Sven Heuchert

"Hä verköuf der jlatt, et Fottloch vun ener Ratt"

Sie sieht mich an, und es ist dieser Blick, den nur Mütter drauf haben, für die bleibst du immer gläsern. „Was möchtest du von mir.“ Sie nickt langsam, streicht sich über den Kopf, eine graue Strähne löst sich aus dem Haarknoten im Nacken.
„Nur den Wagen“, sage ich, ich sehe sie nicht an dabei, ich sehe woanders hin, in die Spüle, die voller gebrauchter Kaffeebecher und schmutzigen Tellern ist.
„Wofür brauchste den Wagen?“ Sie murmelt die Worte, als sei sie unendlich müde, und dann sehe ich sie doch an.
„Was durch die Gegend fahren. Nur so.“
„Nur so?“, wiederholt sie und hebt die Augenbrauen, da ist ein Rest Lidstrich. Das ist meine Mutter, denke ich, aber manchmal erkenne ich sie nicht wieder.
„Ja“, sage ich. „Bisschen auf andere Gedanken kommen. Geh doch kaputt, wenn ich immer nur in der Bude häng‘.“
Sie atmet aus und legt ihre schmale Hand auf die Zigarettenschachtel. „Wie lange willst du noch bleiben?“ Sie hält die Hand so auf der Schachtel, dass ich nur die 100 erkennen kann. Was für eine Zahl, denke ich, einhundert. Hundert Bier. Hundert Kippen. Hundert schlechte Ficks, halb besoffen auf durchgelegenen Matratzen. Hundert Tage, solange war ich im Rattenbau, belagert von Dachdeckern, Weißkitteln und Pappenschmeißern, und alle wollten was von mir, alle wollte ein Teil aus mir heraussreissen, um es für sich zu behalten.
„’ne Woche“, sage ich, und sie weiß natürlich, dass das nichts weiter als eine dreiste Lüge ist, aber sie lässt sich nichts anmerken, sie lässt mir den letzten Rest Würde. „’ne Woche, und dann wird’s schon gehen.“
Sie fährt mit dem Ellenbogen über die Tischplatte, das Geräusch macht mir eine Gänsehaut. „Schlüssel hängt im Flur, du weißt ja wo. Und hier!“, sie macht eine Pause, hebt ihren dürren, langen Zeigefinger und spricht leise weiter: „Du weißt, was ich meine, ne?“
Ich ziehe ein letztes Mal an der Peer, der Filter ist heiß geraucht, ich spüre ihn an den Lippen, ein kurzes Beißen ganz vorne, danach drücke die Kippe im Aschenbecher aus.
„Nee, was denn?“
„Nich‘ auf dumme Gedanken kommen, ja?“ Sie schüttelt den Kopf, und eine weitere Haarsträhne löst sich, jetzt sieht sie fast wie ein Mädchen aus, ein ganz junges mit zwei lustigen Zöpfen, und wenn ich die Augen zusammenkneife und durch die Wimpern schaue, wenn ich alles wie durch Milchglas sehe, dann glaube ich für einen Moment tatsächlich daran. Die Wahrheit ist, dass ihr Haar verloren und farblos neben den Ohren hängt wie etwas Totes.
„Könnt‘ mir was beim Büdchen auf der Kaldauer holen“, sage ich und nickte Richtung Fenster. Das Büdchen ist im gleichen Block, direkt unten an der Ecke, und ich brauche keine fünfzig Schritte, dann stehe ich vor einem der summenden Kühlschränke. Schon wieder so eine Zahl – 50. 50 Schritte, ich habe sie gezählt. 50 Biere. 50 mal den gleichen Song hören. Mit 50 Stundenkilometern vor die Wand fahren. „Brauch ich kein Auto für, is‘ gleich um die Ecke, und schon ‚isses passiert.“
Sie öffnet die Zigarettenschachtel, tippt mit der Zeigefingerspitze einmal auf jeden Filter und klappt sie wieder zu. „Ich mein‘ ja nur.“
„Bin ich mit fertig, endgültig“, sage ich, und sie lächelt, eine Geste, die überbrücken soll, was schon lange nicht mehr da ist.
Es wird still, wir beide sehen uns an, wissen nicht, was wir tun, was wir sagen sollen. Dann gibt der Kühlschrank ein hohles, metallisches Klacken von sich, und das ist das Signal, dass es irgendwie weitergehen musste.

Asche

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„Manchmal denke ich noch an den Mann ohne Beine, aber dann ist es, als sei es gar nicht wirklich passiert. Als sei das etwas, das mir jemand anders erzählt hat, und das ich dann jemand anderem erzähle. Es ist seltsam, aber so ist es.“

15 Stories in knapper, verdichteter Sprache über Verlierer und Desillusionierte, über Träumer und Vergessene. Und über Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. 

Erscheinungsjahr: 2016, 2. überarbeitete Auflage
Ausstattung: kartoniert, 184 Seiten
ISBN: 978-3-945426-08-1
12,80 €

Einige Stimmen: 

„Er kommt bei jeder Geschichte sofort zur Sache. Nach spätestens einer halben Seite ist man in der Story. So müssen Kurzgeschichten sein – Verzeihung – so müssen Stories sein. “

http://buchrevier.com/2015/06/02/kleine-niederlagen-grose-stories/

„Das liegt vor allem an der kristallklaren Sprache; Sven Heuchert ist ein großer Stilist, der die Literaturform der Short Stories perfekt beherrscht.“

http://kaffeehaussitzer.de/miniaturen-der-hoffnungslosigkeit/

„Sven Heucherts Erzählungen erinnern an Tom Waits-Songs. Trotz ihrer Härte, ihrer Schroffheit sind es im Kern sentimentale Geschichten. In den lauten, polternden Stories schwingt stets Melancholie mit, die leiseren sind dagegen immer noch so rau und kantig, dass man sich als Leser an ihnen reibt.“

http://rudkoffsky.com/2015/07/30/keine-erloesung-nirgends-asche-von-sven-heuchert/

„Deshalb beweisen gerade die leiseren Passagen und Momente, dass Heuchert sein Handwerk beherrscht, dass er in den Bann zu ziehen versteht mit beiden Seiten der Medaille.“

http://literatourismus.net/2015/08/sven-heuchert-asche/

“ … die antreibenden Mittel sind Wut, Angst und Resignation. Alles zusammen ergibt eine explosive Mischung, an die Sven Heuchert die Lunte legt und diese auch anzündet.“

https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2015/12/23/rezension-sven-heuchert-asche/

Rezension von Marion Brasch, in ihrer Sendung „Literaturagenten.“

https://soundcloud.com/freitach/sven-heuchert-asche

 

 

 

Punchdrunk

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„Die schonungslose Authentizität rüttelt den Hörer auf und ist zugleich erschütternd wie fesselnd.“ (Hörbuchjunkies.com)

„Die Geschichte hat einen beklemmenden realen Touch.“ (Audio-Kritiken.de)

„Ein packendes Hörbuch, immer wieder den Blick in den Abgrund wagend und zelebrierend.“ (Vorhörer.de)

„Erstklassige Story mit Tiefgang, dabei hart und schonungslos. Ein Hörvergnügen.“ (Krimi & Co)

„Sven Heuchert ist es gelungen, ein schweres Thema literarisch umzusetzen.“ (Bücherstadt Kurier)

„Eine absolute Wucht und definitiv ein Meilenstein im Schaffen Sven Heucherts.“ (Thanatische Manifestationen)

„Starke Empfehlung für die Liebhaber besonderen Kopfkinos.“ (Burkhard Schirdewahn, BUNT Buchhandlung, Köln)

„Wer Herzblut einmal fließen hören möchte, sollte PUNCHDRUNK hören.“ (Palpitationen)

Hörprobe unter: http://www.wortpersonal.de/punchdrunk.html

Die physischen CDs sind nur noch in begrenzter Stückzahl erhältlich, und zwar in der Verlagsbuchhandlung Remmel R² in Siegburg, bei der Buntbuchhandlung Köln-Ehrenfeld und beim Autor selbst. Preis 10.00 € pro Exemplar.

Ansonsten als download auf allen üblichen Portalen.