Vielleicht hinter Aachen

Wird ja jetzt wieder kühler draußen, und ich mach immer schon mittags die Fenster in der Küche zu, weil man nie genau weiß, Platzregen, Gewitter, kann alles passieren, und die Küche liegt eben im Wind, da regnet es voll rein. Regnet ziemlich oft in der letzten Zeit, also mehr als früher, denk ich, und wenn, dann auch richtig heftig. Einmal hat es sogar gehagelt, das ist aber schon was her, vielleicht `n Jahr oder so?, ich weiß es nicht mehr genau, da war ich noch mit Louisa schwanger, also nicht länger als ein Jahr, aber ist eigentlich auch egal, jedenfalls – wie doch die Zeit vergeht, denke ich gerade … und Bernd ist unterwegs, hat er mir eben geschrieben, so hat er das geschrieben: bin unterwegs, kuss!, aber er schreibt ja immer so kurz, weil er eben schnell nach Hause will und weil er so ist, bisschen maulfaul, aber damit kann ich schon umgehen. Meistens kommt er so kurz nach Zehn, jetzt haben wir es gerade mal Acht, und ich wüsste gern, wo er ist, einfach um mich drauf einzustellen, vielleicht ist er schon kurz vor Aachen, aber nee, kann nicht sein, denn von Aachen bis hier ist es nur knapp `ne Stunde, glaub ich, das passt dann nicht, von der Zeit her. Bernd geht immer, wenn er ankommt, nach Louisa gucken, das ist das Erste, was er macht, der zieht sich die Jacke aus und geht sofort an ihr Bettchen, und dann steht er da und sagt nichts, der guckt nur, und dann, später, dann sagt er jedes Mal, dass sie wieder was größer geworden ist, und ich sage ihm, dass das gar nicht sein kann, in einer Woche kann man gar nicht so viel wachsen, aber Bernd meint, `s is‘ Blödsinn, was ich da erzähle, er sei ihr Vater und Väter können das. Und es ist ja so, dass ich Louisa jeden Tag sehe, also von morgens bis abends, und da fällt einem das nicht mehr so auf, wenn sie so wachsen. Nach dem es so gehagelt hatte, damals, letztes Jahr, da bin ich runter, die ganzen fünf Stockwerke, mit dem dicken Bauch und alles, weil ich unbedingt einen von diesen Klumpen haben wollte, die lagen ja überall, auf der Straße, auf den Autos, aber der Bernd hätte mir das nicht geglaubt, wie groß die waren, wenn ich nicht einen ins Eisfach gelegt hätte, die waren so groß wie Eier; Wahnsinn, meinte selbst der Bernd. Die arbeiten gerade in Belgien, schon seit paar Monaten, bauen da die Kühlanlage von `ner neuen Fabrik auf, und Bernd will ja Vorarbeiter werden, deswegen fährt er auf Montage, immer wenn’s geht, ist gut wegen der Zuschläge und der Spesen, das lohnt sich richtig, sagt er, ich weiß da nix drüber, über Geld und so, das regelt der Bernd, Mathe war nie meine Stärke. Kümmer‘ du dich mal um das Kind, sagt er, und das tue ich, und jetzt geht das ja auch, man gewöhnt sich dran, man gewöhnt sich ja an alles, aber eins sag ich, am Anfang, unter der Woche, ganz alleine, nur mit dem Kind, nur mit der Louisa, das ist manchmal schon nicht einfach, aber beschweren will ich mich nicht, das sagt Bernd auch immer wieder, beschwer dich mal nicht, denen auf der Winterberger, denen geht’s viel schlechter, die hab’n gar nix, die fressen am Monatsende Trockenbrot, und wir wollen raus aus den Genossenschaftshäusern, weil es hier auch einfach zu viele Asis gibt mittlerweile, und Bernd sagt, so soll Louisa nicht aufwachsen, mit den ganzen Kanaken, und deswegen fährt er auch immer auf Montage, weil wir hier rauswollen, und weil der Chef da schon ganz genau hingeguckt, wer richtig arbeiten will und wer nicht, wer nur so tut … und ich meine, ich seh das ja, wie die da unten vor den Mülltonnen rumlungern, die Kanaken, die tun nie was, Arbeiten kennen die nicht, die kennen nur abkassieren, und denen ihre Kinder, also, die glotzen einen immer so an, das kann ich gar nicht sagen, wie man sich da fühlt, ekelhaft ist das, meint Bernd, richtig ekelhaft, wenn die dich so anglotzen, und so soll das ja nicht werden, das man da später echt Angst haben muss, ich meine, so ist das halt mit Kindern, wenn du die alleine lässt, dann wird da eben auch nichts draus, das muss man sich schon gut überlegen, und die meisten hier haben ja nicht nur eins, die haben ja direkt `ne halbe Fußballmannschaft, da schmeißen die Frauen die hintereinander raus wie Maschinen, und deswegen sage ich auch immer, mit Kind, das muss man sich schon wirklich gut überlegen, wie man das macht, wie das laufen soll, und der Bernd, ich will ihm wirklich nichts vorwerfen, um Gottes Willen, das nicht, aber der Bernd weiß nicht, wie das ist, wenn die Louisa schreit, wenn sie schreit, und nicht nur so ein bisschen, sondern so richtig, rund um die Uhr, immer und immer und immer, und wenn du sie gar nicht ruhig kriegst, keine Minute lang, da kriegst du schon deine Gedanken, und das hört nicht auf, weil manchmal, da ist es wirklich so, da bist du am Ende, richtig am Ende, da willst du … ich darf das ja gar nicht sagen, aber da willst du, dass dann Ruhe ist, so richtig Ruhe, dass du mal durchatmen kannst, das kann man sich nicht vorstellen, das kann auch der Bernd nicht, und ich sag ja auch nix, weil ich weiß, er geht arbeiten und verdient das Geld und alles, und ich bleib zuhause, und ich bleib auch gern zuhause, besser als irgendwo bei NETTO an der Kasse, wie früher, oder wieder Putzen, auch wenn du da wenigstens mal was klönen konntest, das kann ich ja jetzt nicht mehr, jetzt ist nur Louisa, und alle anderen sind weg, Arbeiten oder sonst was, keiner hat da Zeit, aber trotzdem, trotzdem, manchmal da ist das eben so … aber Bernd ist ja sicher schon bald zu Hause, der ist auf der Autobahn, irgendwo hinter Aachen wahrscheinlich, und der hat davon nix mitbekommen, und ich sitz hier und wart‘ auf ihn und … ich will mich nicht beschweren, wirklich nicht, wenn er kommt, dann wird alles gut, denn ich weiß ja der lässt mich nicht alleine, das weiß ich ja, der lässt mich nicht im Stich, auch wenn mir das alles manchmal zu viel wird, da gewöhn ich mich dran, da hab ich mich schon dran gewöhnt, ich brauchte nur mal was Ruhe, dann geht es wieder, so wie jetzt, wo ich warte, jetzt ist es auch still, und ich steh auf dem Balkon und rauch eine Zigarette, ich steh einfach nur da und guck raus, ich lehn am Geländer und guck raus, und es ist still, und dann fängt es an zu regnen, und ich denk sofort an Bernd, weil der ja nicht so gerne im Regen fährt, und nachts auch nicht, aber er muss ja, er muss ja, und bestimmt ist er schon hinter Aachen, und wenn er kommt, dann mach ich ihm erstmal was zu essen, wenn er Hunger hat, also meistens hat er Hunger, Rühreier oder so, er mag ja auch so was wie Senfgurken und eingelegte Paprika, so Sachen, die ich selbst nie essen würde, aber der Bernd mag das eben, und das mit dem Regen ist schön, das mag ich, ich mag’s, wenn es auf die Dächer prasselt, das ist, als würde man gar nix anderes mehr hören können, da ist dann nur noch der Regen, wie so ein Rauschen wird das dann, aber richtig laut, so richtig, nur noch das Rauschen, und alles andere ist weg, und ich zieh an meiner Zigarette, und mein Herz klopft, und ich hör dem Regen zu, und das ist so, als kann man die Stille hören, ich weiß, das klingt jetzt komisch, aber so ist das. Einmal, da war ich mit Bernd unten am Siegufer, das ist über ein Jahr her, das weiß ich genau, denn ich war noch nicht schwanger, und wir haben da im Gras gesessen und geredet, und er hat eine Flasche Bier getrunken, die er da am Kiosk gekauft hat, und später sind wir Tretboot gefahren, das war eine richtig schöne Fahrt, die halbe Sieg runter, bis zum Wehr, wo das Wasser dann wild wurde und ich fast Angst bekommen hab‘, aber der Bernd hat das schon hinbekommen, der bekommt so was immer hin, und dann, auf dem Rückweg, da hat es angefangen zu regnen, zuerst nur ganz wenig, und wir dachten, wir kommen noch bis zum Auto, das stand da auf dem Parkplatz irgendwo, aber dann fing es so richtig an, und wir mussten losrennen und uns unter eine Bushalte stellen, und da, der Regen auf dem Dach, du hast dein eigenes Wort nicht mehr verstanden, wirklich, aber das war egal, das klang genau wie jetzt, das klang genau wie jetzt auch. Das war ein schöner Tag, und das kommt mir schon so lange her vor, dabei ist es erst ein Jahr her, oder vielleicht auch zwei, ich weiß es nicht mehr, so lange schon jedenfalls, und da war es so, da hat der Bernd mich noch anders angesehen, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, da war ich noch was anderes für ihn, und jetzt, jetzt guckt er ja gar nicht mehr nach mir, jetzt guckt er nur noch nach Louisa, früher hat er mir immer noch was mitgebracht, manchmal war’s nur was Kleines von der Raststätte, so dumme Sachen, `n Bärchen oder eine CD, so Hörbücher, oder eine Dose Red Bull Cola, wo er weiß, dass ich die so gerne trinke, die schmeckt mir einfach, obwohl von wegen Zucker und so und ich darf auch nicht fett werden, hab sowieso noch paar Kilo zu viel drauf, weiß ich auch, aber darum geht es ja nicht, es geht darum, dass er mir was mitgebracht hat, die Geste zählt, sagte meine Mutter immer, und dann lagen wir nebeneinander, der Bernd und ich, und dann hat er erzählt, wie das so war, auf Baustelle, da gibt es ja immer was, dies passt nicht oder das, und einer hat was vergessen, ein wichtiges Werkzeug oder so, oder was alles auf der Autobahn passiert ist, Stau oder Unfall oder was er da alles gesehen hat, das hat er mir immer alles erzählt, Bernd denkt immer an alles, und später wollen wir in die Stadt ziehen, wir wollen in eins dieser neuen Häuser, die sie jetzt bauen, mit so richtig großen Zimmern und Garten, so ein kleiner Garten wäre schön, ich mag Blumen, Hortensien und so was, bunt muss das sein, dann wird alles gut, in dem Haus da mit Garten, aber da denk ich jetzt nicht drüber nach, da will ich nicht drüber nachdenken, denn jetzt ist es wieder so wie an dem Tag, der Regen, die Stille, nur der Bernd fehlt, aber der ist unterwegs, sicher schon bei Aachen oder vielleicht hinter Aachen, jedenfalls irgendwo da in der Ecke, der wird bald wieder sein, und dann mach ich ihm Rühreier, ja, das mag er, mit Salz und Pfeffer, und außerdem hab ich noch eine Stunde, bis er hier ist, vielleicht ist er auch noch gar nicht hinter Aachen, sondern noch in Belgien, also eine Stunde oder länger, so lange bleibe ich hier stehen, so lange bleibe ich noch draußen auf dem Balkon, rauche und hör dem Regen zu, ich hör der Stille zu, so ist es …

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise