Sie sehen mich anders an

by Sven Heuchert

Wir sitzen auf der verrosteten Hollywoodschaukel hinterm Haus. Aus dem Küchenfenster zieht Zigarettenrauch. Onkel Harry raucht Kette. Ich höre ihn lachen. Er lacht oft.
Melissas Haare berühren mein Knie. Sie hat die Arme um ihre Beine geschlungen. Wir haben noch nicht viel gesprochen. Sie sagt, sie sei müde von der Fahrt und müsse sich ausruhen. Drei Stunden im Auto. Und dann die Hitze. Seit letztem Jahr ist sie nicht gewachsen. Immer noch einen Kopf kleiner als ich. Sie öffnet ein Auge und fragt: „Was ist mit den Feldern?“
„Standen unter Wasser.“
Eine Fliege setzt sich auf ihren Oberschenkel. Auf der hellen Haut sieht sie aus wie ein Leberfleck.
„Bei uns haben wir ja keinen Fluss“, sagt sie.
„Dafür habt ihr Wald.“
„Sind die Jungs wieder da?“ Sie öffnet auch das andere Auge und zupft sich an der Nase.
„Welche Jungs?“
„Weißt du ganz genau.“
„Hab’n ja nix anderes zu tun.“
„Der eine war süß. Mit den blonden Haaren der.“
Ich nicke. „Ist aber in die Stadt gezogen.“
Sie seufzt.
„Gibt ja noch andere.“
„Ja.“ Melissa streicht über ihre rot lackierten Fingernägel. „Aber der war wirklich süß.“
Kühe stehen auf dem Feld gegenüber. Sie sehen uns aus feucht glänzenden Augen an. Meine Mutter öffnet die Tür zum Garten und hält sich mit beiden Händen am Treppengeländer fest. „Alles gut?“
Melissa dreht den Kopf zur Seite weg.
„Ja“, sage ich. „Und bei euch?“
Meine Mutter sieht Pappelsamen hinterher – gräuliche Flocken, die durch die Luft gleiten und hinter der Hecke verschwinden. Dann lächelt sie und sagt: „Gleich gibt’s Essen.“
Als sie geht, lässt sie die Tür offen. Leise Musik dringt aus dem Wohnzimmer.
„Echt immer noch?“, fragt Melissa und legt ihre Füße auf den Plastiktisch.
Ich sehe auf ihre Fußnägel, die auch rot lackiert sind, aber es ist ein anderes Rot, heller. „Nicht mehr so viel“, sage ich, ich spreche leise, und sie zupft wieder an ihrer Nase. „War sie deswegen nicht mal weg letztes Jahr, in irgend so einer Anstalt?“
„Nicht deswegen.“
„Weswegen dann?“
Ich sehe ihr Lächeln, während sie das fragt. „‘ne Kur, wegen ihren Nerven.“
Melissa schüttelt den Kopf und will noch etwas sagen, aber ich starre sie an, bis sie so tut, als würde die Sonne sie blenden.
„Ich hab‘ keinen Hunger“, sage ich nach einer Weile.
„Immer wenn wir hier sind, gibt‘s das Gleiche.“ Melissa hält ihre Augen geschlossen, während sie spricht.
„Ich mag Hühnchen“, sage ich. „Den Knorpel vom Bein zerbeiße ich als Erstes.“
„Ekelhaft.“ Sie steckt sich den Zeigefinger in den Mund und macht Kotzgeräusche. Dann öffnet sie ihre Augen und sieht mich an. „Aber du hast ja auch geschluckt.“
„Nein“, sage ich. „Hab‘ ich nicht.“
„Du hast geschluckt.“ Sie lehnt sich zurück, die Scharniere quietschen so laut, dass es mir in den Ohren wehtut.
„Woher willst du das wissen?“
„Hab’s gesehen“, sagt sie und schnalzt mit der Zunge. „An der Buhne habt ihr gelegen.“
Melissa. Einen Kopf kleiner als ich. Meine Mutter ruft durchs gekippte Fenster: „Kommt ihr jetzt?“
„Ja, ist gut“, sage ich und stehe von der Hollywoodschaukel auf. Erst an der Treppe drehe ich mich um. Melissa sitzt noch da, ein Fuß auf dem Tisch, die Hände auf ihren Schenkeln.

Drinnen ist es stickig und warm. Ich gehe durch den schmalen Flur ins Wohnzimmer. Es riecht nach gebratenem Fleisch. Vater lehnt am Fensterrahmen, die Gardinen sind zur Seite geschoben, dahinter die blassgrüne Hecke. Er nimmt eine Flasche Wein vom Sims und wendet sich an meine Mutter. „Brauchst du Hilfe?“, fragt er und schaut in den Flaschenhals.
„Mit dem Römer vielleicht, ja?“ Sie wischt sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und bleibt mitten im Raum stehen. Vater stellt den Wein auf den Tisch. Sie lässt ihre Hand an seiner Schulter herabgleiten und folgt ihm in die Küche. Das Tuch lässt sie auf der Couchlehne liegen.
Onkel Harry sitzt auf dem niedrigen Ledersessel vorm Fenster. Sein Gesicht spiegelt sich in der Scheibe. Auf der Lehne steht ein voller Aschenbecher. Ich rieche den kalten Rauch.
„Wo is’n Melissa?“
„Noch draußen.“
„Ja“, sagt er. „Die ist gerne draußen.“
Ich nicke, und er grinst und zündet sich eine Zigarette an. „Geht ihr noch an den Fluss?“
„Später vielleicht.“
„Bei uns haben wir doch keinen Fluss.“
„Ja, ich weiß.“
„Nur Wald.“
„Ich war schon mal bei euch …“
Er zieht an der Zigarette. Die Glut leuchtet auf. „Nächstes Mal seid ihr wieder dran.“
Ich schweige.
„Hast ja bestimmt auch von der Sache mit der Marion gehört … aber na ja, jetzt ist’s auch okay. Kommt wieder alles in Ordnung.“ Er leckt sich mit der Zungenspitze über die Lippen und schiebt die Zigarette in den Mundwinkel.

Später sitzen wir am Tisch in der Küche. Melissa sieht an mir vorbei aus dem Fenster. Auf ihrem Teller liegt ein Hähnchenflügel, von dem sie mit der Gabel das Fleisch abgezogen hat. Die faserigen Streifen sind so hell wie ihre Haut. Meine Mutter trinkt das zweite oder dritte Glas Wein. Onkel Harry zeigt auf den Römertopf, der in der Mitte des Tisches steht und sagt: „Bei Industriefleisch, da sin‘ Abszesse drin, die sehen die bei der Beschau meistens gar nich‘, das is‘ richtig tief drin in‘ Knochen, da suppt der Eiter nur so raus.“
„Ja“, sagt mein Vater. Er hört mit dem Kauen auf. „Hast ja auch mal beim Rasting gearbeitet …“
Meine Mutter schaut auf den letzten Schluck Wein und legt ihre Fingerspitzen auf den Rand des Glases. „Wie der Papa.“
„Aber der Papa war doch ganz woanders, der is‘ ja zuerst mitter‘ Èlektrozange an die ran, und dann … sssst“, er macht die Halsabschneidegeste und sieht zu mir herüber, „nach jedem Viech musste der sich mit `nem Schlauch ersma‘ das warme Blut vonner Schürze wegmachen.“
Ich öffne den Mund. Das Fleisch zwischen meinen Lippen ist warm und fettig. Der Knorpel ist weich. Ich löse ihn vom Knochen ab und schiebe ihn an der wulstigen Rückseite der Zähne vorbei in die Mitte des Gaumens. Melissa sieht mich an, und ich warte einen Moment und schlucke dann alles herunter. Sie legt ihre Gabel neben den Teller und sagt: „Ich habe keinen Hunger mehr.“

Vater und Onkel Harry sitzen im Wohnzimmer, trinken Dosenbier und hören alte Schallplatten. Meine Mutter hat sich auf der Couch hingelegt, Kissen auf der Brust, einen Arm über den Augen. Melissa und ich gehen in mein Zimmer und schließen die Tür hinter uns ab. Ich schiebe die Vorhänge zur Seite. Der Himmel verfärbt sich orange. Die Luft wird kühler. Melissa setzt sich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch.
„Soll ich dir die Nägel lackieren?“ Sie nimmt einen Bleistift aus dem Behälter und schlägt mit dem Ende gegen die Schublade.
„Welche Farben hast du?“
„Rot natürlich“, sagt sie und kratzt sich mit dem Bleistift hinterm Ohr. „Also willst du jetzt?“
„Ich weiß nicht …“
„Stell dich nicht so an.“ Sie atmet aus und legt den Stift auf die Unterlage. „Mir ist langweilig.“
„Fang mit dem kleinen Finger an, ja?“
Sie runzelt die Stirn. „Warum das?“
„Weil ich erst sehen will, ob’s überhaupt zu mir passt.“
Sie schiebt die Unterlage bis zum Rand der Tischplatte. „Hier ist das Licht besser.“
Ich setze mich auf die Bettkante, und sie nimmt meine Hände, betrachtet die Finger, tippt mit dem Stift gegen jeden einzelnen Nagel. „Du hast schöne Hände“, sagt sie und streichelt dabei über meine Handfläche. „Mochtest du den Blonden?“
„Welchen Blonden meinst du?“
Sie lässt meine Hände los und greift in ihre Tasche, die auf dem Schreibtisch steht. „Tu nich‘ so.“
„Ich weiß nich‘“, sage ich.
Melissa stellt die Nagellackfläschchen nebeneinander auf den Tisch. „Kannst dich nicht mehr erinnern?“ Da ist wieder ihr Lächeln.
„Klar kann ich mich erinnern.“ Ich beuge mich nach vorne und zeige auf eines der Fläschchen.
„Das?“, fragt sie. Ich nicke. Es ist ein dunkles Rot.
Sie nimmt das Fläschchen, schüttelt es und stellt es zurück auf die Unterlage.
„Was denkst du eigentlich von mir?“
Sie schraubt den Deckel ab und zuckt mit den Schultern.
„Gib mir einfach deine Hand.“
Meine Hand sieht schmutzig auf ihrem Schenkel aus. Die Musik im Wohnzimmer wird lauter.
„Rot mag ich auch am liebsten.“ Melissa schraubt das Fläschchen auf und taucht den Pinsel hinein. Dann spreizt sie meinen kleinen Finger ab und macht langsame Bewegungen. Der Lack wird zu einer glänzenden Fläche.
„Lass es trocknen“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Machen wir die ganze Hand?“
„Nein“, sage ich. „Der kleine Finger reicht erstmal.“
Sie schraubt das Fläschchen zu und stellt es zurück auf den Tisch. „Du bist komisch“, sagt sie und lehnt ihren Kopf an meine Schulter.
„Was ist eigentlich mit deiner Mutter?“
„Ach“, macht sie, ich kann ihren Atem auf meinem Unterarm spüren. „Wohnt jetzt in der Stadt.“
„Wie lange schon?“
„‘n paar Monate glaub‘ ich.“
Ich folge ihrem Mittelscheitel mit meinen Fingerspitzen, berühre dabei die weiße Kopfhaut. „Wird alles wieder.“
„Die Mama kommt nicht mehr zurück.“
„Woher willst du das wissen?“
Sie zuckt mit den Schultern. „Ist doch egal.“
Wir sitzen schweigend da, hören das dumpfe Dröhnen der Musik, hören Onkel Harrys Lachen.
„Komm, gehen wir zum Fluss.“ Ich stehe auf und umfasse ihre Handgelenke. Sie ist schmal, so schmal, dass ich sie zerbrechen könnte.
„Aber ist schon spät, oder?“
„Kriegen die gar nicht mit“, sage ich und nicke Richtung Fenster. „Ich schließ‘ die Tür immer von innen ab.“

Vom Fluss her weht ein dumpfer, modriger Geruch herüber. Wir folgen dem Kiesweg, der bis zur Straße führt. In den meisten Wohnzimmern leuchtet das blaue Licht der Fernseher. Schatten bewegen sich über kahle Wände. Im letzten Haus der Gasse steht das Küchenfenster offen. Ein Radio läuft im Hintergrund. Ich nehme Melissas Hand, lege sie auf meine Hüfte, dann ziehe ich ihren Körper an mich heran. Ihre Brust ist noch ganz flach.
„Der Blonde“, sagt sie, ihre Stimme zittert, „was hat der mit dir gemacht?“
Ich vergrabe meine Nase in ihrem Haar und lasse meine Hand über den Po zwischen ihre Beine gleiten. Sie zuckt, und ich kann sehen, dass sie dabei lächelt. Diesmal ist es ein anderes Lächeln.
„Warte“, sagt sie, als ich die Hand wegnehmen will, dann stehen wir da, eng umschlungen, und ich kann ihre feuchte Hitze an meinen Fingern spüren. Das Scheppern der Motoren unten im Tal zerreißt die Stille, zerreißt den Moment. In fünf Minuten werden sie da sein, ich kenne den Platz, eine Lichtung an der Groov, dort treffen sie sich, dort treffen sie sich immer.
„Lass uns gehen“, sage ich schließlich und löse mich aus der Umarmung. Schritte im Kies, der Geruch ihrer Haare noch in meiner Nase, süß wie der ein kleinen Kinds.
Die Stufen hinunter sind schmal. Unten das Rauschen des Wassers, die Stimmen der alten Männer, die am Fluss spazieren gehen. Sie gehen jeden Abend den gleichen Weg. Über den Kanal zu den Schleusen und wieder zurück. Melissa bleibt hinter mir stehen. Ihre Haare wehen im Wind, streichen über meinen Nacken. Ich folge den Stimmen. Melissa folgt mir. Der Fluss stinkt hier nach Öl und Benzin. Ein Schlepper fährt unter der Brücke hindurch, und die Stimmen werden leiser, bis sie verschwunden sind. Auf der anderen Seite des Kanals liegt die Groov, eine lange, flache Wiese, die sich zum Ufer hin absenkt. Das Gras ist braun und platt getreten, an den Pflanzenkübeln aus Beton hängen Reste von Plastiktüten. Überall Glasscherben.
Ich bleibe in der Mitte der Brücke stehen und lehne mich über die Brüstung. Das Wasser hat einen Grünstich. Kälte steigt auf und legt sich über mein Gesicht. Als ich die Augen wieder öffne, steht Melissa neben mir. Sie hält sich an einem Metallstreben fest, den anderen Arm hat sie weit von sich gestreckt, ihre Hand baumelt im Nichts. Ich gehe ohne sie weiter und bleibe am Ende der Brücke stehen.
Die Jungs lehnen an den Kübeln. Ihre Mofas stehen hinter einer Reihe Silberpappeln. Das Mädchen sitzt auf einem verbeulten Helm und blickt auf den in der Dämmerung glitzernden Fluss hinunter. Sie hält den Kopf dabei ganz gerade, und das Haar fällt ihr weich über die Schultern. Es ist lang wie das von Melissa. Einer der Jungs drückt ihr ein Bier in die Hand. Ihre Finger umschließen den Flaschenhals. Sie nimmt einen tiefen Schluck. Die Jungs lachen.
Melissa berührt mich am Arm. „Der Blonde ist auch da.“
„Ja“, sage ich. Das Mädchen streicht ihm über die Haare. Ich suche ihre Augen, aber sie sieht nur in sein Gesicht. Ich glaube, es sind dunkle Augen.
Als wir wieder an der Brücke sind, höre ich den Aufprall. „Was war das?“, fragt Melissa und blickt zurück in die Dunkelheit.
Der Stein bleibt neben mir am Boden liegen. Er ist so groß wie meine Faust. „Nichts“, sage ich. „Geh einfach weiter.“
Ich hebe ihn auf und fahre mit den Fingern die scharfen Kanten nach. Dann lasse ich ihn ins Wasser fallen, und es gibt ein kurzes Gluckern, danach ist wieder Stille. Ich drehe mich nicht mehr um.

Im Zimmer ist es dunkel und ruhig. Ich sitze am Schreibtisch und kratze den Rest Nagellack von meinem kleinen Finger. Melissa schläft seit einer Stunde. Sie liegt da wie tot. Ich ziehe die Bettdecke zur Seite und lege meine Hand auf ihren Bauch. Auf und Ab, immer wieder diese Bewegung, und dann ihr Atmen, leise und ganz gleichmäßig.
Draußen brennt noch Licht. Der Schein fällt durch das Küchenfenster auf den Fußboden im Flur. Ich lehne die Zimmertür an und setze ein Fuß vor den anderen, rolle die Ferse auf dem Linoleum ab.
Der Himmel ist sternenlos. Mücken schwirren um die Glühbirne, die an einem Verlängerungskabel von der Regenrinne hängt. Ich sehe die Glut seiner Zigarette, dann das Gesicht im Halbschatten. Er sitzt auf der Hollywoodschaukel, die sich nicht bewegt, die stillsteht. Ich spüre das kurz geschnittene Gras unter meinen nackten Füßen. Er lächelt, als ich mich neben ihn setze. Der Plastiküberzug der Kissen drückt sich kalt gegen meinen Rücken.
„Bist ja auch noch wach.“ Er dreht seinen Kopf zur Seite und spuckt ins Gebüsch. „Geht ihr also morgen zum Fluss, ja?“
Ich atme den Rauch seiner Zigarette ein. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. „Denke schon“, flüstere ich.
„Das ist gut“, sagt er und lässt den Kopf langsam auf die Brust sinken. „Das ist sehr gut.“
Die Glühbirne gibt ein leises Summen von sich, und irgendwo draußen in der Dunkelheit bellt ein Hund.

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