Sven Heuchert

"Dä nächste Eezte es en Schlang em Kningsjewand"

Vor dem Fest

Meinen Vater, der in der Einfahrt stand, hielt ich zuerst für den Typen, der die Zeitungen austrägt. Seine Haare hingen ihm bis zu den Schultern, der Bart lang und grau. Ich parkte vor dem Neubau gegenüber und ließ alles im Kofferraum.
„Willste bei Crosby, Stills and Nash einsteigen?“
Er lachte. „Haste kein Gepäck?“
„Hol‘ ich nachher.“
„Erst mal ’n Bier?“
„Bier ist gut.“

Ich öffnete das Tor und mein Vater sagte: „Weißte noch, wie de da runter bist? Mit der Stirn voll auf den Asphalt. Waren sogar im Krankenhaus.“
„Ja“, sagte ich. „Ist sicher was in meinem Hirn kaputt gegangen damals.“
Mein Vater schüttelte den Kopf. „Red nich.“
„War nur Spaß. Sind die beiden Mädels schon da?“
„Nicole ja“, sagt er. „Julia ist noch unterwegs. Haben eben angerufen. Stehen vor Leverkusen.“
„Ist ja immer Stau bei denen.“
„Bier is‘ im Eisfach. Gehen wir rein.“

Die Küche war dunkel und kühl. Sie hatten alles renoviert, es sah ungewohnt aus. Mein Vater nahm zwei Sünner aus dem Eisfach und öffnete sie mit einem Löffelstiel. Wir lehnten gegen die Spüle und tranken schweigend.
„Wo is’n die Mutter. Und Nicole?“, fragte ich dann.
Mein Vater trank noch etwas vom Bier und sagte: „Im Wohnzimmer.“
„Ist da dicke Luft oder was?“
„Nee, alles in Ordnung.“
„Dann sag ich mal Hallo.“
„Mach das.“

Meine Mutter saß auf dem alten Sessel neben dem Kamin. Sie lächelte und umarmte mich. Sie hatte sich kaum verändert. Es war, als hätte ich sie erst gestern gesehen.
Für einen Moment standen wir so da, dann fragte sie: „Bist du gut angekommen?“
„Ja, alles gut, danke.“
Im Halbdunkel saß meine Schwester Nicole und rauchte eine Zigarette.
Ich sagte: „Hi, Nicole“, aber sie schwieg, und meine Mutter warf mir einen Blick zu, den ich gleich verstand.

Mein Vater saß jetzt am Küchentisch. Er grinste verlegen.
„Wasn mit der Nicole passiert?“
Er legte den Zeigefinger über die Lippen und bedeutete mir, die Tür zu schließen. „Sie meint, es sind die Drüsen.“
„Die ist ja echt das Dreifache!“
Er zuckte mit der Schulter. „Ich sach da nix mehr zu. Gibt nur Ärger.“
„Hab‘ schon verstanden. Lieber Schnauze halten.“
Er nickte. „Schon den Teich gesehen? Auch alles neu gemacht.“
„Nee, noch nicht. Aber lass mal gucken. Kann ich auch gleich eine rauchen.“

Drei Zigaretten später saßen wir immer noch auf den Rattanstühlen und sahen den Koi zu.
„Willste noch ’n Bier?“, fragte mein Vater.
„Soll ich holen?“
„Mach ich schon“, sagte er.
Ich drückte die Zigarette auf einer Untertasse aus, die er aus dem Verschlag geholt hatte. Er blieb eine Viertelstunde weg. Das Bier, das er mitbrachte, war eiskalt.
„Wie läuft’s in Berlin?“
„Kennst das doch“, sagte ich.
„Von der Hand in den Mund.“
„So ähnlich.“
„Brauchste denn Geld?“
„Nee, lass mal. Alles okay.“
Wir schwiegen wieder und tranken das Bier.
Dann fragte ich: „Wo is‘ ’n eigentlich der Marco?“
Mein Vater räusperte sich. „Kannste dir doch denken, oder?“
„Nee, wie, was denn?“
„Will ja nix sagen, aber ich kann das schon verstehen.“
„Ach, die haben sich getrennt meinst du?“
„Er hat sich getrennt.“
„Ah, okay.“
Ein silberfarbener SUV bog in die Einfahrt.
„’s die Julia“, sagte mein Vater.
Ich erkannte ihr Gesicht hinter der Scheibe, auch das von Thomas, ihrem Mann.
„Haben die im Lotto gewonnen?“
„Die kaufen alles auf Raten“, sagte mein Vater. „Auto, Fernseher, Klamotten, schlimm. Denen wächst das über’n Kopf.“
„Hast du mal mit ihnen drüber gesprochen?“
„Thomas meint, sei alles unter Kontrolle.“ Er sah mich an. „Die Mia weiß schon gar nicht mehr wohin mit dem Kram. Hauen Geld raus, was sie noch gar nicht verdient haben.“
„Könnte mir nicht passieren.“
„Wieso?“
„Bin nicht kreditwürdig.“
Wir lachten, dann sagte mein Vater: „Gib mir auch mal ’ne Lulle.“
„Sicher?“
„Werd‘ morgen Siebzig, ich denk, ich kann das ganz gut alleine entscheiden.“
Ich reichte ihm Schachtel und Feuerzeug, er zündete sich eine an, ließ den Qualm ganz langsam durch die Nase entweichen. „Ja“, sagte er, „manchmal vermisse ich das.“

Julia und Thomas begutachteten das Blumenbeet, das meine Mutter neu angelegt hat, Mia winkte uns zu. Mein Vater seufzte, als sie näher kam.
„Ihr fangt ja früh an mit dem Saufen“, sagte sie und zeigte auf die Flasche in meiner Hand. „Gib mir auch mal ’n Schluck.“
Ich starrte auf ihren nackten Bauchnabel und sagte: „Deine Mutter dreht mir den Hals um.“
„Und du willst mein Onkel aus Berlin sein?“ Sie machte eine abfällige Handbewegung und verschwand im Haus.
„Mia“, sagte ich, „Wahnsinn.“
Mein Vater lehnte sich zurück und sagte: „Da haste wohl Recht.“
„Die feinen Herren lassen es sich gut gehen“, sagte Julia und gab meinem Vater einen Kuss auf die Stirn. Sie hatte sich eine dieser modernen Sonnenbrillen ins Haar gesteckt.
„Schön, dass du es geschafft hast“, sagte Thomas und gab mir ganz förmlich die Hand. „Deine Kiste da draußen?“
„Von ’nem Kumpel geliehen.“
„Dachten wir uns schon“, sagte Julia.
Ich sah auf den SUV, sagte aber nichts.
„Walkabouts“, Thomas schüttelte den Kopf und zeigte auf mein T-Shirt, „fand ich auch mal geil.“
Julia fragte mich: „Wie alt bist du nochmal?“
„Alt genug.“
Sie lächelte schief und sagte: „Naja.“
„Wir gehen mal rein, Hallo sagen“, sagte Thomas und winkte lässig mit zwei Fingern.
Mein Vater nahm meinen Blick auf. „Ich hab‘ nicht darum gebeten, dass meine Tochter so ’nen Spießer heiratet“, sagte er. „Mich hat ja keiner gefragt. Hab‘ ich schon beim ersten Mal gesehen, dass der ’n Speichellecker is‘.“
„Der Mann hat nicht mal ’n Schatten“, sagte ich. „Und Julia sieht aus wie ’ne Tussi aus einer dieser Kochsendungen.“
„Komm, sie ist deine Schwester“, sagte mein Vater und hob die Augenbrauen.
„Gerade deswegen ja.“
„Weißt du noch, wie sie diesen Typen verprügelt hat, der Nicole nich in Ruhe lassen wollte?“
Ich lachte. „Jürgen Reis hieß der. Klar erinnere ich mich. Nicole hatte sich von dem getrennt, weil der eifersüchtig wie sonst was war, und dann hat er sich vors Auto geworfen.“
Mein Vater nickte. „Nicht vor’s Auto – auf die Haube. Hier in der Einfahrt war das.“ Er zeigte auf den Carport. „Hat ihn ’n ganzes Stück mitgenommen, die halbe Straße runter.“
„Dann kam Julia, die ist ihm hinterher.“
„Mit dem Gitter vom alten Grill, der schon auf’m Sperrmüll stand – hat ihm eingeschenkt wie Sonny Liston.“
„Stimmt“, sagte ich. „Der hat geblutet wie ’nen angestochenes Schwein.“

Ein Jahr später hat es Julia nach dem Feuerwehrfest mit Jürgen Reis auf dem Rücksitz seines Asconas getrieben. Ich habe damals ein Telefonat mitgehört, in dem sie die ganze Sache einer Freundin erzählt hat, in allen Einzelheiten. Ich kenne seine Schwanzlänge und weiß auch, dass sie danach drei Tage lang wie John Wayne gegangen ist.

„Weißt du, was der heute macht, der Jürgen Reis?“, fragte ich und nahm den letzten Schluck Bier.
„Maler“, sagte mein Vater. „Selbstständig, kleine Firma, zwei Wagen hat der glaube ich. Sein Sohn ist letztes Jahr verunglückt.“
„Ach, verdammte Scheiße. Wie das?“
„Bei Hölscher unten am Neubau. Der Junge mit der Schubkarre auf der Planke unterwegs, kippt das Ding.“
„Und er hat nicht losgelassen?“
Mein Vater schüttelte den Kopf. „Aus’m dritten Stock. Hals gebrochen, alles vorbei.“ Er sah mich an. „Siebzehn Jahre.“
„Scheiße.“
„Kannste laut sagen.“
„Wie alt ist Mia jetzt eigentlich?“
„Fünfzehn.“

Mit Fünfzehn bin ich von zu Hause abgehauen, die Polizei hat mich ein paar Wochen später an der dänischen Grenze aufgegabelt. Ich hatte meinem Vater dreihundert Mark geklaut und bin nachts zur Raststätte Siegburg. Ein ungarischer Kraftfahrer nahm mich bis Hamburg mit. Paar Tage trieb ich mich bis zum Morgengrauen am Bahnhof herum. Einmal verlangte ein Junkie meine Schuhe, fuchtelte mit einem rostigen Schraubenzieher herum. Ich lief weg, und er machte nach ein paar Metern schlapp. Auf der Fähre nach Rodby hat mich die Schmiere dann gekascht.

Mein Vater sagte: „Mit fünfzehn haste den Teppich im Partykeller abgefackelt.“
„Stimmt“, sagte ich, ich lachte, weil ich etwas anderes erwartet hatte. „Hole mal grad meine Sachen aus dem Auto.“
Mein Vater streckte die Beine aus und nahm sich noch eine Zigarette aus der Schachtel. „Kannst in dein altes Zimmer“, sagte er. „Ist noch alles da.“
Ich nickte und ging los. Der Rucksack im Kofferraum wirkte in diesem Moment noch kleiner und schäbiger.

Dass große Townes van Zandt Poster hing noch über dem Bett, die leeren Plattenhüllen von Whiskeytown und Chuck Prophet in der Wandschräge. Ich setzte mich an den Schreibtisch, öffnete die Schubladen. Sie waren leer, da war immer noch der Geruch nach Papier, Tinte, Dope. Auf dem Bett lagen ein paar frische Handtücher, ich nahm eins in die Hand, faltete es auseinander. Auch das Waschmittel hatte sich nicht verändert.

Meine Mutter klopfte gegen den Türrahmen. „Die Handtücher sind für dich.“
„Hab ich mir schon gedacht, danke dir.“
„Mehr hast du nicht?“, fragte sie und zeigte auf den Rucksack.
„Bleib ja nur ’n paar Tage, was brauch ich da groß?“
Sie nickte. „Und schmal biste geworden.“
„Nennt man Idealgewicht.“
„Idealgewicht“, wiederholte sie und schüttelte den Kopf. „Deine Freundin kann wahrscheinlich nicht richtig kochen, das ist alles.“ Sie sah mich an. „Biste noch mit der zusammen – hier die mit den vielen Tätowierungen?“
„Nein, schon was länger nicht mehr.“
Sie schüttelte den Kopf. „Wie kann sich ein so schönes Mädchen nur so verschandeln?“
„Keine Ahnung.“
Sie lächelte. „Naja, in Berlin ist so was normal, da gibt’s eben ’ne Menge verrückte Leute.“
„Ja“, sagte ich. „Mehr als hier auf jeden Fall.“
„Wenn du dich frisch machen willst“, sagte sie und zeigte auf die Badezimmertür gegenüber. „Kennst dich ja aus.“
„Ja, danke dir.“

Als sie gegangen war, legte ich mich aufs Bett und schloss die Augen. Die Freundin mit den Tätowierungen hatte ich Anfang des Jahres in den Tannenhof nach Brandenburg bringen müssen. Wir saßen in dem gleichen geliehenen Wagen, mit dem ich gekommen war, hörten Bottle Rockets, rauchten eine Zigarette nach der anderen. Irgendwann wurde es dann doch Zeit. Zwischen uns war schon ein paar Monate lang nichts mehr gelaufen, aber ich konnte sie nicht einfach so verlassen, das hätte sich falsch angefühlt. Auf der Treppe drehte sie sich noch einmal um, lächelte, winkte mir zu. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihr gehört.

Ich stand auf und ging runter in die Küche. Das Haus war leer. Mein Vater saß immer noch vor dem Teich mit den Koi, die Augen geschlossen. Ich setzte mich neben ihn.
„Sind ausgeflogen“, sagte er. „Noch ’n paar Sachen für morgen besorgen.“
„Dachte ich mir, ist so ruhig.“
„Hab‘ mir ’nen neuen Dreher gekauft“, sagte er und öffnete ein Auge. „Steht unten im Partykeller. Und die Monolith auch.“
„Hast schwer aufgerüstet, ja?“
„Noch nicht ausgereizt – können wir nachholen, ist ja keiner da.“

Im Partykeller war es kühl und roch muffig. Mein Vater schaltete die Stereoanlage an, legte eine Scheibe von Rory Gallagher auf und drehte das Volumen hoch. Dann holte er zwei Schnapspinnchen und eine Flasche Zinn 40 aus dem Kühlschrank. Wir standen vor den Boxen, hörten die komplette erste Seite von Deuce – für jeden Song ein neuer Schnaps. Nachdem der Tonarm zurückgeschwenkt war, setzten wir uns auf die Hocker vor der Theke und starrten auf die halbleere Flasche.
„Leg mich mal was hin“, sagte mein Vater. „Will nachher beim großen Fressen fit sein.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Was wegpacken kannste jedenfalls immer noch ganz gut.“
Er lachte. „Bin ja auch im Training.“

Wir gingen hoch. Er legte sich auf die Couch im Wohnzimmer, machte den Fernseher an, die Zusammenfassung des Spieltags lief, Fortuna Köln gegen Bayer Leverkusen war grade dran. In der Küche trank ich zwei Gläser Leitungswasser hintereinander, suchte in den Schubladen nach Aspirin, fand aber keine. Das Wetter hatte aufgeklart, Sonnenschein, blauer Himmel. Ich nahm einen der Haustürschlüssel aus der Glasschüssel auf der Kommode und packte die Zigaretten ein.

Wo früher die KEPEC war – eine Fabrik für Chemikalien, die nach faulen Eier stank – stand jetzt ein REWE-XXL. Der Parkplatz umfasste einen ganzen Straßenblock, war bis auf ein paar Autos aber leer. Ich ging über den Parkplatz, schnippte die Zigarette in eines der Beete und las die Zettel auf dem schwarzen Brett. Jemand verkaufte einen gebrauchten Kinderwagen, ein anderer bot handwerkliche Dienste an.
„Machst’n du hier, Jimmy?“
Ich las noch einen der Zettel auf dem schwarzen Brett, da wollte einer für einen VW Polo noch fünfhundert Euro haben, Baujahr 1999, Farbe wie buntes Bonbonpapier.
„Dachte, bist in Berlin jetzt, Alter?“
Ich drehte mich um. „Frank“, sagte ich und hob meine Hand zu einem müden Gruß. „Wie isset?“
„Jut“, sagte er. „Bei dir, Jung?“
„Mein Alter hat morgen Geburtstag, Siebzich wird der, deswegen bin ich da.“
Er nickte. „Läuft bei dir, hab ich gehört. Berlin und so, geile Stadt, wa?“
„Klar, Mann, kein Vergleich zu dem Kaff hier“, sagte ich, er sah über meine Schulter und nickte abwesend. „Und bei dir? Schön, dich mal wiederzusehen, Frank, echt!“
Er zuckte mit der Schulter. „Muss gehen, ne?“ Dann grinste er. „Biste denn noch was hier?“
„Paar Tage nur.“
„Ach so“, sagte er. „Sonst hätten wir ma einen durchziehen können oben beim Tom.“
„Gibt’s das Baumhaus noch?“
„Klar“, sagte er und hob seine Augenbrauen. „Beste Zeit meines Lebens, Sommer ’94.“
Ich lachte, beugte mich nach vorne und fragte: „Haste was da? ’n kleines Pickelchen für ’n Spliff nur – hab’s nich mehr geschafft, was zu checken vor der Fahrt, hätt‘ aber total Bock, mir einen zu buffen heute Abend.“
„Gehen wir da rüber“, sagte Frank. Wir blieben zwischen zwei Autos stehen, dann holte er einen Plastikbeutel aus der Jackentasche und öffnete ihn.
„Reicht das?“
„Alter!“, sagte ich und sah auf das Stück Dope in meiner Hand. „Reicht dicke! Was kriegste dafür?“
„Guck ma lieber, dass de vorbei kommst. Tom is meistens auch da. Kurbeln wir einen, quatschen was, verhaften paar Bierchen.“
„Klar“, sagte ich. „Gerne. Und vielen Dank.“
„Kein Ding. Lass dich blicken.“
Ich sah ihm nach, wie er in den Gängen vom REWE-XXL verschwand und ging über den Parkplatz wieder zurück.

Julia stand am Herd und legte fein zerhackte Tomatenstückchen auf Weißbrothälften.
„Focaccia“, sagte sie und verdrehte die Augen.
„Kenn ich“, sagte ich. „Schmecken scheiße.“
Sie boxte mir in die Seite und sagte: „Mach dich mal nützlich, du faule Sau. Kannst die Paprika da schneiden.“
Ich nahm ein Messer aus dem Block und begann, die Paprika zu zerteilen. Julia öffnete den Kühlschrank und nahm die Flasche Weißwein heraus. Sie schenkte sich ein Glas ein, nippte daran und sagte: „Musstest du dich mit dem Alten besaufen?“
Ich nahm ihr das Glas aus der Hand, trank einen guten Schluck und sagte: „Musst du grad sagen.“
Wir machten weiter, sie schnitt Käse zurecht, spießte ihn mit Oliven und Weintrauben auf, ich schnitt die Paprika in schmale Streifen.
„Wo ist der Rest“, fragte ich dann.
„Mutter und Nicole sind spazieren – keine Ahnung, im Wald oder so, Thomas sieht Bundesliga mit Papa, und Mia sonnt sich draußen.“
Ich sah sie an, sie nickte, schnitt dann eine Grimasse und sagte: „Hab’s auch gesehen, klar, bin ja nicht blind.“
„Was ist da passiert?“
Sie pfiff leise durch die Zähne. „Freßattacken würd‘ ich sagen, die Nicole war doch schon immer labil.“
„Labil“, wiederholte ich. „Ja, keine Ahnung.“
„Damals, als die ihre Prüfung hatte, da ist ihr doch schon das Auge weggeklappt, weil die so nervös war. Weißte nicht mehr?“
„Welche Prüfung?“
„Na, ihre beschissene Gesellenprüfung – und hier, ich meine, jetzt in allen Ehren und so, aber Friteuse? Das is‘ wirklich nicht so anspruchsvoll, dat ist ja keine Raketentechnik.“ Sie hantierte mit dem Messer, schnitt Schalotten zu Würfel, gab sie in die Schüssel zu den Avocados, nahm den Mörser, zerstampfte alles zu einem Brei, schmeckte mit Salz, Pfeffer und einem Schuss Honig ab.
„Mir hat sie immer die Spitzen geschnitten, als ich noch lange Haare hatte“, sagte ich.
„Keine Kunst“, sagte Julia und zuckte mit der Schulter. „Sag mal dem Rest Bescheid, Essen ist fertig.“

Mia lag auf einem Sauna-Tuch hinter dem Haus. Es war gerade frisch gemäht worden, der Rasen zu einem großen Haufen zusammengekehrt. Sie hatte Kopfhörer in den Ohren und rauchte eine Zigarette. Ich stieß mit dem Fuß gegen ihren.
„Essen ist fertig.“
Sie nickte. „Komme gleich.“
„Weiß deine Mutter, dass du rauchst?“
„Hat dich gar nicht zu interessieren.“ Sie zog an der Zigarette, ließ den Zeigefinger der anderen Hand zwischen dem Bikini auf ihrer nackten Haut herabgleiten. „Wie is’n Berlin so?“
„Kommt drauf an“, sagte ich. „Was du so vorhast.“
Ihr Finger blieb kurz oberhalb des Beckenknochens stehen, fuhr dann langsam unter das Bändchen, das den Tanga zusammenhielt. „Was ich so vorhabe“, sagte sie, sie grinste und nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette.
„Wie gesagt, Essen ist fertig.“

Mein Vater und Thomas saßen immer noch vor dem Fernseher.
„Wie sieht’s beim FC aus?“
„Spielen um die Champions League Plätze“, sagte mein Vater, und Thomas lachte laut auf. „In zehn Jahren nicht!“
„Ach, Thomas ist ja ’nen Bayernfan, stimmt.“ Ich sah meinen Vater an und grinse.
„Sympathisant“, sagte Thomas, „nur Sympathisant, ja.“

Wir setzten uns an den Tisch im Wohnzimmer, vor den Schrank mit dem belgischen Bleiglas. Meine Mutter hatte gedeckt, Wildrose, Stoffservietten, das volle Programm. Julia holte Mia. „Wo is’n die Mama?“, sagte sie und goss sich Wein nach. „Immer noch mit der Nicole weg?“
Mein Vater sagte: „Ich weiß es wirklich nicht.“
Julia ging zurück in die Küche, kehrte mit den Focaccia zurück, die sie auf einem Tablett angerichtet hatte.
„Mia, holst du noch den Käse, bitte?“, sagte sie und riss ihr unvermittelt die Kopfhörer aus dem Ohr. „Ich rate dir, es heute gar nicht erst zu probieren, alles klar?“
Mia winkte ab und stand auf. Julia blickte einmal in die Runde, keiner sagte etwas. Sie hatte sich viel Mühe gegeben, die Käsespieße mit Trauben und Oliven, die Focaccia, Melonen mit Parma-Schinken, Fingerfood – alles wirkte wie aus der Werbung für ein neues Restaurant.
„Magst du eigentlich Kochsendungen?“, fragte ich, Thomas stöhnte auf, Julia zuckte mit der Schulter und sagte: „Du magst Musik, die kein Schwein kennt.“
Ich hob meine Hände und sagte: „Schon gut.“
Mia brachte den Käse, dann saßen wir da, warteten.
Nach einer Viertelstunde kamen Nicole und meine Mutter. Sie setzten sich an den Tisch, als sei nichts gewesen.
„Können wir jetzt endlich?“, sagte Julia und nahm sich ein Stück Melone.
„Das sieht alles sehr gut aus“, sagte meine Mutter. Thomas versuchte uns ein amerikanisches Craft-Bier mit Kaffeearomen schmackhaft zu machen, aber mein Vater meinte, wenn er Kaffee trinken wolle, tränke er eben Kaffee und kein Bier. Ich probierte die Focaccia und lobte Julia überschwänglich. Mia aß einen Käsespieß und durfte danach Weinschorle trinken, die Julia ihr mixte. Nicole starrte die ganze Zeit auf den leeren Teller, der vor ihr auf dem Tisch stand. Manchmal sah es so aus, als ob sie sich gleich etwas von einem der Tablette nehmen würde, dann zuckten ihre Finger kurz oder sie schürzte die Lippen. Meine Mutter legte ihr schließlich die Hand auf den Arm und drückte ihn leicht, aber Nicole hob nur ihr Kinn und trank einen Schluck Mineralwasser.

Wir sprachen über die Feier, wer alles kommen würde, über die Onkel und Tanten, die ich alle seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, die alten Freunde meines Vaters – alles Verbrecher, wie meine Mutter meinte. Es klang nach einer tollen Feier mit vielen guten Leuten. Gegen zehn Uhr verabschiedete ich mich und ging auf mein Zimmer. Ich setzte mich aufs Bett, holte das Dope raus, suchte die OCBs. Es war ein richtiger Brocken, anderthalb Gramm, weich, geschmeidig, die Oberfläche schön ölig, der Geruch intensiv und süß. Ich rollte den Joint holländisch, brannte das überflüssige Papier ab, dichtete die Naht mit Spucke. Nach den ersten Zügen spürte ich die Wirkung, legte mich hin, genoss die Stille, wie mein Körper auf das Dope reagierte. Dann ging mein Mobiltelefon.

Ihre Stimme klang leise und brüchig. „Du weißt, von wo ich anrufe, oder?“
„Ich habe dich hingefahren.“
„Ach ja“, sagte sie und hustete.
„Wie geht’s dir?“
„’s Essen is‘ beschissen“, sagte sie. „Und mir ist ständig kalt.“
„Scheiße.“
„Die Leute sind auch zum Kotzen.“
„Bist nicht wegen den Leuten da.“
„Jaja“, sagte sie, „schon klar.“ Ich hörte sie so atmen, als läge sie direkt neben mir. „Und bei dir?“
„In meiner alten Heimat, in meinem alten Zimmer, mein alter Herr feiert morgen seinen Siebzigsten.“
„Familienfeier“, sagte sie leise.
Ich schloss die Augen und zog am Joint. „Ich mach’s Beste draus.“
Sie hustete wieder, dann sagte sie: „Hör mal, ich glaub, ich komm nicht mehr zurück – also du weißt, wie ich das meine, ja? Nicht mehr zurück nach Berlin. Brauch einfach was Abstand, war alles was viel. Mein Körper rebelliert. Vielleicht ’ne Zeitlang nach Hause. Hab deswegen schon mit meiner Mutter telefoniert, ihr macht’s nicht aus. Is‘ Scheiße wegen der Wohnung und der Kohle, die ich dir noch schulde, aber ….“
„Kein Problem“, sagte ich. „Das geht vor.“
„Geld kriegst du, sobald ich flüssig bin, okay?“
„Okay.“
„Okay“, sagte sie. „Ich muss, die sind was streng hier, von wegen ab zehn Uhr Ruhe und so.“
„Klar. Schlaf gut.“
Sie sagte: „Du auch“, und legte auf.

Ich holte meinen MP3-Player aus dem Rucksack. 1000 Dollar Car war unser Song gewesen. Vor mir hatte sie mit einer Frau in einem kleinen, kalten Loch in Friedrichshain gelebt. Sie hatten einen Futon, einen Kleiderständer, ein hellblaues Kanapee und ein riesiges Charles Bukowski Poster. In ihrem Kühlschrank Rosè und Jelzin, den sie immer mit Orangensaft verdünnten. Sie war schmal, fast schon abgemagert, hatte schlanke Hände, lange Finger, die sie immer nachlässig lackierte. Wir hatten uns auf einer Open Scene für Singer-Songwriter kennengelernt, ihre Freundin war mit einem Gitarristen aus Texas dort, der angeblich an einer Albumproduktion von Lucinda Williams beteiligt gewesen war. Ich spielte ein paar meiner Songs und ließ mich danach draußen am Kiosk volllaufen. Später am Abend sprach sie mich an und meinte, meine Sachen würden sie an den frühen Chris Knight erinnern. Ich glaubte ihr kein Wort, aber sie schrieb mir ihre Nummer mit Edding auf den Unterarm.

Gegen zwei Uhr morgens wachte ich auf. Im Haus war es ruhig, alle schienen zu schlafen. Mein Mund war trocken vom Dope. Ich stand auf, ging pissen, dann ganz vorsichtig die Treppe runter in die Küche. Das Licht ließ ich überall ausgeschaltet, ich tastete mich langsam vorwärts. Nachdem ich die Kühlschranktür aufgezogen hatte, erkannte ich zuerst nur ihre Umrisse, stieß dabei gegen die geöffnete Geschirrspülmaschine.
„Nicole“, flüsterte ich.
Sie tauchte den Löffel in den Kartoffelsalat, der vor ihr auf dem Tisch stand. Sie saß hinten in der Ecke neben der Kaffeemaschine. Ich nahm eine Flasche Mineralwasser und schloss den Kühlschrank wieder.
„Hast du ’ne Zigarette da?“ Der Löffel kratzte am Plastik, dann schob sie die Schachtel über den Tisch, ich sah das Logo in der Dunkelheit schimmern. „Macht dir was aus?“
Sie schüttelte den Kopf und aß weiter den Kartoffelsalat, sie aß den ganzen Eimer. Als ich die Zigarette ausgedrückt hatte und schon aufgestanden war, sagte sie leise: „Jimmy.“ Ich hörte alles aus ihrer Stimme. „Alles gut“, sagte ich und nahm sie in den Arm, ihre Tränen liefen bis an meinen Hals. Sie weinte, und ich hielt sie, bis sie damit fertig war. Dann reichte ich ihr ein Küchentuch, das über dem Stuhl hing, und sie lächelte und wischte sich damit das Gesicht trocken.
„Geh schlafen“, sagte ich auf der Treppe und streichelte ihr über den Kopf.

Ich pulte den toten Joint aus dem Aschenbecher und zündete ihn noch einmal an. Drei, vier Züge tat er es noch, ich behielt den Rauch solange in den Lungen, wie es ging. Danach legte ich mich wieder hin. Ich starrte auf die rot glühenden Ziffern auf dem Radiowecker: 3.25, 4.40. Mein Vater schnarchte, die Betten knarrten, in einem Rohr gluckerte Wasser und Luft. Um 6 Uhr stand ich auf, ging ins Badezimmer. Ich putzte mir die Zähne, rasierte mich, putzte mir noch einmal die Zähne. Der Duschstrahl war kräftig, ich stellte das Wasser so heiß ein wie möglich, benutzte das Duschgel meines Vaters, Moschus und Menthol.

Früher kamen Typen aus der Oberstufe zu mir, um mich nach Nicole auszufragen. Einer, Roland Jenning, wartete immer vor meinem Schließfach. Sein Vater war Bulle, aber kein Dorfsheriff, sondern was Höheres, immer bei den fiesen Sachen dabei – Leichen, Mord, Raubüberfälle. Roland war ein großer, athletischer Typ mit blonden, kinnlangen Haaren und einem zuckersüßen Lächeln – einer von denen, die mit Mädchen niemals Probleme haben. Es hieß, er habe die schärfsten Bräute flachgelegt, nur Nicole fehle noch auf seiner Liste. Er ging die ganze Sache generalstabsmäßig an, fragte mich, in welche Disco sie geht, was sie für Musik mag, welches Parfüm. Wir hatten ziemlich schnell ein Tauschgeschäft am laufen – Infos über Nicole gegen ein paar Details von Verbrechen, mit denen sein Vater beruflich zu tun gehabt hatte. Nicole stand auf Sisters of Mercy und Fields of Nephilim, trug hautenge, schwarze Kleider und hatte sich die Haare grellrot gefärbt. Nach der Schule hing sie vor dem Kaufhof mit ein paar älteren Typen ab – sie rauchten Zigaretten, tranken Bier und Rotwein aus Kartons. Sie dachte keine Sekunde an jemanden wie Roland Jenning, aber davon ließ er sich nicht beirren, er ließ nicht locker. Irgendwann im Sommer fuhr er dann mit dem Rad ans Siegufer, wo Nicole und die anderen auf einer Insel mitten im Fluss rumhingen und kifften. Das Wasser an der Stelle war zwar nur bauchtief, doch es gab Untiefen, alte Bombenlöcher, Strudel. Wer den Stein geworfen hat, ist nie rausgekommen, jedenfalls hat er Roland Jenning an der Schläfe erwischt, er muss sofort bewusstlos gewesen sein. Sie haben ihn ein paar hundert Meter weiter aus dem Wasser gezogen, sein Körper hatte sich am Wehr in einer der Schleusen verfangen. Er hat es überlebt, aber sein Gehirn war minutenlang ohne Sauerstoff. Nicole hat ihn einmal im Heim besucht, sie hat sich als seine Verwandte ausgegeben. Er lag im Bett, war an ein Beatmungsgerät angeschlossen und vollkommen weggetreten – nur Gemüse, wie Nicole erzählte.

Ich spürte noch den Luftzug, als sie die Tür zur Dusche aufzog. Sie drückte sich gegen mich, streichelte über meinen Bauch und ließ die eine Hand tiefer gleiten.
„Lass das besser“, sagte ich, Mia lachte nur.
„Hast du Schiss?“
„Nein.“
„Wärst nicht der Erste, keine Sorge“, sagte sie und wog meine Eier in ihrer Hand.
„Warst zu viel im Internet, das ist alles.“
Sie drückte mit zwei Fingern auf meinen Damm und strich mit dem Daumen über die Eichel. „Da lernt man ’ne ganze Menge.“
„Nein“, sagte ich und drehte mich um. „Lass das.“
Ihr Haar war nass und dunkel, lag wie eine Maske am Kopf an. Sie legte die Hand auf meine Brustmitte, beugte sich nach hinten, lehnte sich gegen die Kacheln und stellte ihre Ferse in die Seifenablage. Blut strömte in meinen Unterleib, und sie öffnete den Mund, leckte sich über die Lippen und sagte: „Na also.“
Sie krallte sich an meinem Oberarm fest und presste mir ihr Becken entgegen. Nach zwei Stößen packte ich sie am Hals und drückte sie gegen die Duschwand. „Du bist ja irre“, sagte ich und schnappte mir im Rausgehen ein Handtuch.

Ich schloss die Zimmertür ab, stand da, hörte auf das Rauschen des Wassers. Sie blieb noch zehn Minuten unter der Dusche, ging dann wieder auf ihr Zimmer, ich hörte, wie sie mit Julia und Thomas sprach. Meine Knie zitterten, und ich wartete darauf, dass irgendetwas passiert, dass jemand an meine Tür klopft oder sonst was, aber nichts geschah, nichts.

Wenn ich wüsste, dass ich noch ein Jahr hätte

Wir sahen dem Fuchs hinterher, der zwischen den Feldern auf die Dorfmitte galoppierte.
„Ausgebüchst“, sagte der Mann neben uns und zeigte mit seinem nikotingelben Finger auf das Pferd, dessen Mähne im Wind flatterte. Die Eisen klapperten auf der asphaltierten Straße.
„Von hier?“ Er betrachtete meine Tätowierungen.
„Auf Durchreise“, sagte ich.
Er nickte. „Gutes Wetter mitgebracht.“
Wir sahen in die Sonne und schwiegen.
Dann fragte er: „Habt ihr überhaupt noch einen Parkplatz gefunden?“
„Draußen vor’m Dorf. Den Rest sind wir gelaufen. Is‘ ’n ganz schönes Stück gewesen.“
Das stimmte nicht. Wir hatten die Woche in einem leerstehenden Landhaus übernachtet und einem dänischen Paar, das in der Gegend wanderte, bei einer günstigen Gelegenheit Fotoausrüstung und Geld geklaut. Dann waren wir vor einem kleinen Ort namens Krippen auf einen Güterzug aufgesprungen. Unsere Rucksäcke hatten wir vor dem Dorf unter einer Brücke versteckt.
„Wann geht das genau los?“, fragte Nils.
„Prozession ist ums eins“, sagte er und blickte auf seine Armbanduhr. „Vorher halten die Mädchen und die Reiter eine kurze Ansprache, nennen die Sponsoren und so.“
„Die Sponsoren?“, wiederholte Nils.
„Ja“, sagte der Mann. „Irgendwo muss das Geld ja herkommen.“
Nils zeigte auf die einzige Gaststätte am Platz. Auf der Seitenwand stand in verblichener Schrift „Erbgericht.“

Sämtliche Plätze waren belegt. Die Leute aßen Wildgulasch mit Rotkohl und Klößen, tranken dunkles Bier. Wir gingen bis zum Tresen und stellten uns neben einen alten Mann, der auf einer Zigarre kaute und in der BILD-Ausgabe von vorgestern blätterte. Er schaute kurz auf und widmete sich wieder der Zeitung. In der Kühltheke standen Teller mit Brötchen, Kuchen und Kaltem Hund. Die Bedienung lehnte sich über den Tresen und sah uns fragend an.
„Zwei Bier und zwei Brötchen“, sagte ich. „Was ist auf denen da drauf?“
„Hackepeter“, sagte sie. Und dann: „Das Bier – Helles oder Dunkles.“
„Helles“, sagte ich.
Ihre Hände waren angeschwollen, sie zapfte das Bier mit vorsichtigen Bewegungen. Die Brötchenhälften waren mit Gewürzgurken garniert, der Teller roch noch nach Geschirrspülmaschine. Das Mett war fettig und scharf gewürzt, wir tranken nach jedem Bissen einen Schluck Bier. In dem restlichen Teil des Gastraums sprach niemand, alle konzentrierten sich auf Essen, Trinken, Rauchen.

Ich sah die Mädchen durch das Fenster. Sie hatten ihre langen Haare zu einer komplizierten Frisur aufgetürmt, in den eingerollten Zöpfen steckten bunte Stoffbänder und Blumen. Ihre weißen Röcke strahlten im Sonnenlicht. Sie standen in einer Gruppe vor einem Kriegsdenkmal zusammen, unterhielten sich mit den Händen vor ihren Mündern. Wir tranken ein zweites Bier, ich bestellte noch ein Stück kalten Hund, das ich in vier gleich große Stücke aufteilte.

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, habe ich unser Nachbarin einen ganzen kalten Hund gestohlen. Sie war eine schöne Frau. Zierlich, mit olivfarbener Haut, ausgeprägten Schultern und langen, dunklen Haaren. Ich hielt sie immer für eine Italienerin, dabei war sie in Köln geboren, wie mein Vater mir später erzählte. Sie hatte drei Kinder, alles Jungs. Ihr Mann war früh an einer mysteriösen Krankheit gestorben, sie war alleine geblieben. Sie buk oft, immer ließ sie das Küchenfenster auf kipp stehen. Ich hatte damals noch schmale Hände. Mit dem kalten Hund lief ich in den Wald. Ich setzte mich auf eine Bank an einem Bach und aß den ganzen Kuchen.

„Alles okay?“, fragte Nils.
„Ich hab‘ mal einen ganzen kalten Hund gegessen“, sagte ich und schob mir das letzte Stück in den Mund.
„’ne Wette verloren?“
„Nein, hatte ich der Nachbarin geklaut.“
„Den ganzen Kuchen?“
„Nachher hab ich in den Ausguss der Wäscheküche gekotzt.“
„Haste se wenigstens gesickt gekriegt?“
„Nein“, sagte ich. „Die wusste, was Ambach is‘, hat nie was gesagt, die kannte ja meinen Alten.“
„’n ganzen Kuchen“, wiederholte Nils und schüttelte den Kopf.

Wir tranken den letzten Schluck und hörten ein Gellen von draußen, es klang wie der Schlachtruf von Indianern. Die Mädchen hatten sich in einer Reihe aufgestellt und trugen Kränze aus Spargelkraut und Eichenlaub. Pferde wieherten im Hintergrund. In der Gaststätte wurden Stühle hin und hergerückt, das Geschirr zusammengeschoben. Jemand sagte: „’s geht los, beeilt euch mal.“ Ich zahlte und gab einen Fünfer Trinkgeld. Die Bedienung sah mich aus zusammengekniffenen Augen an, nahm den Schein und steckte ihn in eine Tasse, auf die jemand mit schwarzem Edding KAREN geschrieben hatte.

Auf den Pferderücken lagen nur dunkle Schabracken, keine Sattel. Es waren große, kräftige Pferde, sie warteten hinter einer Straßenecke. Zwei Jungen sprachen ihnen leise zu. Die Menge fand sich langsam vor dem Kriegsdenkmal ein. Kalter Schweiß lief mir den Rücken herunter. Männer in weißen Hemden scharwenzelten um die Mädchen herum, hielten Biergläser und Zigaretten in den Händen. Sie erzählten Witze, lachten. Marschmusik ertönte aus Lautsprechern, die auf ein Autodach montiert worden waren. Viele klatschten oder nickten im Takt. Dann wurde die Musik abgestellt, und einer der Männer sprach in ein Mikrofon. „Wir wollen uns bedanken, bei den Sponsoren, bei den Helfern, bei allen, die das möglich gemacht haben“, sagte er und begann, Familiennamen von einem Blatt abzulesen. Die Liste war lang, es waren mindestens fünfzig Namen darauf. Nils hob die Augenbrauen und sagte: „Ist ja das ganze Dorf.“
„Alle die laufen können“, sagte ich, „sind unterwegs.“

Die Mädchen führten die Prozession an. Sie gingen voraus, Rücken steif, Kopf und Kinn erhoben. Immer wieder stießen sie ihren Schlachtruf aus, der in den leeren Nebenstraßen widerhallte. In einigem Abstand kamen die Männer, die Reiter. Gesichter von der Hitze gerötet, große, dunkle Flecken im Stoff ihrer Hemden. Die aufgetrensten Pferde wurden von den Jungen an Longen geführt, danach kam der Rest – Kinder, Frauen, ältere Paare, Alte mit Krücken, die sich gegenseitig stützten.

Die Prozession warf lange Schatten in die flach getretenen Felder, die braun und kahl zu den Seiten der Ausfallstraße lagen. Wir gingen einen Kilometer und hielten vor einem kleinen Forst. Auf der Geraden zwischen zwei Hügeln war eine lange Bahn mit Holzpolen und Stoffbändern abgetrennt worden. Die Pferde wurden an das Ende geführt. Entlang der Strecke standen Bänke, Zelte mit hochgeklappten Seitenwänden, ein Bierpils, an dem bereits Männer auf Getränke warteten. Kinder mit Zuckerwatte in den Händen kamen uns entgegen. Wir stellten uns neben eines der Zelte in den Schatten. Nils besorgte zwei Radler in Plastikbechern. Ich nahm einen Schluck, zog die Mütze aus, wischte mir damit den Schweiß aus dem Nacken. Leute setzten sich auf die Bänke, standen nach Bier an. Die Mädchen liefen umher, tranken rote Bowle, schüttelten Hände, lachten, ließen sich fotografieren.

Am Ende der Bahn stand ein in der Erde verankerter Torbogen aus geflochtenen Weidenruten. Von der Mitte hing ein Korb mit runder Öffnung im Boden. Aus dem Loch ragte der Kopf eines Hahnes. Kamm und Kehllappen waren angeschwollen, sein Gackern klang verzerrt und weit entfernt. Nils drückte mir einen vollen Becher in die Hand.
„Bin gleich brack“, sagte ich.
Er nickte. „Geht aber runter wie Öl das Zeug.“
Der erste Reiter preschte über den Hügel, wir sahen ihn kommen, ein kleiner Punkt, der schnell größer wurde. Er winkelte den Oberkörper leicht ab, fast wie ein Kosake im Film, zog aber im letzten Moment die Hand zurück.
„Kann ich verstehen“, sagte ich und nahm Nils den Becher ab. „Komm, ich bin mal dran mit Holen.“
Vor dem Bierpils war es leer, alle standen vor den Bänken, sahen den Reitern zu. Die Mädchen warteten in einiger Entfernung hinter dem Torbogen. Ich gab die Becher zurück und bestellte neues Bier. Der Mann sah beim Zapfen auf das Geschehen hinter mir. Weißer Schaum lief ihm über die Hand, es machte ihm nichts aus, er bemerkte es nicht einmal. Ein Raunen ging durch die Menge, ein paar Frauen schrien auf. Ich drehte mich um, konnte aber nichts erkennen.
„Nichts passiert“, sagte Nils, winkte ab und nahm mir einen der Becher aus der Hand.
Der nächste Reiter rutschte ein paar Meter vor dem Torbogen vom Pferd. Er blieb einen Moment auf dem Feld liegen, rappelte sich wieder auf und klopfte sich auf seinen dicken Bauch. Die Leute lachten. Ich stellte den leeren Becher auf den Boden. Ein Junge blieb vor uns stehen, acht oder neun Jahre alt. „Von denen da“, sagte er und reichte uns zwei bauchige Gläser mit Bowle. Er wartete einen Augenblick und rannte dann kichernd davon.
„Du könntest ihr Vater sein“, sagte Nils.
Die Mädchen standen vor einer der Bänke und winkten uns zu. Sie waren jung, aber nicht zu jung. Sie trugen helle Caprihosen, pastellfarbene Trägertops. Ihre Haut war leicht gebräunt, keine Tätowierungen, nichts.
„Männer sind wie Wein“, sagte ich, „sie werden im Alter immer besser.“
Nils grinste. „Manchmal werden sie auch zu Essig.“
Die Bowle war zuckersüß. Ich prostete den Mädchen zu und nahm noch einen Schluck.
„Wir müssen los.“
Ich sah zu den Mädchen, dann zu Nils. „Hast Recht“, sagte ich. „Gehen wir uns grad bedanken.“
Nils nickte.

Sie dufteten nach Sommer und billigem Parfüm. Vielleicht war es auch ihr Shampoo. Ihre Zähne waren noch ganz weiß.
„Danke“, sagte ich und hob das Glas an. Sie lächelten wieder, legten den Kopf schief.
„Wo kommt ihr her?“, fragte die eine, die andere fragte gleichzeitig: „Was macht ihr hier?“
Ich lächelte und sagte: „Ist das ein Verhör?“
Beide waren straßenköterblond, die eine hatte Knopfaugen und einen schmalen Strich Sommersprossen, der über ihre Nase bis unter die Augen reichte.
„Also?“, sagte die mit den Sommersprossen.
„Aus dem Rheinland“, sagte Nils.
Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ist ja wirklich gleich um die Ecke.“
Die andere fragte: „Und was macht ihr jetzt hier?“
„Uns das ansehen“, sagte ich und zeigte auf das Feld mit den Reitern.
„Ach so“, sagte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Letztes Jahr hat’s drei Stunden gedauert, bis der Gockel den Kopf abhatte. Total langweilig.“
„Aha“, machte ich. „Drei Stunden also.“
„Manchmal geht es aber auch total schnell“, sie hob ihre Augenbrauen. „Nur ein paar Minuten.“
„Ist das denn besser?“
„Kommt drauf an“, sagte sie und zeigte dabei Zunge und Zähne.
Nils tippte mir auf die Schulter. „Alter, wir müssen.“
Ich trank den letzten Schluck Bowle.
„Wo müsst ihr hin?“
„Wir hab‘ noch ’n Termin“, sagte ich.
„’n Termin. Wo denn?“
„Woanders.“
„Schade“, sagte sie und fuhr sich mit Fingerspitzen den Hals entlang. Ihr Schlüsselbein stand hervor, sie trug eine schmale Goldkette, und der Anhänger, ein kleines Herz, lag genau zwischen den Knochen.
„Danke für die Bowle“, sagte ich und stellte das Glas auf die Bank.
„Müsst ihr wirklich weg?“
Ja“, sagte ich, und dann: „Leider.“
Sie lächelte und drückte den Kettenanhänger gegen ihren Knochen. „Schade, es hätte so schön sein können.“
„Man sieht sich immer zwei Mal“, sagte Nils.

Mein Vater arbeitete früher jahrelang unter der Hand bei einem Bauklempner, der Peter Putzstück hieß – ich werde den Namen nie vergessen. Peter Putzstück war ein großer, massiger Mann, fast zwei Meter, mit sehnigen Unterarmen aus denen die Adern heraustraten. Er besaß einen Verhau draußen auf den Siegwiesen, wo er sein Werkzeug aufbewahrte und Material lagerte, außerdem züchtete er dort Hühner. Er fuhr jeden Morgen in aller Frühe hin, holte frische Eier, machte die Käfige sauber, sammelte Mist ein, den er als Dünger für seinen Garten weiterverwendete. Mein Vater traf sich mit ihm dort immer sonntags – sie tranken Bier, schossen mit dem Luftgewehr auf leere Flaschen, erzählten sich dreckige Witze, die sie die Woche über auf neuen Baustellen aufgeschnappt hatten. Wenn es dämmerte und der Sprit aus war, bezahlte Peter Putzstück meinem Vater den Wochenlohn. Sie ließen es aussehen wie eine Sache zwischen zwei Freunden, die einfach nur ein paar Bier zusammen getrunken hatten. Manchmal nahm mich mein Vater mit, dann beobachtete ich die Hühner, während sie sich in allen Einzelheiten über die Zuckerfabriken irgendwelcher Weiber unterhielten, die nicht ihre Ehefrauen waren. Einmal nahm mich Peter Putzstück an die Hand und ging mit mir um den Verhau. Er sagte, ich solle an dem Baumstumpf hinten auf dem offenen Feld warten, gleich würde etwas geschehen, was jeder Mann gesehen haben sollte.

Der Hahn lief noch ein paar Schritte ohne Kopf, flatterte zuckend umher, das Blut pumpte in kurzen Stößen, auf dem Gras sahen die Tropfen aus wie leuchtend rote Käfer. Mindestens eine Viertelstunde dauerte es, bis der Körper ganz ruhig da lag. Dann wischte Peter Putzstück die Axt mit einem ölverschmierten Lappen sauber, lachte und ging an den Fluss, wo er die Bierflaschen in einem festgebundenen Eimer kühlte. Das Blut auf dem Baumstumpf war warm und klebrig, ich berührte es zuerst mit der Fingerspitze, dann legte ich die ganz Hand in die Lache.

Am Ende des Feldwegs drehten wir uns um, die Menge schrie, tobte, applaudierte.
„Das Pferd, was vorhin die Biege gemacht hat“, sagte Nils und zeigte auf den Fuchs, der von den Mädchen umringt wurde. Von dem Reiter waren nichts zu sehen. Wir gingen langsam, wir wussten, die Menge würde sich besaufen, den Sieger feiern.

Beim zweiten Haus klappte es. Nils sprang über den Zaun, ging über die Veranda und öffnete die Tür. Wir hatten uns ein System zurechtgelegt – Küchenschränke zuerst, danach Schlafzimmer, ganz zum Schluss Wohnzimmer. In einer leeren Kaffeebüchse, die in einem Regal stand, fanden wir fünf nagelneue Hunderter. Nils öffnete den Kühlschrank und goss sich ein Glas kalte Limonade ein. Er grinste und goss mir auch eins ein.

Die Stufen in den ersten Stock knarrten, wir gingen langsam, vorsichtig. In der Kommode fanden wir mehr Bargeld, und wir steckten auch den Schmuck ein, Ketten, Ringe, alles alter Kram. Wir hatten keine Ahnung, ob es überhaupt etwas wert war. Nils zeigte auf die Bettwäsche, weiß mit rosa Blümchen, ich zuckte mit der Schulter. In einer der unteren Schublade fanden wir Dessous, einen schwarzen Slip mit großer Aussparung und einen langen, fleischfarbenen Dildo, der eher wie eine Prothese aussah.

Vor einem Zimmer blieb Nils stehen und legte seinen Zeigefinger über die Lippen. Der Fernseher dröhnte durch die Tür, wir lauschten einer Werbung für Zahnpasta. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Mach auf.“
„Nein, Mann“, sagte Nils.
„Mach auf“, sagte ich, „wirst sehen, ist nix.“

Sie trug einen dunkelblauen Kittel und saß vielleicht fünfzig Zentimeter von der Mattscheibe entfernt. Die Haare hatte sie zu einem strengen Dutt geflochten, die Brille war ihr von der Nase gerutscht. Wir hörten das leise Schnarchen immer dann, wenn es in der Talksendung Pausen gab. Wir blieben einen Moment stehen, fassten aber nichts an, nahmen nichts mit, sahen nur der Oma beim Schlafen zu.
„Wie alt meinst du?“, fragte Nils.
„Neunzig bestimmt“, sagte ich, ich sagte es einfach so, ohne nachgedacht zu haben.

In der Küche tranken wir noch mehr Limonade. Ich stellte die Gläser in die Spüle und sah aus dem Fenster. Die Straßen leer, die Sonne brannte gnadenlos. Nils fand eine Plastiktüte, wir wickelten den Schmuck darin ein, das Bargeld teilten wir auf. Ich steckte zwei Hunderter in die Socken, den Rest teilte ich auf meine Hosentaschen auf.

An dem Kriegsdenkmal saßen die beiden Mädchen, die uns die Bowle ausgegeben hatten. Nils räusperte sich, aber ich sagte: „Alles gut.“ Wir gingen langsam auf sie zu, sie saßen auf der Mauer, Beine breit, Füße hochgelegt, der Blick zwischen die Schenkel war garantiert.
„Diesmal sind wir dran“, sagte ich, und die mit den Sommersprossen lachte und sagte: „Habt ihr also doch Manieren.“
„Natürlich“, sagte ich und blickte auf das Erbgericht. „Ich hoffe, ihr trinkt auch Bier.“
„Wir trinken alles“, sagte die andere.

Karen saß auf einem der Hocker und trank Kiba. Wir waren die einzigen Gäste.
„Ihr seid doch die Ausländer“, sagte sie und sah von ihrem Handy auf.
„Genau“, sagte ich. „Wir hätten gerne vier Bier.“
Sie fragte: „Dunkles oder Helles?“
Ich drehte mich um, sah auf die Mädchen, die mit Nils an einer der Ecktische Platz genommen hatten, und sagte: „Dunkles.“
Sie nickte. „Bringe ich.“

Ich setzte mich neben die mit den Sommersprossen und legte ihr unter dem Tisch eine Hand auf den Schenkel. Ihr Fleisch war warm und elastisch, aber noch nicht zu weich. Sie zuckte nicht mal, nichts, sie schob ihr Knie gegen meins, und dann begann das alte Spiel. Karen brachte das Bier, schenkte uns einen schrägen Blick, hob ihre Nase und verzog sich wieder auf ihren Hocker.
„Neidisch“, sagte ich leise und spürte ihre Finger am Reißverschluss meiner Jeans.
„Ja, sie ist fett und dumm“, sagte sie und leckte sich über die Lippen. „Keiner kann sie leiden.“
„Ich dachte, ihr hattet noch einen Termin?“, fragte die andere und runzelte die Stirn. Nils hatte sich auf die Tüte mit dem Schmuck gesetzt und schloss die Augen.
„Wir haben es uns anders überlegt“, sagte ich.
„Wegen uns?“
„Vielleicht.“
Ich lächelte, stand auf und fragte: „Wisst ihr, wo die Toiletten sind?“
„Ja“, sagte die mit den Sommersprossen. „Hinten durch.“

Ich pisste, wusch mir die Hände. Das Bild im Spiegel überraschte mich nicht mehr. Wenn man dem Ende entgegen geht, verändert man sich, man kann es nicht beschreiben. Es ist wie nackt sein, ohne die Scham. Alles fällt in sich zusammen. Ich spritzte mir Wasser ins Gesicht und öffnete die Tür. Sie wartete draußen im Gang, sah mich mit blitzenden Augen an und zog mich in die Damentoilette gegenüber. Ihre Zunge war kühl, schmeckte nach Kaugummi, Malz und Tabak. Mein Hand hatte ihr eigenes Gedächtnis, wusste, was zu tun ist. Zwischen ihre kleinen, flachen Brüste, um die Nippel streichen, dann bis zum Bauchnabel und weiter, unter dem Gürtel durch – sie war so warm und klebrig wie das Blut auf dem Baumstumpf damals hinter Peter Putzstücks Verhau. Als sie meinen harten Schwanz in der Hand hatte, fasste ich um ihr Handgelenk und sagte: „Warte grad ’n Moment.“
„Ja“, sagte sie, sie küsste meine Ohrmuschel, ein helles, dünnes Pfeifen blieb. „Ich warte hier, beeil dich.“

Ich nickte Nils im Vorbeigehen zu. In der Luft lag der Geruch von Getreide, die Straßen waren immer noch leer, nur die Sonne hatte sich abgesenkt, verschwand allmählich hinter den Bäumen, tauchte alles in schwaches, verwischtes Rot. Er holte mich nach fünf Minuten ein.
„Was hast du gesagt?“
„Dass wir wiederkommen“, sagte Nils. „Ich hab noch das Bier bezahlt.“
Ich nickte. „Danke dir.“
Er winkte ab.

Wir gingen, ohne uns umzusehen. Unsere Rucksäcke lagen unter Sand, Steinen und Gestrüpp. Wir klopften den Staub ab, schnallten sie an, nahmen einen Schluck aus dem Flachmann.
„Suchen wir uns ’n Bahnhof“, sagte Nils und blickte in den Sonnenuntergang.
„Ja“, sagte ich. „Suchen wir uns ’n Bahnhof.“

Rausch in einem kleinen Raum

Weiße Wände, Sonnenlicht
eine Biene hat sich in der Gardine verfangen
ich sehe in den Spiegel
draußen schreien Kinder
die Putzfrau versucht in das Zimmer zu kommen
ich höre wie sie leise flucht
der Schlüssel steckt von innen

Russigmühle

Schluchten, deren Grund wir nicht sehen
wir ahnen das Verborgene
Äste brechen wie Knochen
Trameten befallen Totholz
Silbernes Licht bricht sich in Baumkronen
Schwarzbier aus Krügen

Am Engk vun d’r wiesse Ling

Ich war seit ein paar Wochen aus dem Eschenberg Wildpark raus und hatte gedacht, diesmal bleibe ich weg vom Saft, aber es kroch in mir hoch wie schlechter Atem. Vor Jahren hatte mir ein stationärer 35er mal gesagt, er setze sich in Bewegung, wenn der Saufdruck kommt, Weglaufen vor dem ersten Schluck, denn wenn es einmal an den Lippen ist … Kannst ja nicht immer mit Flacker in den Pfoten rumsitzen, die Wand anstarren oder tote Fliegen zählen. Dein Gehirn schiebt dir wieder die alte floppy disc rein, und da ist noch alles drauf – jeder süße Nektar, von dem du jemals gekostet hast, das volle Programm.

Meine Mutter saß in der Küche, auf dem Tisch der Stadtanzeiger und eine Tasse Kaffee. Sie drehte sich um, zuckte mit der Schulter und sagte: „Ach, ich seh‘ nur was aus dem Fenster.“
Ich nahm eine Zigarette aus ihrer Schachtel, sie rauchte Peer 100.
„Mach das manchmal auch, Leute beobachten“, sagte ich, obwohl das nicht stimmte. In letzter Zeit starrte sie für meinen Geschmack zu oft aus dem Fenster, außerdem übertrieb sie es mit dem Melissengeist. Ich sah die Flaschen nie, die hielt sie in ihrem Schmuckschränkchen im Schlafzimmer unter Verschluss. Damit ich gar nicht erst auf Gedanken kam, schloss sie auch die Schlafzimmertür ab, selbst wenn sie nur mal neue Zigaretten vom Büdchen gegenüber holte. Sie dachte schon mit, wie das Mütter eben so tun, aber in ihrem Atem roch ich die Dosis, die sie jeden Morgen löffelte.
Sie sah mich an. „Was möchtest du von mir.“
„Den Wagen.“
„Wofür brauchste den Wagen?“
„Was durch die Gegend fahren. Nur so.“
„Nur so?“
„Bisschen auf andere Gedanken kommen. Ich geh kaputt, wenn ich immer nur in dem Zimmer rumhäng‘.“
Sie sagte: „Wie lange willst du eigentlich noch bleiben?“
„’ne Woche noch, vielleicht zwei“, sagte ich. „Dann wird’s schon gehen.“
Sie nickte. „Schlüssel hängt im Flur. Und hier!“, sie machte eine Pause, „du weißt, was ich meine, ne?“
„Nee, was denn?“
„Nich auf dumme Gedanken kommen, ja?“
„Könnt‘ mir was beim Büdchen auf der Kaldauer holen, dafür brauch ich kein Auto.“
„Ich mein‘ ja nur.“
„Bin ich mit fertig, endgültig“, sagte ich, und sie nickte, aber ich wusste, wie das gemeint war.
„Ach“, sagte sie. „Lupo hat angerufen. Wegen der Stelle da bei Lüghausen.“
„Hat er was gesagt?“
„Du sollst ihn zurückrufen.“ Sie hob die Augenbrauen. „Und Frau Gaspary hat auch angerufen.“
„Wer?“
„Frau Gaspary.“
„Ach so, die, ja? Was wollte die?“
„Weißt du ganz genau.“
Diese Fotze fängt an mich zu verfolgen war, was ich dachte, aber ich sagte: „Klar, ich ruf sie zurück.“

Die Kiste von meiner Mutter war ein Corsa A, Baujahr 1992. Zwanzig Jahre alt, knapp sechzigtausend runter. Hat sie einem Rentner abgekauft, der kurz danach gestorben ist. Der Corsa jedenfalls roch neu, aber das lag an dem Duftbaum, der am Rückspiegel hing.

Der 35er, der mir den Ratschlag gegeben hatte, war ein polytoxikomaner Typ namens Torben. Zweiundzwanzig, aber siebenmal chemisch gereinigt. Einmal war er ganz um den Knast gekommen, dann hat er eine Reststrafe in LZT umgewandelt gekriegt. Im Wildpark waren die 35er vor allem bei den Spritfressern auf Station gefürchtet, weil sie sich zusammenrotteten und in Gruppen auf den Gängen rumstanden. Das verbreite eine bedrohliche Atmosphäre meinten die Schluckis, selber natürlich alles Hemdchen.

Daran dachte ich, als ich am Bonner Loch vorbeifuhr, und dass einer wie Torben das niemals los wird. Dieses Verlangen, Berauschung, Rausch, so was wird man nicht los, das kann man nicht therapieren, da bleibt ein letzter Rest, ein Zwiespalt. Immer an der Glut. Nur eine Sekunde nicht aufgepasst, schon hast du dich verbrannt. Ich war immer für die Verdopplung, nie jemand, der sich dosiert hat. Aber eigentlich dachte ich nicht an Torben, das sage ich jetzt nur so.

An der Stiftsgarage kaufte ich eine Schachtel Marlboro und eine Halbliterflasche Coke light. Was ich trank, musste eiskalt sein, sonst kriegte ich es nicht runter. Ich prüfte mindestens zehn Flaschen, bevor ich eine aus dem Kühlfach nahm, der Typ hinter der Kasse guckte schon komisch. Und als ich am Bertha-von-Suttner Platz vorbei war, musste ich mich wirklich konzentrieren. Einfach in den nächsten Kiosk, was an die Lippen hängen – und direkt Vollgas, denn wenn du einmal am Ende der weißen Linie warst, geht nur das.

Gerhardt-Domagk-Straße. Früher standen hier Nutten und boten ihre heroinverseuchten Körper feil. Ich habe mal eine mit Geschwüren am Arsch gefickt, in den Büschen direkt hinter einem der Universitätsgebäude. Danach erzählte sie mir die alte Leier, dass sie als Kind vom Pferd gefallen sei und ach ja – der Unfall, die Schmerzen, das hätte sie an die Pumpe gebracht.

Ich hielt auf dem Parkplatz von REWE, schraubte die Flasche auf und zündete mir eine Zigarette an. Frau Caspary. Natürlich wusste ich, was sie wollte. Das letzte Mal habe ich mehr als vier Monate auf einen Therapieplatz gewartet. Nach der Entgiftung sitzt du da und kannst nichts mit dir anfangen. Wirst jeck im Kopf. Und irgendwann rennst du nicht mehr zur Suchtberaterin. Was interessiert es die auch? Hat ja keinen Peil, auf’m Trockendock, und nichts zu tun. Da wirste dir selber Ohr und Mund. Die sitzt hinterm Schreibtisch, nicht davor.

Sie war jung. Keine Zwanzig. Sie stützte sich auf der Motorhaube ab und lehnte sich ins offene Seitenfenster.
„Kannste mich mitnehmen?“
„Was?“
„Mitnehmen.“
„Wohin mitnehmen?“
„In die Stadt.“
„Hier ist die Stadt.“
Sie nickte und sagte: „Irgendwohin halt.“
„Hast du dir was reingezogen?“
„Nein“, sagte sie, hob das Shirt an und zeigte ihre Armbeugen. „Ich nehme keine Drogen oder so.“
„Ich kann dich nicht mitnehmen.“
„Komm, bitte.“
„Nein.“
„Wieso nicht?“
„Geht dich ’n Scheißdreck an.“
„Bin von zu Hause abgehauen, ja? So sieht’s aus.“
„Abgehauen“, wiederholte ich. „Und jetzt? Ist nicht meine Sache, wenn du abgehauen bist, das ist dein eigenes Scheißproblem. Also komm klar damit.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nur was durch die Gegend fahren.“
„Durch die Gegend fahren – und was dann? An der nächsten Ampel willste ’n Zwanni für französisch ohne.“
„Seh‘ ich etwa so aus als würd ich anschaffen?“
„Kannst den Leuten immer nur bis vor die Stirn gucken.“
Sie sagte: „Hast du wenigstens ’n bisschen was Geld?“
„Sehe ich so aus als hätte ich was zu verschenken?“
„Hab seit zwei Tagen nichts gegessen“, sagte sie.
„Kannst ’n Schluck von meiner Coke haben“, sagte ich, sie grinste und sagte: „Is ’n Anfang.“
Ich reichte ihr die Flasche aus dem Fenster.
„Hast du vielleicht auch ’ne Kippe?“
Ich holte eine aus der Schachtel und hielt sie ihr hin. „Was treibste dich hier rum?“
Sie zuckte mit der Schulter. „Wollt halt was im REWE klauen“, sagte sie und beugte sich weiter durchs Fenster. „Die Ladendetektive ham‘ nix drauf. Also, nich dass du das Falsche denkst oder so – ich kauf‘ ja auch immer was, wenn ich die Kohle dazu hab. Was Kleines, ’ne Dose Cola oder ’n Schokoriegel. So ist es nicht nur Klauen, verstehst du? Keine Ahnung, ich nenne es klaufen.“
„Klaufen?“
„Ja, ’ne Mischung aus klauen und kaufen.“
„Und was haste geklauft?“
„Ja, nix. Zu voll der Laden, alle am gucken, und ich hab‘ ja auch kein Geld.“
Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und nahm sich noch eine Zigarette aus meiner Schachtel.
„Kannst fragen.“
„Jaja, sorry.“
„Davon kann ich mir aber keine neuen Kippen kaufen, von deinem sorry.“
„Klingst wie mein Alter“, sagte sie. Sie sah aus dem Seitenfenster und machte Kringel aus Rauch.
„Biste wegen dem abgehauen. Deinem Alten?“
„Ach“, sagte sie. „Wegen meinem Alten, wegen meiner Alten, wegen allen.“
Ich nickte. „Wie lange biste unterwegs?“
Sie zuckte mit den Schultern und zog an der Zigarette. „Paar Wochen.“
„Platte?
„Nee, hab bei Freunden gepennt, aber das ging nicht mehr, das sind alles so Druffis, echt schlimm.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wurde richtig asozial. Alle nur Pillen am poppen und rosa Paste, die Bude verdreckt, so ekelhaft. Und der eine, Marco hieß der, voll der schmierige Typ, der wollte mich die ganze Zeit flachlegen. Hing an mir wie ’ne Klette. Sagt der, er hätte ja noch nie ’ne Frau gefickt mit ’nem so schmalen Becken. Einmal war es so hart, da hat er es probiert, als ich kurz vorm Einpennen war. Ich meine, der hat hundert Löcher im Hirn vom vielen Ballern.“
Ich sah sie an. „Warum erzählst du mir das?“
„Keine Ahnung.“ Sie kurbelte das Seitenfenster runter und schmiss die Zigarette raus.
„Wie alt bist du eigentlich?“
„Spielt das ’ne Rolle?“, sagte sie. „Die alten Säcke, die springen immer drauf an. Die behandeln mich, als sei ich ihre Tochter oder so. Manchmal echt Wahnsinn. Oder die wollen mich eben ficken.“ Sie kicherte. „Natürlich lass ich mich nicht ficken.“
„Nein.“
„Das ist schon ganz schön krasse Scheiße sag ich dir. Ich bin mal mit so ’nem Opa mitgegangen, der wohnte in ’nem richtig noblen Haus, draußen Venusberg. Dem hab‘ ich ’ne richtige Show abgeliefert, er zuerst so, nee, könne er nicht machen, aber ich wusste, der wollte, und am Ende hat der mich auch mitgenommen, und als der alte Knacker nicht hinsieht – zack zack – Dreihundert hatte der im Portemonnaie, weg war ich.“
„Hätte dir auch die Kehle durchschneiden können. Oder dich vergewaltigen.“
„Die kriegen eh keinen mehr hoch“, sagte sie. „Angst hab‘ ich keine, und is auch noch nie was passiert.“
„Noch nicht.“
„Ja, danke, Papa.“
„Willst du jetzt was essen?“
„Ach“, sagte sie, „eigentlich hab ich keinen Hunger. Hatte heute Morgen ’n Sandwich.“
„Ich dachte, du hast seit zwei Tagen nichts gegessen?“
„Ja, ich weiß, ich hab gelogen.“ Sie lachte. „Sonst hättest du mich niemals einsteigen lassen.“
„Raus“, sagte ich, „ich kann so ’ne Scheiße echt nicht gebrauchen.“
„Was denn?“
„Raus hab‘ ich gesagt!“
„Jetzt sei nicht so.“
„Raus!“
Sie sagte leise: „Ich hab dir nichts getan, ja?“
„Hast dir den Falschen ausgesucht, das haste getan, und jetzt pack deine Sachen und verpiss dich.“
Ich griff ihren Arm und drückte zu. Sie fing an zu weinen, aber das war mir scheißegal.
„Mach das du rauskommst.“
„Ich blas‘ dir auch einen“, sagte sie und legte ihre Hand auf meinen Schenkel. „Wir fahren auf den Parkplatz bei KNAUBER, da ist jetzt keiner mehr.“
„Ach ja?“
„Ja“, sagte sie. „Ich lüg‘ dich auch nicht mehr an, ich versprech’s.“
„Du hast einen Schaden, das ist alles, und jetzt verpiss dich endlich.“
Ich fuhr los und sah in den Rückspiegel. Sie stand da, sah verloren aus. Ich musste an Torben denken. Das letzte Mal hatte ich ihn im Don Bosco Haus auf der Luisenstraße gesehen. Wie lange war das her? Ein Jahr? Zwei Jahre? Ich wusste es nicht. Vielleicht war er gestorben. Das stellte ich mir vor: Wie er tot im Bett liegt, das Gesicht ruhig, schön, die Haut ganz hell. Das Gesicht eines Toten, mit kalten, dunklen Augen, und ganz allmählich wurde daraus mein eigenes Gesicht.

Über die 560 fuhr ich zurück und parkte an der Mundorf-Tankstelle. Das Don Bosco Haus lag gegenüber, unauffällig in zweiter Reihe. Auf den Treppen saßen zwei Typen und rauchten. Ich sah von ihnen zuerst nur die Umrisse, das Licht des Bewegungsmelder ging aus, wieder an, wieder aus. Einer von ihnen hielt zwei Tortenböden in der Hand, sein Gesicht war knallrot, durchzogen von feinen Adern.
Ich nickte ihm zu. „Wohnt der Torben noch hier?“
„Torben kennt auch jeder, wa?“, sagte er und grinste.
„Ist der da?“
„Nee“, sagte der andere. „Kennst doch Torbens Leibgericht.“
„Isser wieder eingefahren?“
„Das nich, aber auf Rolle.“
Der mit den Tortenböden sah mich an und sagte: „Haste was Kleingeld?“
„Nein“, sagte ich. „Bin geputzt.“
„Sagste nur so.“
„Wo find‘ ich den Torben?“
„Wenn de ma wat als Schleck rüberwachsen lässt – hätt‘ ich wat Rotwein und paar Aktive würd‘ et mir besser gehen.“
„Bin blank“, sagte ich. Es wurde wieder dunkel, der mit dem roten Gesicht hob die beiden Tortenböden hoch und wedelte damit herum, bis das Licht wieder anging.
„Der lebt mit seiner Alten in der Villa“, sagte er. „Weißte, wo das is‘?“
„Ich weiß, wo das is‘.“
„Biste auch so ’n Druffi wie der? Willste wat von dem kaufen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich nehm‘ nix mehr.“
„Sagense alle. Und dann ziehen se sich doch immer wieder et Jäckchen an und tun sich alles rein, wat se in die Finger kriegen.“
Ich sah die beiden für einen Moment an, der mit den Tortenböden nickte und sagte: „Wenn de da hin jehst, bestell dem Drecksack ma schöne Grüße, der schuldet mir nämlich noch Kohle.“
„Mach ich“, sagte ich, der andere sagte leise: „Arschloch.“
Ich drehte mich nicht nochmal um. Das Auto ließ ich stehen, es war ja nicht weit.

In der Unterführung kam mir ein Mädchen mit Hund entgegen. Sie sah mich kurz an und wechselte dann die Straßenseite. Die hinteren Gebäude waren nur noch Ruinen, aber das vordere, ein ehemaliges Lager, war besser erhalten. In der niedrigen Vorhalle saß eine kleine Gruppe zusammen. Sie hatten Kerzen auf einen Campingtisch gestellt und angezündet. Ich sah in ihre Gesichter und roch den Fusel.
„Ist Torben da?“
„Wer?“, sagte jemand, und ich wiederholte: „Torben.“
„Nee, der is nich hier.“
„Sicher?“
„Wat willste von dem?“
„Wollt nur mal korrekt Hallo sagen.“
„Korrekt Hallo sagen.“
Jemand anders sagte: „Verpiss dich einfach“, aber dann hörte ich schon Torbens Stimme aus dem Hintergrund.
„Alter Spritti“, sagte er. „Machst’n du hier?“
Ich erkannte ihn an der Silhouette, der leicht gebückten Haltung. „Dich suchen.“
Er war schmächtiger geworden, der Schorf auf seinem Gesicht eine zweite Haut. Dann breitete er die Arme aus und sagte: „Bin doch überall zu finden!“, ein paar Leute lachten.
„Alles stabil?“, fragte er.
Ich sagte: „Bis jetzt nicht nass geworden.“
Er grinste. „Ist ’ne Drehtür, immer das Gleiche wenn du da bist. Bei jedem Sprechi von vorne. Machst dich blank, und die raffen gar nichts.“
„Für mich ist’s besser so“, sagte ich, obwohl ich genau wusste, was er meinte.
„Bin ich nich für gemacht“, sagte er. „Wenn’s mich fegt, dann isses so. Aber in ’n Rattenbau geh ich nich mehr. Mach ich nich mehr. Naja, ich red mich hier heiß. Hasten vor? Ich mein‘, tip-top alles jetzt.“
„Klar kommen“, sagte ich. „Dann mal sehen.“
Torben grinste. „Aber hast schon Bock, oder?“
„Ich ring jeden Tag mit’m Bären.“
„Bist keiner für die kurze Leine“, sagte Torben. „Tigerst drumherum, seh‘ ich doch, Blitz in den Augen.“
„Ich versuch ’s mit Maloche“, sagte ich. „Auf glatt, grundehrlich. Muss den eigenen Arsch aus der Scheiße ziehen.“
„Wieso Scheiße?“, sagte Torben. „Im Madagaskar haste doch nie ’n Stöpsel gefunden, wenn wir die Stütze weggefeiert haben. Und auf der Sechzehnjährigen biste auch ganz gerne ausgerutscht.“
„Was länger her schon. Die war auch keine sechzehn, die war was älter.“
„Jedenfalls hingen dir bei der immer die Augenlider wat tiefer.“
„Haste denn mal was von paar alten Leuten gehört?“, sagte ich, und Torben lachte. „Der Trottel aus dem Osten, wie hieß der, Willi? – den hab ich ma im Bonner Loch getroffen, junge junge, süß unten, tapezierter Knochen sag ich dir.“
„Ja, der alte Soldat. Schrieb immer Briefe an seine Mama und verbrannte die im Mülleimer. Wat ’n Halunke. Aber armer Typ eigentlich.“
„Mir hat der mal erzählt, dasser der intelligenteste Mann im Rheinland war, und dann hättense sein Gehirn geknackt – mit ’nem Zahlencode!“
Wir lachten.
„Abgeknallt der Typ“, sagte ich. „Machste nix.“
„Und du? Was von der Lilli? Warst so scharf auf die ey, alter Liebeskasper. Voll die Stielaugen immer.“
„Ja“, sagte ich und dann nichts mehr, und er runzelte die Stirn und sagte: „Ja, wie?“
„Weiß’stes nicht?“
„Was wissen, Mann? Hau ma rein jetzt.“
„Dass die gestorben is‘.“
„Ach was, Alter, red keinen Schmotz hier, die stirbt doch nicht.“
Ich schüttelte den Kopf. „Die hab’n sie in ihrer Wohngruppe gefunden. Im Badezimmer. Lag zwei Tage da, is an ’nem Wochenende passiert.“
„Erzähl keinen jetzt.“
„Mach ich nich.“
„Lilli“, sagt er. „Biste dir wirklich sicher?“
Ich nicke.
„Von wem weißte das?“
„Vom Heinz, der Typ, der die Wohngruppe da leitet, is’n Sozialarbeiter, der kennt meine Mutter.“
„Scheiße“, sagte er.
„Hat sich was im Loch besorgt – keine Ahnung, war ja ’n Jahr clean auch, Stoff ohne Strecke erwischt, Kreislauf, wasweißich. Hatte sich bei der VHS angemeldet, Abendschule, da wollte die ’s Abi nachholen. Von wegen ’s letzte Mal, das war so ihr Plan.“
„Der Lilli hab ich damals ’s türkisch kochen beigebracht“, sagte Torben, „ist echt lang her, Mann. Ist die mit der gun im Arm raus.“ Er lächelte. „Hattest du die noch mal gesehen?“
„Vor meiner alten Bude am Bahnhof. Hast schon geschnallt, dass mit der was nicht stimmte. Ich hab‘ nicht mit ihr geredet. Hätte ich tun sollen, ich weiß. War dann echt das letzte Mal, wie gesagt.“
„Die hab ich mal dick gemacht, die Lilli“, sagte er. „Ist aber tot rausgekommen oder so.“
„Du hattest ’n Kind mit der Lilli?“, fragte ich, weil ich das nicht richtig auf die Kette bekam, er lachte und sah mich ungläubig an. „Nein, Mann, ’s Kind is irgendwie … wasweißich, kenn ich da die medizinischen Ausdrücke oder was? Bin doch kein Doktor, Alter. Hab‘ keine Ahnung. Die is weg, ich kam in LZT, glaub‘ ich, kennste doch – aus den Augen, aus dem Sinn, und war ja nich so, dass wir einen auf Liebe gemacht haben, nee, bei der hab ich nur ’s Bockfett abgeladen.“ Er zuckte mit den Schultern und sagte: „Und jetzt isse tot.“
„Ja.“
„Irgendwie schade, echt. Und das du mir gerade jetzt sagst.“
„Was meinst du damit? Gerade jetzt?“
„Naja“, sagte er, „ich hab echt viel an die Lilli gedacht, in der letzten Zeit, weißte? Kann dir gar nich so genau sagen, warum. Kennste das? Du denkst an wen, und du weißt gar nicht, wieso auf einmal, du denkst einfach an den, und damit isses aber noch nich vorbei, denn es passiert irgendwas, wie in ’nem Traum – der, an den du gedacht hast, der taucht auf, oder schenkt dir was, oder der stirbt einfach!“ Er lachte. „Wie die Lilli. Stirbt die einfach.“ Torben sah mich an. „Haste denn paar Taler mitgebracht? Für ’n bißchen wat zu rauchen und so.“
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ich soll dir noch schöne Grüße von so ’nem Typen aus’m Don Bosco Haus bestellen, der sagt, der kriegt noch Kohle von dir.“
„Jaja, der Wichser“, sagte Torben. „’n Scheiß kriegt der. Geld, was redet der da. Nix kriegt der.“ Er spuckte auf den Boden. „Und du, bist doch gepudert?“
„Geputzt.“
„Der Jimmy, der gute Jimmy is geputzt“, sagte er, und so wie er mich ansah, wusste ich, irgendwas ist faul.

Die Flasche habe ich im letzten Moment gesehen – ich konnte mich noch ducken, aber der andere Typ hat mich trotzdem ziemlich übel erwischt. Blut lief mir über das eine Auge, ich konnte damit fast nichts mehr sehen. Torben machte einen Schritt auf mich zu, ich muss ihn gut erwischt haben, denn er ging sofort runter. Dann rannte ich los.

Das Mädchen mit dem Hund kam mir in der Unterführung erneut entgegen, sie sah genau auf das blutende Auge und lächelte. Die Lichter der Tankstelle und der Dönerbuden schimmerten in der Dämmerung wie falsches Gold, hinter mir niemand mehr, sie hatten es aufgegeben. Im Corsa ließ ich das Standlicht brennen und klappte die Sonnenblende runter. Ein schöner Cut über dem rechten Auge, zwei Zentimeter lang und nicht sehr tief, aber es blutete natürlich wie Sau. In der Mittelkonsole fand ich eine Packung Tempo und wischte mir das feuchte Blut aus dem Gesicht, riss ein Stück ab und stopfte es in die Wunde. Ich lehnte mich zurück und dachte, dass es sowieso immer das Gleiche ist: Du lügst oder du wirst belogen. Stiehlst oder wirst bestohlen. Immer musst du der Erste sein.

Manche Nächte folgen keiner Logik, sind ein Mikrokosmos mit eigenen Gesetzen. Was passiert, ist nicht zu verstehen. Irgendwo zwischen Hangelar-Ost und Vilich-Müldorf spürte ich das Loch in mir, das große, schwarze, das schon immer da gewesen ist, das alles auffrisst.

Du übertrittst die Schmerzgrenze nur ein einziges Mal. Weggesoffene Nächte, die einfach unter der Hand verschwinden, als hätten sie gar nicht existiert, sind deine Schmucknarben. Der Wahnsinn schifft sich ganz langsam ein. Nach und nach wird aus Tanz Totentanz. Schließlich bleibt nur noch Kaltstart mit Schuss. Der Sprit zerfetzt dich. Der Sprit verlängert dich. Der Sprit sorgt für das Leuchten, das ist dann deine Gabe, dein Fluch und deine Welt. Du packst alles in die Auslage, für das du sonst keine Worte findest. Bedienst dich aus einer Schachtel voll Gift. Mit Vollgas dem Ende zu. Kontinente verbrennen, und die schwarze Linie, die mal dein Horizont war, legt sich ganz fest um deinen Hals.

Interview zu „Punchdrunk“

Danke an Andy Muhlack, Arnd Sünner, dem gesamten M!Music Team.

Die Nägel in Witautas

Witautas sah es in den Augen. Glasig und trüb wie die eines Besoffenen. Die Männer, die unten bleiben, haben immer diesen Blick. Er schlug durch die Deckung, die Brust des Anderen färbte sich rot. Die Menge schrie. Sie wollten ein Ende, Kasse machen. Er blieb auf Distanz. Wartete ab. Manchmal trafen sie noch, lucky punch. Über ihm die Autobahn. Vibrationen, Zittern unter den Fußsohlen. Gleich, gleich ist es zu Ende.

Im Auto sagte Schwiefke zu ihm: „Kannst nicht viele Kämpfe machen so.“
„Hab‘ gewonnen.“
„Gehste kaputt.“
„Hat am Boden gelegen.“
„Ja,“ sagte Schwiefke, „hab’s gesehen.“
Witautas sah auf seine Fäuste. „Rein und dem ’ne Bombe geben, dass er liegen bleibt.“
„Willst doch noch ’n paar Kämpfe machen.“
„Ich geh so oder so kaputt.“
„Fünfhundert“, sagte Schwiefke. „Ist gutes Geld, Junge.“
Er nahm die Scheine und öffnete die Beifahrertür.

Ein paar Leute standen neben den Pfeilern, schüttelten seine Hand. Einer hielt ihm eine halb volle Flasche lauwarmes Bier hin. Er trank und steckte sich eine Zigarette an.
„Hätte heut‘ nich länger gehen dürfen, wa?“, sagte einer der Männer und lachte.
„Halt’s Maul“, sagte er, „unten is unten, gilt auch für dich.“
Der Mann schwieg, ein anderer sagte: „War ja nich so gemeint.“
„Scheißegal, wie’s gemeint is. Schnauze aufreißen kann jeder.“
Die Männer starrten Löcher in die Luft. Witautas spuckte auf den Boden, nahm die Tasche. Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
„Wart mal ’n Moment.“
Er sah den Mann an und sagte: „Hände weg.“
„Kein Problem“, sagte der Mann. „Gehen wir ’n paar Meter.“
„Warum sollte ich?“
„Weil ich dir ein Geschäft vorschlagen will“, sagte er. „Muss nich jeder Pisser mithören.“
„Was für ’n Geschäft?“
„Hat dir Schwiefke nichts erzählt? Über mich? Nein? Hat mich früher trainiert. Harter Knochen der Typ, ich sag’s dir. Aber ’n Guter. Der macht was aus seinen Jungs, hat Granaten hochgebracht, Topleute, kann man nix sagen. Alte Schule is der.“ Der Mann sprach weiter. „Ich bin Adnan“, sagte er, „immer fleißig, Jung, mach hier was, da was … im Norden, Holland, Belgien. Gutes Geld. Für die Kämpfer springt immer was rum.“
Er sagte: „Ich kämpfe hier.“
Adnan lachte. „Was zahlt dir Schwiefke? Zweihundert? Dreihundert?“
„Genug.“
„Bist loyal“, sagte Adnan, „das ist gut, gibt’s selten, heute sind alles Arschlöcher, die sich für Kohle interessieren. Auf den Rest ist geschissen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Brauchst ’ne Einstellung, musst wissen, was de willst. Ich hab dich eben gesehen“, sagte er, „Bombe!, immer rein, genommen, was kam, den anderen Wichser mürbe machen, und – Bamm!, umgenietet.“ Er lachte. „Nein, Mann im Ernst, du musst das mal anders sehen – es waren ’ne Menge Leute da, und so wie ich das gehört hab, is das immer so, wenn du am Start bist.“
„Weil sie was sehen wollen.“
„Genau Mann“, sagte Adnan, „die wollen was sehen, und du kannst ihnen das geben. Verstehste? Wenn die Leute kommen um sich einen Kampf anzusehen, wollen die das volle Programm. Sonst könnten die sich irgend’n Scheiß in der Glotze reinziehen.“
„Was hat das mit mir zu tun?“
Adnan sagte: „Du willst nach vorne, nach oben. Schwiefke kann bleiben, darum geht’s nich. Aber du musst ’n bisschen was raus. Paar andere Gesichter sehen. Bisschen mehr abgreifen.“
„Was is denn ’n bisschen mehr?“
Adnan lachte wieder. „Ich sehe“, sagte er, „du bist scharf drauf, das is gut. ’n verdammtes gutes Zeichen. Damit fängt alles an. Wenn du geil drauf bist.“
„Ich sprech mit Schwiefke drüber.“
„Mach das“, sagte Adnan. „Der kennt mich, bin kein krummer Hund, das weiß der auch. Also, Jung, du gefällst mir, aus dir kann man was machen.“
„Wärst der Erste, der dran glaubt“, sagte er und trat die Zigarette aus.

Penner hatten sich an der Bushaltestelle vor den Blocks versammelt. Sie saßen da, soffen. Er überquerte die Straße und ging ins Cafe Marrakesch im Untergeschoss des Plattenbaus.

„Dein Auge!“, sagte Farid. „Sag dem Schwiefke, der soll dich ma richtig trainieren.“
„Musst den anderen Typen sehen, der is runter – ein richtiges Ding, gingen die Lichter aus. Zack-zack, das war’s, Ende.“
Farid sagte: „Ich hab mich nie geboxt. Schön wie ’n Mädchen. Bin immer sauber raus direkt in die Disco.“
„Hattest ’nen älteren Bruder, so war’s doch?“
„Einer der Besten! Westdeutscher Meister.“
„Hier waren se alle westdeutscher Meister.“
Farid stellte eine Flasche Reißdorf auf den Tresen.
„Wenigstens isses kalt.“
„Was weiß ich“, sagte Farid, „ich weiß nur – an der Bushalte da, die Penner, die saufen das Gleiche.“
„Manchmal brauch ich das.“
„Haben die auch mal gesagt.“
„Ich werd sie bei Gelegenheit fragen.“
„Biste noch bei dem Müller?“
„Is ’n guter Job, Abriss is in Ordnung. Der Müller sagt nie was, ich kann machen was ich will. Auch mal früher gehen – was willste mehr?“
„Kannste auch nich ewig machen.“
„Man kann nix ewig machen. Bin wenigstens draußen. Du kriegst ’n fetten Arsch vom hier Rumsitzen.“
Farid lachte und strich sich über den Bauch.

Nach der zweiten Flasche schmeckte das Bier nicht mehr. Er ließ den Rest in der Flasche und verabschiedete sich. Der Plattenbau leuchtete wie ein Christbaum. Unten auf dem Spielplatz saßen Männer und tranken Korn. Er hatte noch nie Kinder auf den Gerüsten spielen sehen. Auf dem Tonnenhaus neben dem Eingang saßen drei Jungs, die er flüchtig kannte. Sie rauchten einen Joint.
„Riecht gut“, sagte er. Alle drei nickten. Nur einer von ihnen wohnte in den Blocks, er kannte seinen Namen. Frank reichte ihm den Joint und fragte: „Haste mit ’nem Bären gerungen?“
Die anderen lachten. Er lachte auch.
„Sieht so aus.“
„Auf jeden Fall“, sagte Frank, „das Auge!“
„Solange ’s nur das Auge is. So ’nem Hemd wie dir hätte der alle Knochen gebrochen.“
Der Junge lachte, auch noch, als er das Stilett aus seiner Gesäßtasche gezogen hatte.
„Kann ja jeder versuchen“, sagte er und ließ es aufschnappen, „Stich in den Bauch, in die Rippen, dann bluten die wie Sau – können groß und stark sein wie sie wollen, ich geh auf alle drauf.“
Frank holte ihn beim Aufzug ein.
„Ist kaputt, das Ding.“
„Seit wann?“
„Keine Ahnung, waren heute schon so ’n paar Leute da, die sagen, sie kriegens ans Laufen, das Teil.“
Sie nahmen die ersten Treppen im gleichen Rhythmus.
„Also wenn du mal was brauchst“, sagte Frank, „was zum Rauchen oder so, musste nur sagen. Kauf nich den Scheiß aus der Siedlung, is alles Mist, da merkste nix von. Ich hab immer den guten Kram, der voll reinballert.“
„Hast immer den guten Kram, ja?“
„Ja“, sagte Frank, „auch wenn de mal was für durch die Nase brauchst, oder ’ne Muschi.“
„Was für die Nase oder ’ne Muschi.“
Frank nickte.
„Hast ’n paar Pferdchen am Laufen?“
Frank grinste. Er formte aus Zeigefinger und Daumen einen Kreis und verkleinerte den Umfang immer weiter. „Aber so ’ne enge Fotze hat die, ich schwör’s.“
Sie standen sich gegenüber, Franks Augen funkelten. „’nen Zwanni für dich.“
„’nen Zwanziger für ’n Fick. Das is wie ’ne Nummer auf’m Bonner Straßenstrich mit ’ner Heroinleiche.“
„Nee“, sagte Frank, „die Kleine is scharf, kannste dir ja mal ansehen.“
Er sagte: „Aber nich jetzt.“
Frank nickte. „Wenn de Bock hast – 517.“

Im Gang der siebten Etage stand Mirza, der Pakistani.
„Kampf war gut“, sagte er und zeigte auf den Cut. „Wann kommst du endlich mal zum Essen – meine Frau immer fragen!“
„Ich arbeiten, Mirza.“
„Immer nur arbeiten.“
„Wann steigt die nächste Runde?“
„Oh!“, machte Mirza, „musst du leise sein. Ist nicht gut, wenn viele wissen.“ Er lachte. „Ich hatte gutes Blatt letzten Freitag. Zehntausend.“
„Zehntausend Mark?“
„Ja“, sagte Mirza und schüttelte den Kopf, „nicht so laut.“
Er machte einen Schritt auf den Mann zu. Die Haut an seinem Haaransatz war heller, und er roch nach Schweiß und Gewürzen.
„Das is ’n Menge Kohle“, sagte er und stellte sich das Geld als akkurat angeordneten Packen vor. „Was machste damit?“
„Nach Hause schicken.“
„Scheiße, die ganze Kohle?“
Mirza zuckte mit den Achseln und wiederholte: „Alles nach Hause.“

Er machte Licht an und stellte die Tasche ab. Für einen Moment blieb er in der Tür stehen. Schloss die Augen. Atmete aus. Danach ging er zum Kühlschrank. Zwei Dosen Bier, ein Karton Eier, eine Tube Senf. Er nahm ein Glas, wartete, bis das Wasser kalt genug war. Trank zwei Gläser hintereinander. Legte sich auf die Matratze, ohne sich auszuziehen.

Da war ein Mädchen beim Kampf, aber er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Sie stand neben ihm, und er spürte ihre Haare, wie sie über seinen Schenkel strichen. Dann die Lippen an seiner Wange. Sein Gegner blieb im Schatten stehen und bewegte sich nicht.

Müller fuhr den Laster. Auf der Rückbank saßen zwei Türken, sie waren das erste Mal dabei. Er sah Müller an und nickte in ihre Richtung.
„Schwatz“ sagte Müller, „machen alle für in de Hand. Paar Tage nur, helfen beim Rest von der Baugrube.“
„Woher kennst’n die?“
„Sind mir empfohlen worden von ’nem Freund.“
Er erwiderte nichts.
„Brauchen mehr Leute, müssen mit der Grube schnell fertig sein. Is ja alles krumm bei dem, die Nachbarn gucken schon. Und die sind billig.“
„Ja“, sagte er, „ist gut.“
„Hat nichts mit dir zu tun“, sagte Müller noch. Den Rest der Fahrt schwiegen sie wieder.

Auch bei der Arbeit wurde nicht geredet. Er schippte, die Türken schippten. Gegen elf war die Ladefläche des Lasters randvoll.
„Ich fahr das runter zum Röder“, sagte Müller, „den Aushub da abladen und kassieren.“ Er kam einen Schritt näher. „Pass mir was auf die Kanaken hier uff, ja? Nich, das die klauen hier, oder sonst watt.“
„Okay“, sagte er, „pass ich drauf auf.“
„Ich muss mit dem Röder noch was besprechen, wegen ’ner anderen Baustelle – kann bisschen was dauern. Macht ihr dann schon mal Pause, ja, Jungs?“
Er nickte und zündete sich eine Zigarette an. Die beiden Türken lehnten auf ihren Schippen, warteten ab.
„Wie heißt’n ihr?“, fragte er und hielt ihnen die Schachtel hin. Der eine zuckte mit den Achseln, der andere sagte: „Memed.“
Memed nahm eine Zigarette aus der Schachtel und betrachtete sie eine Weile.
„Sieht nach Regen aus, Memed.“
Memed nickte. „Immer Regen hier.“
„Kannste laut sagen.“
Memed steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen.
„Und dein Freund? Wie heißt der? Achmed?“
Memed schüttelte den Kopf. „Erdinc.“
Witautas hielt Erdinc die Zigaretten hin, der winkte ab.
„Woher kommmt’n ihr?“
„Anatolien.“
„Was habt ihr da gemacht – auch auf’m Bau?“
„Haselnüsse, Ernte.“
„Is das gute Arbeit? Gutes Geld?“
Memed schüttelte den Kopf. „Heiß, immer heiß, viel Arbeit und Geld nicht gut.“
„Und jetzt seit ihr hier, im gelobten Land, und hebt Baugruben aus – is das besser?“
Memed grinste. Dann setzte der Regen ein.
„Gehen wir rein, stellen uns was unter, bis es aufgehört hat zu pissen.“
Memed runzelte die Stirn.
„Bis es aufgehört hat zu regnen.“

Das Dach fehlte, der Bau war mit Plastikfolie abgedeckt worden. Er trat gegen einen Eimer und sagte: „Die Scheißbude schimmelt dem unterm Arsch weg, da kannste von ausgehen.“
Memed sagte nichts.
„Wie sind die Frauen in Anatolien?“, fragte er, „sehen die geil aus? Sind die hübsch?“
Er formte mit den Händen die Sanduhr und griff sich danach an die Brust. „Dicke Titten?“
Memed lachte und sah auf den Boden.
„Ich mag es, wenn sie richtig lange Haare haben, Augen, schwarz wie die Nacht. Dass man sich selber drin sehen kann, wenn man sie fickt.“
Er sah Memed an und fragte: „Wo is dein Kumpel?“
Memed sagte: „Weiß nicht.“
„Sag dem mal Bescheid“ sagte er, „steht da alleine in der Grube, is doch scheiße.“
Memed drehte sich um, verschwand im Regen.

Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, dann hörte er den Schrei. Memed neben der eingestürzten Baugrube, das Gesicht blass, den Blick suchend.
„Schippe, Idiot!“
Aber Memed bewegte sich nicht. Er starrte auf die Grube, sagte etwas auf Türkisch. Witautas begann zu graben, obwohl er wusste, dass es keinen Sinn machte. Der Mann war in drei Meter Tiefe begraben. Erdinc. Die Lungen voll mit nasser, schwerer Erde. Langsam erstickend. Er schmiss die Schippe hin und rannte los. Die nächste Telefonzelle fand er am Ende der Straße. Nachdem er die Feuerwehr verständigt hatte, stieg er in die 510. Er kaufte sich eine Fahrkarte und fuhr bis zum Hauptbahnhof durch.

Er mochte Bahnhöfe. Das Kommen und Gehen, die fremden Gesichter. Die Geräusche. Das Gefühl, verschwinden zu können. Er setzte sich auf eine Bank, schloss die Augen, dachte an Müller. Der Unfall bedeutete das Ende. Baustelle nicht gesichert. Schwarzarbeiter beschäftigt.

Später saß er im Cafe Marrakesch. Farid reichte ihm eine neue Flasche und sagte: „Ein Uhr erst.“
„Ich übe schon mal, dann kann ich bald mit denen an der Bushalte mithalten.“
Farid setzte sich an den Tisch.
„Ich hab’s eben gehört. Von ’nem Kumpel, der in dem Supermarkt arbeitet.“
„Was gehört?“
„Mit der Baustelle vom Müller.“
„Hat mich mittags nach Hause geschickt. Zahlt nicht fürs Rumstehen, der Mann.“
Farid lächelte und sagte: „Na klar.“
„Alles andere ist dem Müller sein Problem.“
Farid stand auf, nahm die leere Bierflasche und sagte: „Noch eins?“

Er ging am leeren Spielplatz vorbei. Vor dem Tonnenhaus stand Frank mit zwei Marokkanern, die Dope kaufen wollten. Er war schon an der Tür, als er den Schlagring sah. Das Metall glitzerte wie Eis.
Der Marokkaner sagte: „Verpiss dich, ist nich deine Angelegenheit.“
Er umfasste den Flaschenhals und traf die Kinnspitze. Der Marokkaner ging zu Boden, dunkles Blut auf seiner Jacke.
Der andere Junge rannte weg.
„Lass“, sagte Frank, „is nur ’n kleiner Wichser, unwichtig.“
„Dachte, du gehst auf alle drauf?“
„Hatte keine Zeit mehr.“
„Schiss, das war alles.“
„Ich hatte keinen Schiss, Mann, die waren zu zweit.“
„Hättest du mit deinem Messer einen erwischt, wär der andere Laufen gegangen.“
Frank sah auf den Boden.
„’ne große Fresse zu haben bringt dir nichts, manchmal muss man anderen weh tun.“
„Ich hätt‘ die schon alle gemacht“, sagte Frank. „Komm, Mann, ich geb dir ’n Piece, dann sind wir quitt.“
„’n Scheiß sind wir.“
Frank stand vor ihm. „Komm, Mann.“
„Was’n das für Zeug?“
Frank griff in seine Hosentasche und zog eine Plastiktüte heraus. „Bestes Dope.“
„Was wollten die von dir?“
„Ich schuld denen angeblich noch was.“
„Kohle“, sagte er, „geht immer um Kohle.“

Er saß auf der Matratze und betrachtete das Dope in seiner Hand. Es war ein seltsamer Tag gewesen. Der Türke, der in der feuchten Erde um sein Leben kämpft und verliert. Memed, der in Anatolien Haselnüsse geerntet hatte. Das Klopfen an der Tür unterschied sich nicht von seinem Puls, bis es lauter wurde, ihn übertönte. Er legte das Dope unter die Matratze und stand auf. Die Klinge des Brotmessers fühlte sich kühl auf der Haut seines Unterarms an. Er wartete, bis es wieder klopfte.

Das Mädchen wich zurück und er hörte, wie Frank sagte: „Scheiße!“
Witautas nahm Franks Blick auf.
„Was willst du?“
„Ich dachte, damit wärn wir dann echt quitt.“
„Quitt. Womit?“
„Also“, sagte Frank und zog das Mädchen zu sich, „mit ’nem Freifick.“
Witautas sah das Mädchen an. Frank umfasste ihren Nacken.
„Hat nix dagegen, die Kleine“, sagte er, „geht alles klar.“
„Woher weißt du, wo ich wohne?“
„Dieser Paki da“, sagte Frank, „hat’s mir gesagt.“
Witautas sah wieder das Mädchen an. Weiße Haut, dunkle Augen.
„Du kannst sie ficken“, sagte Frank, „dann schmeißt du sie einfach wieder raus.“ Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Aber du musst noch was wissen.“
„Was muss ich wissen?“
„Die Kleine kann ficken“, sagte er, „aber die redet nich.“
„Sie redet nich.“
„Nein“, sagte Frank, „hören kannse auch nich, nix. Taubstumm. Is so geboren. Kann man nix mehr machen. Is ja eigentlich egal, aber wenn du die fickst und denkst, der macht es keinen Spaß oder so – so isses nich. Die kann nur einfach nix sagen.“
„Die Kleine“, sagte Witautas, „wer ist das?“
„Is meine Schwester“, sagte Frank, „die is wieder bei uns jetzt. War ’ne Zeit bei meiner Mutter, aber die hat wieder angefangen zu saufen.“
„Und jetzt is sie bei euch?“
Frank nickte und sagte: „Hilft uns, über die Runden zu kommen.“

Sie saß auf der Matratze, starrte an die Wand, und als er sich neben sie setzte, begann sie, ihre Bluse aufzuknöpfen.
„Nein“, sagte er, „nein, ist schon gut.“
Sie legte die Bluse auf den Boden neben der Matratze und öffnete den Träger ihres BH.
„Nein“, sagte Witautas, „verdammte Scheiße!“
Sie nahm seine Hand und wartete einen Moment, bevor sie an seinem Zeigefinger lutschte. Er kam, als er die Augen wieder öffnete. Es war ein warmes Gefühl, ein langes, sanftes Anspannen. Danach veränderte sich ihr Blick, und ihm wurde klar, dass sie Männer schon oft so gesehen haben musste. Er spürte die feuchte Kälte an seinen Schenkeln.

„Willst du was trinken?“, fragte er. „Trinken?.“ Er machte eine Geste, sie schüttelte den Kopf.
„Gut“, sagte er, stand auf, ging ins das Badezimmer. Er starrte auf den Rand in der Wanne, drehte das Wasser an. Zog sich langsam aus, Stück für Stück. Hörte sie das Rauschen des Wassers? Er hängte sich das Handtuch um die Hüften, rasierte sich, putze die Zähne, rasierte sich noch einmal. Sie war immer noch da.

Er nahm sich eine Zigarette, hielt ihr die Schachtel hin. Sie nahm eine, behielt sie aber in der Hand, umschloss sie mit der Faust.
„Bist ’n stilles Mädchen“, sagte er, „richtig, richtig still.“
Sie nahm das Feuerzeug und strich mit dem Finger über das Reibrad. Es war das Geräusch. Dieses schmale, durchdringende Geräusch. Er verstand und tat es dann selbst: Strich mit dem Finger über das Reibrad, hörte genau hin. Es erinnerte ihn an Schmerzen. Sie zeigte auf das Feuerzeug und lächelte. Dann wurde es wieder ganz still. Er legte sich auf die Matratze und drehte seinen Kopf zur Seite, um sie nicht ansehen zu müssen.
„Ich war mal tot“, sagte er, „so gut wie tot, aber ich glaube, das ist fast dasselbe.“
Sie streichelte über sein Bein, langsam, gleichmäßig.
„Ich war noch ganz klein. Hab’s mit Rattengift gemacht. Hatt’s gesammelt, draußen, in Blumenkübeln. Lange her. War ’ne ganze Handvoll. Hat nicht weh getan, gar nicht. Aber eigentlich weiß ich es nicht mehr. Zu lange her. Hab Blut gekotzt, geschissen, alles voll. War mir ja egal, ich war eh weg“, sagte er, „wie ausgemacht.“ Er lachte. Den Geschmack des Schwarzbrots jeden Morgen hatte er jahrelange nicht vergessen.
Dann sagte er: „Du musst gehen.“
Er zog sie am Arm zur Tür.
„Hau endlich ab, komm schon, raus hier.“
Als er die Tür zugemacht hatte, konnte er spüren, dass sie noch da war, dass sie wartete.

Es war immer diese eine Straße: sie glich einer Schlucht, gesäumt von farblosen Häusern ohne Fenster. Er konnte die Straße nie verlassen. Dann kamen Männer. Es waren große Männer, ihre Gesichter waren scharf umrissene, weiße Flecken. Sie gingen an ihm vorbei die Straße entlang und waren irgendwann verschwunden. Er wollte ihnen folgen, aber das konnte er nicht.

Mit dem Morgen kam der Regen. Er sah aus dem Fenster und wusste nicht, was er tun sollte. Gegen elf packte er seine Tasche und ging zu Schwiefke.
„Hab ’n Kampf angeboten bekommen, von dem Albaner. Ist ein guter Mann, dem sein Kämpfer, Weißrusse.“
„Was is für mich drin?“, sagte Witautas.
„Zweitausend“, sagte Schwiefke. „Mach’s nur, wenn du die Kohle wirklich brauchst.“

Witautas mochte den Rhythmus der Schläge. Im Kampf selbst gab es keinen Rhythmus. Da war es, als habe man ein Ventil in seinem Inneren aufgedreht. Ein Ventil, das man nicht mehr schließen kann. An den Pratzen war das anders. Schwiefkes Bewegungen waren geschmeidig, und er war immer noch schnell. Immer wieder glitt die Pratze scharf über seinen Kopf hinweg, traf ihn aber nie.

Witautas spürte, wie der Schweiß aus seinen Poren drang.
„Wenn du willst“, sagte Schwiefke, „dann biste ’ne richtige Granate.“ Er sah ihn an. „Willst du das wirklich? Den Kampf?“
„Ja“, sagte Witautas, „ja, sicher.“

Unter der Dusche drehte er das Wasser so heiß es nur ging.
Er dachte, er könnte die Gedanken an sie vertreiben, aber so war es nicht.

„Samstag biste um zwölf hier“, sagte Schwiefke, „müssen nach Belgien, kurz hinter der Grenze, in so ’nem Kaff, dauert eine Stunde die Fahrt.“
„Ich bin pünktlich.“
„Morgen kommste noch mal rein, aber abends, ja?“
„Ja, mach ich.“

Die Luft war klirrend kalt. Er beobachtete seinen dampfenden Atem und zog die Kapuze über den Kopf. Als er um die Ecke bog, ging das Licht im Innenraum eines Audis an. Er sah die Umrisse von drei Gestalten aussteigen, ließ seine Tasche fallen und rannte los. Die meisten verloren nach ein paar Metern die Lust, nicht so die Marokkaner. Er hörte ihren Atem, ein, aus, ein, aus, die Geräusche, die ihre Kleidung machte. Sie wollten etwas aus der Welt schaffen. Er nahm die Abkürzung durch die Unterführung und warf einen Blick über die Schulter. Der Plattenbau kam in Sicht. Auf der Straße wich er einem hupenden Auto aus, dann waren sie wieder an ihm dran. Fünfzig Meter. Zwanzig. Zehn. Er riss die Tür zum Cafe Marrakesch auf. Einer der Marokkaner rannte gegen die Fensterscheibe; Farid sah vom Apache-Spiel auf. Witautas ging durch und lehnte sich auf den Tresen. Zwei folgten ihm in den Laden. Farid erhob sich und sprach sie an. Sie blieben stehen, antworteten nicht.
Farid schüttelte den Kopf und sagte: „Verpisste Araber.“
Einer zeigte auf Witautas und sagte: „Soll rauskommen.“
„Worum geht’s hier?“, fragte Farid, „was wollt ihr Schwachköpfe?“
„Halt’s Maul“, sagte der andere, „halt dich da raus.“
„Raushalten“, wiederholte Farid, „das hier is mein Cafe.“
„Der soll nur rauskommen.“
Farid sagte: „Hier kommt niemand raus.“
Die beiden Marokkaner sprachen kurz miteinander.
„Hier kommt niemand raus. Regelt das woanders“, sagte Farid und stellte sich ihnen in den Weg. Dann ging alles sehr schnell: Blut tropfte auf Hemd und Boden. Niemand hatte genau gesehen, was passiert war.
Farid wiederholte es: „Regelt das woanders.“
Der Junge fasste sich an die Wange, mitten ins Blut. Er sah auf seine Finger, sah seinen Freund an.
„Wir kriegen dich“, sagte der andere, „wir kriegen dich.“
Danach drehten sie sich um und gingen.

„Was waren das für Wichser?“, fragte Farid.
„Keine Ahnung“, sagte Witautas, „ich kenn die nich.“
„Die kannten aber dich.“
„Sieht so aus.“
Farid öffnete seine Faust.
„Was is das?“, fragte Witautas.
„’ne Schusterahle“, sagte Farid, „damit machst du in jeden Löcher.“
„Du bist schnell für ’n alten Mann.“
Farid sagte: „Pass besser auf deinen Rücken auf.“
„Mach ich“, sagte er, „mach ich.“

517. Der Mann, der die Tür öffnete, hatte einen dichten Schnäuzer und die Augen eines Hundes. Er roch nach Essig.
„Was is‘?“
Witautas sah ihn, wartete.
„Na, was is‘ jetzt?“
„Frank“, sagte Witautas, „is der da?“
„Frank?“, wiederholte der Mann, „nee, is nich da. Keine Ahnung wo der is. Bisse ’n Freund von dem?“
„Nein.“
„Nein?“
Der Mann lachte.
„Is die Kleine da?“
„Welche Kleine?“
Witautas atmete aus und hob die Augenbrauen.
„Na, die Kleine eben“, sagte er, „du weißt schon Bescheid.“
„Hab ich dir das Du angeboten?“
Witautas schnalzte mit der Zunge und sagte: „Is sie da?“
„Was willste von ihr?“
Witautas hielt den Fünfziger hoch.
„Muss ich dir die Kohle abdrücken?“
„Nich hier auf dem Gang“, sagte er, „steck das weg und komm rein.“

Die Wohnung war groß und düster. Im ersten Zimmer nach der Diele lagen zwei Matrazen auf dem Boden, ein Fernseher lief ohne Ton. Der Mann kratzte sich am Bauch.
„Wer bist’n du überhaupt? Ich kenn dich nich.“
„Spielt das ’ne Rolle?“
„Keine Ahnung wer du bist. Könntest ja sonst wer sein, irgend ’n Dahergelaufener.“
„Bin ’n Freund vom Frank.“
Sie standen einen Moment lang so da und schwiegen.
„Woher kennste den Frank?“
Witautas antwortet nicht.
„Und meine Tochter kennste auch schon?“
„Ja“, sagte Witautas, „die kenn ich auch.“
„Die hilft uns, über die Runden zu kommen.“
Er sah auf das Geld in Witautass Hand. „Für den Fuffi kannste se den ganzen Abend haben, wenn du willst.“
„Den ganzen Abend.“
„Ja“, sagte er, „nur nich schlagen.“
„Schlagen?“
„Manche kommen damit nich klar, weißte? Weil sie nie spricht und so.“
„Ich komm damit klar.“
„Ich sag ja nur.“
Witautas nickte.
„Wo is sie?“
„In ihrem Zimmer“, sagte er, „ich hol sie.“

Sie sieht so sauber aus, dachte er. Er nahm ihre Hand, spürte, wie weich ihre Haut war.
„Sie is schon ’ne Schönheit“, sagte der Vater.
„Ja“, sagte er, „sie ist schön.“
Der Vater grinste ihn an und öffnete seine Hand. Witautas ließ den Schein fallen, die Hand schloss sich zur Faust.
Witautas sagte: „Was macht ihr so mit ihr?“
Der Vater lachte. „Alles wogegen sie sich nich zu sehr wehrt.“
„Nein“, sagte Witautas, „das meine ich nich. Was hat sie gerne.“
„Ach“, sagte der Vater, „keine Ahnung, das weiß doch keiner. Kriegt das Maul ja nich auf, die Kleine. Was weiß denn ich? Ich glaub, sie mag Eis.“
„Eis“, sagte Witautas, „Eis.“
„Ja“, sagte der Vater, „was weiß ich, was die macht, wenn ich nich da bin.“
„Schon gut“, sagte Witautas, „ich wollt’s nur wissen.“
Sie ging hinter ihm her. An der Tür drehte er sich um und fragte: „Wie heißt sie eigentlich?“

Er nahm einen Schluck aus der Bierdose und wiederholte den Namen: „Larissa.“
Sie saß auf der Matratze und sah ihn an.
„Larissa. Verdammte Scheiße.“
Er ließ sich auf die Matratze fallen und verschüttete dabei etwas von dem Bier. Sie legte die Hand auf den Raum zwischen ihnen.
„Du hast Hände wie ’n Kind“, sagte er und legte seine Hand auf ihre. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über seine Knöchel. Er hielt ihr die Dose hin, sie nahm einen kleinen Schluck.
„Ich mag auch nicht mehr“, sagte er und zerdrückte die Dose. Sie rückte ein wenig näher und presste die Hand auf die Innenseite seines Arms. Er hielt die Dose fest und drückte noch einmal zu. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf an seine Schulter. Witautas konnte ihre Haare riechen, sie rochen nach Gras und Sommer. Er zog sie an sich, bis sich ihre Becken berührten.
„Komm“, sagte er, „lass uns ’ne Runde drehen.“

Als er den Arm um sie legte, fühlte sich das seltsam an, ihr schien das nichts auszumachen. Er wusste, dass nur noch die Tankstelle geöffnet hatte. Sie gingen langsam, er spürte sogar ihr Herz schlagen. Als sie an den Zapfsäulen angelangt waren, blieb sie stehen.
„Was?“
Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er, „du kommst mit.“
Er fasste sie am Arm, aber sie löste sich.
„Was ist los? Komm jetzt.“
Dann sah er den Tankwart. Er starrte durch die Scheibe am Nachtschalter, und Witautas erkannte den Ausdruck in seinem Blick. „Gut“, sagte er, „du wartest hier.“

Er hatte jahrelang kein Eis mehr gegessen. Er öffnete die Truhe und nahm eins mit goldener Verpackung. An der Kasse waren zwei Mädchen vor ihm dran. Sie waren geschminkt, rochen nach Parfüm. Zuerst kicherten sie, dann furzte eine und sie begannen, laut zu lachen. Die beiden kauften Alkohol und Zigaretten. Der Tankwart starrte sie die ganze Zeit über an, und als Witautas an der Reihe war, machte er eine Kopfbewegung und sagte: „Auch nicht schlecht.“
„’ne Schachtel Camel noch.“
Der Tankwart nickte und zog Luft durch eine Zahnlücke. Als er die Zigaretten auf den Tresen gelegt hatte, verschränkte er die Arme vor der Brust und sagte: „Macht die es jetzt für ’n Eis?“
Witautas antwortete nicht.
„War nur ’ne Frage“, sagte der Tankwart. „Im Speckwälzen is die jedenfalls hervorragend. Nur dafür da.“ Er hob die Augenbrauen. „Die macht’s wie im Film.“
Witautas zeigte auf die Kasse.
„Ich krieg noch was raus.“
„Ja klar“, sagte der Tankwart und rieb sich übers Kinn.
Als er ihm das Kleingeld gab, sah Witautas ihm in die Augen, aber der Tankwart erwiderte den Blick nicht.

Sie gingen durch die Unterführung, blieben auf der Brücke stehen. Witautas spuckte in den Fluss und öffnete das Eis. Das goldene Papier ließ er von der Brücke fallen. Sie sahen hinterher, bis es vom dunklen Wasser davongetragen wurde.
„Hier“, sagte er, hielt ihr das Eis hin und zündete sich eine Zigarette an. Sie zögerte, nahm es aber schließlich doch. Witautas hörte auf das Geräusch, als sie den Schokoladenüberzug zerbiß.
„Dein Vater ist ein Schwein“, sagte er, „ich würde ihm gern die Fresse angleichen – aber nich mit den Händen, mit ’ner Fahrradkette, irgendwas, wo er lange was von hat, verstehst du?“
Sie biss ein großes Stück Eis ab und lehnte sich gegen das Geländer. Er nahm einen letzten Zug aus der Zigarette und warf sie anschließend von der Brücke. Danach küsste sie ihn. Ihr Mund war warm und kalt zugleich. Der Kuss schmeckte nach Vanille und Nikotin. Er schob seine Hand in ihre Hose, erfühlte die Wölbung. Sie ließ das Eis fallen, küsste seinen Hals.
„Nein“, sagte er, „ich kann nich, das geht nich.“
Sie küsste weiter. Kalt, feucht, nah. Ihre Lippen öffneten sich, die Zunge beschrieb einen Kreis auf seinem Adamsapfel.
„Nein, das geht nich“, sagte er, „ich hab’n Kampf.“
Sie tippte mit dem Zeigefinger auf ihre Lippen, er küsste sie, hielt ihr Gesicht in beiden Händen.

Später sah er ihr nach, wie sie langsam den Gang hinunter ging, wie sie immer mehr zu einem Schatten wurde. Er wartete, bis sie die Tür schloss. Dann ging er los.

Er verharrte in der Dunkelheit, die Kapuze über dem Kopf. Der Atem kondensierte, löste sich im Nichts auf. Er wartete, bis in der Tankstelle das Licht ausgegangen war. Gab ihm fünfzig Meter Vorsprung. Beim zweiten Schlag spürte er warmes Blut auf den Knöcheln. Der Mann sackte zusammen, aber das reichte ihm noch nicht.

„Wie fühlst du dich?“
„Gut“, sagte Witautas, „gut.“
Schwiefke lehnte sich zurück. Sie waren alleine in der Halle. Es war acht Uhr abends.
„Willst du das wirklich machen?“
Witautas sagte: „Wenn du nicht willst, dass ich es mache, dann mache ich es nicht.“
„Nein“, sagte Schwiefke, „darum geht es nicht.“
„Und um was dann?“
„Adnan“, sagte er, „der war mal ein richtig guter Boxer, richtig gut. Aber dann is was passiert mit ihm.“
„Was?“
„Er hat nich mal ’nen Kampf verloren oder so“, sagte Schwiefke, „er hat nur angefangen, sich für andere Dinge zu interessieren.“
„Was für andere Dinge?“
„Vor allem Geld.“
„Passt doch“, sagte Witautas, „er zahlt uns zweitausend Schleifen, und solange es ihm gut geht, geht es uns auch gut.“
Schwiefke lachte.
„Und was verdient er?“
„Was meinst du?“
„Weißt du, was Adnan bei dem Kampf verdient?“
„Scheißegal, er zahlt uns jedem ’nen Tausender!“
„Ja“, sagte Schwiefke. „Was hat Adnan sonst noch gesagt?“
„Was meinst du?“
„Wegen dem Kampf.“
„Ob ich tauchen soll?“
Schwiefke nickte.
„Nein, hat er nicht.“

In dieser Nacht träumte er das erste Mal von ihr. Seltsam war, dass sie sprach. Ihre Stimme war sehr leise, und sie sprach bedächtig, wurde nie laut. In dem Traum saßen sie auf einer Rasenfläche, sie erzählte ihm eine Geschichte über ein Mädchen, dass sie mal kannte, und das jetzt weggezogen sei, in einen weit entfernten Ort. Sie erzählte auch über ein Spiel, dass sie immer gespielt hatten, erklärte ihm die sogar die Regeln, es war sehr kompliziert. Er wollte sie die ganze Zeit anfassen, aber irgendetwas war anders zwischen ihnen. Ihm fiel auf, dass ihre Haut glänzte. Sie sagte ihm immer wieder, dass er den Würfeln vertrauen solle. Den Würfeln. Er verstand nicht, was sie damit meinte, und dann waren sie in einem dunklen Raum. Er hatte das Gefühl, sie würden beobachtet, und als sie ihn endlich küsste, war überall der Geschmack nach Blut …

Witautas zündete sich eine Zigarette an und sagte: „Autofahren is zum Kotzen.“
„Brauchen nich lang“, sagte Schwiefke, „wenn wir einmal am Heumarer Kreuz durch sind, dann geht’s.“
„Mir wird immer schlecht“, sagte Witautas, „ich weiß auch nicht warum.“
„Säufst zu viel.“
„Nein, ach was“, sagte Witautas, „hat was mit früher zu tun. Hab mal im Auto gelebt. Mit meinem Alten, dem Wichser. ’ne ganze Zeit lang.“
„Du hast im Auto gewohnt?“
„Wohnen kann man das nich nennen.“
„Wie lange is das her?“
„Paar Jahre schon“, sagte Witautas, „ich hatt’s fast vergessen.“
Schwiefke lachte und sagte: „Tschuldigung.“
„Das mit deinem Auge“, sagte Witautas, „wie is das passiert?“
„Auch ’ne alte Geschichte“, sagte er, „will doch keiner mehr hören.“
„Paar zu viel draufgekriegt.“
„Nein“, sagte Schwiefke, „hab auf die falschen Leute gehört. Das war alles. Paar Sachen sind falsch gelaufen.“
„Was für Sachen?“
„Sachen, die man macht, weil man anderen noch was schuldet.“
„Schulden sollte man nie haben.“
„Ich hatte welche“, sagte Schwiefke. „Und wurden nich weniger.“
„Kannst du noch was sehen? Auf dem Auge?“
„Hatte Glück.“
„Hast dich nich kaputtmachen lassen, das is alles.“
„Das is alles, ja?“
„Ja.“
Schwiefke sah ihn einen Moment lang an.
„Glaubst du an Gott?“
„Was is das für ’ne beschissene Frage?“
„Is ’ne einfache Frage, oder?“
„Keine Ahnung.“
„Wenn du an was glauben würdest“, sagte Schwiefke, „wärst du nich ganz im Arsch. Dann gäb es vielleicht noch eine Möglichkeit.“
„Wir landen alle im gleichen Dreck, wenn wir den Löffel abgeben, ob du an Gott glaubst oder nich, scheißegal.“
„Du glaubst also an nichts?“
„Nein“, sagte Witautas, „das stimmt nich. Ich glaube an mich. Da draußen ist sonst keiner, der das tut.“
Die beiden Männer schwiegen.
Dann sagte Witautas: „Glaubst du an Gott?“
Schwiefke nickte.
„Mit dem ganzen Scheiß? Auf die Knie und dieses Pappding da fressen, Beten und so?“
„Nein“, sagte Schwiefke, „ich glaube nur, dass es da draußen etwas gibt, das mehr als wir ist.“
Sie bogen von der Autobahn ab und fuhren einige Kilometer Landstraße.
„Kohle“, sagte Schwiefke und zeigte auf die Zechen, „und jetzt is alles zu, verdammte Scheiße.“
„Interessiert niemanden mehr, was mal gewesen is. Morgen geht vielleicht die Sonne nicht auf, und dann?“, Witautas lachte.

Der Kampf fand in einer Lagerhalle statt. Er hatte schon überall gekämpft; in Hinterhöfen, Kellern, unter Autobahnbrücken, in einem Ring aus geparkten Autos. Männer und Frauen standen in kleinen Gruppen da, rauchten, tranken. Adnan stand abseits der Gruppe und redete mit einem untersetzten Mann, der einen olivgrünen Ledermantel trug.
„Und?“, fragte er und gab Schwiefke zuerst die Hand.
Witautas zuckte die Achseln.
Schwiefke sagte: „Alles gut. Wir reden gleich.“

Der andere Kämpfer war Mitte Vierzig, einen halben Kopf größer und zehn Kilo schwerer als Witautas, aber es war das Gesicht: dieselbe aufgedunsene Röte, die gleichen blauen Adern um die Nase, der niemals klare Blick. Er sah in das Gesicht seines Vaters.

Witautas zog seine Jacke aus. Es gab keine Aufregung. Gewinnen oder Verlieren war für ihn dasselbe; das alles war nach dem Kampf. Er wusste nichts über seinen Gegner, verließ sich auf das, was er sah. Der Mann hob die Fäuste. Witautas hob die Fäuste. Es gab keinen Ringrichter. Keine Runden. Es würde solange gehen, bis einer von ihnen unten blieb.

Witautas schlug zwei, drei schnelle Hände durch die Deckung, ein erster Cut unter dem Auge öffnete sich. Der andere Mann bewegte sich so, als trüge er Handschuhe. Witautas dachte an das stille Mädchen. An ihren Kuss und den schmalen Körper. An das Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut. Erst als er sein eigenes Blut schmeckte, begann das Bild von ihr zu verblassen. Irgendwann sah er nur noch das aufgeplatzte Gesicht vor sich.

Adnan sah ihn an und machte eine Kopfbewegung: „Mein Freund da drüben meint, du hast Zigeneuerblut in dir.“
„Keine Ahnung.“
Adnan lachte. „Guter Kampf.“
„Ja“, sagte Witautas, „ja.“
„Ich merk schon“, sagte Adnan, „du sprichst nicht so gerne.“
„Dafür sind wir ja nich hier.“
Adnan nickte. „Dann red ich mit Schwiefke.“

Er lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an. Die Zechen zogen an ihnen vorbei, in der Dämmerung wirkten sie größer. Der Motor surrte gleichmäßig.
„Hast du die Kohle?“
Schwiefke sagte: „Klar hab ich.“
„Alles?“
„Glaubst du, ich bescheiß dich?“
„Wollte nur sicher gehen.“
„Trauste dem Albaner nicht?“
„Ich traue niemandem.“
„Brauchtest erst eins in die Fresse, damit du aufwachst“, sagte Schwiefke, „red also nicht von Vertrauen.“
„Wer war der Typ im Mantel?“
„Du hast ein Problem – du willst alles wissen.“
„Sieht nach Geld aus.“
„Ja, das stimmt“, sagte Schwiefke, „is ’ne große Nummer.“
Witautas lehnte den Kopf gegen die Seitenscheibe und schloss die Augen. Schwiefke drehte das Radio lauter.

Durch die Vorhänge fiel der letzte Rest Tageslicht. Er spürte den kalten Beton durch die Matratze und hörte die Stille. Das Geld war noch in seiner Hand. Siebenhundert.

Es dauerte, bis jemand die Tür öffnete. Frank sah ihn aus glasigen Augen an. Aus der Wohnung drang der Geruch von Dope.
„Larissa“, sagte Witautas.
Frank grinste und sagte: „Hat aber keine Zeit.“
Danach wurde er von der Wucht des Tritts umgerissen.

Er hatte sich das nicht vorstellen wollen, nicht vorstellen können. Deswegen traf ihn dieses Bild so sehr. Und jetzt hörte er auch die Stille, ihre Stille. Nicht mal mehr ein leises Rauschen. Danach geriet etwas außer Kontrolle. Es begann in seinen Beinen, ein Zittern, das sich bis in seine Körpermitte ausdehnte. Er spürte die Hand von Larissas Vater in seinem Nacken, das heisere Schreien, und er sah sie daliegen, nackt, benutzt. Aber er tat nichts. Er wehrte sich nicht. Der Geschmack von Blut – schwer, metallisch, heiß. Er kam erst auf dem kalten Flurboden wieder zu sich.

„Warn das die Wichser von letztens?“
„Nein“, sagte Witautas, „das war einfach nur ’n Schwein.“
Farid nickte. „Hat dich ganz gut zugerichtet.“
„Ich bedank mich, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.“
Farid reichte ihm eine Flasche Bier. „Bist schnell dabei.“
„Eigentlich nicht.“
Er nahm einen Schluck.
„Wer is die Kleine?“
„Welche Kleine?“
„Ich bin den ganzen Tag hier“, sagte Farid, „ich bekomm alles mit.“
„Niemand.“
„Man hört so ein paar Sachen.“
„Ich höre nie was.“
„Du weißt schon, was ich meine“, sagte Farid.
„Nein.“
„Die Kleine …“
„Was soll mit der sein?“
Farid sah ihn an und hob die Brauen.
„Das sie nich ganz richtig im Kopf is und so“, er hob die Hände, „das wird gesagt.“
„Ich hab’s noch nich rausgefunden.“
Farid sagte: „Aber wer is schon richtig im Kopf?“

Sie gingen aus einem dunklen Raum an einen Strand. Die Sonne blendete ihn. Sie waren alleine. Der Sand war weiß und fein, er fühlte sich gut unter den Füßen an. Er hatte so etwas noch nie gespürt, es war ihm fremd.

Er wachte durch Klopfen an der Tür auf. Er wusste, dass sie es war, bevor er öffnete. Sie legte die Hand auf sein Gesicht, und er spürte wie die Wärme seine Wange bedeckte. Er schloss die Tür, sah über sie hinweg auf einen Punkt in der Unendlichkeit. In seinem Mund der Geschmack von Alkohol und Magensaft; er war noch immer betrunken. Sie legte die Hand auf seinen Mund und zog ihn auf die Matratze.
„Nein“, sagte er, „nein, das is nich gut.“
Ihr nackte Haut fühlte sich vertraut auf seiner eigenen an, und dann setzte sie sich auf ihn und drückte die Lippen an seine Stirn. Dann war es nur noch ihr Atem und die Dunkelheit. In diesem Moment lag ein Versprechen, eine Verheißung. Als er morgens erwachte, war sie nicht mehr da. Mit ihrer Abwesenheit kam die Leere.

„Da geht es um viel Geld“, sagte Schwiefke, „um sehr viel Geld.“
„Nichts wovor man Angst haben muss.“
„Angst, nein“, sagte Schwiefke, „aber wenn du einmal dran gerochen hast ….“
„Was meinst du mit ‚dran gerochen‘?“
„Ich hab’s gesehen“, sagte er, „den Blick – deinen Blick!, als ich dir die Kohle gegeben hab. Die paar Scheine sind nich alles.“
„Ich will nich immer leben wie ’n Schwein.“
„Das suchst man sich selbst aus.“
„Nein“, sagte Witautas, „man sucht sich gar nichts selbst aus. Da wo du herkommst, das macht dich, davon kannst du nich einfach weggehen.“
„Dann kannst du dich ja gleich in die Kiste legen.“
„Ich hab noch nie was gehabt, und wenn ich’s mit den Fäusten machen kann, das ich was hab‘, nehm ich’s mir.“ Er dachte an den Strand aus seinem Traum, an den Strand, wie sie beide dort stehen, eng umschlungen.

Er hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Das Licht ließ die Menschen künstlich aussehen, wie Maschinen. Er blieb vor dem Regal mit den Fertigsuppen stehen. Etwas hatte sich geändert, etwas in ihm. Es war, als wäre er in tausend Teile zersprungen, und als hätte sie ihn wieder zusammengesetzt. Sie waren zu viert und erwischten ihn in der Gasse hinter dem Einkaufszentrum. Sie traten aus dem Halbdunkel und bauten sich vor ihm auf. Sie hatten sich Zeit gelassen, abgewartet.
„Verpisst euch.“
„Bist fällig“, sagte einer von ihnen und ließ den Schlagstock aufschnappen. „Kriegst ’nen Gong, dann fick ich dich.“
„Ich steh nicht auf Männer.“
Witautas drehte den Henkel der Einkaufstüte, bis er ihn umfassen konnte. Dem ersten Angreifer zertrümmerte er das Jochbein. Dem zweiten verpasste er einen Kopfstoß. Danach kamen die Schläge, hart und schnell wie Trommelfeuer. Er spürte das Blut heiß an Kopf und Hals.

Der Arzt beugte das Handgelenk und fragte: „Tut das weh?“
„Nein.“
„Sind Sie sicher?“
„Ja.“
„Sieht anders aus.“
„Aussehen ist nicht alles.“
„Wie ist das passiert?“, fragte der Arzt und zeigte auf den Kopf.
„Meinungsverschiedenheit.“
„Ich verstehe“, sagte er, „Sie sind öfters mal anderer Meinung.“
„Kommt drauf an.“
„Das war keine Frage.“
Ihre Blicke trafen sich.
„Die Hand“, sagte der Arzt, „Radiusbruch, untere Speiche. Kämpfen können Sie erst mal nicht mehr, das müssen wir gipsen.“
„Davon hab‘ ich nichts gesagt.“
„Augenbrauen, Knöchel, Nase. Man sieht es.“
„Wann kann ich die Hand gebrauchen?“
„Ein paar Wochen sollten Sie der Sache geben.“
„Ein paar Wochen.“
Der Arzt sagte: „Ich habe angegeben, dass es sich um einen Unfall gehandelt hat. Die Polizei ist raus aus dem Spiel. Mehr kann ich nicht tun.“

Schwiefke saß vor der Garage und trank eine Flasche Bier. Er sah auf die Hand, schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Ich schätze, ’ne Meinungsverschiedenheit.“
„Gruppendiskussion.“
„Die du nicht vermeiden konntest.“
„Mir sind die Argumente ausgegangen.“
„Wir sind im Arsch.“
„Paar Wochen“, sagte Witautas.
Schwiefke schüttelte wieder den Kopf und sagte: „So läuft das nicht.“
„Ich kann’s nicht ändern.“
„Meinst du Adnan wünscht dir gute Besserung?“
„Die Hand ist gebrochen.“
„Das sehe ich“, sagte Schwiefke. „Adnan wird den Kampf nicht absagen. Wir stehen im Wort.“
„Was ist da eigentlich gelaufen, zwischen dir und diesem Albaner?“
„Hat mir mal die Zeche bezahlt. Netter Typ. Ist lange her schon.“
„Kriegst feuchte Augen, wenn du lügst.“
„Jedenfalls denke ich nicht mit meinem Schwanz.“
„Was haste auf den Kampf gesetzt?“
„Nicht auf den Kampf“, sagte Schwiefke, „auf dich.“
„Kann ja nicht so viel sein.“
Schwiefke trank den letzten Schluck Bier. „Was willst du hören? Was soll ich dir sagen?“
„Die Wahrheit.“
„Kurz und bündig?“
„Mit ein paar Worten.“
„X-beliebiger Kämpfer.“
„Hast schon hunderte wie mich gesehen.“
„Tausende.“
„Aber du hast auch schon tausende von denen gehabt“, sagte Witautas und zeigte auf die Bierflasche.
„Man hört einfach ’n paar Dinge.“
„Dinge.“
„Dem Typ von der Tankstelle hastes lang und dreckig besorgt. Hat was gegen deine neue Flamme gesagt, ja? Soll ja recht umtriebig sein, das Gör – wenn du weißt, was ich meine. Und mit irgendwelchen Kanaken. Konntest deine Fresse nicht halten, dann ham se dich abgefischt. Kannst froh sein, dass der Kopf noch dran ist. Jetzt sitzen wir hier. Liebe is nix für dich, Jung. Ein Rat: Verrecken ist das nächstgrößere Ereignis. Glaub mir mal. Kauf ihr ’n Goldkettchen und hol dir einen runter.“
Witautas hob die gebrochene Hand. „Fühlt sich immer noch wie ’n feuchter Sack mit Nägeln drin an. Dein Gerede macht es nicht besser.“
Schwiefke stellte die Flasche auf den Zementboden. dr„Als ich noch richtige Boxer trainiert habe“, sagte er, „da war Adnan n‘ guter Junge, richtig heiß, der wollte. Wurde extra zum Sozialfall. Griff Kohle beim Amt ab, damit er jeden Tag trainieren konnte. Dem hat man’s angesehen.“
„Und mir sieht man’s nicht an.“
„Dir sieht man was anderes an.“
„Ich werd nicht weglaufen, wenn du das meinst.“
„Weglaufen“, wiederholte Schwiefke. „Was hätte das für ’n Sinn? Wohin denn weglaufen?“
Witautas schwieg.
„Hab ich mir gedacht. Bist ja auch nie rausgekommen. Was will einer wie du im echten Leben?“

Als er an Mirzas Tür klopfte, musste er sich an die eigenen Worte erinnern: Manchmal muss man jemandem weh tun. Der alte Mann öffnete die Tür, sah ihn an und sagte: „Müssen nicht kämpfen.“ Witautas nickte und wiederholte: „Nein, müssen nicht kämpfen.“
Sie gingen in die Wohnung, Mirza schloss die Tür. Sie setzten sich an den runden Tisch im Wohnzimmer. Witautas konnte an den dunklen Flecken auf der Couch erkennen, wo sonst die Spieler saßen. Ihr Schweiß und ihre Wärme hatten dafür gesorgt, dass sie sich im Stoff verewigt hatten.

Farid legte den Schlüssel in seine Handfläche.
„Du kennst den Wagen.“
Witautas nickte. Sie sahen sich einen Moment in die Augen. Farid rieb die Scheine zwischen den Fingern und sagte: „Seh‘ ich dich wieder?“
Witautas sagte: „Kann man nie wissen.“

Der Geruch von kalter Asche und Benzin. Kurz hinter der Stadt hielt er am Straßenrand und stellte den Motor ab. Für einen Augenblick sah er es ganz klar vor sich, wie eine Fotografie. Dann legte er seine Hand auf ihre und startete den Motor. Sie lächelte.

Asche

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„Manchmal denke ich noch an den Mann ohne Beine, aber dann ist es, als sei es gar nicht wirklich passiert. Als sei das etwas, das mir jemand anders erzählt hat, und das ich dann jemand anderem erzähle. Es ist seltsam, aber so ist es.“

15 Stories in knapper, verdichteter Sprache über Verlierer und Desillusionierte, über Träumer und Vergessene. Und über Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. 

Erscheinungsjahr: 2016, 2. überarbeitete Auflage
Ausstattung: kartoniert, 184 Seiten
ISBN: 978-3-945426-08-1
12,80 €

Einige Stimmen: 

„Er kommt bei jeder Geschichte sofort zur Sache. Nach spätestens einer halben Seite ist man in der Story. So müssen Kurzgeschichten sein – Verzeihung – so müssen Stories sein. “

http://buchrevier.com/2015/06/02/kleine-niederlagen-grose-stories/

„Das liegt vor allem an der kristallklaren Sprache; Sven Heuchert ist ein großer Stilist, der die Literaturform der Short Stories perfekt beherrscht.“

http://kaffeehaussitzer.de/miniaturen-der-hoffnungslosigkeit/

„Sven Heucherts Erzählungen erinnern an Tom Waits-Songs. Trotz ihrer Härte, ihrer Schroffheit sind es im Kern sentimentale Geschichten. In den lauten, polternden Stories schwingt stets Melancholie mit, die leiseren sind dagegen immer noch so rau und kantig, dass man sich als Leser an ihnen reibt.“

http://rudkoffsky.com/2015/07/30/keine-erloesung-nirgends-asche-von-sven-heuchert/

„Deshalb beweisen gerade die leiseren Passagen und Momente, dass Heuchert sein Handwerk beherrscht, dass er in den Bann zu ziehen versteht mit beiden Seiten der Medaille.“

http://literatourismus.net/2015/08/sven-heuchert-asche/

“ … die antreibenden Mittel sind Wut, Angst und Resignation. Alles zusammen ergibt eine explosive Mischung, an die Sven Heuchert die Lunte legt und diese auch anzündet.“

https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2015/12/23/rezension-sven-heuchert-asche/

Rezension von Marion Brasch, in ihrer Sendung „Literaturagenten.“

https://soundcloud.com/freitach/sven-heuchert-asche

 

 

 

Punchdrunk

Punchdrunk cover-web

„Die schonungslose Authentizität rüttelt den Hörer auf und ist zugleich erschütternd wie fesselnd.“ (Hörbuchjunkies.com)

„Die Geschichte hat einen beklemmenden realen Touch.“ (Audio-Kritiken.de)

„Ein packendes Hörbuch, immer wieder den Blick in den Abgrund wagend und zelebrierend.“ (Vorhörer.de)

„Erstklassige Story mit Tiefgang, dabei hart und schonungslos. Ein Hörvergnügen.“ (Krimi & Co)

„Sven Heuchert ist es gelungen, ein schweres Thema literarisch umzusetzen.“ (Bücherstadt Kurier)

„Eine absolute Wucht und definitiv ein Meilenstein im Schaffen Sven Heucherts.“ (Thanatische Manifestationen)

„Starke Empfehlung für die Liebhaber besonderen Kopfkinos.“ (Burkhard Schirdewahn, BUNT Buchhandlung, Köln)

„Wer Herzblut einmal fließen hören möchte, sollte PUNCHDRUNK hören.“ (Palpitationen)

Hörprobe unter: http://www.wortpersonal.de/punchdrunk.html

Die physischen CDs sind nur noch in begrenzter Stückzahl erhältlich, und zwar in der Verlagsbuchhandlung Remmel R² in Siegburg, bei der Buntbuchhandlung Köln-Ehrenfeld und beim Autor selbst. Preis 10.00 € pro Exemplar.

Ansonsten als download auf allen üblichen Portalen.