Wild werden

by Sven Heuchert

Während ich dir das schreibe, spüre ich die Wolfsklaue,
die sich einen Zentimeter über meinem Daumen durch die Haut drückt.
Ich werde diesen Brief mit einer schlammverkrusteten Pfote unterschreiben.

Seitdem du fortgegangen bist,
werde ich jeden Tag ein Stück wilder,
wie die Hunde der verlassenen Farmen
im Brachland zwischen den Flüssen.

Ich lebe nur noch in einem Raum des Hauses,
ich habe ihn in eine Höhle verwandelt,
in der ich neben den Knochen der letzten Mahlzeit aufwache.
Ich esse die Steaks roh, ich liebe den Geschmack von frischem Blut.
Gestern fing ich im Fluss sechs Karpfen mit den bloßen Händen
und fraß sie dann zum Abendessen.

Am späten Nachmittag setze ich mich auf die Veranda
und sehe dabei zu, wie der Wald immer näher kommt.
Kaninchen sitzen im Gras. Sie beobachten mich aufmerksam,
denn sie wissen, dass man mir nicht trauen kann.
Schon morgen oder übermorgen könnte ich mich auf eins von ihnen stürzen,
es verschlingen, während es schreit und das Herz noch schlägt,
ihre dünnen Knochen zerbrächen zwischen meinen Zähnen.

Nachts laufe ich durch den Wald, fremde Düfte
locken mich in alle Windrichtungen, aufgeregtes Winseln
dringt aus meiner Kehle.

Wenn du nicht bald nach Hause kommst,
werde ich mich weiter und weiter ins
Reich meiner wilden Träume entfernen.
Wenn du zurückkommst, wird das Gras kniehoch und
sämtliche Türen offen stehen, du wirst Gewölle und Federn
im Schlafzimmer finden, Knochenreste in deinen Hausschuhen.
Ich werde mit einer dürren, gelbäugigen Hündin davongelaufen sein.

Im Spätsommer werden Liebespaare, die draußen auf den Wiesen geparkt haben schwören, dass sie mich in einem Rudel wilder Hunde gesehen haben, das im Ödland zwischen den Flüssen Schafe und Rinder hetzte.


„Wild werden“ ist eine freie Übertragung des Gedichtes „Growing wild“ von Jim Wayne Miller.

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