Wo das Begehren sitzt

Sie steht unter der Dusche. Ich kann sie nicht sehen, nicht richtig sehen, so wie man eine nackte Frau sehen sollte, die Kabine ist beschlagen, ich sehe sie wie durch dichten Nebel, ihr Körper ein Schemen, die helle Haut, das dunkle Haar, und das Deckenlicht wirft ihren Schatten an die Kacheln, kleine Kreuze, wo die Fugen aufeinander treffen, ich mache mir ein Kreuz ins Fleisch, und noch eins, und so zähle ich die Tage bis zum Tod. Nein, noch lebe ich. Da ist der Geruch ihrer Seife, sie benutzt ausschließlich Seife, nichts anderes, das hat sie gesagt, aber das hier ist keine Werbung oder so, denn ich erinnere mich, es gab da mal was mit einem ähnlich klingenden Spruch, doch das hier ist das echte Leben, und die Seife riecht auch nicht nach Blumen, wie man vielleicht annehmen könnte (so vieles riecht heute nach Blumen und nicht nach Blut) sondern nach Moschus, fast wie ein Mann, dabei ist sie ist eine Frau, eine wunderschöne Frau. Das Wasser fließt, es klingt wie Regen, wie der Regen auf dem Dach einer Bushaltestelle, und da fällt mir auf, wie lange ich nicht mehr Bus gefahren bin, und was das eigentlich bedeutet, Bus fahren, also tatsächlich bedeutet, die Erfahrung – zusammengepfercht mit anderen Menschen, Fremden, Anderen, ein Sammelsurium an Existenzen, und der Gestank, und das Gerede, und es wird gebremst, wieder angefahren, es geht hin und her wie auf einem Dampfer, nur die salzige Luft fehlt, meistens stinkt es nach altem Schweiß, dafür sieht man den Leuten bis in die Einkaufsnetze, Chirurgie am offenen Herzen ist das, Kartoffeln sind immer dabei, und Zwiebeln, ganz oft auch Sekt, aber ich bin nie zur See gefahren, ich vermute das alles nur, auf See gibt es salzige Luft aber keine Einkaufsnetze, nur Wellen und Möwen und Wale, und wir sind damals natürlich auch mit dem Bus gefahren, wir saßen immer ganz hinten, nie vorne, vorne sitzen nur die Angsthasen und die ganz alten Leute, die trotz des Verbots immer mit dem Fahrer sprechen, der nie antwortet, und wir saßen hinten in der Mitte, um jeden sehen zu können, der einsteigt, wenn wir ihn kannten, warfen wir ihm einen kurzen, wissenden Blick zu, denn es war klar, wir hatten hier das Sagen, und selbstverständlich saßen wir auch hinten, um von jedem gesehen zu werden, besonders von den Mädchen, die sich im Bus immer anders verhielten als sonst, die Fahrt schien sie irgendwie mehr anzustrengen, sie hielten sich an ihren Schulranzen fest und später an ihren Freunden, die keine echten Freunde waren sondern harmlose Händchenhalter, die aus dem Fenster glotzten, als gäbe es da draußen noch etwas Wichtigeres als … das heiße, straffe, glatte Fleisch neben ihnen. Eine verrückte Zeit, aber davon will ich hier nicht erzählen, denn es geht um diese Frau, und den Regen, plitsch-platsch, und jetzt summt sie, und das versetzt mir einen Stich, denn es ist das Summen einer Mutter, die ihr Kind in den Armen hält, es wiegt, ihre weichen, geschwungenen Lippen eng an die Stirn gepresst, und das Summen überträgt sich, vibriert im Knochen, beruhigt das Kind, und Dampfwolken steigen von ihrer Haut auf,  der Duft ist nicht Moschus, ich lüge, oder ich weiß es nicht besser, es ist Zitrone, Orange, Südfrucht auf jeden Fall, exotisch, darf man das noch sagen?, und die Melodie, die sie summt, die kenne ich, ich kenne sie ganz bestimmt, sie hat sie schon früher einmal gesummt, in einem früheren Leben, als wir Adlige waren, Royal Family oder auch die Könige von Deutschland, Schland, wir haben an langen Tafeln in großen Hallen gespeist, Saft aus Weintrauben gesaugt und sie einfach wieder ausgespuckt, die abgenagten Knochen und leergetrunkenen Gläser haben wir uns über die Schulter geschmissen, so wie sich das gehört, und danach gaben wir uns wilden Orgien hin, pas de règles, jeder mit jedem, Laudanum und Absinth, Vater, Mutter und Kind, alles durcheinander, Luke 1, Luke 2, Luke 3, Schwanz blaaasen – Elmar saaagen, und daraus entstanden im Laufe der Zeit missratene Kreaturen, die wir in Verliese sperrten, bei Wasser und Brot, oder haben wir ihnen gleich den weichen Schädel zertrümmert?, das weiß niemand mehr so genau, aber vielleicht kenne ich die Melodie auch aus den durchsoffenen Nächten, Delirium tremens, Zinn 40 und Stroh 80Elijah Craig oder Johannes Böhm, wo sie uns sanft über die Haare gestreichelt hat, die Mutter, das Tier, und wo wir ihren Atem auf der Stirn spürten, ein langer, kühler Atem, wie eine Brise am Meer, aber ich sagte doch bereits, dass ich kein Seemann bin, ich habe keine Ahnung von Gezeiten, ich kenne nur dieses Summen und ich kenne die Frauen, die summen, und als wir aufgehört haben, Bus zu fahren, fuhren wir Mofa, Moped, Mokick, und noch viel später Golf I, der hatte ein Loch im Kühler, und wir hatten ein Loch im Herzen oder vielleicht auch im Kopf, jedenfalls waren wir keine Kinder mehr und das Summen der Mütter war nur noch eine leises Grundrauschen, wir empfingen jetzt andere Frequenzen, vor allem die von Mädchen, die zu etwas anderem geworden waren, zu Madonnen oder Huren, alle hatten sie einen Sender eingebaut, der Tag und Nacht sendete, und dessen Signale wir noch in kilometerweiter Entfernung empfingen, selbst nachts, wenn wir unter unseren Decken lagen, die Augen fest verschlossen, sie waren immer da, lockten uns in ihre Träume und aus unseren heraus, und sie hielten sich jetzt auch nicht mehr an Schulranzen oder Schulfreunden fest, sie hielten sich gar nicht mehr fest, sie fielen und fielen und fielen, und da wir eine solche Angst um sie hatten, boten wir uns an, schließlich waren wir höfliche Jungs, die nur das Beste im Sinn hatten, wir folgten streng den Predigten des Johannes Böhm, Gott hab ihn selig, und deswegen hielten wir sie auch nur an den dafür bestimmten Körperteilen fest, die uns wie moderne Errungenschaften vorkamen, neumodische Erfindungen, die ausgetestet werden mussten, wie weit, wie hoch, wie tief, wie fest, meistens fest, und aus ihren Nippeln kam keine Milch, so sehr wir auch dran saugten, sondern Bier und Schnaps, zumindest kam es mir so vor, immer war da was mit Bier und Schnaps, und manchmal kam eben doch Milch, aber nur, wenn da einer etwas ganz grundsätzlich falsch verstanden hatte, das war dann sein Problem, und kollegial, wie wir waren, übernahmen wir den frei gewordenen Platz, und ihr Platz ist unter der Dusche, sie hat aufgehört mit dem Summen, sie steht ganz still da, und auf dem Spiegel ist noch ein Rest Lippenstift, so rot wie der Tod, aber sie ist doch gar nicht tot, außer das ist Blut und kein Lippenstift, aber das weiß ich nicht, denn ich bin nie zur See gefahren, ich lege meine Hand auf die Kabine, Biene, sie lassen mir immer eine Zigarette da, eine letzte Zigarette, ich habe sie drüben in der dunklen Küche geraucht, ganz langsam, Zug um Zug, und dann habe ich versucht, das Loch im Kühler mit dem Filter zu stopfen, Golf I, Camel ohne, oben ohne, ihre Brüste waren schwer, ich würde sagen, schwer wie Melonen, weil ich das Wort mag, Me-lo-ne, Melone-Teutone-Cylone, Pufferzone, Dornenkrone, aber das stimmt nicht, Nahgesprächszone, Flugabwehrkanone, Randfeuerpatrone, schon besser, und natürlich habe ich mit dem Filter das Loch in meinem Herz gestopft und nicht das im Kühler, ade VW, das Herz hat ein wenig gehustet, schon ging’s wieder, Herz hart wie Kruppstahl, das wäre was für die Werbung, Doppelherz, Doppelschmerz, und ihr Haar im Abfluss, H im Abfluss, ich male mit dem Finger ein Hügel mit einem Kreuz auf den Spiegel wie eine dieser Knasttätowierungen, mit zittriger Hand und Rotringtinte, Lippenstift, Blut, ihre Haut ist weiß wie was aus dem Gefrierfach, die Lippen blau, und ich frag sie, wo die Zigarette ist, die letzte Zigarette, aber sie nuschelt, als hätte sie ordentlich was getankt, und ich frag sie noch mal, und da macht sie die Augen zu, und ich weiß nicht, was ich noch tun soll, ich könnte das Wasser abstellen, dann wäre Schluss, Schluss mit Bus, mit Kuss, mit allem, deswegen lass ich es laufen, ich streck die Hand aus, warm ist es, ganz warm, und dann schließe auch ich die Augen und summe, ich summ eine Melodie, die ich von früher kenne, als wir Kinder waren, klein und schuldig, und sie nuschelt immer noch, Herrgott Mädchen, krieg doch mal die Zähne auseinander, mein Opa würde sagen: Kruzifix die Türken nochmal!, mein Opa war bei der SS, und in der Türkei haben sie mich mal drangekriegt, in Tophane, da bin ich mit dem Golf falsch abgebogen, aber das war ein Golf III und kein Golf I, und der hatte auch kein Loch im Kühler, nur Pulver im Kofferraum, jeden Tag Kebab, und der Schließer, richtiger Räuberbart, Ali Baba nannte ich den, und in Istanbul kannte ich auch eine die unter der Dusche so genuschelt hat, wunderschöne Frau, ich treffe nur auf wunderschöne Frauen, sie lieben mich, das haben sie schon immer, Sonnenkind, Kind der Sonne, von Anfang an, ich nenne sie alle Biene, den jede Biene sticht, und jede Biene summt, und dann stell ich doch das Wasser ab, denn langsam reicht’s, auch wenn sie wunderschön ist, ich will meine Zigarette, die letzte, die allerletzte, und die Tropfen perlen von ihrer nackten, kalten Haut, den Hals hinab, sammeln sich in der Kuhle am Brustbein, Schwein, das Licht reflektiert, wie tote Augen sieht das aus, tausend tote Augen, ich singe das: tahahausend to-hote Au-au-augen, ist nur ein Schnitt, winzig, unter dem Rippenbogen, und das Blut fließt auch nur noch ganz langsam raus, aus die Maus, aber sie liegt da so verdreht, der Sog macht Wellen, und das Wasser läuft schon über den Rand der Wanne, bis an meine Sohlen, aber mit Wasser kenn ich mich nicht so gut aus, denn ich bin nie … ich bin doch zur See gefahren, Marine, Handelsmarine, Butterfahrt, Koksfahrt, ich war in Tokio und Kingston und Havanna, in Murmansk, Sidney, Rio, auch auf dem Mars, und überall waren da die Frauen, Mädchen, Frätchen, oder – Frrrrraun, mit einem rollenden r, wie die Russen, die machen das hinten im Rachen und vorne mit der Zunge, mit der Zunge hab ich auch immer viel gemacht bei den Frätchen, zick zack, Muster in die Muschi, gern hab ich die Frrrraun geküsst, und Mutter hab ich auch gern geküsst, und mit den Schnitten, wie-wo-was-warum, da kenne ich mich aus, Filetmesser für Fische, Kombüse, junges Gemüse, damit geht’s, sag ich dir, und Frrrraun und Fische, da sag ich jetzt nix, du musst nur wissen, musst wissen, wo das Begehren sitzt, nämlich da hinter den Rippen sitzt das, und du fragst dich jetzt bestimmt, woher ich das weiß, woher weiß er das?, und das ist ja auch eine berechtigte Frage, aber da gibt es kein Trick oder so, wie bei der Werbung, das sind ja nur Tricks und Lügen und Betrügen, du kriegst das schon raus, kriegst das selber raus, immer besser, du weißt, was ich meine, und ich will jetzt meine Zigarette!, ich klinge wie so ein ungeduldiges Kind, und irgendwie stimmt das ja auch, denn wir bleiben immer kleine Kinder, im Kopf jedenfalls, im Kopf, wo wir die Löcher mit Kippen und Begehren stopfen, das Begehren fließt aus denen raus,  aus Frauen und Mädchen und Frätchen, nicht aus Fischen, läuft raus wie Sperma aus Möse, Schwanz in Käthe, raus hier, rein da, das alte Rein-Raus Spiel, und ich muss auch raus, raus aus diesem Badezimmer, ein letzter Blick, ein letzter Fick, im Flur bleibe ich stehen und lausche, aber sie summt nicht mehr, das ist kein Summen, das ist was anderes, der Kühlschrank oder die Elektrizität in den Leitungen, nicht das Summen einer wunderschönen Frau, und draußen regnet es vielleicht, vielleicht regnet es und ich nehme den Bus, wie früher, als wir Astronauten waren und unsere Träume offen wie ein Schweinebauch.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise