Was nicht mehr ist

Ich kann sie unten in der Küche hören. Wie sie die Tür aufschließt, keine Bewegung zu viel. Sie benutzt den Hintereingang, zieht sich in der Diele die Schuhe aus, schaltet das kleine Licht ein. Auf den Treppen macht sie vorsichtige Schritte. Ich bleibe im Sessel vor dem Fenster sitzen. Das Reibrad des Feuerzeugs, danach das Knistern des Tabaks. Der Rauch schimmert blau, ich atme ihn langsam in die Dunkelheit. Sie drückt sich die Wand entlang, der Mantel raschelt an der Tapete, dann stößt sie gegen die Kommode, und etwas fällt zu Boden. „Ich weiß, dass du das bist“, sage ich und erkenne ihre Umrisse im Türrahmen, der schmale Körper bekommt Kontur. „Was soll das?“, sagt sie, ihre Stimme klingt rau, als habe sie sich die Seele aus dem Leib geschrien. Ich lehne mich zurück, ziehe an der Zigarette, und für einen Moment kann ich ihr Gesicht sehen, das zerlaufene Make-up, die fettigen Haare. „Ich habe nicht auf dich gewartet“, sage ich, und sie lacht, ganz tonlos, ich erahne es nur. Zwei Tage. Manchmal bleibt sie auch länger weg. Eine Woche, anderthalb. Immer kommt sie mitten in der Nacht zurück, als würde das etwas ändern. Und ich kann es an ihr riechen – die fremden Männer, den Schnaps. Einmal hat sie jemand verprügelt, nicht nur ein paar Ohrfeigen, und dabei hat er ihr die Augenhöhle gebrochen. Sechs Wochen hat sie das Zimmer nicht verlassen. Sie tritt in den Raum, lässt den Mantel auf den Boden gleiten, nimmt sich eine Zigarette aus der Schachtel, die auf dem Tisch neben dem Sessel steht. „Hast du Hunger?“, frage ich. Sie isst nie, wenn sie durch die Nächte wandert, ernährt sich nur von Nikotin und Rotwein, billigem Rotwein. Ich stehe auf, spüre ihren Atem auf meinem Gesicht, sie ist ganz nah. Dann lege ich meine Hand auf ihre Schulter, fühle die kalte, feuchte Haut und den spitzen Knochen darunter, aber sie macht einen Schritt von mir weg, und meine Hand fällt ins Leere. In der Küche schalte ich das Licht an der Abzugshaube an, es ist warmes Licht, alles sieht auf einmal aus wie an einem Nachmittag im Spätsommer – der Tisch, die Stühle, die vertrockneten Schnittblumen, das faulige Obst in der Schüssel aus Kristallglas. Sie bleibt noch einen Moment im Wohnzimmer, ich höre, wie sie etwas aus ihrer Handtasche nimmt. Dann geht sie mit schnellen Schritten durch den Flur ins Bad und schließt die Tür hinter sich ab. Ich suche die kleine Pfanne, die ich für Omelette benutze, fahre mit den Fingerspitzen über das Schneidebrett aus Holz, eine glatte Fläche, hart und fest. Wasser gluckert in den Rohren. Sie hustet. Sie spuckt ins Becken. Ich nehme ein Messer aus dem Block, lege es neben das Brett und öffne den Kühlschrank. Ich bettelte um ein paar gute Tage und Nächte mehr. Um ein paar Stunden. Am Ende war’s die Länge einer Zigarette. Mit jedem Zug verabschiedete sie sich, ganz ohne etwas sagen zu müssen. Die Glut und ihre Züge, nur die Glut und ihre Züge, und dann, an der Tür, da drehte sie sich noch einmal um, ein feuchtes Glitzern in den Augen, aber sie blieb nicht stehen. Da war nur dieser Blick, und in diesem Blick lag alles. Vielleicht gibt es nur diese eine Frau, diese eine Liebe. Wie wäre das: Du siehst aus dem Fenster, der Sonnenaufgang taucht alles in ein erstes Licht, eine Katze huscht vorbei, und du kannst nicht mehr tun, als dich an diese eine Frau, diese eine Liebe zu erinnern. Sie nimmt kleine Bissen, kratzt sich mit der Gabel an der Wange, die Zacken hinterlassen rote Striemen. Ich möchte sie schlagen, möchte meine Faust in ihr Gesicht rammen, bis es nur noch Blut und Knochen ist. Bis es nicht mehr ist. Ich sehe sie an. Sie quiekt wie ein Schwein, wenn ich ihr meinen Finger reinschiebe, und sie braucht mehr, zwei Finger, drei, vier, sie will meine ganze Hand in ihrer Fotze haben. Sie beugt sich über den Tisch, die Ader an ihrem Hals, der gleichmäßig ruhige Puls, ihr Gesicht direkt vor meinem, und sie hält sich das Glas unter den Mund, der Speichel läuft über ihre Lippen, flüssig und ganz klar, dann lächelt sie, sie lächelt und gießt mir alles über den Kopf. Ich schließe die Augen. Ich schließe die Augen und lege mich auf sie, sie wird kleiner, schmilzt unter mir dahin, rinnt durch das Laken auf den Boden, wird zu einer dunklen Lache, in der sich das Mondlicht spiegelt. Irgendetwas stimmt nicht – ich höre sie doch im Flur, wie sie da hantiert, wie sie lacht, sie ist da … Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich meinen Atem an der Fensterscheibe, kondensiert zu einem milchigen Kreis, und so hell wie der erste Frost; ich lasse den Kopf nach vorne auf das Glas sinken, spüre Kälte an der Stirn, sehe an mir herunter, ich bin nackt, auf dem Sims steht eine Flasche, ein letzter Rest bernsteinfarbener Whiskey darin. Nein, alles stimmt, alles hat seine Richtigkeit, das denke ich und fahre mir durchs Haar. Sie ist gegangen, schon vor langer Zeit, sie ist gegangen und nicht mehr wiedergekommen, nur ich sitze noch hier, in diesen leeren Räumen, ich sitze, warte, und frage mich, ob es das wert gewesen ist, ob sie das Wert gewesen ist? Manchmal, da duftete ihre Haut nach einer feuchten Sommerwiese, und wenn ich über ihren Nacken gestreichelt habe, blieb die Zeit stehen, es gab nur sie und diese Bewegung, und ich dachte, sie fühlt, was ich fühle, sie sieht, was ich sehe. Aber so war es nicht. So ist es nie. Ich schraube die Flasche auf, nehme den letzten Schluck, halte sie vor meine Brust, das kalte Glas direkt auf meiner Haut, der Rare Breed brennt in meiner Kehle, und sonst ist da nichts mehr, nur Leere, Leere und Erinnerung. Und so wird es immer sein, im Traum und in der Wirklichkeit. Ich strecke meine Hand nach Schatten aus.

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