Sven Heuchert

“I have woven a parachute out of everything broken.”

Talking about something’s missing

We were talking about
Something that’s missing
We lay in bed the lights turned off
I could sense by the sound of her voice
That it was serious
That she meant it
Love?
Was it love that was missing?
I couldn’t remember the last time I thought:
I love her
I couldn’t even remember the last time I said the words:
I love you
I felt ashamed
We shared a life
And after all the years
Something was missing
We couldn’t find an answer
There were no answers
Sometimes the only thing left
Is the very moment before you fall asleep
When all the dreams you’ve ever had seem reachable
We lay there silently
Staring at the darkness
then I closed my eyes and vanished.

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Neuschnee

Wir waren die ersten am Berg
Wir sprachen nicht viel
Wir hörten auf das Geräusch
unserer Schritte im frischen, unberührten Schnee
Wir wussten,
das hatte etwas zu bedeuten.

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Thekengeschichte

Wie er über den Rand des Bierglases streicht
eine lange, ruhige Bewegung
ein Moment Stille
Nichts passiert
Nicht einmal Atmen
Er sieht mich an und lächelt
Dann nimmt er einen Schluck
Seine Lippen werden schmal
Die Zunge sucht den letzten Tropfen
Er hebt den Zeigefinger
In seinem Blick das Suchen
Das Suchen nach dem ersten, dem richtigen Wort

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Das traurige Licht an Mietshausfassaden

Ich sehe dieses Licht jeden Morgen und jeden Abend. Ich sehe es aus dem Bus der Linie 501 oder 503 oder 508. Ein Versprechen von Wärme. Von Geborgenheit. Ich sehe Familien um einen Tisch sitzen. Sie erzählen sich kleine Geschichten. Was nimmt man schon mit? Eine Anekdote. Einen Witz. Die Busse fahren immer über die gleichen Straßen, halten an den gleichen Stationen. Jeden Morgen. Jeden Abend. Die gleichen Gesichter. Die gleichen Menschen. Wir sacken auf den Sitzen in uns zusammen. Atmen. Schweigen. Ich kenne jedes dieser Gesichter. Das Licht an den Fassaden. Eine Lüge im Morgengrauen. Eine Lüge in der Dämmerung.

Ich sitze im letzten Vierer. Ich sehe aus der großen Scheibe auf die regennasse Straße. Manchmal tut sich doch etwas auf: eine Frau, die hinter den Vorhängen steht und eine Zigarette raucht. Vielleicht wartet sie auf einen Geliebten. Vielleicht hat sie die Liebe schon lange aufgegeben. Ein alter Mann mit Hund. Das Tempo ihrer Schritte langsam. Sie bleiben an einer Ampel stehen, starren ins Nichts. Dunkle Hundeaugen. Leerer Blick. Was ist noch zu erwarten? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Antworten. Ich wünsche mir ein Paar, das sich küsst, und das während dieses Kusses alles um sich herum vergisst. Was kann man für die Dauer eines Kusses vergessen? Vielleicht genug, um weiterzumachen. Einfach weitermachen.

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Nachtholz

Das Summen der Leitungen über uns
Elektrizität fließt wie Wasser
Daran erinnere ich mich
Der Tunnel, dunkel und tief im Mondschein
Als Kind dachte ich, dass hier die Welt aufhört.

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Hast du niemals etwas sterben sehen?

Ich starre auf die Terrasse. Unkraut in den Fugen, einige Bodenplatten sind mit Moos überwachsen. Im Nachbarhaus läuft leise Musik, Rauch zieht aus dem Kamin. Eine feuchte Hundeschnauze drückt sich durch den Riegel. Wir haben diesen Zaun in einem langen, heißen Sommer vor über dreißig Jahren zusammengenagelt. Wir haben den Baum selbst gefällt und daraus die Latten geschnitten. Lärche ist gutes Holz. Widerstandsfähig. Witterungsbeständig.

Meine Finger streichen über Grashalme. Der Schuppen am Ende der Backsteinmauer steht offen. Die Vordertür lehnt abmontiert an der Gebäudeseite, Blatt und Schloss sind verrostet. Innen Werkzeugkasten. Ölverschmierte Lappen. Regale voller Beizmittel. Die Kreissäge ist mit einem Bettlaken abgedeckt. Ich bleibe in der Tür stehen und atme ein. Metall, Ammoniak, die kühle, nasse Erde.

Jemand hustet. Ich sehe über die Schulter. Auf der anderen Seite des Zauns steht der alte Göke.
„Herr Göke“, sage ich und drehe mich um. Sein Gesicht eingefallen, der Blick müde. „Alles gut?“
Er zeigt mit dem Gehstock aufs Haus. „Den Rest rausholen?“
„Und Papiere erledigen.“
„Kenn‘ ich“, sagt er und winkt ab. „Brauchste Hilfe beim Schleppen?“
„Kommt `n Unternehmen, ich mach ja nix selbst. Aber danke, dasse‘ nachfragen.“
Er lächelt. „Sieht man sich mal wieder?“
„Bin ja nicht aus der Welt.“
Er nickt und ruft nach seinem Hund.

Ich lasse die Schiebetür offen. Im Wohnzimmer riecht es nach Brown No.4. Die Savinellis stehen im Bücherregal. An den Lippen dieser bittere Geschmack. Die Trophäe an der Wand über der Bar habe ich abgehängt. Jemand vom Hegering kommt ihn holen. Ich öffne die Bar. Ein dichtes, süßliches Aroma steigt mir in die Nase. Im Flur blinkt der Anrufbeantworter. Die Stimme meines Bruders – leise, weit entfernt, im Hintergrund Straßenverkehr. Mitten im Satz bricht die Verbindung ab. Ich lasse die Nachricht noch einmal laufen, starre auf das rot pulsierende Licht, lösche sie dann.

Am Kühlschrank ein kleiner, gelber Post-it. Eier, Rohmilch, Bratlinge 1kg, Lammschulter für Freitag. Vater machte das Stew mit Weißkohl, Kartoffeln und Möhren. Drei Stunden bei kleiner Flamme auf dem Herd. Dazu gab es Schwarzbier und selbstgebackenes Weißbrot. Vierhundert Kilometer. Die halbe Nacht auf der Autobahn. Draußen vor dem Haus die geleerten Mülltonnen. Werbeprospekte noch im Briefkastenschlitz. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und lege mich auf die Couch. Es ist still in dem Raum.

Es ist spät am Tag, das Licht fällt in einem flachen Winkel auf den Sumpfwald, der vor uns liegt. Birken stehen eng beieinander, ihre dünnen, schlanken Stämme werfen kaum Schatten. Mein Vater nimmt seine Hand von meiner Schulter. Wir gehen nebeneinander durch das hüfthohe Pfeifengras, ein Schritt nach dem anderen, folgen der Schweißspur. Er hebt die Hand, und die Hunde bellen, ich höre sie, sie sind gleich dahinten – ein Schnitt, und ich stehe in einem Kellergewölbe, ein dunkler, hoher Raum, in dem es nach feuchtem Mörtel riecht. Es ist kalt, sehr kalt, ich warte, bis ich meine Finger nicht mehr spüre, erst dann gehe ich los. Der Boden ist sandig und tief, ich komme nur langsam voran. Ein silbergrauer Lichtkegel weit hinten, ich folge ihm, ich folge. Blut rauscht in meinen Ohren, ein feiner, heller Ton, mitten im Kopf, meine Hände sind auf einmal voller Blut, schwarzes, klebriges Blut, es ist noch warm, es dampft. Im Lichtkegel steht mein Vater. Er fasst in seinen geöffneten Körper, zieht das Gescheide heraus, einen großen, schleimigen Sack, ich rieche die Säfte, und das ist der Tod, ein kurzer Moment, ein Punkt in der Ewigkeit, die Seele ins Nichts, das Fleisch vergrünt, wird faul, zerfällt. Wer sieht etwas sterben? Die Augen schließen sich nicht. Sie schließen sich nie, sie bleiben offen, langsam, ganz langsam werden sie matt, matt und farblos, und wer sieht das? Niemand sieht das, niemand sieht das, niemand.

Schritte in der Einfahrt wecken mich schließlich. Ich sehe auf meine Armbanduhr. Ich habe über eine Stunde geschlafen.
Mein Bruder tritt sich die Füße ab und bleibt in der Tür stehen. Er sieht in den Garten und schüttelt den Kopf.
„Was is‘ mit dem Schuppen?“
„Keine Ahnung.“
„Wie lang biste schon hier?“
„‘n Stunde vielleicht.“
„Ach“, macht er. „Erst heute gekommen?“
„Ja, früh los, und die Bahn war leer.“
Er sieht auf seine Schuhe. „Wann kommen die wegen den Möbeln?“
„Morgen. Morgen früh.“
Er nickt. Er lässt sich in den Sessel neben der Couch fallen und holt eine Schachtel Zigaretten aus der Manteltasche.
„Mir ging’s nicht gut, an dem Tag da, du weißt schon …“
„Ich will das morgen über die Bühne bringen und einfach wieder nachhause fahren, okay?“
Mein Bruder steht auf und geht zur Bar. Er öffnet eine Flasche. „Interessiert eh keinen mehr“, sagt er und nimmt einen Schluck.
„Ja, aber du hast ihn so nicht gesehen.“
„Glaubst du, das hätte was geändert?“
Ich sehe an ihm vorbei auf das Bücherregal. Wir schweigen. Der Kühlschrank springt mit einem Summen an.
„Wohnst du eigentlich noch in Niederpleis?“, frage ich.
„Nein, zu viele Kanaken.“ Er nimmt die Flasche und setzt sich in den Sessel. „Und bei dir? Wie läuft’s bei euch?“
Ich lasse den Kopf auf die Lehne sinken und sehe auf die nikotingelben Ränder der Decke. „Gar nicht.“
„Manchmal passt`s eben nicht mehr.“
„Denke eher, `s hat nie so richtig gepasst.“
„Bist aber immer wieder zurückgekrochen.“
„Ja“, sage ich. „‘s braucht halt `n richtigen Tritt.“ Ich höre, wie mein Bruder aufsteht und durch den Raum geht. Dann sagt er ganz leise: „Ist auch mein Zuhause.“
„Hast du die Post vom Rosenberg bekommen?“
„Ich will nix“, sagt er und setzt sich wieder. „Kein Geld, nix.“
„`s steht dir zu.“
„Mir hätt` was anderes zugestanden.“
„Ja, aber dafür isses‘ jetzt zu spät.“
Mein Bruder dreht die Flasche zwischen den Händen. „Kannst du das alles einfach so vergessen?“
„Ich hab‘ nix vergessen.“
„Nein?“
„Nein.“
Er blickt aus dem Verandafenster.
„Ich weiß“, sage ich. „Aber du hast ihn so nicht gesehen.“
„`s hätte nichts geändert. Nichts hätte was geändert.“
„Du hättest ihn nicht wiedererkannt“, sage ich.
Mein Bruder schüttelt den Kopf. „Morgen früh kommen die also?“
„Nehmen alles mit.“
„Und dann war’s das?“
Ich nicke. „Der Rosenberg hat `n Makler. Geht schnell, wenn das erstmal auf dem Markt is‘.“
„Ich will nix davon.“
„Hattest du schon gesagt.“
„Geld“, sagt er und wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. „`s is` nur Geld, weißte.“
„Ja, ich weiß …“
Wir stehen uns gegenüber, dann legt er mir eine Hand auf die Schulter und sagt: „Du, du machst das schon.“
Als er sich umdreht, um zu gehen, frage ich: „Willst du was mitnehmen?“
Er lacht. Er ist schon draußen auf der Veranda. „Mitnehmen?“, sagt er. „Was denn mitnehmen?“
Ich zucke mit der Schulter.
„Wollt das nur noch mal sehen.“ Er haucht gegen das Fensterglas. „Wenn du mit allem hier fertig bist …“, sagt er dann und klopft gegen die Scheibe.
„Zurück natürlich.“
Er sieht auf die Bodenplatten und lächelt. „Aber bist ja nicht aus der Welt.“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, bin ich nicht.“
Er geht die Stufen hinunter. Schritte im Kies. Die Einfahrt hinunter. Dann ist er weg.

In der Luft der Geruch von Harz und Rinde. Vielleicht verbrennt der alte Göke wieder sein Ausputzholz. Apfelbäume, Espe und Akazie. Heiermann die Stunde. Wie früher. Ich lege meine Hand auf das Geländer. Das Metall ist feucht.
Diesmal schließe ich die Tür. In der Küche stelle ich das Radio an. Im Vorgarten wuchert Giersch und Schafgabe. Wolkenloser Himmel, ganz grau, nur ein schmales, helles Band am Horizont.

Hinten im Schrank steht der Kaffee. Ich öffne die goldfarbene Dose, atme den vollen, erdigen Geruch. Drei Löffel Pulver und drei Löffel Zucker auf eine Tasse. Nirgendwo schmeckt der Kaffee so wie in dieser Küche. Stark, süß, mit einem Schuss Rohmilch. Ich nehme den Topf aus dem Regal und setze Wasser auf. Das Zischen des Gasherds. Das Anreißen des Streichholzes – das Warten, bis sich die Flamme blau verfärbt. Immer zuerst warten, bis sich die Flamme blau verfärbt. Ich setze mich an den Tisch. Von hier aus kann ich das Wohnzimmer sehen, ein Stück der Veranda. Wie er auf dem Sessel sitzt, die Seite eines Buchs umblättert, an der Pfeife zieht. Das Wasser kocht. Als ich aufstehe, spüre ich einen kalten Luftzug.

Ich nehme die Tasse mit auf die Veranda und zünde mir eine Zigarette an. Vor über zehn Jahren habe ich damit aufgehört. Mein Bruder hat die Schachtel auf dem Tisch vergessen. Der erste Zug schmeckt nach verbranntem Papier. Der zweite Zug ist besser. Ich lasse den Rauch langsam aus der Nase entweichen. Kolkraben am leeren Himmel. Es dämmert. In meiner Jackentasche die Hausschlüssel. Zwei Sätze. Die Bärte dünn und scharf an meinen Fingerspitzen. Aufschließen. Abschließen. Vierzig Jahre lang. Ich nippe am Kaffee und trete die Zigarette aus.

Die Straße. Überall Risse. Löcher. Marode Bürgersteige. Häuser mit den gleichen Fassaden, den gleichen Farben. Den gleichen Blumenkübeln aus Beton. Nach der Kurve die Doppelhaushälften – kleiner, gedrängter, hinter den Fenstern schon warmes Licht. Auf der Backsteinmauer der Chemie-Fabrik leuchtend weiße Graffito. Die Schienen der stillgelegten Bahnstrecke überwuchert. Ich weiche den Pfützen aus. Nach der Unterführung die Sportplätze, dunkel und verlassen. Ich folge den Spielfeldmarkierungen aus Kreide. Deutschlandfahnen wehen auf den Dächern von Gartenlauben. Zwei Jungs kommen mir auf ihren Rädern entgegen. Ich kann den Fluss riechen, abgestanden und süß.

Es ist so still. Eine Frau kniet vor einem Blumenbeet. Sie gießt Wasser aus einer grünen Plastikkanne. Sie trägt eine Schürze, ein bedrucktes T-Shirt. Ihre Haare sind ganz kurz geschnitten. Sie gießt mit kreisenden Bewegungen. Das Wasser tritt über die Ränder des Beetes, schwarz und zäh von der Erde. Im Hintergrund Stangenbohnen, hochgebunden an dünnen Stöcken. Vor dem Zaun knorrige Obstbäume. Die Frau sieht auf und lächelt. Am Ende der Straße kann ich den Fluss hören – ein leises, gleichmäßiges Rauschen. Ich gehe über die Brücke, bleibe auf der anderen Seite stehen und sehe zurück.

Wir haben in diesem Fluss geangelt. Wir stachen unsere Ruten in das sandige Ufer. Vater mit Flachmann und selbstgedrehten Zigaretten. Untermaßige Fische zurück. Döbel. Aal. Herzstich. Kiemenstich. Manchmal schlugen wir sie mit dem Kopf zuerst auf einen flachen Stein. Dann fassten wir mit dem Finger in den weichen, feuchten Leib. Später beträufelten wir die Hälften mit Estragon, würzten mit Salz und Pfeffer, wickelten sie mit Knoblauchzehen in Alufolie ein. Vater legte sie auf den Grillrost und trank Flaschenbier. Das heiße, helle Fleisch schmeckte nach Fluss und Holzkohle. Wir aßen mit den Fingern, ließen nur die Gräten und den Kopf mit dem trüben Auge übrig. Vater sagte, das sei das Eiweiß, das gerinnt, das mache das Auge so hell und trübe. Ich lehne mich über das Geländer, berühre die kühlen, rauen Metallgitter und spucke ins Wasser. Immer noch der Fluss. Immer noch das Rauschen. Die Wellenbewegungen auf der Wasseroberfläche – langsam, sanft, bis sie an den Brückenpfeiler auslaufen und verschwinden.

Süßlupine und Fenchel wachsen an den Straßenrändern, ich breche Zweige von einer Douglasie. Ich zerreibe die Nadeln zwischen den Fingern; Geruch einer Kindheit. Sie steht in der Tür, ihre Gestalt klein und gedrungen vor dem dunklen Inneren der Laube. Sie streicht mit den Händen ihre Schürze aus Plastik glatt. Als ich das Tor aufziehe, hebt sie langsam die Hand. Zertretenes Gras unter meinen Füßen. Alle Wege sind gegangen. Alles ist bereits geschehen.

Ich spüre ihren Atem, dann das weiche Fleisch unter meinen Fingern, und wie es nachgibt, sich fügt. Eine Schweißperle tropft von ihrer Oberlippe. Sie wird schwer, immer schwerer. Ihre Augen werden trüb wie die der Fische. Sie sinkt zu Boden. Sie wehrt sich nicht mehr. Sie ist weg. Ich wische meine Hände an ihrer Schürze ab. Hast du jemals etwas sterben sehen? Ich lege ihren Kopf in meinen Schoß. Auf dem Boden ist es kühler, viel kühler. Und alles ist ruhig. Es ist das Eiweiß, das gerinnt, nur das Eiweiß. Wieder der Fluss, der alte Fluss. Das Wasser. Döbel und Aal. Manchmal haben wir ihnen die Augen mit den Angelhaken herausgerissen und wieder zurückgeworfen. In die Tiefe. Das leise Rauschen. Die Wellen, die sich tanzend im Nichts auflösen. Nichts verändert sich jemals. Ich habe etwas sterben sehen. Ich sitze in der Dunkelheit und warte.

Wände verschieben sich nicht, offenbaren keine geheimen Räume, ich nehme noch einen Schluck, und noch einen, und morgen wird alles vorbei sein, morgen schon. Die Schlüssel, so scharf wie Messer – jemand anders soll sich die Kehle damit aufschneiden, jemand anders soll die Hölle auf und abschließen, auf und abschließen, auf, ab. Ich höre, wie sie mir hinterherruft: Aber um Sieben bist du wieder hier, bist du wieder zu Hause! Mutter, Mutter – ich liebe dich, ich liebe dich so sehr, das habe ich immer, also warum? Warum nur? Deine Stimme, jetzt ist sie leise und weit weg, wie auf dem Anrufbeantworter im Flur, geisterhaft, verworren, verzerrt. Sag mir: Hast du jemals etwas sterben sehen? Weil sie sagen, es geht vorbei, irgendwann, irgendwann ist es vorbei, aber das ist nicht so, es sind Lügen, Lügen, denen du glauben sollst. Immer noch, auch nach all den Jahren, immer noch spüre ich die kalte Luft, diesen eisigen Hauch, wenn er nachts die Tür zu meinem Zimmer aufgezogen hat. Mutter, du musst nichts sagen, ich weiß, was er dir angetan hat, alles weiß ich. Was weißt du? Weißt du, wie er in der Dunkelheit stand, wartete, atmete, dann sein erster Schritt, ein langer, langsamer Schritt, die Nähe, diese Nähe, als würde er Wellen aussenden, feine, elektrische Wellen – ich fühle ihn, bevor er mich berührt. Die Hand auf meinem Rücken, die Finger, die Kreise auf meiner Haut zeichnen, die mich zeichnen … noch ein Schluck, es brennt, ich verbrenne, ich will verbrennen … ich schließe meine Augen, denke an die trüben Augen der Fische, an all die trüben Augen, ich denke an die Plastikschürze, ihren kalten, schweren Körper, die glänzenden Lippen, an seinen Atem im Nacken, feucht und warm, und an das Schweigen, mein Schweigen, der Mund, die Lippen, zusammengepresst, in das Kissen gedrückt, immer nur durch den Stoff atmend, dann die Zähne, tonnenschwer aufeinander, …

Er fasst in meinen Körper, wie er in den Körper eines Tiers fasst – es sind seine Finger, sie kommen aus der Dunkelheit, es ist mein Blut, mein Fleisch, immer noch steht er da, wartet ab, und ich sehe dabei zu, wie er etwas sterben sieht, wie er etwas sterben sieht …

Dann wache ich auf, draußen die Geräusche von Motoren im Leerlauf, dumpf, monoton. Autotüren werden zugeschlagen, ein Lachen, laut, aus voller Kehle – das ist die Wirklichkeit, ein neuer Tag, das Jetzt, das Hier. Ganz langsam gleitet die leere Flasche aus meiner Hand, rollt über den Boden und bleibt schließlich vor dem Regal liegen. Und dann kommen die Schatten, auf die ich so lange gewartet habe, ich kann sie schon sehen, im Schatten liegt Wahrheit, sie sind da, ie sind gleich neben dem Licht, sie sind überall, an den Wänden, in den Ecken, drängen sich aneinander, drängen auf mich zu, ich kann sie sehen, das ist kein Traum, das ist die Wirklichkeit … Lachen, wieder das Lachen, Schritte, ihre Schritte, ich hole die Schlüssel aus meiner Manteltasche, lege sie mir auf die Zunge, schmecke Metall, das Metall und noch etwas anderes, dann lege ich den Kopf in den Nacken, starre an die Decke, die nikotingelben Ränder …

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Schwarzkolonne

Autoreifen machen dieses Geräusch, wenn sie durch Pfützen fahren – du magst es, wenn du hinter einem Fenster stehst. Den Regen nur siehst. Unser Himmel ist die schmutzige Plane eines Arbeitszeltes. Mädchen lachen, während wir die Grundierung auf dem Asphalt verteilen. Ich sehe sie durch die Risse in der Seitenfront. Ihre Haare glänzen. Niemand spricht.

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Notfallplan

Er sieht in den Seitenspiegel. Die Geschäfte liegen verschlossen am Straßenrand. Mülltonnen stehen abholbereit auf dem Bürgersteig. Die Ampel springt auf Grün.
„Hast du ihm das Sedaplus gegeben?“
„Ja“, sagt sie leise und lehnt sich in den Beifahrersitz.
Zuckerrübenfelder. Auf dem Fluss hellgelbe Schaumflocken. Saatkrähen sitzen in der Krone einer Pappel. Zwei Lastwagen auf der rechten Spur. Er schaltet und überholt.
„‘s dauert nicht lang, ja? Hast du mir versprochen.“
Er schüttelt den Kopf. „Ist `ne Raststätte vor Köln.“
Sie sieht aus dem Fenster. Die Leitplanke ein langer weißer Strich. „Hab ihm noch `ne extra Decke eingepackt.“
Er legt beide Hände auf das Lenkrad. „Lass das mit der Decke. Finden se nachher raus, wo du die gekauft hast.“
„Aber ich will nicht, dass er friert.“
„Das reicht so.“
Sie senkt den Blick und öffnet das Seitenfenster einen Spalt. Kalte Luft strömt über ihr Gesicht. „Max“, sagt sie nach einer Weile und sieht in den Rückspiegel. Ihre Gesichtszüge entspannen sich. „Wie mein Opa.“
Er streicht mit dem Daumen über ihre Wange. Sie dreht den Kopf zur Seite. Der Motor läuft fast lautlos. Neonlichter flirren am grauen Horizont.

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Lügen, die wir uns erzählen

Ich höre ihre Freundinnen vor dem Haus. Sie haben die Sachen in den Kofferraum gepackt und trinken den Rest Sekt von gestern Abend. Gläser klirren. Ich verteile Aftershave auf meinen Wangen und schließe die Badezimmerfenster.

Die Haustür steht offen. Ich spüre kühle Luft an meinen Füßen. Schwarze Pumps liegen auf der Kommode neben den Schlüsseln. Im Flur riecht es nach Parfüm. Unter dem Küchentisch stehen drei leere Flaschen Prosecco. Ich schiebe die Gardine ein Stück zur Seite und schaue nach draußen. Sarah und Mea sitzen im Auto.

„Hey“, sagt sie. Ich drehe mich um. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt ein altes Sweat-Shirt mit Kapuze und hält meinen Trekkingrucksack in den Händen. Ich nicke zu den Flaschen. „Hast du auch schon was getrunken?“
„Nein.“ Sie lächelt und schüttelt den Kopf. „Ich fahre. Kennst mich doch.“
„Ja“, sage ich und strecke meine Hand aus. Sie gibt mir einen Kuss auf den Hals.
„Und du kommst wirklich alleine klar?“
„Das Haus wird schon nicht abbrennen.“
Sie lacht und küsst wieder meinen Hals. „Sagst du.“
„Aber ihr passt auf euch auf, ja?
„Ja, Papa.“
„Du weißt, wie ich das meine.“
Sie streicht mit den Fingerspitzen über meine Lippen. „Ich muss los, die Mädels warten.“
„Okay.“
Sie sieht mich noch einmal an und verschwindet dann im Flur. Die Tür fällt mit einem sanften Klacken ins Schloss. Ich kann ihren Rücken im Lichtauschnitt sehen, wie sie zum Auto geht. Meinen Rucksack trägt sie lässig auf der Schulter. Sie lacht mit Sarah und Mea. Ihr Lachen klingt anders. Heller und spitz. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie wir gemeinsam aufwachen. Wie sie den Kopf an meine Brust schmiegt. Ihre Hand auf meinem Bauch. Der Motor springt mit einem lauten Scheppern an. Abrollgeräusche im Kies. Danach Stille.

Tageslicht fällt durch die Vorhänge. Eine Schmeißfliege landet auf meinem Handrücken. Drei Stunden Fahrt bis nach Knokke. Sie werden auf dem Balkon des Hotelzimmers sitzen und auf die Promenade hinabschauen. Auf Menschenmassen, voll besetzte Bistros und jahrzehntealten Beton. Sie werden trinken und lachen und sich Geschichten von früher erzählen. Die Fliege krabbelt auf die Arbeitsfläche. Ich sehe auf die Uhr. Zehn Uhr morgens.

Draußen im Schlick Reifenspuren. Es ist warm, ein richtiger Altweibersommer. Ich lege den Mantel über das Geländer und zünde mir eine Zigarette an. Zyanblauer Himmel. Keine einzige Wolke zu sehen. Das Zirpen der Zikaden dringt von der Heuwiese bis ans Haus. Ich nehme einen letzten Zug und schmeiße die Kippe in eine Pfütze. Meine Fingerspitzen gleiten über den Draht des Jägerzauns, während ich die Einfahrt entlanggehe. Im Briefkasten Werbeprospekte.

Den Nachbarn höre ich, bevor ich ihn sehe. Diesen trockenen Husten hat er bereits seit einem halben Jahr. Er meint, es sei nichts Ernstes. Er heißt Fred, den Nachnamen vergesse ich immer wieder. Seine Familie ist eine der ältesten in der Gegend, jedenfalls hat man mir das erzählt. Er winkt und ruft mir etwas zu. Ich tue so, als hätte ich ihn verstanden, aber er schüttelt den Kopf und überquert die Straße in großen Schritten.
„Wie isset?“, fragt er und bleibt vor mir stehen. Seine Augen scheinen hinter den Brillengläsern kleiner zu werden. Dann fängt er wieder an zu husten. Speichelflocken landen auf seinem Hemd. Das Gesicht läuft rot an. Ich lege meine Hand auf seine Schulter und beuge mich zu ihm herunter.
„Alles okay?“
„Jaja“, sagt er. „Geht schon wieder.“
„Vielleicht solltest du wirklich mal zum Arzt.“
„Scheiß was auf die“, sagt er und hebt die Augenbrauen. „Wollen einem nur teures Zeuch verkaufen, das nich hilft.“
„Könntest es wenigstens versuchen.“
„Ach“, macht er und winkt ab. „Und bei dir?“
„Meine Frau ist mit ein paar Freundinnen nach Belgien.“
Er schiebt sich die Brille auf die Nase und sagt: „Und jetzt löteste dir erstmal einen, wa?“
Wir lachen beide.
„Haste da denn gar keine Probleme mit?“
„Was meinst du?“
Er wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. „Na ja“, sagt er. „Frauen alleine unterwegs und so.“
„Nee, nich‘ die Bianca.“
Er lacht. „Meinste die sind da anders als wir, die Weiber?
Ich sehe über meine Schulter in die Einfahrt. „Muss noch nach der Post schauen.“
„Dann mach das mal“, sagt Fred. Er hält sich die Hand seitlich vor den Mund und spuckt auf den Boden. „Vielleicht haste Recht. Vielleicht sollte ich doch mal zum Arzt.“

Auf dem Briefkastendach eine Schicht Raureif. Das Metall ist eiskalt. Die Prospekte zerknittert. Wieder Freds Husten. Immer noch steht er da.
Die Haustür lasse ich einen Spalt offen und schmeiße die Prospekte auf die Altpapiertonne. In der Kanne ist ein Rest Kaffee. Ich nehme ihre Lieblingstasse aus dem Regal und gieße Milch dazu. Der Kaffee schmeckt verbrannt. Nach einem Schluck kippe ich ihn in den Ausguss. Die Tasse hat sie im Algonquin Park gekauft. Fünf Jahre ist das her. Auf der Tasse ein Ausschnitt aus Tom Thomsons berühmten Gemälde „Jack Pine.“ An einigen Stellen ist der Druck fast abgerieben, das weiße Keramik schimmert durch. Ich spüle die Tasse mit Wasser und stelle sie in das Abtropfgitter. Im Haus ist es zu still. Eine Nummer von Eddie Money im Radio. Ich drehe die Lautstärke hoch und gehe ins Gästezimmer. In dem Raum hängt noch der Geruch der letzten Nacht. Bücher liegen aufgeschlagen neben der Matratze. Ich kippe das Fenster an und hebe mein verschwitztes Shirt vom Boden auf.

Wir tranken Zinfandel aus Plastikbechern. Dann las ich dir Gedichte vor. Du lagst im flachen Gras – Beine ausgestreckt, Zehe nach vorne, die Augen geschlossen. Ich wollte dich küssen, aber der Moment war perfekt. Die Worte verließen meinen Mund so fließend wie Wasser. Irgendwann schliefen wir ein, und unsere Fingerkuppen berührten sich. Ich träumte von einem fremden Land, karg, flach, ein dünner Streifen Nebel am Horizont, flüchtig und durchscheinend wie Glas.

Ich halte die Bettdecke an den Enden und schüttele sie aus. Einmal, zweimal, dreimal, bis ich nicht mehr kann. Danach setze ich mich auf den Stuhl, lasse die Arme hängen und spüre, wie das Blut in den Fingern zirkuliert. Wie das taube Gefühl nachlässt. Ein sanfter Druck. Leises Vibrieren. Im Radio die tiefe Stimme des Nachrichtensprechers. Unwetterwarnung. Ein Sturm zieht auf. Ich atme, ganz langsam, achte auf jeden Zug. In meinem Mund ein bitterer Geschmack, ich weiß nicht woher. Nach einer Weile stehe ich auf, klappe die Bücher zu und lege sie zu einem Stapel zusammen. Larry Levis. Robert Frost. Franz Wright.

Sie haben im Raum unter dem Dachgiebel gefeiert. Ich habe ihn im vergangenen Sommer ausgebaut – Parkett, begradigte Wände, Panoramafenster mit Aussicht auf das Tal. Sie sagte, sie brauche das einfach: einen Raum, in dem sie zur Ruhe kommen kann. Ruhe. Auf dem Fußboden mehr Flaschen. In der Luft Zigarettenrauch, kalt und abgestanden. Ich leere die Aschenbecher in den Mülleimer und sammle die Gläser ein. Sie haben Photos angesehen, auf der Couchlehne liegen Polaroids und Kleinbildformate. Ich nehme sie in die Hand, fahre mit den Fingerspitzen vorsichtig über die Oberfläche. Die Bilder unscharf, die Farbe ausgeblichen, doch ihre Gesichter jung. Konturen wie mit Tusche gezeichnet. Scharf umrissene Wangenknochen. Geschwungene Lippen. Im Blick die Gewissheit, unbesiegbar zu sein.

Unter den Photos, in der Spalte zwischen den Couchkissen, finde ich einen gefalteten Brief. Ich erkenne die Schrift, sie scheint spiegelverkehrt durch das dünne Papier. Die Linien eng beschrieben. Manche Worte sind unterstrichen, einige doppelt. Ich lese sie nicht. Der Jingle der Nachrichtensendung ertönt. Zwölf Uhr mittags. Sie sind jetzt kurz vor Knokke. Ich kann das Meer riechen.

Den Brief lege ich zurück zu den Bildern mit den jungen Gesichtern. Die Flaschen stelle ich unten in der Küche zum restlichen Altglas. Sieben Stück. Prosecco. Likör. Aromatisierter Bourbon. Die Worte gehen nicht weg. Sie drängen sich auf und wollen Beachtung. Ich ziehe meine Mütze an und nehme den Mantel von der Garderobe.

Fred ist nicht da. Ich drücke noch einmal auf die Klingel, ein hoher, verzerrter Ton schallt durch das Haus. Nichts tut sich. Sein Van steht unter dem Carport. Im Vorbeigehen streiche ich über den Lack. Hustengeräusche dringen aus dem Anbau hinter der Scheune. Den eisenhaltigen Geruch, der in der Luft liegt, erkenne ich sofort. Nach ein paar Schritten sehe ich das Blut auch. Eine dunkle Schleifspur auf dem Asphalt. Das Tor steht offen. Fred sieht mich kommen und legt das Messer aus der Hand.

Der Hirsch hängt von einem Haken an der Decke, Blut tropft aus einem groben Schnitt über der Kehle.
„Hab keinen Schuss gehört“, sage ich und zeige auf die Lache, die sich unter dem Stück ausgebreitet hat.
„Ja“, sagt Fred. „Hab’s heute Morgen in aller Früh abgefangen, unten am Rothenbach, da konnt‘ ich`s mit der Luger nich machen, zu nah an der B 56. Hab‘ das Linder von dir benutzt – ging wie durch Butter, keine Knochengierigkeit, nix. Aufgebrochen hatt‘ ich’s da schon. Dann wollt ich `s jetzt zerwirken, wo was Zeit ist.“
Ich nicke. Ich weiß, dass er im Wald Schlingen auslegt und deswegen schon dreimal erwischt worden ist.
„Und du? Dir is` langweilig, wa? Wolltest einfach mal gucken kommen, was der Nachbar macht?“
Ich nehme die Mütze vom Kopf und rolle sie zwischen den Händen hin und her. „`ne kleine Bitte hätt‘ ich.“

Fred öffnet die untere Schranktür und bückt sich. Sein Bauch quillt über den Gürtel, Kniegelenke knacken. Er nimmt zwei Einmachgläser aus dem Regal und stellt sie auf den Tisch.
„Quitte“, sagt er und zeigt auf die beiden Gläser. „Geht runter wie Öl.“
„Sagense ja alle.“ Ich tippe auf den goldfarbenen Deckel. „Was kriegste dafür?“
„Wenn du nix sagst, also wegen hier“, er nickt Richtung Scheune und grinst, „leben und leben lassen, sag ich immer.“
„Klar.“
Er schiebt sich die Brille zurück auf die Nase. „Krieg ich von `nem Polen, das Zeug. Woher der’s hat, ob er’s selber inner Bütt brennt oder bei Nacht und Nebel über die Grenze – was weiß ich.“
„Spielt doch keine Rolle.“
Er schiebt die beiden Gläser über den Tisch. „Wie lange is die noch mal weg, deine Frau?“
„Paar Tage.“
Fred nickt. Seine Lippen glänzen feucht, als er den Mund öffnet und einatmet. „Reicht dir das?“
„Das reicht“, sage ich. „Das reicht dicke, danke dir.“

Ich sitze eine Stunde auf der Veranda und beobachte, wie sich das Licht verändert. Wie es auf das Land einwirkt, aus den schroffen Felsen, die das Maisfeld zur Straße hin begrenzen, sanfte Pinselstriche macht. Dann gehe ich ins Haus. Ich schließe die Tür ab und setze mich auf den Stuhl im Gästezimmer. Es ist dunkel in dem Raum, dunkel und kühl. Das Fenster steht immer noch auf kipp. Ich nehme eines der Einmachgläser vom Nachttisch. Es knackt leise, als ich den Deckel aufdrehe. Der erste Schluck brennt in der Kehle, ich kann danach kaum atmen. Milde Wärme, die sich in meinem Inneren ausbreitet. Alles verliert an Schärfe. Kontraste werden weich.

Nachdem ich die Hälfte getrunken habe, mache ich Licht im Flur und gehe nach oben. Ich lasse mir Zeit. Alles geschieht langsam. Schritt um Schritt. Noch ein Schluck. Die Knie zittern, als ich die Treppe ins Dachgeschoss nehme. Im Panoramafenster ein Sonnenuntergang. Ich setze mich vor die Couch, nehme die Photos von der Lehne und lege den Brief auf das Einmachglas. Ihr Gesicht – ganz nah halte ich es vor meine Augen, so nah, dass ich es nicht mehr erkennen kann. Dass ich nichts erkennen kann. Nur Linien und Punkte auf einem vergilbten Stück Papier.

Einen Schluck, und noch einen, dann falte ich den Brief auseinander. Ich lese die ersten Worte, wiederhole sie, spreche die Zeilen tonlos nach. Ihre Schrift ist klar und deutlich. Was sie schreibt, was sie sagt – ich verstehe das alles sehr genau. Etwas in mir hat es gewusst, hat es vielleicht schon immer gewusst. Sie schreibt von Abschied, von Leidenschaft, und von den Tagen, die sie gemeinsam verbracht haben. Tage wie Träume – und dass sie sich für mich entscheidet, weil … Den Brief lege ich auf die Photos, verdecke damit ihr junges Gesicht. Wahrheiten müssen nicht mehr ausgesprochen werden. Einen letzten, langen Schluck, dann ist das Einmachglas leer. Ich krieche über den Boden zur Treppe.

Im Schlafzimmer überall dieser Geruch – es ist ihre Haut, ihr Geschlecht, ihr Schweiß. All das ergibt etwas, für das ich keine Worte finde. Das Bett ist ungemacht. Ich denke, dass sie eine kleine Schlampe ist, dass sie eigentlich immer schon eine Schlampe war. Nein, es ist nicht richtig, so zu denken.

Eine Decke auf der Matratze, als sollte das so sein. Als würde sie schon immer alleine in diesem Bett schlafen. Ich lasse mich fallen. Das Laken, die Decke, alles ist klamm, aber da ist ihr Geruch …

Sie und ich, wir erfinden einfach ein neues Land, wir sehen, wie es Gestalt annimmt, als ob sich die Räder schon durch gelben Schlamm graben würden. Es gibt bereits ein Himmel über diesem Land, und er wartet auf Wolken. Vögel sind in diesen Himmel geflogen. Jeden Abend füllen sich mehr und mehr Bäume mit ihren Augen, und was sie sehen, können wir niemals wieder vergessen. Wir liegen im Bett und beobachten unser Land: wir können zum ersten Mal den Fluss ausmachen, blau und in stetiger Bewegung. Wir scheinen näher zu kommen; wir sehen unsere Radspuren in das Land hineinführen und hinter einer Kurve verschwinden. Ein unbestimmter Rauch in der Ferne. Vögel singen. Das Knarzen der Räder. Als wir dieses Land das erste Mal betreten, fühlt es sich an, als ob uns jemand an den nackten Schultern berührt, ganz leicht und zum allerletzten Mal …

Ich wische mir das Erbrochene vom Mund. Spucke in die Dunkelheit. Gehe in die Küche. Als ich ihre Nummer wähle, sehe ich mich im Fenster. Eine kaum wahrnehmbare Spiegelung.

Sie nimmt nach dem achten oder neunten Klingeln ab. Ich höre, dass sie getrunken hat. Im Hintergrund Musik, helles Pingen, tiefer Bass. Dann das Auf und Ab fremder Stimmen. Ich schließe die Augen und halte den Atem an.
„Was ist denn los?“ Ihre Stimme wird leiser, ich höre, wie jemand ihren Namen sagt: Bianca. Er spricht es falsch aus, Bi-an-ca, das a viel zu lang.
„Wie geht es dir?“, sage ich und öffne den Kühlschrank. Verpackte Käsescheiben. Spargel. Pastrami. Sie zieht an einer Zigarette. Der Tabak knistert.
„Jaja, alles gut.“
Meine Kehle ist trocken. Ich kann kaum schlucken. „War drüben bei Fred“, sage ich. „Hat was erlegt. Hochwild. Und rote Arbeit ist nicht so sein Ding.“
„Aha.“
Die Leitung bricht ab. Stille. Wieder ihre Stimme.
„Hat jemand angerufen für dich“, sage ich, und sie stockt kurz und fragt: „Was? Wer?“
„Frank.“ Das bin ich, in der Scheibe, die Unterhose bekotzt, das Haar fettig. „Frank hat angerufen.“
„Welcher Frank?“
In der Scheibe ist nichts mehr. Ich verschwinde vor dem Glas, hinter dem Glas, in dem Glas. „Weiß nicht, welcher Frank. Hat nach dir gefragt.“
Sie schweigt. Sie atmet ein. Musik. Stimmen.

Ihr Lachen ist so nah, als stände sie jetzt neben mir, die Haut ganz weiß vom Kühlschranklicht, und das Haar fällt über ihre Schultern, lang und dunkel.

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Manche Dinge

Noch eine Handbreit Sonne über dem First
Das Innere der Scheune hell wie ein träge glosendes Feuer
Geier in den Kronen der Bankskiefern
Still und voller Würde warten sie auf Aas
Auf ein Tier, das von der großen Müdigkeit endgültig verzehrt wird
Auf Fleisch
Warm und voller Blut

Die Äpfel sind klein dieses Jahr
So reif, dass sie vom Ast in meine Hand fallen
Der Eimer ist schon halbvoll
Die Hunde liegen dösend unterm Kanu
Jemand verbrennt Laub
Der Geruch von Asche und Harz in der Luft
All die vergangenen Sommer;
Blüten auf dem schwarzen Teich, so schwebend leicht
Kinderlachen unten am Ufer
Ein Windrad, das sich mühsam dreht
Unsere nackten Füße auf dem glatten Holz der Verandatreppen
Eisgekühltes Bier
Manche Dinge brauchen Jahre, um sie zu verstehen.

geschrieben im Tom Thomson Park, South River, Ontario.

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Pretty Women from Hangelar

He caught me out in the yard. I had my backpack in one hand and was checking the mail when he pulled open the gate. I could hear him coming before I saw him.
He stood there and said, “Hello.”
He was wearing a black leather jacket I’d never seen on him before. He looked good. Was getting sleep, no more rings under his eyes. Maybe five or six pounds lighter.
“Hello,” I said and shut the mailbox. There wasn’t any mail.
He glanced at my backpack and said, “Not a good time?”
“Not really,” I said. “Just heading out the door.”
“Where to now?”
“Belgium,” I said, and then, “Charleroi.”
He nodded approvingly. “You really get around, huh?”
“Writing about an exhibit Niels has there.”
“That Niels,” he replied. “He doing all right?”
I nodded.
“Was just in the neighborhood,” he then said. “Thought I’d drop by.”
“Now’s not great.”
Then we finally took a good look at each other.
It’s one of those situations where you can tell that a person’s changed, but it’s not clear at first how. It’s not just their weight, or a few gray hairs.
Neither of us wanted to speak, which brought a strange silence, each waiting it out.
“You lost some weight,” I said, and he smiled and said, “I did.”
We used to be better at overcoming the silence—we’d just drink another pint, which made it less of an issue. There were always other people around, in the old stadium, or in some pub, never leaving us completely on our own. So now I noticed just how little we had to say to each other.
“So what kind of car you drivin’ there?”
I stood there staring at my father.
“I’m taking the train,” I said. “Car’s not worth it, gotta watch the dough.”
He nodded. “Know what you mean.”
I was holding that backpack—ready to go—yet he just kept standing there like he was, and it was making me feel uncomfortable.
“Train doesn’t leave for another hour,” I said, and he got what I meant.
We walked side by side. I knew he had something to tell me, maybe even something important, but I also knew how tough this was for him. Just talking was; reality was.
“Fortuna won the big game,” he said.
“What I hear,” I said, “and in the ninety-fourth minute too—man, did they get lucky.”
“Yep, finally moving up a league, after all those years,” my father said. He stopped a moment and tugged on his beard. “Still going to the old stadium?”
“Not so much anymore.”
“Last time I went was with Worm.”
“That Worm,” I said. “Still alive, I take it?”
My father laughed, a good honest laugh. “Doing well too.”
Worm. The name brought back lots of memories. I’d tried to forget all the names. Worm. Sly Fox. Bakesy. It wasn’t that long ago, but it had just been long enough—for me anyway.
“You ever hear from Lilly?” he said.
“I haven’t, but then again it’s going on two years.”
“Thought you two might still be in touch.”
I shook my head. “Haven’t heard from her for a long time. Must have a new guy. It’s better that way, keeps me from thinking about it too much.”
My father stopped talking, and so we kept walking side by side, in silence again. Lilly. That was another one of those names. You don’t think about it to the point of believing you’ve forgotten it. But that’s not how it actually works. It’s still lying there under the surface, remaining all calm, and it doesn’t take much to bring it all back—all above the surface.
I can’t go blaming myself. That’s not fully true of course, but it makes me feel better thinking about it that way. For us it was wrong place, wrong time. Or better said: I was in the wrong place at the wrong time. Still half a child, and sucking on a bottle. It never could’ve worked out.

The train station came within view. They had this little coffee joint. We automatically headed inside. Instead of standing we found a seat in a corner and looked out the window, at the busses passing, mothers with buggies smoking, broken cobblestones, a little sunshine. I got us two coffees in paper cups. We took a drink. I looked at the newspaper rack. There it was, in the headlines of the Express: “Fortuna Snatches Victory in Final Seconds.” It left me strangely unmoved.
“I’ve met someone,” my father then said.
“How do you mean?”
He gazed at the rim of his cup. “Just like I said.”
I nodded, said nothing.
“She’s from Hangelar,” he said and smiled. He’d said this like it was some crucial detail. Hangelar: home of some federal archives, a GSG-9 anti-terror unit, and that crappy airport. I had no idea what he was trying to say.
“All the women from there are pretty,” he said and took a drink.
“I didn’t know that,” I said.
“It’s true,” he said. “I’ve still yet to see a single ugly woman from there.”
He paused and stared at me. “More women used to be ugly, which you just don’t see as much anymore, meaning, well, that women are cuter now in general. But the ones from Hangelar? Man, I tell you what.”
This sounded weird coming from him, I wasn’t sure why. He then folded his hands, and his body slumped—only slightly, yet plain to see.
“So what’s she like?” I asked.
He smiled again. “What do you want me to say?”
“How should I know?”
“The main thing is, she’s young,” he said. “Well, younger than me.”
That seemed important to him. I didn’t respond.
“Does me good, that woman,” he said, turning his cup one way then the other. “We do a lot of things together.”
A bus honked, and we both looked out the window. It was just an elderly man who’d started to cross the street without looking. He’d stopped and was hitting the bus with his cane. We both laughed and, for that one moment, all was well.
I didn’t care about the pretty woman from Hangelar—she was only this vague image in my head. Yet there were those other, crystal clear images that would not be going away so easily. He exhaled noisily, and I knew what he was going to ask, and he knew that I knew.
“So,” he said and made a rotating gesture with his hand—and the rest was clear.
“If I find the time,” I said. For a split second I imagined the scene, me sitting at a table with him and his pretty woman from Hangelar. That way we’re talking, so cautious and beating around the bush the whole time, and how we’re overly nice to one another. But I only imagined it a split second, like I said.
“My train’s about to leave,” I then said, and he nodded and asked, “But you’re doing good otherwise?”
The part about the train wasn’t true. I only wanted to get rid of him. This didn’t make me feel bad or guilty—I simply wanted to be alone.
“Yeah, doing good.”
“You could’ve shown your face once in a while,” he said, “or called even.”
I nodded. “That’s true,” I said, “but I really have had lots to do and not much time.”
“Everyone’s got lots to do.” He looked past me, and lowered his head.
This had stopped being about that pretty woman from Hangelar a while ago. It was about those other things, and it was our silence about them that lent these things such weight. Many of them are still open wounds. Many of them still look nasty, but then you adjust. You live with it.
“When you back from Belgium?”
I drank the last gulp of my coffee, which had gone cold, and everything pathetic about the situation was there in that last gulp. We always get back at one another, for everything. I still believe that today.
“In a few days,” I said. “I’ll get in touch after that.”
My father smiled, just for a second, and then he leaned back and said, “’Course you won’t.”

He was right: it was years before I saw him again—it just happened to be in a bar, and there he asked me if I could loan him two hundred euros. He was about to get married and was a little low on funds. He wasn’t with the pretty woman from Hangelar anymore, of course. He was already boozed up and telling me about some sweet Pole who was going to treat him so well, but I wasn’t listening very carefully.

Back before that, though, I had stepped onto my train, stared out the window and read the names of the stations passing: Troisdorf, Porz-Rhein, Gremberghoven, and it all seemed so shabby, and I too seemed so shabby. Then I thought of my mother, and about what it once meant to have things belong together, and that now the only thing left was silence. And I remembered that one day when I, still in school then, was taking the 66 train to Bonn and these two women got on at Hangelar, more like girls really, only a little older than I, and I was in one of those strangely sentimental moods where everything got so intense, which was why I could have sworn I’d never seen such pretty girls before.

I hadn’t thought about that for a long time, about my father and the pretty women from Hangelar, not until now.

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