Sven Heuchert

Irgendwann werden sie kommen

Ich lege Ware auf den Tischen zusammen: Jeans im Sonderangebot, Blusen aus Polyester, Flanellhemden. Kurz vor Mittag mache ich meine erste Pause. Dabei behalte ich die hintere Ladenzeile im Blick, gehe langsam Richtung Aufzug. Die meisten Kunden, die um diese Uhrzeit in die Shoppingwelt kommen, wollen nichts kaufen. Sie kommen, um sich die Zeit zu vertreiben. Natürlich gucken sie sich ein paar Teile an, wühlen die Auslagen durcheinander, probieren vielleicht ein Oberteil, aber sie tun es ohne echtes Interesse. Oft halten sie sich die Teile nur an und nehmen sie nicht mal mit in die Umkleidekabine.

Der Aufzug ist leer. Ich fahre bis ins Obergeschoss und gehe ans Ende des Parkdecks. Dort gibt es eine Nische zwischen zwei Betonpfeilern, von der ich die Umgebung überblicken kann. Die kastenförmigen Gebäude, so glatt und weiß in der Mittagssonne, dass sie unwirklich erscheinen. Es gibt hier zweitausenddreihundert Parkplätze – schmale, mit hellgelben Markierungen umrandete Rechtecke. Sie erstrecken sich bis zu den Bahngleisen, gleich dahinter beginnt die Stadt. Ich kann die gläserne Fassade des Kreishauses erkennen. Den Johannisturm der Abtei. Ich zünde mir eine Zigarette an. Seit einem Jahr versuche ich aufzuhören, aber ich schaffe es einfach nicht. Eine halbe Schachtel, eine halbe Schachtel ist in Ordnung. Auf dem Rückweg nehme ich die Treppe vom Obergeschoß zur Marktebene, vorbei an den Geschäften: Orsay, Schiesser, Colosseum. Die Verkäuferinnen stehen neben Warentischen, hinter Kassen, starren aus Schaufenstern auf Mütter, die Kinderwagen durch Gänge schieben, auf Rentner, die an Holztischen stehen und Kaffee aus Pappbechern trinken. Auf der Mitarbeitertoilette wasche ich mir die Hände. Ich drehe das Wasser so heiß wie möglich, das habe ich von meiner Mutter. Ich kannte sie eigentlich nur mit vom Putzen aufgeplatzten Händen, die sie am Ende des Tages mit Cold Cream einrieb.

Die neue Filialleiterin heißt Sandra. Ich schätze sie auf Ende Zwanzig. Sie sagt, sie habe ein Kind. Von einem Mann erzählt sie nie etwas. Sie wartet im Gang vor den Toiletten. „Silke“, sagt sie. „Kann ich dich vielleicht mal eben kurz sprechen?“
Ich nicke, und sie lächelt und geht einen Schritt auf mich zu. „Silke, also, du weißt, ich hab nix dagegen, wenn du eine rauchen gehst, wenn du mal `ne kurze Pause dazwischen schiebst, das weißt du ja auch, wir haben da vor ein paar Tagen schon drüber gesprochen …“
„Ich weiß“, sage ich und sehe auf ihre zusammengekniffenen Lippen. „Ich dachte, is‘ grad eh nix los … aber du hast natürlich vollkommen recht. Sorry, okay?“
Sie sieht mich einen Moment lang an. „Ich kann mir vorstellen, wie das ist“, sagt sie dann. „Dass das jetzt alles irgendwie schwierig für dich ist, wenn man mal selbstständig war, `nen eigenen Laden hatte und alles, und dann jetzt wieder so, normal arbeiten, aber wir brauchen hier einfach `ne Grundordnung, Disziplin, sonst erreichen wir das Monatsziel nicht, und du weißt ja, dann gibt’s keinen Bonus, und alle machen wieder `n langes Gesicht.“
„Ja, ja das stimmt.“
Sie legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen“, sagt sie, ich spüre den Druck ihrer weichen, warmen Finger.
„Ich mach dann mal weiter, ja?“
Sie lächelt, lässt mich los und sagt noch: „Danke für das gute Gespräch, Silke.“

Levis 501 sind im Angebot, 89.90 in allen Farben. Die Jeans haben nicht mehr die gleiche Qualität wie früher. Heute wird alles in Polen hergestellt. Die Bünde sind schlecht vernäht und oft schief, die Hosen haben einen zu großen Anteil Stretch. Nach drei Waschgängen sitzen sie nicht mehr, wie sie sollten. Ich stapele die Größen, immer die kleinste nach oben. Nach einer Weile kommt Andrea, meine Kollegin, an den Tisch. Sie arbeitet Vormittage. Ihr Mann fährt Brummi, wie sie es nennt. Er verdient gut, ist aber selten zu Hause. Sie arbeite eigentlich nur, um mal aus dem Haus zu kommen, sagt sie. Ich glaube, dass sie heimlich trinkt. Manchmal zittern ihre Finger, wenn sie die Kasse bedient, und jeden Morgen kaut sie Pfefferminzpillen. Sie wartet, bis Sandra an ihr Handy geht.
„Um mit seinem Team eins zu werden, sollte man zuerst mit seinem Team eins sein“, sagt sie leise. „Ja? Hat sie dir einen von den Sprüchen gedrückt?“
„So was in der Art.“
Sie schüttelt den Kopf. „Ich weiß gar nicht, warum du dir das hier überhaupt noch antust.“
„Rechnungen bezahlen sich aber nicht von alleine.“
„Ich erzähl‘ dir jetzt mal was, über unsere Sandra hier“, sagt Andrea und kommt näher. Sie nimmt mir eine Levis aus der Hand, schüttelt sie aus und legt sie wieder zusammen. „Unsere kleine Chefin hier, die ja alles so super unter Kontrolle hat – die hat vor nicht mal `nem Jahr `ne Boutique in Düsseldorf vor die Wand gefahren, aber so richtig …“
„Ja?“
Sie nickt.
„Von wem weißt du das?“
„Verlässliche Quelle“, sagt sie und zieht eine Augenbraue nach oben. „Und hier tut die so, als sei sie `n Vollprofi, der nie irgend’n Fehler macht …“
„Jeder macht mal Fehler.“
„Hab’s von einer aus der Personalabteilung, die war früher da Gebietsleiterin, Niederrhein, und die hat mir das beim letzten Verkaufstraining in Bonn brühwarm erzählt, wie die den Laden total versenkt hat.“ Sie schüttelt den Kopf. „Da passte nix, im Lager alles durcheinander, und auch hier“, sie reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, „da war auch nicht alles so, wie es sein sollte – du verstehst schon, was ich meine …“
Ich beobachte Sandra, wie sie vor dem Schaufenster steht, immer noch das Handy am Ohr. „Jeder hat `ne zweite Chance verdient, oder nicht?“
„Na, dein goldenes Herz möcht ich haben“, sagt Andrea.
Wir stehen einen Moment nebeneinander, dann sagt sie: „Ich hab‘ heute Morgen wieder diesen Typen gesehen, diesen Glotzer.“
„Wen meinst du?“
„Na, diesen schmierigen Affen, der uns hier letzte Woche durch das Schaufenster angegafft hat.“
„Ach, der, das ist doch nur ein harmloser Junge.“
Sie runzelt die Stirn. „Der hat uns angesehen, als seien wir wilde Tiere, also … harmlos?“
„Andrea, wie alt war der, vierzehn, fünfzehn? Lass ihn doch gucken, wenn er will.“
„Dass du das so locker nehmen kannst …“
„Und was willst du tun? Ich meine, willst du die Polizei rufen, weil er uns ein bisschen anstarrt?“
„Nein, das jetzt nicht, aber …“
„Lass ihn einfach.“

Der Vormittag zieht sich. Kaum Kunden. DHL bringt neue Ware. Sweaters mit Glitzerdruck. Hoodies. Überlange T-Shirts. Wir zeichnen die Stücke aus und hängen einen Teil ins Lager. Den Rest verteilen wir auf die Warentische. Der Dekorateur kommt erst gegen Ende der Woche. Sandra telefoniert fast die ganze Zeit über. Sie steht draußen vor dem Geschäft, spricht, gestikuliert mit den Händen. Gegen Mittag bittet sie mich, ihr einen Latte Macchiato zu holen. „Bei diesem neuen Italiener“, sagt sie und drückt mir zwanzig Euro in die Hand. „Und bring für Andrea und dich auch einen mit, ja?“
Ich nehme den Schein und falte ihn in der Mitte. „Alles okay bei dir?“
Sie winkt ab. „Bisschen Stress mit der Zentrale, wegen der neuen Ware, und dann der Umsatz, naja …“
„Wir haben erst seit `nem halben Jahr geöffnet.“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Wird schon“, sage ich und stecke den Schein in die Hosentasche.

In den Gängen ist noch immer nicht viel los. Die meisten schieben Einkaufswagen vor sich her und nutzen die ruhigen Mittagsstunden, um bei REWE im Untergeschoss einzukaufen. Die Investoren hatten sich das anders vorgestellt. Seitdem die Shoppingwelt eröffnet hat, stehen viele Flächen leer, einer der Ankermieter ist abgesprungen. Die Tische im Foodcourt sind alle besetzt. Gefressen wird immer. Frikandel spezial, Teilchen, Pizza, Burger … Der Junge hinter der Theke grinst mich an, als ich meine Bestellung aufgebe. Er fragt mich jetzt zum dritten oder vierten Mal, wie ich heiße. Silke, so ein schöner Name. Er sagt, er heiße Matteo und stamme aus Neapel, doch das glaube ich nicht, ich glaube nicht, dass er Italiener ist. Ich versuche ein Lächeln. Ob ich seine dünnen, blutleeren Lippen küssen könnte? Ich gebe ihm drei Euro Trinkgeld.

Der Glotzer steht hinter einer der Plastikpalmen und hält einen Milchshake in der Hand. Ich erkenne sein Gesicht sofort – die eingefallenen Wangen, die blasse Haut. Das aschblonde, ungekämmte Haar. Seine Augen wirken durch die Brillengläser noch kleiner. Ich sortiere die Becher in dem Pappträger, um ihn einen Moment länger beobachten zu können. Wie er da steht, eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen umklammert er den Milchshake, die Finger ganz steif. Dann gehe ich langsam weiter, und ich weiß, er ist da, er sieht mir nach.

Sandra nimmt mir den Becher aus der Hand. „Ich weiß nicht“, sagt sie und trinkt einen Schluck. „Wieder so scheißwenig los heute, dabei ist’s grad Monatsanfang …“
„Hier dein Rückgeld.“ Ich lege die Münzen neben die Kasse. „Und vielen Dank für den Kaffee.“
Sie nickt. „Ja, ist ja kein Problem.“
Wir stehen noch einen Augenblick zusammen, und da bemerke ich eine kleine, kahle Stelle an Sandras Hinterkopf. Sie ist so groß und rund wie eine 2-Euro-Münze, am Ansatz gleich über dem Ohr. Normalerweise wäre die Stelle nicht zu sehen, weil sie die Haare sonst offen trägt. „Ist wirklich guter Kaffee“, sage ich und tippe auf den Plastikdeckel.
„Na ja, wenigstens das“, sagt Sandra. Dann bringe ich Andrea ihren Becher. Sie hat sich schon den Mantel angezogen, und aus ihrer geöffneten Handtasche, die auf einem der Tische steht, ragen Briefumschläge. „Ich bin doch gleich raus“, sagt sie und richtet sich den Zopf. „Aber komm …“, sie nimmt mir den Becher aus der Hand, pustet in das kleine Loch im Deckel und trinkt vorsichtig einen Schluck. „War der süße Italiener wieder da? Wie hieß der? Matteo?“
„Glaubst du wirklich, dass der Italiener ist?“
„Mir doch egal, was der ist, solange er `n knackigen Arsch hat.“ Wir lachen. Sie nimmt noch einen Schluck und lässt den Becher auf dem Spülbecken stehen. „Muss jetzt wirklich los.“ Sie geht schnell, läuft fast, nickt Sandra zum Abschied nur zu, danach verschwindet sie im Gang. Ich spüre den Luftzug, als sich die Tür wieder schließt. Nachmittags die ersten Kunden, die etwas kaufen wollen. Eine Mutter mit ihrem Sohn. Im Teenageralter, vielleicht dreizehn Jahre alt. Pickliges Gesicht und schlecht gefärbte Haare. Er starrt an die Decke oder tippt Textnachrichten in sein Handy. Die Mutter wird kurz laut. Der Junge nimmt die zweite Jeans, um sie anzuprobieren. Als er aus der Umkleidekabine kommt, sagt die Mutter: „Die wird genommen und basta!“

Gegen fünf sagt Sandra, sie hätte gleich noch einen wichtigen Termin, den sie fast vergessen habe. „Machst du dann Kasse, ja?“, fragt sie und nimmt sich eine Zigarette aus meiner Schachtel, die auf dem Tisch im Sozialraum liegt.
„Klar, kann ich machen.“
Sie legt mir eine Hand auf die Schulter. „Ist gut, dass ich dich hier hab‘, ehrlich.“
„Beeil dich mal lieber“, sage ich. „Sonst kommst du nachher wirklich noch zu spät.“
„Ja, ich muss wirklich los.“
Ich rieche ihr Parfüm, ein leichter, floraler Duft. Sie hat sich den Lippenstift nachgezogen. Ein tiefes Rot, dunkel und glänzend wie Wein. Sie hat einen schönen Mund, volle, geschwungene Lippen. „Mach’s gut, bis Morgen“, sagt sie und nimmt ihre Handtasche.

Ich stelle die Musik aus und trinke den restlichen Kaffee, kippe die übrig gebliebenen Becher in die Spüle. Dann zünde ich mir im Sozialraum eine Zigarette an, versuche den Rauch aus dem Fenster zu pusten. Ich lösche die Kippe unter fließendem Wasser und schmeiße sie in den Abfalleimer. Kurz vor Schluss zähle ich das Geld. Schein für Schein. Münze für Münze. Ich gebe die Summe in den Rechner ein, drucke den Tagesbeleg aus, unterschreibe und hefte ihn in den Ordner. Ich mag den Moment, wenn die Lichter nach dem sanften Klicken der Zeitschaltuhr ausgegangen sind. Wenn das Geschäft, die großen Räume mit einem Mal ganz dunkel werden. Meistens bleibe ich noch kurz stehen und genieße diese Ruhe, bevor ich abschließe. Der Glotzer steht am Ende des Gangs. Ich sehe ihn aus den Augenwinkeln, lasse mir aber nichts anmerken, rüttele zur Sicherheit noch einmal an der Tür. Er hält etwas in den Händen, ich glaube, es ist ein Buch.
„Hey du, komm mal her“, rufe ich, und er drückt sich das Buch gegen die Brust und dreht sich weg, doch da ist nur ein Betonpfeiler. „Jetzt warte mal.“ Ich hänge mir die Handtasche um und stecke den Schlüssel ein. Ich bleibe vor ihm stehen, will ihn fragen, warum er uns anglotzt, was er davon hat. Er kaut auf seiner feuchten Unterlippe herum, das Buch fest in den Händen, der Umschlag berührt sein Kinn.
„Hau schon ab“, sage ich leise, „na los.“
Sein Blick streift mich, die Augen hinter den Brillengläsern rot und glasig, ich höre, wie er einatmet, und das klingt wie ein Seufzen, leise und erstickt. Danach dreht er sich um und geht. Ich sehe ihm nach, bis er verschwunden ist.

Das künstliche Licht spiegelt sich in den Schaufenstern, ein Geschäft nach dem anderen, der Klang meiner Schritte auf dem Boden, und für einen flüchtigen Augenblick sehe ich mich selbst im Glas, dann sehe ich wieder auf den Boden, folge den Fugen, und der Gang wird immer länger, die Geschäfte leerer, blanker Beton, grob verputzte Wände, in manchen Räumen hängen noch Kabel von der Decke, es riecht sauer, nach Farbe, nach Silikon, nach unfertiger Wohnung vor dem Einzug, ich gehe weiter, bis zu den terracotta-farbenen Passantenstoppern und hellgrünen Plastikpalmen. Draußen bedeckter Himmel, ich atme ein, atme aus, aber nichts verändert sich, tausend Dinge geschehen gleichzeitig in meinem Kopf, laufen ab wie ein Film, den ich schon tausende von Malen gesehen habe; das Klacken der Zeitschaltuhr, das Gefühl der Münzränder an meinen Fingern, Sandras Parfüm, vermischt mit dem scharfen Geruch von Pfefferminzpastillen, das falsche Lächeln der Kunden, der Klang ihrer Stimmen, wenn sie nach Rabatten fragen, nach Prozenten, nach billiger und dann die Blicke dieses Jungen, scheu und einsam und unwissend, der Glotzer, ein Gefangener wie wir alle … im Auto schließe ich die Augen, spüre, wie warm mein Körper geworden ist, der Stoff der Bluse brennt unangenehm auf meiner Haut, fühlt sich ganz fremd an, ich öffne die ersten beiden Knöpfe über dem Hals, umfasse dann das Lenkrad, das kühl und weich ist. Nein, du verlässt die Shopping-Welt nicht, du gehst nie ganz, niemals. Die Gänge bleiben, sie bleiben in deinem Kopf, ein ewiges Kommen und Gehen, ein ewiges Hin und Her, und das Licht, fahl und kalt und krank, alles sieht so tot aus, und das Parkdeck, die Ölflecken und alten Kaugummis und ausgetretenen Kippen, die lange Leere, das Geräusch der Motoren, die Einsamkeit, wenn man hinter dem Steuer sitzt, und nicht weiter weiß, nur das man gleich losfahren wird, man aber eigentlich fliehen möchte, an einen anderen Ort. Nur wohin, wohin?

Zuhause öffne ich alle Fenster, ziehe die Vorhänge zur Seite, die Luft bleibt drückend wie vor einem Gewitter. Ich setze mich in die Küche, trinke ein Glas kaltes Leitungswasser und zünde mir eine Zigarette an. Zweiundzwanzig sind in der Schachtel, das ist meine Elfte, ich rauche sie langsam. Auf dem Tisch liegt noch die Post von gestern. Ungeöffnete Briefe. Steuerberater, Finanzamt, Werbung – vielleicht in dieser Reihenfolge. Vielleicht noch eine Forderung von der Bank oder den Anwälten. Ich sehe nicht nach, ich lasse sie liegen. Von draußen höre ich Kinderlachen. Ich drücke die Kippe in einem Blumentopf aus, stecke den Filter tief in die Erde und stehe auf. Die Kinder sind nicht zu sehen, sie spielen in einer der Sackgassen. Ihr Lachen wird noch einmal lauter, dann herrscht mit einem Mal Stille. Im Haus gegenüber sitzt ein Mann auf dem Balkon und liest die Express. Er trägt ein dunkelblaues Hemd, das ihm ein paar Nummern zu groß ist. Er hat es bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, darunter weißes Feinripp. Krause Brusthaare ragen über den Bund am Hals. Bevor er eine Seite umblättert, leckt er sich Daumen und Zeigefinger an. Es ist zu weit weg, ich kann nur die Schlagzeile lesen, das halb ausgezogene Mädchen auf der ersten Seite erahnen. Im Fenster hinter ihm zuckt das Licht eines eingeschalteten Fernsehers, und da sind noch andere Menschen, ich erkenne ihre Schemen, dunkel und verzerrt. Der Mann hat sich seit ein paar Tagen nicht rasiert, die tiefschwarzen Stoppeln reichen ihm bis zum Kehlkopf. Wieder blättert er eine Seite um, ich sehe auf seinen kurzen, kräftigen Daumen, wie er ihn zum Mund führt, wie sich die Lippen öffnen. Er benetzt ihn, und dann spüre ich seine Zunge zwischen meinen Beinen – eine lange, langsame Bewegung, weich und warm, nur Männer denken, dass es hart und spitz sein muss. Als ich in seine kleinen, grauen Augen blicke, als ich diesen Ausdruck darin erkenne, da spüre ich, dass er es sieht, dass er tief in mich hineinblickt. Er beobachtet mich über die Zeitung hinweg, dann gibt es diesen Moment, diesen kurzen Moment – eine seltsame Nähe, stille Übereinkunft, wie eine vertraute Berührung in der Dunkelheit, und ich tue so, als kümmere ich mich um die Blumen, die auf dem Fenstersims stehen. Ich streiche über die fleischigen Blätter, doch alles viel zu fahrig, viel zu schnell, er wird das sofort durchschauen. Dann wende ich meinen Blick ab, aber ich weiß, er ist noch da, und das gefällt mir, dass ich das weiß, ich bewege mich jetzt anders, ich versuche es zumindest. Ich schiebe die Pflanze weiter nach links, drücke die Erde fest, obwohl sie nicht locker war, ich zerreibe sie zwischen den Fingern, ich kann sie riechen – alt, modrig, wie Schimmel. Als ich aufsehe, ist der Balkon leer, der fremde Mann weg. Nur die Zeitung liegt noch da, zusammengefaltet unter dem Aschenbecher.

Am nächsten Morgen bin ich eine halbe Stunde früher im Geschäft. Ich setze mich in den Sozialraum und warte. Sandra kommt sonst immer um viertel vor neun, sie will früh da sein, sich vorbereiten. Ich sehe auf die große Uhr, die an der Wand neben dem Urlaubsplaner hängt: 8.57. Die Zeitschaltuhr springt mit einem leisen Klacken an, dann erhellt grelles Licht die Räume. Ich gehe auf die Mitarbeitertoilette und wasche mir die Hände. Das Wasser aus dem Hahn riecht nach Kalk und Eisen. Um kurz nach neun sehe ich durch das Schaufenster Andrea, wie sie mit schnellen Schritten den Gang entlangläuft. Sie zieht die Tür auf, nickt mir kurz zu und sagt: „Also manchmal …“
Ich winke ab. „Sandra ist auch noch nicht aufgetaucht.“
Sie bleibt stehen, nimmt ihre Handtasche von der Schulter und sieht sich im Geschäft um. „Ach was?“
„Ja“, sage ich. „Ich wollte noch fünf Minuten warten.“
„Und dann?“
„Dann ruf ich sie an …“
Sie runzelt die Stirn.
„Könnte ja was passiert sein, Unfall oder sonst was.“
„Die hatte doch keinen Unfall!“, sagt Andrea und zieht sich ihren Mantel aus. Als sie an mir vorbeigeht, rieche ich ihre Fahne. Süß und klebrig wie Karamellbonbons, denke ich, und das es das erste Mal ist, und das jeder mal einen Fehler macht. Im Sozialraum lässt sie sich auf einen Stuhl fallen. Schweißperlen in ihrem Haaransatz.
„Alles okay bei dir?“
„Ja“, sagt sie. „Ja, wieso nicht?“
„Siehst nicht so gut aus …“
„Bisschen schlecht geschlafen, das ist alles. Ich weiß nicht, in der letzten Zeit, da wach ich nachts immer um drei, vier auf, dann geht nichts mehr, dann lieg ich da und krieg kein Auge zu.“
„Warst du mal beim Arzt deswegen?“
„Was soll da der Arzt machen? Ich nehm keine Medikamente, das kannste gleich vergessen.“
Sie atmet flach, wippt mit dem rechten Fuß auf und ab, eine Hand liegt auf dem Schenkel.
„Oder vielleicht mal mit Sport versuchen? Also immer wenn ich Sport gemacht hab, schlaf ich wie `n Stein.“
„Ja, ich weiß, müsste ich machen, ich müsste mehr Sport machen, aber ganz ehrlich – die Fahrerei dahin, ist ja nicht gerade um die Ecke, das Fitnessstudio, dann Umziehen und alles, da ist der ganze Abend weg, und ich kann das auch nicht, da in die Dusche, mir ist das irgendwie unangenehm“, sie sieht mich an, verzieht das Gesicht, „und dann, dann gebe ich mir da das ganze Programm, mach `n riesigen Aufwand, irgendwelche Kurse, und für was, für …“ Sie bricht den Satz ab, aber ich weiß, was sie sagen wollte.
„Mal gucken, wo Sandra bleibt.“ Ich hole mein Handy aus der Manteltasche und wähle. Die Mailbox springt an, ich höre der Stimme bis zum Signalton zu, lege auf, wähle noch einmal. Wieder die Stimme. Draußen im Gang flaniert ein älteres Paar vorbei, es sind die einzigen Besucher, es ist noch früh. Er trägt einen senffarbenen Trenchcoat, auf dem Kopf einen Strohhut, sie einen taillierten, malvefarbenen Mantel und Wildlederstiefel. Die beiden unterhalten sich, lachen, dann zeigt die Frau auf eine Bluse, die bei uns im Schaufenster hängt. Sie streicht mit den Fingerspitzen über ihr Brustbein, zeichnet den V-Ausschnitt der Bluse nach, und ich denke, gleich kommen sie rein, gleich wollen sie das Teil kaufen, wenigstens anprobieren, doch dann schüttelt sie den Kopf und winkt ab. Der Mann nickt schweigend. Im nächsten Moment sind sie im Gang verschwunden. Ich atme ein, spüre den Puls weit oben im Hals, ein unangenehmes, hartes Pochen. Ich sehe noch einmal auf den Gang hinaus, der leer ist, der leer bleibt, da sind nur die Reiter voller bunter Werbeplakate. Ich wische mir meine Hände an den Gesäßtaschen ab, schließe die Augen und höre auf das leise Rauschen der Klimaanlage, auf das Summen der Elektrizität, der durch die Trafos in der Decke fließt.
„Ab wann gibt man eigentlich `ne Vermisstenanzeige auf, wie lange wartet man da?“, fragt Andrea. Sie sitzt immer noch im Sozialraum, ihre Stimme dumpf und verwaschen. Ich öffne die Augen, sehe in die LEDs, sehe die Bluse und die Schaufensterpuppen mit ihren steifen, verrenkten Glieder, ich will antworten, öffne den Mund, bleibe aber stumm. Andrea wiederholt ihre Frage und spricht weiter, sie sagt: „Vielleicht vierundzwanzig Stunden?“, aber ich kann nicht, kalter Schweiß auf meiner Stirn, und es ist hell, so hell, ich atme, atme, bis Andrea mir ihre Hand auf die Schulter legt. „Ich weiß es nicht“, sage ich, die Wörter klingen hohl, so, als spräche da eine Fremde, „ich weiß es wirklich nicht.“ Sie lässt ihre Hand meinen Rücken hinabgleiten, über das Schulterblatt, die Wirbelsäule entlang, wie ein Liebhaber, und sagt: „Geht’s dir vielleicht nicht so gut?“, sie spricht leise, als verrate sie mir gerade ein Geheimnis. „Ich geh‘ mal grad eine rauchen, ja?“, sage ich, ich kann ihren Atem riechen, sie kaut wieder Pfefferminzpillen, und der Geruch ist scharf und so stark, dass mir schlecht davon wird. Ich drücke die Tür auf, gehe ein paar Schritte, draußen im Gang ist es kühl, von irgendwoher weht ein Wind, Luft streicht über meinen Nacken, das Gewirr von Stimmen, das Bremsen der 66, ein langgezogenes Quietschen, Metall auf Metall, dann bin ich im Treppenhaus, hier ist es dunkel und noch etwas kühler, fast kalt, ich lege die Hände auf eine der Steinplatten, danach auf meine Stirn, drücke die Fingerspitzen gegen meine Schläfen, es tut gut.

Der Parkplatz ist leer. Nur ein schmutzig-weißer Lieferwagen steht vor den Betonpfeilern. Ich lehne mich gegen das Geländer, atme ein, warte, bis sich mein Puls beruhigt hat. Der Himmel ist grau, ein einheitliches Grau, keine Wolke, doch das Licht blendet mich und schmerzt in den Augen. Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue an die Decke, auf die raue, geriffelte Oberfläche, die Dehnungsfugen, auf die abgeplatzten Ränder. Ich hätte die Bluse von der Schaufensterpuppe reißen und sie der Frau in die Hand drücken sollen. Ich hätte Sandra auf die Mailbox sprechen sollen, ihr sagen, dass ich mir manchmal wünsche, in der Badewanne zu ertrinken. Ich hätte ihr sagen sollen, dass das alles keine Rolle spielt; Umsatz, Bonus, Gewinn. Das sind Zahlen. Nicht das Leben. Manchmal kaufen die Leute. Manchmal nicht. Das ist das Leben. Es nicht genau zu wissen. Nichts genau zu wissen.

Als ich mir eine Zigarette anzünde, zittert meine Hand nur noch ganz leicht. Ich nehme einen Zug und sehe auf den Beton, ich wusste gar nicht, wie schön Beton sein kann, und ich weiß, Sandra wird nicht wiederkommen – ich weiß es nicht, ich spüre es, aber es ist mehr als eine Ahnung; vor jeder großen Prüfung gibt es ein paar, die verschwinden, die verschwinden, ohne sich jemals verabschiedet zu haben. Sie wissen, dass ihnen etwas fehlt, und das wollen sie vor den anderen nicht zugeben, denn dann müssten sie es auch vor sich selbst tun.

Die Tür des Aufzugs öffnet sich. Zwei Männer gehen über den Parkplatz zum Lieferwagen. Handwerker in Blaumännern, die Gesichter staubig, verdreckt, der eine trägt einen Kanister in der Hand, den er auf die Ladefläche stellt und dann die Fahrertür aufschließt. Sie setzen sich in die Kabine, zünden sich Zigaretten an, ich kann sehen, wie die Glut nacheinander aufleuchtet. Der Rauch zieht aus einem der geöffneten Seitenfenster ab, und obwohl ihre Gesichter durch die heruntergeklappten Sonnenblenden verdeckt sind, weiß ich, dass sie mich anstarren, mich angaffen. Vielleicht haben sie ihre Augen aber auch geschlossen und träumen vom nächsten Urlaub, von feinkörnigen Sandstränden, von zuckersüßen Cocktails mit Schirmchen. Ich drehe mich um, beuge mich über das Geländer und lasse die Kippe auf das nächste Parkdeck fallen. Der Motor des Lieferwagens springt an, der ölige Geruch des Diesels weht herüber, dann fahren sie, die Reifen rollen fast lautlos über den Asphalt, und ich glaube, sie lachen hören zu können. Ich warte, bis sie weg sind und sehe noch einmal auf die Kippe, wie der Rauch langsam in einer dünnen Säule aufsteigt. Diesmal benutze ich den Aufzug.

Andrea fragt nicht. Ich wasche mir auf der Toilette die Hände, benutze Papierhandtücher aus dem Spender, sehe nicht in den Spiegel. Noch einmal, wieder nur die Mailbox.
„Und?“, fragt Andrea, als ich das Handy auf den Tisch lege.
„Kann alles möglich sein … Auto liegengeblieben, Handtasche geklaut …“
„Nicht, dass da nachher wirklich was passiert ist, ich meine, was richtig Schlimmes …“
„Ja“, sage ich. „Hoffen wir’s.“
Wir sehen auf den Gang hinaus, und da fällt mir das erste Mal auf, wie schmutzig die Schaufenster sind, überall Fingerabdrücke, Schlieren, Staub, und dann kommt mir das ganze Geschäft auf einmal viel größer vor, die Decken höher, da ist jetzt mehr Licht und mehr Ware, Unmengen an Ware – Jeans, Pullover, Blusen, Leggings, Jacken. Ich sehe die Preisschilder, die Lieferscheine, die Rechnungen, ich sehe Bruttopreise, Nettopreise, Umsatzsteuer, Mehrwertsteuer, Gewerbesteuer, ich sehe den verkniffenen Mund des Insolvenzverwalters, der sich gleich öffnen wird, um die Wahrheit zu verkünden. „Andrea, hier muss sich was ändern, es ist einfach viel zu viel Ware da“, aber das sagt nicht der Insolvenzverwalter, das sage ich, ich sage es.
Andrea sieht mich an. „Das war’s, oder?“
„Was? Ich weiß nicht, was du meinst …“
„Für Sandra. Das war’s für Sandra.“
„Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es schon, du willst nur nichts sagen.“
„Ich weiß wirklich nichts. Von wem auch?“
Andrea atmet aus. „Stimmt, ist viel zu viel Ware. Ich dachte mir, die Sandra, die wollte das so, die hat sich dabei schon ihre Gedanken gemacht.“
„Sie hat sich Gedanken gemacht“, sage ich, und dann sehe ich wieder den Mund des Insolvenzverwalters, sein ausgemergeltes Gesicht, das glatt rasierte Kinn, vor allem sein spöttisches Grinsen, als er sich von mir abwendet und den Kopf schüttelt, nur ganz leicht, gerade so, dass ich es noch bemerke. Bis mittags haben wir drei große Kartons vollgepackt. Jeans in den gleichen Größen, den gleichen Farben. Doppelte Bestellungen. Liegengebliebene Rückläufer.
Andrea notiert die Artikelnummer auf den Lieferschein und legt den Kugelschreiber auf den Tisch. „War Sandra wohl nicht ganz bei der Sache.“
„Du bestellst Ware, weil du denkst, irgendwann müssen die Leute ja kommen und kaufen, aber dann, wenn sie nicht kommen, dann denkst du eben, es liegt an der Ware, und dann bestellst du neue, und wieder neue …“
Andrea schüttelt den Kopf. „Die Gebietsleitung wird sicher die Reißleine gezogen haben.“
„Werden wir schon früh genug erfahren“, sage ich und verschließe den Karton mit einem Streifen Klebeband. Als Andrea geht, bleibt sie an der Tür stehen und dreht sich noch einmal um. „Bis morgen dann“, sagt sie und lächelt.

Ich wasche mir die Hände und rufe danach den Gebäudereiniger an. „Sagen Sie ihren Mitarbeitern bitte, dass sie ab sofort tagsüber kommen sollen, während der Öffnungszeiten, sonst kann ich das nicht mehr quittieren, ja? Und alle vier Wochen auch von innen putzen, das ist wichtig, das ist nicht mehr gemacht worden.“ Nachmittags verkaufe ich ein Paar Jeans an einen Rentner, der mir die ganze Zeit über von seiner Finca auf Mallorca erzählt. Als er die Jeans anprobiert, zieht er den Vorhang der Umkleidekabine nur halb zu, und ich sehe seine Beine, die weiße Haut übersät mit roten Pusteln. An der Kasse grinst er mich an, reicht mir seine Kreditkarte über den Tresen und sagt: „Also, Mallorca is‘ ja vor allem zu zweit eine wirklich `ne schöne Insel …“
„Unterschrift bitte“, sage ich und zeige auf den Beleg. Gegen fünf klingelt die Festnetzleitung. Die Stimme des Gebietsleiters ist forsch. Er spricht schnell und in kurzen Sätzen, von denen ich nur die Hälfte verstehe. Differenzen, sagt er, auf die er nicht näher eingehen kann, ich wüsste schon Bescheid. Er würde gegen Ende der Woche persönlich ins Geschäft kommen, um den Schlüssel von Sandra vorbeizubringen. Ich solle unbedingt vorher noch eine Inventur durchführen. Alles andere klären wir dann. „Alles andere klären wir dann“, wiederhole ich und lege auf. Kurz vor Schluss mache ich Kasse und zähle das Geld. Ich zähle es zweimal, drehe jeden Schein so, dass die Ziffern übereinanderliegen, 10 auf 10, 20 auf 20, 50 auf 50. Klick macht es, als ich die Münzen wieder in das Fach lege, klick, klick, klick, eine Jeans, eine Bluse, klick, klick, klick, ein Latte Machiatto, klick, eine Tankfüllung, klick, und eine Finca auf Mallorca, klick klick klick klick klick. Das letzte Klicken ist das der Zeitschaltuhr. Ruhe und Dunkelheit. Persönliche Differenzen. Ich weiß Bescheid. Dann schließe ich ab.

Er steht auf einer Verkehrsinsel vor der Shoppingwelt und wartet darauf, dass die Ampel umschaltet. Als ich das Fenster auf der Beifahrerseite herunterlasse, sieht er in meine Richtung. „Matteo, so ein schöner Name“, sage ich leise. Die Ampel schlägt um, ich fahre los, und er beugt sich nach vorne und streckt seine Hand aus, als wolle er mich aufhalten. Da ist niemand hinter mir. Da sind nur Lichter, Lichter und Parkplätze und der Geruch von toter Erde. Ich halte am Straßenrand. Ich warte. Ich sehe ihn im Seitenspiegel näher kommen, ein Umriss, ein Schatten, und als er die Tür aufzieht, da denke ich an den Mund von Sandra, ihre Lippen so rot wie Wein, so rot wie Blut.

Kölner Literaturclips

Hörbuch: Dahin, wo es weh tut

Muss

Sie stellt die Tasse vor mich hin und nimmt sich eine Zigarette aus meiner Schachtel. Für einen Moment betrachtet sie den Filter, liest den Schriftzug – CAMEL – dann zuckt sie mit der Schulter und sagt: Hast du mal Feuer?
Ich nicke und reiche ihr das Zippo.
Dein Bruder, sagt sie leise und öffnet die Schutzkappe. Der … ich weiß nicht.
Ich dachte, die Ärzte sagen, `s sei alles wieder in Ordnung?
Sie nimmt einen Zug und schüttelt den Kopf. Das kann ja sein, das wird schon seine Richtigkeit haben, wenn die das sagen.
Was meinst du dann?
Der hat jetzt fast ein halbes Jahr lang zu Hause gesessen … Sie sieht mich lange an, legt die Zigarette in den Aschenbecher. Geh‘ ihn ruhig mal besuchen. Der braucht Gesellschaft. Das Alleine sein, das is‘ nix für den.
Ich nehme ein Schluck Kaffee, stelle die Tasse zurück auf den Tisch. Mutter nimmt immer zwei Löffel zu viel Pulver. Ölaugen auf der schwarz schimmernden Oberfläche. Zum Abschied schließe ich sie in den Arm. Wir stehen im engen, schmalen Flur. Auf der Kommode liegt immer noch der Zeitungsartikel über die Freisprechung letztes Jahr. Mein Bruder steht lächelnd neben seinem Gesellenstück, einem aufwändig gestalteten Brandschrank, der an diesem Abend mit dem ersten Platz prämiert wurde.
Stumpfsinnig, sagt meine Mutter und fährt mit den Fingerspitzen über den Artikel. Der wird mir noch stumpfsinnig vom vielen Rumsitzen.
Ich fahr‘ gleich rüber, versprochen.
Sie öffnet die Wohnungstür. Und grüß mir die Lisa.
Mach ich, sage ich und bleibe im Treppenhaus stehen, bis das Licht hinterm Spion erloschen ist. Ich lehne mich gegen das Geländer, gehe Stufe für Stufe ins Erdgeschoss. Draußen vor den Mülltonnen steht Herr Cyron. Er schiebt die Altpapiertonne unter den Verhau, hebt die Hand und sagt: Na, Jung, warste dinge Mutter besuchen?
Muss ja auch mal sein.
Na sicher, sagt er und schürzt die Lippen. Und? Wie läuft der Laden? Rentiert et sich schon?
Rentieren, nee, das können se verjessen, sage ich und schnalze mit der Zunge. Die Leute schmeißen heute doch alles direkt weg, da is nix mehr mit reparieren, und neu, neu kaufen die bei Saturn oder im Media Markt. Die lassen sich von mir beraten, sagen `Vielen Dank` – und weg sindse.
Ja, Jeiz is eben jeil, sagt der alte Cyron und klopft mir auf die Schulter. Sportschau fängt gleich an. Ich wünsch dir wat!
Effzeh wieder auf’m Abstiegsplatz?
Hör mir bloss auf mit denen – nur Driss, alles nur Driss, wat die da zusammenspille. Nächstes Jahr geht’s wieder nach Sandhausen.
Wir lachen beide. Er winkt noch einmal und zieht die Haustür zu. Ich gehe an den Mülltonnen vorbei über die Straße. Aus den Schornsteinen der KEPEC ziehen dichte Rauchschwaden. Den Wagen habe ich im Industriegebiet vor dem Getränkeexpress geparkt, ganz hinten neben den Einkaufswagen. Ich bleibe vor dem Eingang stehen. Die Neonreklame ist kaputt, das Licht flackert. Hinter der Milchglasscheibe sehe ich Schemen. Ich zögere, mache einen Schritt nach vorne – die Tür geht automatisch auf. Leise Musik dringt aus den Boxen. Hinter der Kasse sitzt ein junger Typ mit Wollmütze und starrt auf das Display seines Handys. Ich gehe zu den Kühlschränken und nehme einen Sechserpack Mühlen Kölsch aus dem untersten Fach. Der Junge sieht kurz auf das Bier, tippt einen Betrag in die Registrierkasse ein und sagt: 5,29. Ich lege einen Zehner in die Plastikschale. Er nimmt ihn, lässt ihn in die Schublade fallen und zählt mit einer Hand das Wechselgeld ab.

Das Bier stelle ich auf den Beifahrersitz und starte den Motor. Die Straßen sind frei, kaum Verkehr. Ich fahre an der Grundschule vorbei, biege am neu gebauten Kreisverkehr ab, den Seidenberg hinunter. Ab der Hälfte nehme ich den Gang raus, lasse den Wagen im Leerlauf rollen. Die Flutlichter im Stadion sind eingeschaltet. Mittelrheinliga. In die Stichstraße links. Graues Mietshaus. Ich drücke die Klingel an der Haustür, ein lauter Ton schrillt durch das ganze Treppenhaus. Nach dem sechsten oder siebten Mal höre ich seine Stimme an der Gegensprechanlage.
Ja?
Ich bin’s, dein Bruder. Stille. Er atmet ein, atmet aus, dann klickt der Türöffner. Im Erdgeschoss stinkt es nach Abfall und nassem Hund. Ich lasse das Licht ausgeschaltet. Hinter den Wohnungstüren gedämpfte Geräusche. Fernseher, Musik, Lachen. Auf einem Weichholzregal im Gang liegen Schuhe – alte Ledersandalen, Sneaker, verdreckte Gummistiefel. Die Wohnungstür steht einen Spalt breit offen. Auf dem Mülleimer in der Diele stapeln sich Pizzakartons. Der Fernseher läuft. Ich schließe die Tür hinter mir.

Er sitzt auf der Couch, die Beine ausgestreckt, seine nackten Füße liegen auf einem Sitzkissen. Die Jalouisen sind runtergelassen, einzelne Lamellen verbogen. Das Fenster verschlossen. Auf dem Boden unter dem Tisch steht Leergut. In einer 1.5 Liter PET-Flasche schimmert eine hellgelbe Flüssigkeit.
Was guckste?, frage ich und sehe auf die Mattscheibe. Zwei Bären stehen auf ihren Hinterläufen, die mächtigen Oberkörper erhoben, sie gebärden sich drohend, bereit zum Kampf.
`ne Doku, sagt er. Ich stehe vor der Couch, wir beide sehen auf den Bildschirm. Dann räuspert er sich, hebt den Kopf und sieht mich an. Ich guck‘ gerne so Dokus, `s gibt da echt abgefahrenes Zeug manchmal …
Ja, sage ich und setze mich neben ihn. Die Bären kämpfen nicht. Sie stieren sich an, kommen sich näher, bleiben Kopf an Kopf voreinander stehen, aber nichts passiert, sie gehen einfach auseinander, verschwinden wieder im Dickicht. Im Regal neben dem Fernseher steht die Playstation, die wir vor ein paar Jahren gemeinsam gekauft haben. Kabel zusammengerollt, die Controller liegen neben der Konsole.
Wie geht‘ s dir?, frage ich, ich betrachte sein Gesicht dabei, und da ist etwas mit seinen Augen, sie sehen eingefallen aus, alt und müde, der Blick starr.
Er nimmt die Fernbedienung von der Couchlehne, fährt mit dem Daumen langsam über die Knöpfe.
Ja, sagt er leise. Muss.
War vorhin noch bei Mutter. Ihr geht’s auch gut so weit.
Ja, die Mutter, wiederholt er und nickt. Dann schaltet er um auf einen Sportkanal. Eishockey.
Waren auch schon ewig nicht mehr in der Kölnarena …
Haie sind doch nix mehr, sagt mein Bruder. Und Jonesy ist auch nicht mehr da.
Ja, der Jonesy, das war einer …
Mein Bruder schaltet in den nächsten Kanal – es läuft eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg. Männer in SS-Uniformen. Panzer. Hitler. Hast du Kippen?, fragt er. Klar, sage ich und hole die CAMEL aus der Jackentasche. Er nimmt mir die Schachtel aus der Hand, ich reiche ihm mein Plastikfeuerzeug. Mutter raucht wieder, sagt er und zündet sich eine Zigarette an.
Ja, ich weiß.
Er nimmt einen tiefen Zug, behält den Rauch lange in der Lunge. Die hatte doch schon zwanzig Jahre aufgehört …
Manchmal fängt man mit so `nem Scheiß eben wieder an, keine Ahnung.
Der is‘ einfach langweilig. Er nimmt noch einen tiefen Zug.
Kann sein. Ich zeige auf die Playstation im Regal. `ne Runde Fifa zocken?
Er schüttelt den Kopf. Nee, sagt er. Geht nich‘ mehr …
Ich dachte, die Ärzte haben gesagt, das alles wieder okay is?
Alles okay, wiederholt er. Dann hebt er seine Hand, spreizt Zeige und Ringfinger ab, dreht sie langsam hin und her. Ich sehe die Narben – grobe Risse im Gewebe, immer noch rot unterlaufen. Die Gelenke sind weg, da is nix mehr drin. Die hab’n Gewebe aus’m Arm genommen und das damit … Er atmet Rauch aus. Nich‘ mal `ne Flasche kann ich richtig aufdrehen, und im Daumen, da ist gar kein Gefühl mehr drin, nichts. Der Nerv ist kaputt, da kommt auch nichts mehr wieder, das bleibt so, also was soll da alles okay sein?
Scheiße, das wusste ich ja nicht. Warum hast du nichts gesagt?
Was hätt‘ das geändert? Ändert doch nichts, oder?
Nein, aber …
Aber was? Die Hand, die is‘ verkrüppelt, und das wird die bleiben, bis ich in der Kiste liege. Er starrt mich an, seine Lippen feucht und zusammengekniffen. Dann sinkt er zurück auf das Kissen. Is‘ jetzt so, sagt er noch. Ich ziehe an der Zigarette, ich ziehe so hart, dass sie fast ein Drittel abbrennt. Der Tabak knistert. Im Fernsehen Hitler bei einer Rede, den Oberkörper vorn übergebeugt, das Gesicht verzerrt.
Und was meint der Kelzenbach?, frage ich nach einer Weile.
Was soll der schon meinen, der Kelzenbach? Der weiß auch nich‘, wie es weitergeht. Muss man einfach sehen. Ich konnte ja nix machen, die letzten Monate. Dreimal haben die operiert. Und dann immer die gleiche Scheiße. MD, BG, Unterlagen einreichen, Unfallrente beantragen, was weiß ich nich‘ alles. Baustellen hab’n wir genug, die Arbeit, die is ja da. Aber …
Ja, sage ich. Kann ich mir vorstellen.
Er lässt die Kippe in eine offene Flasche fallen, es zischt kurz. Danach schaltet er um auf einen anderen Kanal. Wieder Eishockey. Wir sitzen nebeneinander, ich halte die Zigarette in der hohlen Hand, spüre die Hitze der Glut. Es läuft die Zusammenfassung eines NHL-Spiels, Maple Leafs gegen Bruins. Wir hören dem englischsprachigen Kommentator zu. Seine sonore Stimme kippt, als er: John Tavares with the backhand, scoooores! schreit. Die Maple Leafs gewinnen in Overtime.
Willst du `n Bier? Ich hab‘ welches unten im Auto, hatt‘ ich extra beim Getränkeexpress gekauft, total vergessen. Ich lasse die halb gerauchte Zigarette in die gleiche Flasche fallen und stehe auf. Mühlen-Kölsch, ich kann grad runtergehen. Was sagste, biste dabei?
Ich bin hier, sagt mein Bruder, ohne mich anzusehen. Ich geh nirgendwohin.
Im Flur mache ich das Licht an, blicke in das Schlafzimmer, ein schmaler, langer Raum der an den Hinterhof grenzt. Das französische Bett, Laken und Decke liegen zerknüllt am Fußende, Laptop, Briefe, technische Zeichnungen auf dem Boden verteilt. Hinter dem Schreibtisch, gegenüber dem Fenster, eine große, leere Stelle. Ich kann noch die Umrisse an der Wand sehen, da, wo der Sonnenschein auf die Raufasertapete eingewirkt hat. Wo is`n der Schrank?
Ich höre, wie er sich auf der Couch bewegt, ein leises, unterdrücktes Husten. Ich bleibe für einen Moment in dem Raum stehen, sehe aus dem Fenster, auf die Wiese im Hof, die Grashalme erhellt durch das grelle, zuckende Licht der Fernsehapparate. Die Hecke, den Rest Stadtmauer, die Siedlung dahinter – zweistöckige Genossenschaftshäuser, von deren Fassaden die Farbe abblättert. Dann drehe ich mich um, bleibe in der Wohnzimmertür stehen. Der Schrank, wiederhole ich. Was hast du mit dem Schrank gemacht?
Ach, macht mein Bruder und legt die Füße hoch. Sperrmüll.
Sperrmüll?
War sowieso viel zu groß, das Ding.
Ich sehe mein Bruder, wie er bei der Freisprechung neben mir sitzt, direkt am Gang, in seinem alten Kommunionsanzug, und als sein Name aufgerufen wird, senkt er kurz den Blick, fast verschämt, aber dann lächelt er und zuckt mit der Schulter, als habe er es nicht anders erwartet.
Okay, sage ich leise und mache das Licht im Flur aus. Geh‘ grad runter, ja?
Er schweigt. Er bleibt vor dem Fernseher sitzen. Ich lasse die Haustür angelehnt.

Draußen ist es kühl, in der Luft liegt schon der Geruch von Regen. Der Himmel hat die Farbe von nassem Silber. Ich schließe die Fahrertür auf, lasse mich auf den Sitz gleiten, umfasse mit einer Hand das Lenkrad. Für einen Moment bleibe ich so sitzen, im gelblichen Licht der Armaturen, dann schließe ich die Tür und es wird wieder dunkel. Das Bier steht im Fußraum. Ich beuge mich über die Mittelkonsole, reiße die Umverpackung auf und ziehe eine Flasche heraus. Das Glas ist eiskalt. Kondenswasser auf dem Etikett. Ein Kater überquert die Straße, sein Körper geduckt, die Bewegungen geschmeidig. Ich klemme mir die Flasche zwischen die Schenkel und starte den Motor. Der Diesel springt mit einem kurzen Ruck an. Im Radio ein Song von Creedence Clearwater Revival. Bad Moon Rising. Die erste Gang kratzt, der Schaltknüppel ist so kalt wie das Glas. Ich fahre. In den zweiten Gang, den dritten, der Motor läuft gleichmäßig, der Duster rollt leise den Tönnisberg hinab. Unten an der Kreuzung halte ich vor dem STOP-Schild. Rechts der neu eröffnete Asiate. Das Geschäft ist längst geschlossen, nur der gedämpfte Lichtschein der Reklame erhellt noch den Häuserblock. Ich war mit Lisa letzte Woche dort. Sie hat ihr Gericht mit Stäbchen gegessen – Reis mit Garnelen in Erdnusssauce. Ich hatte Frühlingsrollen und dazu ein dünnes Bier. Als ich anfahre und die Kreuzung überquere, beginnt es zu regnen. Nieselregen, der die Frontscheibe vernebelt. Der Wind verweht das braun verfärbte Laub. Die Straßen leer. Nur das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt und John Fogerty’s Stimme aus dem Radio. In den Kreisverkehr, links abbiegen, am Affenfelsen vorbei. Auf einem der großen, gelb angestrichenen Balkone steht ein Raucher, die Glut seiner Zigarette ein einsamer, rot flirrender Punkt in der Dunkelheit. Über die Kaiserstraße, am Knast vorbei. Hinter der Unterführung halte ich mit laufendem Motor am Straßenrand, kurbele das Seitenfenster herunter, schmecke die Abgase in der Luft. Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen, denke an nichts. Zumindest versuche ich es. Dann lege ich den Rückwärtsgang ein.

Er steht an der nächsten Ampel, die Hand auf dem Drücker, den Blick Richtung Himmel. Der Wind zerrt an seinem Bademantel, bläht die Hälften auseinander. Regen tropft aus seinem langen, blonden Haar. Ich halte auf dem Bürgersteig, stelle den Motor ab. Als ich aussteige, nehme ich das Bier mit. Das Glas ist immer noch eiskalt. Ich halte ihm die Flasche hin, aber er dreht sich nicht um, sieht mich nicht an. Ich öffne die Flasche mit der Kante meines Zippos. Der Kronkorken landet in einem Rinnsal neben dem Gulli. Schließlich nimmt er die Flasche und lächelt schief. Wenn du mit Holz arbeitest, also so richtig, den ganzen Tag lang, von morgens bis abends – weißt du, was ich meine?, dann … keine Ahnung, dann riechst du irgendwann danach, dein Schweiß, deine Haut, deine Haare, alles, dann ist es so … er hält inne und schüttelt den Kopf. Vater sagte immer, ich rieche wie ein Baum.
Wir beide lachen, leise, fast tonlos, und dann nimmt er den ersten Schluck.
Warum hast du das mit dem Schrank gemacht?
Der Regen läuft seinen Hals hinunter, verschwindet im Ausschnitt des T-Shirts, der Stoffrand ist dunkel vor Nässe. Er führt die Flasche mit seiner gesunden Hand an die Lippen, schließt die Augen und trinkt einen Schluck, dann noch einen. Ganz langsam setzt er die Flasche wieder ab, lässt sie bis auf Hüfthöhe gleiten. Jeder kann so einen Schrank bauen, sagt er dann. Das ist nichts. Du brauchst nur einen Plan, einen Plan, das ist alles.
Der Regen wird stärker. Unser Atem kondensiert. Wir schweigen.
Komm, reden wir drinnen. Reden wir drinnen weiter.
Ja, sagt er und nickt.

Ich gehe los, ein, zwei Schritte. Er steht immer noch da, im strömenden Regen, die Flasche Bier in der einen Hand, die andere auf den Ampelmast gelegt, sanft, fast zärtlich.