Schwarze Acht

Der Besitzer des Billardpalast war ein Grieche, den alle nur Tasso nannten. Heinen mochte den Mann, er ließ ihn immer schon am frühen Nachmittag vor allen anderen Gäste rein, und dann tranken sie zusammen Kaffee. Tasso saß meistens hinter der Theke und berichtete über die neuesten Entwicklungen in der Superleague. Er war Anhänger von Panathinaikos, und immer wenn er von seiner Mannschaft erzählte, bekam Heinen Fernweh. Die Akropolis kannte er nur von den Abbildungen auf dem Feta-Käse, den er ab und an im REWE kaufte. Manchmal tranken sie nach dem Kaffee Metaxa, obwohl Heinen sich dazu überreden lassen musste. Eigentlich hatte er mit dem Trinken aufgehört, er sagte sich, er trinke aus reiner Höflichkeit mit.

Zwei Jungen, vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt, standen vor dem Billardpalast und lugten durch die Scheibe, die mit einer transparenten braunen Folie beklebt war. Heinen winkte ihnen vom Tresen aus zu, sie winkten zurück. Der Größere von den beiden zog die Tür einen Spalt weit auf, blieb aber draußen stehen.
„Wollt ihr spielen?“, fragte Heinen.
Der Junge nickte und sagte: „Wir sind aber noch keine achtzehn.“
Heinen blickte zu Tasso. „Ist das’n Problem, wenn die Jungs noch nicht volljährig sind?“
Tasso zuckte mit den Schultern.
„Kommt rein“, sagte Heinen, und der ältere Junge nickte dem jüngeren zu.
„Wie wär’s mit ner Partie?“
Der Junge runzelte die Stirn. „Mit Ihnen?“
„Warum nicht?“, sagte Heinen. „Ich zahl den Tisch.“
Die Jungs sahen sich an und kicherten.
„Was ist so komisch?“, fragte Heinen.
„Nichts“, sagte der Ältere. „Spielen Sie gut?“
Heinen blickte zu Tasso, der im Express las, und schüttelte den Kopf. „Profi bin ich nicht.“
„Weil ich noch nich so oft gespielt habe.“
„Macht nichts,“ sagte Heinen. Er zeigte auf einen Tisch. „Nehmen wir den dahinten.“

Der Tisch stand vor einer Wand, an der altmodische Spiegel von Getränkemarken hingen, Coca-Cola und Jim Beam. Heinen baute das Rack auf und kreidete sorgfältig die Pomeranze seines Queues ein.
„Willst du anstoßen?“
Der Junge sah ihn an und sagte: „Von mir aus.“

Heinen blickte der weißen Kugel hinterher, die ganz langsam rollte und dann die schwarze Acht kurz vor der Bande touchierte, ihr den letzten Schwung gab. Er lächelte. „Gutes Spiel.“
„Ja“, sagte der Junge, „hat Spaß gemacht.“ Er grinste seinen Freund an. „Hab‘ gewonnen.“
„Und, was sagste? Noch eins?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Nee, wir müssen los. ’n anderes Mal.“
„Ist gut“, sagte Heinen. „’n anderes Mal.“
Der Junge legte den Queue auf den Tisch. Kurz vor der Tür drehte er sich um. „Und danke, ne!“
Heinen nickte und ging rüber zur Theke. „Ich schenk dir das Spiel“, sagte Tasso und legte den Express weg.

Gegen vier Uhr ging die Tür auf und ein junges Paar kam in den Billardpalast. Heinen schätzte sie auf Mitte zwanzig, ungefähr im gleichen Alter wie sein Sohn, er war sich da immer unsicher, kannte zwar das Geburtsdatum, Tag und Monat, aber an das Jahr konnte er sich nie richtig erinnern. Das Paar bestellte Gin-Tonic und Pils und setzte sich an einen der Ecktische. Die Beiden tranken schnell, bestellten sofort die nächste Runde. Zuerst dachte Heinen, dass sie nur zum Trinken gekommen seien, aber dann ließen sie sich Kugeln geben und gingen zu einem der Tische.

Er beobachtete sie im Spiegel, der über dem Tresen hing. Sie spielten nicht ernsthaft, alberten viel herum. Das Mädchen kam in einer Pause an die Bar und bestellte zwei weitere Bier. Sie lächelte Heinen an, er lächelte zurück. Man konnte den dunklen Schlitz in ihren Leggings sehen, genau zwischen den Schenkeln. Tasso fing seinen Blick auf und zwinkerte ihm zu. Sie nahm das Bier und ging wieder zu ihrem Freund.

Mitten in der zweiten Partie hörten sie auf zu spielen. Das Mädchen zündete sich eine Zigarette an und starrte aus dem Fenster. Der Junge redete auf sie ein, dann wurde es kurz laut. Heinen kannte diesen Ton. Einen Moment später stand der Junge neben ihm am Tresen.
„Noch ’n Bier“, sagte er, „’n Bier und ’n Kurzen.“ Er sah zu Heinen: „Alles okay, ja?“
Heinen nickte.
„Spielste auch oder sitzte hier nur rum?“
„Ich spiele auch.“
„Na, was is? Bock auf ’ne Runde?“
„Gerne“, sagte Heinen.
„Ich zahl auch.“
„Kein Problem.“
„Oder der Verlierer zahlt.“
„Sehen wir dann.“

Der Junge baute auf, suchte sich einen Queue aus und sagte: „Break?“
„In Ordnung“, sagte Heinen und machte den Anstoß. „Die Vollen.“
Er begutachtete die Verteilung der Kugeln auf dem Tisch. „Zwei, blau, links unten.“
Heinen ließ sich Zeit mit dem Stoß, rutschte aber mit der Queuespitze an der weißen Kugel ab.
„Jetz pass mal gut auf“, sagte der Junge und legte die weiße Kugel auf der Fußlinie zurecht. Dann versenkte er drei Kugeln hintereinander, jeweils mit der korrekten Ansage.
„Tu ma die Oma“, sagte er dann, und Heinen reichte ihm den Hilfsqueue. Der Junge versenkte zwei weitere Kugeln, doch sein nächster Versuch lief ins Leere, die weiße Kugel blieb in der Mitte des Tisches liegen.
„Du bist.“
Heinen wusste, dass der Stoß riskant war, die schwarze Acht lag ungünstig, dicht vor einer Tasche. Er nahm den Hilfsqueue und zögerte.
„Na, wat nu?“, sagte der Junge. Heinen spürte, wie sein Arm zu zittern begann.

Der Junge lachte, als die schwarze Acht mit einem lauten Klack in die Tasche fiel.
„Hätte ich besser ma um Kohle gespielt.“
„Kein Problem, können wir“, sagte Heinen, er lehnte am Tisch, den Hilfsqueue noch in der Hand.
„Machste Witze?“
„Um hundert Euro.“
„Hundert Tacken gleich? Biste dir sicher?“
„Bin ich mir sicher, ja.“
„Nich, dass man mir hinterher nachsagt, ich hätt‘ ’n alten Mann abgezogen.“
„Mach dir mal keine Sorgen“, sagte Heinen. „Ich steh ganz gut im Futter.“
„Na dann“, sagte der Junge, „darfst auch wieder anfangen.“
Heinen sammelte die Kugeln ein und ordnete sie im Rack. Der Junge ging zu seiner Freundin und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Er kam mit einem Gin-Tonic in der Hand zurück an den Tisch.
„Können loslegen“, sagte er.
„Was ist mit dem Geld?“
„Was soll mit dem Geld sein?“
Heinen holte sein Portemonnaie aus der Hosentasche, nahm einen Hunderter heraus und legte ihn auf die Bande.
„Meinste, ich zahl nich, oder was?“
„Nein“, sagte Heinen, „aber so macht man das doch, oder nicht?“
„Willst also Kohle sehen?“
„Wenigstens ansehen.“
„Wart ’n Moment, ja? Nich weglaufen oder so!“ Er ging wieder zu seiner Freundin, die immer noch am Ecktisch saß. Nach einer Minute kam er zurück und sagte: „Geht die Kohle grad am Automaten stechen.“
Heinen nickte. „Ich warte drüben an der Bar.“

Tasso legte die Zeitung weg. „Haste im Lotto gewonnen?“
„Wieso?“
„Wenn de Geld übrig hast, kannstes auch mir schenken, ehrlich. Ich nehm’s.“
Heinen senkte den Kopf.
„Theo“, sagte Tasso und hob seine Hände. „Was soll das? Kannste auch gleich verbrennen, den Zaster!“

Das Mädchen kam zurück und setzte sich an den Tisch. Der Junge winkte in Richtung Bar und hielt zwei Fünfziger hoch.
„Warte mal grad ’ne Minute,“ sagte Heinen und drehte sich zu Tasso. „Mach mir noch’n Metaxa.“
Tasso sah ihn an. „Bist du etwa krank? Sonst muss ich dich zwingen.“
„Gib mir einfach den Schnaps.“
Heinen trank den Pin auf ex und sagte: „Komm, noch einen.“
Tasso pfiff durch die Zähne. „Hast einen guten Tag heute.“
„Hab‘ ich“, sagte Heinen. „Hab‘ ich.“

„Mut angetrunken, wa?“, sagte der Junge. Die Scheine lagen vor ihnen auf der Bande, zwei Fünfziger, ein Hunderter.
„Muss ich nich“, sagte Heinen.
„Dann lass knacken“, sagte der Junge.
Heinen nahm seinen Queue und sah zu den Spiegeln, Coca-Cola und Jim Beam. Er beugte sich über den Tisch, fixierte die weiße Kugel und machte einen kurzen, harten Stoß.
„Die Halben“, sagte er und ging um den Tisch. „Zwölf, Orange, rechts oben.“ Heinen versenkte die Kugel. „Dreizehn, Rot, links oben.“ Er versenkte auch diese Kugel.
Als nur noch die schwarze Acht und die Vollen auf dem Tisch lagen, sagte der Junge: „Alter, willst du mich verarschen?“
„Die Schwarze ins gegenüber liegende Loch?“, fragte Heinen.

Er sah den Schlag nicht kommen, und er spürte auch keinen Schmerz. Der Junge packte ihn am Kragen, drückte ihn gegen die Wand mit den Spiegeln. „Ich lass mich doch von dir nich abziehen, du Wichser!“
Heinen sackte in die Knie, schloss die Augen, dann hörte er das Mädchen schreien, ein heller, spitzer Schrei, und als er die Augen wieder öffnete, lag der Junge vor ihm auf dem Boden.
„Verpisst euch“, sagte Tasso, „aber sofort, sonst polier ich deinem Freund richtig die Fresse, hast du mich verstanden?“
Sie nickte und half ihm hoch. Blut tropfte von seinem Kinn. Er spuckte auf den Boden.
„Pass bloß auf!“, sagte Tasso. „Liegst du gleich im Krankenhaus.“
Der Junge zeigte ihm den Mittelfinger, das Mädchen zog ihn schnell nach draußen. Tasso ging hinter die Theke und reichte Heinen ein Spültuch, schenkte zwei Metaxa ein. Dann beugte er sich nach vorne und wollte etwas sagen, schüttelte aber doch nur den Kopf.

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