst du noch bleiben?“
„’ne Woche“, sagte ich. „Dann wird’s schon gehen.“
Sie nickte. „Schlüssel hängt im Flur. Und hier!“, sie machte eine Pause, „du weißt, was ich meine, ne?“
„Nee, was denn?“
„Nich auf dumme Gedanken kommen, ja?“
„Könnt‘ mir was beim Büdchen auf der Kaldauer holen, dafür brauch ich kein Auto.“
„Ich mein‘ ja nur.“
„Bin ich mit fertig, endgültig“, sagte ich, und sie nickte, aber ich wusste, wie das gemeint war.
„Ach“, sagte sie. „Lupo hat angerufen. Wegen der Stelle da bei Lüghausen.“
„Hat er was gesagt?“
„Du sollst ihn zurückrufen.“ Sie hob die Augenbrauen. „Und Frau Gaspary hat angerufen.“
„Wer?“
„Frau Gaspary.“
„Ach so, die, ja? Was wollte die?“
„Weißt du ganz genau.“
Ich sagte: „Klar, ich ruf sie zurück.“

Die Kiste von meiner Mutter war ein Corsa A, Baujahr 1992. Zwanzig Jahre alt, knapp sechzigtausend runter. Hat sie einem Rentner abgekauft, der kurz danach gestorben ist. Der Corsa roch neu, das lag an dem Duftbaum, der am Rückspiegel hing.

Der 35er, der mir den Ratschlag gegeben hatte, war ein polytoxikomaner Typ namens Torben. Zweiundzwanzig, siebenmal chemisch gereinigt. Einmal war er um den Knast gekommen, dann hat er eine Reststrafe in LZT umgewandelt gekriegt. Im Wildpark waren die 35er vor allem bei den Spritfressern auf Station gefürchtet, weil sie sich zusammenrotteten und in Gruppen auf den Gängen rumstanden. Das verbreite eine bedrohliche Atmosphäre meinten die Schluckis, selber alles Hemdchen.

Daran dachte ich, als ich am Bonner Loch vorbeifuhr, und dass einer wie Torben das niemals los wird. Dieses Verlangen wird man nicht los. Ich war immer für die Verdopplung und nie jemand, der sich dosiert hat. Aber eigentlich dachte ich nicht an Torben, das sage ich jetzt nur so.

An der Stiftsgarage kaufte ich eine Schachtel Marlboro und eine Halbliterflasche Coke light. Was ich trank, musste eiskalt sein, sonst kriegte ich es nicht runter. Ich prüfte zehn Flaschen, bevor ich eine aus dem Kühlfach nahm. Der Typ hinter der Kasse guckte schon komisch. Und als ich am Bertha-von-Suttner Platz vorbei war, musste ich mich konzentrieren. In den nächsten Kiosk, was an die Lippen hängen – Vollgas, denn wenn du einmal am Ende der weißen Linie warst, geht nur das.

Gerhardt-Domagk-Straße. Früher standen hier Nutten und boten ihre heroinverseuchten Körper feil. Ich habe mal eine mit Geschwüren am Arsch gefickt, in den Büschen direkt hinter einem der Universitätsgebäude. Danach erzählte sie mir die alte Leier, dass sie als Kind vom Pferd gefallen sei und ach ja – der Unfall, die Schmerzen, das hätte sie an die Pumpe gebracht.

Ich hielt auf dem Parkplatz von REWE, schraubte die Flasche auf und zündete mir eine Zigarette an. Frau Caspary. Das letzte Mal habe ich vier Monate auf einen Therapieplatz gewartet. Nach der Entgiftung sitzt du da, kannst nichts mit dir anfangen. Wirst jeck im Kopf. Irgendwann rennst du nicht mehr dahin. Die hat ja keinen Peil, wie das ist – auf’m Trockendock und nichts zu tun. Da wirste dir selber Ohr und Mund. Die sitzt halt hinterm Schreibtisch und nicht davor.

Sie war jung. Keine Zwanzig. Sie lehnte sich ins offene Seitenfenster. „Kannste mich mitnehmen?“
„Was?“
„Mitnehmen.“
„Wohin mitnehmen?“
„In die Stadt.“
„Hier ist die Stadt.“
Sie nickte und sagte: „Irgendwohin halt.“
„Hast du dir was reingezogen?“
„Nein“, sagte sie, sie hob das Shirt an und zeigte die Armbeugen. „Ich nehme keine Drogen oder so.“
„Ich kann dich nicht mitnehmen.“
„Komm, bitte.“
„Nein.“
„Wieso nicht?“
„Geht dich ’n Scheißdreck an.“
„Bin von zu Hause abgehauen, ja? So sieht’s aus.“
„Abgehauen“, wiederholte ich. „Ist nicht meine Sache, wenn du abgehauen bist, das ist dein Scheißproblem.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nur was durch die Gegend fahren.“
„Durch die Gegend fahren … An der nächsten Ampel willste ’n Zwanni für französisch ohne, ich kenn‘ euch doch.“
„Seh‘ ich so aus als würd ich anschaffen?“
„Kannst den Leuten immer nur bis vor die Stirn gucken.“
Sie sagte: „Haste ’n bisschen was Geld?“
„Sehe ich so aus als hätte ich was zu verschenken?“
„Hab seit zwei Tagen nichts gegessen“, sagte sie.

Ich hatte die Schnauze voll von diesen Lügen, es waren ja immer dieselben. Jeder erzählt seine Wahrheit, und nur daran glaubt er auch, und deswegen ändert man sich nicht, niemals. Aber ich bin kein ganz schlechter Mensch.

„Kannst ’n Schluck von meiner Coke haben.“
Sie grinste und sagte: „Is ’n Anfang.“
Ich reichte ihr die Flasche aus dem Fenster.
„Haste auch ’ne Kippe?“
Ich holte eine aus der Schachtel und hielt sie ihr hin. „Was treibste dich hier rum?“
Sie zuckte mit der Schulter. „Wollt was im REWE klauen“, sagte sie und beugte sich weiter durchs Fenster. Sie roch nach einem billigen Duschgel für Männer. Ihr Make-Up bröckelte. „Die Ladendetektive da ham‘ nix drauf. Nich‘ dass du das Falsche denkst oder so – ich kauf‘ immer was, also wenn ich die Kohle hab. ’ne Dose Cola oder ’n Schokoriegel. So ist es nicht nur Klauen. Ich nenn‘ es klaufen.“
„Klaufen?“
„Ja, ’ne Mischung aus klauen und kaufen.“
„Und was haste geklauft?“
„Zu voll der Laden, alle am gucken, und ich hab‘ ja auch kein Geld.“
Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und nahm sich noch eine Zigarette aus meiner Schachtel.
„Kannst fragen.“
„Jaja, sorry.“
„Davon kann ich mir aber keine neuen Kippen kaufen, von deinem sorry.“
„Klingst wie mein Alter“, sagte sie. Sie sah aus dem Seitenfenster, machte Kringel aus Rauch.
„Wie lange biste unterwegs?“
Sie zuckte mit den Schultern und zog an der Zigarette. „Paar Wochen.“
„Platte?“
„Hab bei Freunden gepennt, ging aber nich‘ mehr.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wurde richtig asozial. Alle Pillen am poppen, rosa Paste, die Bude total verdreckt, so ekelhaft. Und der eine, Marco hieß der, der wollte mich die ganze Zeit flachlegen. Sagt der, er hätt‘ noch nie ’ne Frau gefickt mit ’nem so schmalen Becken. Einmal hat er es probiert, als ich kurz vorm Einpennen war. Der hat aber auch hundert Löcher im Hirn vom vielen Ballern.“
Ich sah sie an. „Warum erzählst du mir das?“
Sie kurbelte das Seitenfenster runter und schmiss die Zigarette raus. „Die alten Säcke springen immer drauf an. Schon ganz schön krasse Scheiße sag ich dir.“
Ich griff nach ihrem Arm und sagte: „Mach das du rauskommst.“
„Nein, ich blas‘ dir auch einen“, sagte sie und legte ihre Hand auf meinen Schenkel. „Komm, wir fahren auf den Parkplatz bei KNAUBER, da ist jetzt keiner mehr.“
„Verpiss dich endlich.“

Ich sah in den Rückspiegel, wie sie da am Straßenrand stand, und musste an Torben denken. Das letzte Mal hatte ich ihn im Don Bosco Haus gesehen. Wie lange war das her? Ein Jahr? Das stellte ich mir vor: Wie er tot im Bett liegt, das Gesicht ruhig, schön, die Haut ganz hell. Das Gesicht eines Toten, mit kalten Augen, und ganz allmählich wurde daraus mein eigenes Gesicht.

Über die 560 fuhr ich zurück und parkte an der Mundorf-Tankstelle. Das Don Bosco Haus lag gegenüber, unauffällig in zweiter Reihe. Auf den Treppen saßen zwei Typen und rauchten, ich sah von ihnen zuerst nur die Umrisse. Das Licht des Bewegungsmelder ging an. Einer hielt zwei Tortenböden in der Hand, sein Gesicht war knallrot, durchzogen von feinen Adern.
Ich nickte ihm zu. „Wohnt der Torben noch hier?“
„Torben kennt auch jeder, wa?“, sagte er und grinste.
„Ist der da?“
„Nee“, sagte der andere. „Kennst doch Torbens Leibgericht.“
„Isser‘ wieder eingefahren?“
„Das nich‘, aber auf Rolle.“
Der mit den Tortenböden sah mich an und sagte: „Haste was Kleingeld?“
„Nein“, sagte ich. „Bin geputzt.“
„Sagste nur so.“
„Wo find‘ ich den Torben?“
„Wenn de ma wat Schleck rüberwachsen lässt – hätt‘ ich wat Rotwein, paar Aktive würd‘ et mir besser gehen.“
„Bin blank“, sagte ich. Es wurde dunkel, der mit dem roten Gesicht hob die beiden Tortenböden hoch und wedelte damit herum, bis das Licht wieder anging.
„Der lebt mit seiner Alten in der Villa“, sagte er. „Weißte, wo das is‘?“
„Ich weiß, wo das is‘.“
„Biste auch so ’n Druffi wie der? Willste wat von dem kaufen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich nehm‘ nix mehr.“
„Sagense alle. Und dann ziehen se sich doch immer wieder et Jäckchen an und tun sich alles rein, wat se in die Finger kriegen.“
Ich sah die beiden für einen Moment an. Der mit den Tortenböden nickte und sagte: „Wenn de da hin jehst, bestell dem Drecksack ma schöne Grüße, der schuldet mir nämlich noch Kohle.“
„Mach ich“, sagte ich, und der andere sagte leise: „Arschloch.“
Ich drehte mich nicht nochmal um. Das Auto ließ ich stehen, es war ja nicht weit.

In der Unterführung kam mir ein Mädchen mit Hund entgegen. Sie sah mich kurz an und wechselte dann die Straßenseite. Die hinteren Gebäude waren nur noch Ruinen, aber das vordere, ein ehemaliges Lager, war besser erhalten. In der niedrigen Vorhalle saß eine kleine Gruppe zusammen. Sie hatten Kerzen auf einen Campingtisch gestellt und angezündet. Ich sah in ihre Gesichter und roch den Fusel.
„Ist Torben da?“
„Wer?“, sagte jemand, und ich wiederholte: „Torben.“
„Nee, der is nich‘ hier.“
„Sicher?“
„Wat willste von dem?“
„Wollt nur mal korrekt Hallo sagen.“
„Korrekt Hallo sagen.“
Jemand anders sagte: „Verpiss dich einfach“, aber dann hörte ich schon Torbens Stimme aus dem Hintergrund.
„Alter Spritti“, sagte er. „Machst’n du hier?“
Ich erkannte ihn an der Silhouette, der leicht gebückten Haltung. „Dich suchen.“
Er war schmächtiger geworden. Der Schorf auf seinem Gesicht wie eine zweite Haut. Dann breitete er die Arme aus und sagte: „Bin doch überall zu finden!“, ein paar Leute lachten.
„Alles stabil?“, fragte er.
Ich sagte: „Bis jetzt nicht nass geworden.“
Er grinste. „Ist ’ne Drehtür. Immer das Gleiche wenn du da bist. Bei jedem Sprechi von vorne. Machst dich blank, und die raffen gar nichts.“
„Für mich ist’s besser so“, sagte ich, obwohl ich genau wusste, was er meinte.
„Bin ich nich‘ für gemacht“, sagte er. „Wenn’s mich fegt, dann isses eben so. Aber in ’n Rattenbau geh ich nich‘ mehr. Mach ich nich‘ mehr. Naja, ich red mich hier heiß. Hasten vor? Ich mein‘, tip-top alles jetzt.“
„Klar kommen“, sagte ich. „Dann mal sehen.“
Torben grinste. „Aber hast schon Bock, oder?“
„Ich ring jeden Tag mit’m Bären.“
„Bist keiner für die kurze Leine“, sagte Torben. „Tigerst drumherum, seh‘ ich doch, Blitz in ’n Augen.“
„Ich versuch ’s mit Maloche“, sagte ich. „Auf glatt, grundehrlich. Muss den eigenen Arsch aus der Scheiße ziehen.“
„Wieso Scheiße?“, sagte Torben. „Im Madagaskar haste doch nie ’n Stöpsel gefunden, wenn wir die Stütze weggefeiert haben. Und auf der Sechzehnjährigen da biste auch ganz gerne ausgerutscht.“
„Was länger her schon. Die war auch keine sechzehn, die war was älter.“
„Jedenfalls hingen dir bei der immer die Augenlider wat tiefer.“
„Haste denn mal was von paar alten Leuten gehört?“, sagte ich, und Torben lachte. „Der Trottel aus dem Osten, wie hieß der, Willi? – den hab ich ma im Bonner Loch getroffen, junge junge, süß unten, tapezierter Knochen sag ich dir.“
„Ja, der alte Soldat. Schrieb immer Briefe an seine Mama und verbrannte die im Mülleimer. Wat ’n Halunke. Aber armer Typ eigentlich.“
„Mir hat der mal erzählt, dasser der intelligenteste Mann im Rheinland war, und dann hättense sein Gehirn geknackt – mit ’nem Zahlencode!“
Wir lachten.
„Abgeknallt der Typ“, sagte ich. „Machste nix.“
„Und du? Was von der Lilli? Warst so scharf auf die ey, alter Liebeskasper. Voll die Stielaugen immer.“
„Ja“, sagte ich und dann nichts mehr, und er runzelte die Stirn und sagte: „Ja, wie?“
„Weiß’stes nicht?“
„Was wissen, Mann? Hau ma rein jetzt.“
„Dass die gestorben is‘.“
„Ach was, Alter, red keinen Schmotz hier, die stirbt doch nicht.“
Ich schüttelte den Kopf. „Hab’n se in ihrer Wohngruppe gefunden. Im Badezimmer. Lag zwei Tage da, is an ’nem Wochenende passiert.“
„Erzähl keinen jetzt.“
„Mach ich nich.“
„Lilli“, sagt er. „Biste dir wirklich sicher?“
Ich nicke.
„Von wem weißte das?“
„Vom Heinz, der Typ, der die Wohngruppe da leitet, is’n Sozialarbeiter, der kennt meine Mutter.“
„Scheiße“, sagte er.
„Hat sich was im Loch besorgt – keine Ahnung, war ja ’n Jahr clean auch, Stoff ohne Strecke erwischt, Kreislauf, wasweißich. Hatte sich ja bei der VHS angemeldet, Abendschule, wollte ’s Abi nachholen. Von wegen ’s letzte Mal, das war so ihr Plan.“
„Der Lilli hab ich damals ’s türkisch kochen beigebracht“, sagte Torben. „Ist echt lang her, Mann. Ist die mit der gun im Arm raus.“ Er lächelte. „Hattest du die noch mal gesehen?“
„Vor meiner Bude am Bahnhof. Hast schon geschnallt, dass mit der was nicht stimmte. Ich hab‘ aber nicht mit ihr geredet. Hätte ich tun sollen, ich weiß. War dann echt das letzte Mal.“
„Die hab ich mal dick gemacht, die Lilli“, sagte er. „Ist aber tot rausgekommen oder so.“
„Du hattest ’n Kind mit der Lilli?“, fragte ich, weil ich das nicht richtig auf die Kette bekam. Er lachte, schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, Mann, ’s Kind is irgendwie … wasweißich, kenn ich da die medizinischen Ausdrücke oder was? Alter! Die is weg, ich kam in LZT glaub‘ ich, und kennste doch – aus den Augen, aus dem Sinn. War ja nich so, dass wir einen auf Liebe machten, bei der hab ich nur ’s Bockfett abgeladen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Haste uns paar Taler mitgebracht? Für ’n bisschen wat zu rauchen und so.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich soll dir schöne Grüße von so ’nem Typen aus’m Don Bosco Haus bestellen, der sagt, der kriegt noch Kohle von dir.“
„Jaja, der Wichser“, sagte Torben. „’n Scheiß kriegt der. Geld, was redet der da. Nix kriegt der.“ Er spuckte auf den Boden. „Und du? Wat is‘ mit dir? Du bist doch gepudert, verzäll doch nix. Siehst jedenfalls geleckt aus wie ’n Diener, ich kann den Zaster schon riechen.“
„Geputzt.“
„Der Jimmy is geputzt“, sagte er.

Die Flasche habe ich erst im letzten Moment gesehen. Ich konnte mich noch ducken, aber der andere Typ hat mich trotzdem übel erwischt. Das Blut lief über das Auge in den Mund. Torben machte einen Schritt auf mich zu. Ich wich seinem Schlag aus und konterte. Er ging runter, ich rannte los.

Das Mädchen mit dem Hund kam mir in der Unterführung erneut entgegen. Sie sah auf das blutende Auge und lächelte. Die Lichter der Tankstelle und der Dönerbuden schimmerten in der Dämmerung wie falsches Gold. Hinter mir war niemand mehr, sie hatten es aufgegeben. Im Corsa ließ ich das Standlicht brennen und klappte die Sonnenblende runter. Ein Cut über dem rechten Auge, nicht tief, aber es blutete wie Sau. In der Mittelkonsole fand ich eine Packung Tempo, wischte mir das Blut aus dem Gesicht, riss ein Stück ab und stopfte es in die Wunde.

Du lügst oder wirst belogen. Stiehlst oder wirst bestohlen. Und immer musst du der Erste sein. Manche Nächte folgen keiner Logik. Manche Nächte sind ein Mikrokosmos mit ganz eigenen Gesetzen. Was passiert, ist nicht zu verstehen. Irgendwo zwischen Hangelar-Ost und Vilich-Müldorf spürte ich das schwarze Loch in mir, das alles auffrisst. Du übertrittst die Schmerzgrenze ja nur ein einziges Mal. Nächte, die unter der Hand verschwinden sind deine Schmucknarben. Wahnsinn schifft sich ein. Nach und nach wird aus Tanz Totentanz. Dann bleibt nur noch der Kaltstart mit Schuss. Sprit zerfetzt dich. Sprit verlängert dich. Der Sprit sorgt für das große Leuchten in deinen Augen, und das ist deine Gabe, dein Fluch, deine Welt. Du packst alles in die Auslage, bedienst dich aus einer Schachtel voll Gift. Kontinente verbrennen, und die Linie, die mal der Horizont war, legt sich fest um deinen Hals.

Ich parkte auf der Kaldauer vor dem Büdchen. Der alte Türke wollte gerade abschließen. Er sah mich kommen und ließ die Tür offen stehen. Ich ging an ihm vorbei in den Laden. Die Kühlschränke summten.

Asche

Heuchert_Asche_Cover-U1-klein

 

„Manchmal denke ich noch an den Mann ohne Beine, aber dann ist es, als sei es gar nicht wirklich passiert. Als sei das etwas, das mir jemand anders erzählt hat, und das ich dann jemand anderem erzähle. Es ist seltsam, aber so ist es.“

15 Stories in knapper, verdichteter Sprache über Verlierer und Desillusionierte, über Träumer und Vergessene. Und über Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. 

Erscheinungsjahr: 2016, 2. überarbeitete Auflage
Ausstattung: kartoniert, 184 Seiten
ISBN: 978-3-945426-08-1
12,80 €

Einige Stimmen: 

„Er kommt bei jeder Geschichte sofort zur Sache. Nach spätestens einer halben Seite ist man in der Story. So müssen Kurzgeschichten sein – Verzeihung – so müssen Stories sein. “

http://buchrevier.com/2015/06/02/kleine-niederlagen-grose-stories/

„Das liegt vor allem an der kristallklaren Sprache; Sven Heuchert ist ein großer Stilist, der die Literaturform der Short Stories perfekt beherrscht.“

http://kaffeehaussitzer.de/miniaturen-der-hoffnungslosigkeit/

„Sven Heucherts Erzählungen erinnern an Tom Waits-Songs. Trotz ihrer Härte, ihrer Schroffheit sind es im Kern sentimentale Geschichten. In den lauten, polternden Stories schwingt stets Melancholie mit, die leiseren sind dagegen immer noch so rau und kantig, dass man sich als Leser an ihnen reibt.“

http://rudkoffsky.com/2015/07/30/keine-erloesung-nirgends-asche-von-sven-heuchert/

„Deshalb beweisen gerade die leiseren Passagen und Momente, dass Heuchert sein Handwerk beherrscht, dass er in den Bann zu ziehen versteht mit beiden Seiten der Medaille.“

http://literatourismus.net/2015/08/sven-heuchert-asche/

“ … die antreibenden Mittel sind Wut, Angst und Resignation. Alles zusammen ergibt eine explosive Mischung, an die Sven Heuchert die Lunte legt und diese auch anzündet.“

https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2015/12/23/rezension-sven-heuchert-asche/

Rezension von Marion Brasch, in ihrer Sendung „Literaturagenten.“

https://soundcloud.com/freitach/sven-heuchert-asche

 

 

 

Punchdrunk

Punchdrunk cover-web

„Die schonungslose Authentizität rüttelt den Hörer auf und ist zugleich erschütternd wie fesselnd.“ (Hörbuchjunkies.com)

„Die Geschichte hat einen beklemmenden realen Touch.“ (Audio-Kritiken.de)

„Ein packendes Hörbuch, immer wieder den Blick in den Abgrund wagend und zelebrierend.“ (Vorhörer.de)

„Erstklassige Story mit Tiefgang, dabei hart und schonungslos. Ein Hörvergnügen.“ (Krimi & Co)

„Sven Heuchert ist es gelungen, ein schweres Thema literarisch umzusetzen.“ (Bücherstadt Kurier)

„Eine absolute Wucht und definitiv ein Meilenstein im Schaffen Sven Heucherts.“ (Thanatische Manifestationen)

„Starke Empfehlung für die Liebhaber besonderen Kopfkinos.“ (Burkhard Schirdewahn, BUNT Buchhandlung, Köln)

„Wer Herzblut einmal fließen hören möchte, sollte PUNCHDRUNK hören.“ (Palpitationen)

Hörprobe unter: http://www.wortpersonal.de/punchdrunk.html

Die physischen CDs sind nur noch in begrenzter Stückzahl erhältlich, und zwar in der Verlagsbuchhandlung Remmel R² in Siegburg, bei der Buntbuchhandlung Köln-Ehrenfeld und beim Autor selbst. Preis 10.00 € pro Exemplar.

Ansonsten als download auf allen üblichen Portalen.