Lügen, die wir uns erzählen

by Sven Heuchert

Ich höre ihre Freundinnen vor dem Haus. Sie haben die Sachen schon in den Kofferraum gepackt und trinken den Rest Sekt von gestern Abend. Gläser klirren. Ich verteile Aftershave auf meinen Wangen und schließe die Badezimmerfenster.

Die Haustür steht offen. Ich spüre kühle Luft an meinen Füßen. Schwarze Pumps liegen auf der Kommode neben den Schlüsseln. Im Flur riecht es nach Parfüm. Unter dem Küchentisch stehen drei leere Flaschen Prosecco. Ich schiebe die Gardine ein Stück zur Seite und schaue durch den Schlitz nach draußen. Sarah und Mea sitzen im Auto.

„Hey“, sagt sie. Ihre Stimme klingt rau und dunkel. Ich drehe mich um. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt ein altes Sweat-Shirt mit Kapuze und hält meinen Trekkingrucksack in den Händen. Ich nicke zu den Flaschen. „Hast du auch schon was getrunken?“
„Nein.“ Sie lächelt und schüttelt den Kopf. „Ich fahre. Kennst mich doch.“
„Ja“, sage ich und strecke meine Hand aus. Sie gibt mir einen Kuss auf den Hals.
„Und du kommst wirklich alleine klar?“
„Das Haus wird schon nicht abbrennen.“
Sie lacht und küsst wieder meinen Hals. „Sagst du.“
„Aber ihr passt auf euch auf, ja?
„Ja, Papa.“
„Hey“, sage ich. „Du weißt, wie ich das meine.“
„Klar.“ Sie streicht mit den Fingerspitzen über meine Lippen. „Ich muss los, die Mädels warten.“
„Okay.“
Sie sieht mich noch einmal an und verschwindet danach im Flur. Die Tür fällt mit einem sanften Klacken ins Schloss. Ich kann ihren Rücken im Lichtauschnitt sehen, wie sie zum Auto geht. Meinen Rucksack trägt sie lässig auf der Schulter. Sie lacht mit Sarah und Mea. Ihr Lachen klingt anders; heller und ganz spitz. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie wir gemeinsam aufwachen. Wie sie den Kopf an meine Brust schmiegt. Ihre Hand auf meinem Bauch. Der Motor springt mit einem lauten Scheppern an. Abrollgeräusche im Kies. Dann Stille.

Fahles Tageslicht fällt durch die Vorhänge. Eine Schmeißfliege landet auf meinem Handrücken. Drei Stunden Fahrt bis nach Knokke. Zwei Stunden Autobahn. Danach Landstraße. Sie werden auf dem Balkon des Hotelzimmers sitzen und auf die Promenade hinabschauen. Auf die Menschenmassen, die voll besetzten Bistros und den jahrzehntealten Beton. Sie werden trinken und lachen und sich Geschichten von früher erzählen. Die Fliege krabbelt von meiner Hand auf die Arbeitsfläche. Ich sehe auf die Uhr. Zehn Uhr morgens.

Draußen im Schlick die Reifenspuren des Ford. Es ist warm, ein richtiger Altweibersommer. Ich lege den Mantel über das Geländer und zünde mir eine Zigarette an. Zyanblauer Himmel. Keine einzige Wolke zu sehen. Das Zirpen der Zikaden dringt von der Heuwiese bis ans Haus. Ich nehme einen letzten Zug und schmeiße die Kippe in eine Pfütze. Meine Fingerspitzen gleiten über den Draht des Jägerzauns, während ich die Einfahrt entlanggehe. Im Briefkasten nur Werbeprospekte.

Den Nachbarn höre ich, bevor ich ihn sehe. Diesen trockenen Husten hat er bereits seit einem halben Jahr. Er meint, es sei nichts Ernstes. Er heißt Fred, den Nachnamen vergesse ich immer wieder. Seine Familie ist eine der ältesten in der Gegend, jedenfalls hat man mir das erzählt. Er winkt und ruft mir etwas zu. Ich tue so, als hätte ich ihn verstanden, aber er schüttelt den Kopf und überquert die Straße in großen Schritten.
„Wie isset?“, fragt er und bleibt vor mir stehen. Seine Augen scheinen hinter den Brillengläsern kleiner zu werden. Dann fängt er wieder an zu husten. Speichelflocken landen auf seinem Hemd. Das Gesicht läuft rot an. Ich lege meine Hand auf seine Schulter und beuge mich zu ihm herunter.
„Alles okay?“
„Jaja“, sagt er. „Geht schon wieder.“
„Vielleicht solltest du wirklich mal zum Arzt.“
„Scheiß was auf die“, sagt er und hebt die Augenbrauen. „Wollen einem nur teures Zeuch verkaufen, das nich hilft.“
„Könntest es wenigstens probieren.“
„Ach“, macht er und winkt ab. „Und bei dir?“
„Strohwitwer. Meine Frau ist mit ein paar alten Freundinnen nach Knokke.“
Er schiebt sich die Brille auf die Nase und sagt: „Und jetzt löteste dir erstmal einen, wa?“
Wir lachen beide.
„Haste da denn gar keine Probleme mit?“
„Was meinst du?“, frage ich.
Er wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. „Na ja“, sagt er. „Frauen alleine unterwegs und so.“
„Nee, nich‘ die Bianca.“
Er lacht. „Meinste die sind da anders als wir, die Weiber? Wenn die mal alleine gelassen werden …“
„Mach ich mir keine Sorgen, überhaupt nicht“, sage ich und sehe über meine Schulter in die Einfahrt. „Ich muss noch nach der Post schauen.“
„Alles klar, dann mach das mal“, sagt Fred. Er spreizt seine Finger ab, hält die Hand seitlich vor den Mund und spuckt auf den Boden. „Vielleicht haste Recht, vielleicht sollte ich doch mal zum Arzt.“

Auf dem Briefkastendach eine Schicht Raureif. Das Metall ist eiskalt. Die Prospekte zerknittert. Wieder Freds Husten. Immer noch steht er da. Die Haustür lasse ich einen Spalt offen und schmeiße die Prospekte auf die Altpapiertonne. In der Kanne ist ein Rest Kaffee. Ich nehme ihre Lieblingstasse aus dem Regal und gieße Milch dazu. Der Kaffee schmeckt verbrannt. Nach einem Schluck kippe ich ihn in den Ausguss. Die Tasse hat sie im Algonquin Park gekauft. Fünf Jahre ist das her. Auf der Tasse ein Ausschnitt aus Tom Thomsons berühmten Gemälde „Jack Pine.“ An einigen Stellen ist der Druck fast abgerieben, das weiße Keramik schimmert durch. Ich spüle die Tasse mit Wasser und stelle sie in das Abtropfgitter. Im Haus ist es zu still. Eine alte Nummer von Eddie Money läuft im Radio. Ich drehe die Lautstärke hoch und gehe ins Gästezimmer neben der Küche. In dem Raum hängt noch der Geruch der letzten Nacht. Bücher liegen aufgeschlagen neben der Matratze. Ich kippe das Fenster an und hebe mein verschwitztes Shirt vom Boden auf.

Wir tranken Zinfandel aus Plastikbechern. Dann las ich dir Gedichte vor. Du lagst im flachen Gras – Beine ausgestreckt, Zehe nach vorne, die Augen geschlossen. Ich wollte dich küssen, aber der Moment war perfekt. Die Worte verließen meinen Mund so fließend wie Wasser. Irgendwann schliefen wir ein, und unsere Fingerkuppen berührten sich. Ich träumte von einem fremden Land, karg, flach, ein dünner Streifen Nebel am Horizont, flüchtig und durchscheinend wie Glas.

Das ist lange her. Ich halte die Bettdecke an den Enden, schüttele sie aus, benutze meine ganze Kraft, einmal, zweimal, dreimal, bis ich nicht mehr atmen kann. Danach setze ich mich auf den Stuhl, lasse die Arme hängen, spüre, wie das Blut in den Fingern zirkuliert, wie das taube Gefühl nachlässt, ein sanfter Druck, leises Vibrieren. Im Radio die tiefe Stimme des Nachrichtensprechers. Unwetterwarnung. Ein Sturm zieht auf. Ich atme, ganz langsam, achte auf jeden einzelnen Zug, in meinem Mund ein bitterer Geschmack, ich weiß nicht woher. Nach einer Weile stehe ich wieder auf, klappe die Bücher zu, lege sie zu einem Stapel zusammen. Larry Levis. Robert Frost. Franz Wright.

Sie haben im Raum unter dem Dachgiebel gefeiert. Ich habe ihn erst im vergangenen Sommer ausgebaut – Parkett, begradigte Wände, Panoramafenster mit Aussicht auf das Tal. Sie sagte, sie brauche das einfach: einen Raum, in dem sie zur Ruhe kommen kann. Ruhe. Auf dem Fußboden mehr leere Flaschen. In der Luft Zigarettenrauch, kalt und abgestanden. Ich leere die Aschenbecher in den Mülleimer und sammle die Gläser ein. Sie haben alte Photos angesehen. Auf der Couchlehne liegen Polaroids und Kleinbildformate. Ich nehme sie nacheinander in die Hand, fahre mit den Fingerspitzen vorsichtig über die Oberfläche: die Bilder unscharf, die Farbe ausgeblichen, doch ihre Gesichter jung, Konturen wie mit Tusche gezeichnet – scharf umrissene Wangenknochen, geschwungene Lippen, und im Blick die Gewissheit, unbesiegbar zu sein.

Unter den Photos, in der Spalte zwischen den Couchkissen, finde ich einen gefalteten Brief. Ich erkenne die Schrift, sie scheint spiegelverkehrt durch das dünne Papier. Die Linien eng beschrieben. Manche Worte sind unterstrichen, einige doppelt. Ich registriere die Wörter, ich lese sie nicht. Der Jingle der Nachrichtensendung ertönt, hektisch und schrill. Zwölf Uhr mittags. Sie sind jetzt kurz vor Knokke. Ich kann das Meer riechen.

Den Brief lege ich zurück zu den Bildern mit den jungen Gesichtern. Die Flaschen stelle ich unten in der Küche zum restlichen Altglas. Sieben Stück. Prosecco. Likör. Aromatisierter Bourbon. Die Worte gehen nicht weg. Sie drängen sich auf und wollen Beachtung. Ich ziehe meine Mütze an und nehme den Mantel von der Garderobe.

Fred ist nicht da. Ich drücke noch einmal auf die Klingel, ein hoher, verzerrter Ton schallt durch das Haus, nichts tut sich. Aber sein Van steht unter dem Carport. Im Vorbeigehen streiche ich über den Lack, schiebe wildes Efeu zur Seite. Hustengeräusche dringen aus dem kleinen Anbau hinter der Scheune. Der eisenhaltige Geruch, der in der Luft liegt, ist unverwechselbar, ich erkenne ihn sofort. Und nach ein paar Schritten sehe ich das Blut auch – eine dunkle, breit gesprenkelte Schleifspur auf dem rissigen Asphalt. Das Tor steht offen. Fred sieht mich kommen und legt das Messer aus der Hand.

Der Hirsch hängt von einem Haken an der Decke, Blut tropft aus einem groben Schnitt über der Kehle.
„Hab keinen Schuss gehört“, sage ich und zeige auf die glänzende Lache, die sich unter dem Stück ausgebreitet hat.
„Ja“, sagt Fred. „Hab’s heute Morgen in aller Früh abgefangen, unten am Rothenbach, da konnt‘ ich`s mit der Luger nich machen, zu nah an der B 56. Hab‘ das Linder von dir benutzt – ging wie durch Butter, keine Knochengierigkeit, nix. Aufgebrochen hatt‘ ich’s da schon. Dann wollt ich `s jetzt zerwirken, wo was Zeit ist.“
Ich nicke. Ich weiß, dass er im Wald Schlingen auslegt und deswegen schon dreimal erwischt worden ist.
„Und du? Dir is` langweilig, wa? Wolltest einfach mal gucken kommen, was der Nachbar macht?“
„Ja, stimmt“, sage ich. „Wollt nur mal gucken.“ Ich nehme die Mütze vom Kopf und rolle sie zwischen den Händen hin und her. „Und `ne kleine Bitte an dich hätt‘ ich noch.“

Fred öffnet die untere Schranktür und bückt sich. Sein Bauch quillt über den Gürtel, Kniegelenke knacken. Er nimmt zwei Einmachgläser aus dem Regal und stellt sie auf den Tisch.
„Quitte“, sagt er und zeigt auf die beiden Gläser. „Geht runter wie Öl.“
„Sagense ja alle.“ Ich tippe auf den goldfarbenen Deckel. „Was kriegste dafür?“
„Wenn du nix sagst, also wegen hier“, er nickt Richtung Scheune und grinst, „leben und leben lassen, sag ich immer.“
„Klar.“
Er schiebt sich die Brille zurück auf die Nase. „Krieg ich von `nem Polen, das Zeug. Woher der’s hat, ob er’s selber inner Bütt brennt oder bei Nacht und Nebel über die Grenze – was weiß ich.“
„Spielt doch keine Rolle.“
Er schiebt die beiden Gläser über den Tisch. „Wie lange is die noch mal weg, deine Frau?“
„Paar Tage.“
Fred nickt. Seine Lippen glänzen feucht, als er den Mund öffnet und leise zischend einatmet. „Reicht dir das?“
„Das reicht“, sage ich. „Das reicht dicke, danke dir.“

Ich sitze eine Stunde auf der Veranda und beobachte, wie sich das Licht verändert. Wie es auf das Land einwirkt, aus den schroffen Felsen, die das Maisfeld zur Straße hin begrenzen, sanfte Pinselstriche macht. Dann gehe ich zurück ins Haus, schließe die Tür ab und setze mich auf den Stuhl im Gästezimmer. Es ist dunkel in dem Raum, dunkel und kühl. Das Fenster steht immer noch auf kipp. Ich nehme eines der Einmachgläser vom Nachttisch. Es knackt leise, als ich den Deckel aufdrehe. Der erste Schluck brennt in der Kehle, ich kann danach kaum atmen. Milde Wärme, die sich in meinem Inneren ausbreitet. Alles verliert an Schärfe. Kontraste werden weich.

Nachdem ich die Hälfte getrunken habe, mache ich Licht im Flur und gehe nach oben. Ich lasse mir Zeit. Viel Zeit. Alles geschieht langsam. Jeder Schritt. Schritt um Schritt. In meiner Kehle ein dumpfer Geschmack. Noch ein Schluck. Die Knie zittern, als ich die Treppe ins Dachgeschoss nehme. Im Panoramafenster ein Sonnenuntergang. Ich setze mich vor die Couch, nehme die Photos von der Lehne, lege den Brief auf das verschlossene Einmachglas. Ihr Gesicht – ganz nah halte ich es vor meine Augen, so nah, dass ich es nicht mehr erkennen kann, dass ich nichts erkennen kann, nur noch Linien und Bildpunkte auf einem vergilbten Stück Papier.

Einen Schluck, noch einen, dann falte ich den Brief auseinander, sorgfältig, behutsam. Ich bin ganz ruhig, denn da ist nichts mehr, ich fühle mich hohl, hohl und leer. Ich lese die ersten Worte, wiederhole sie, spreche die Zeilen tonlos nach, lese weiter. Ihre Schrift ist klar und deutlich, und was sie schreibt, was sie sagt – ich verstehe das alles sehr genau. Etwas in mir hat es gewusst, hat es vielleicht schon immer gewusst. Sie schreibt von Abschied, von Leidenschaft, und von den Tagen, die sie gemeinsam verbracht haben, Tage wie Träume – und dass sie sich für mich entscheidet, weil … Ich drehe den Brief um, lege ihn auf die Photos, verdecke damit ihr Gesicht, ihr junges Gesicht. Wahrheiten müssen nicht mehr ausgesprochen werden. Den letzten, langen Schluck, dann ist das Einmachglas endgültig leer, in meinem Kopf dreht sich alles, und ich krieche über den Boden zurück zur Treppe.

Im Schlafzimmer überall dieser Geruch – es ist ihre Haut, ihr Geschlecht, ihr Schweiß – all das ergibt etwas, für dass ich keine Worte finde, finden kann. Eine sehnsüchtige Erinnerung. Ein Fragment früherer Zeiten. Vor den Lügen. Das Bett ist ungemacht. Ich denke, dass sie eine kleine Schlampe ist, genau so, dass sie eigentlich immer schon eine Schlampe war. Nein, es ist nicht richtig, so zu denken, ich weiß. Da liegt nur eine Decke auf der Matratze, achtlos zur Seite gerollt, als sollte das so sein. Als würde sie schon immer alleine in diesem Bett schlafen. Ich lasse mich fallen, das Laken, die Decke, alles ist klamm, aber da ist ihr Geruch …

Sie und ich, wir erfinden einfach ein neues Land, wir sehen, wie es Gestalt annimmt, als ob sich die Räder schon durch gelben Schlamm graben würden. Es gibt bereits ein Himmel über diesem Land, und er wartet auf Wolken. Vögel sind in diesen Himmel geflogen. Jeden Abend füllen sich mehr und mehr Bäume mit ihren Augen, und was sie sehen, können wir niemals wieder vergessen. Wir liegen im Bett und beobachten unser Land: wir können zum ersten Mal den Fluss ausmachen, blau und in stetiger Bewegung. Wir scheinen näher zu kommen; wir sehen unsere Radspuren in das Land hineinführen und hinter einer Kurve verschwinden. Ein unbestimmter Rauch in der Ferne. Vögel singen. Das Knarzen der Räder. Als wir dieses Land das erste Mal betreten, fühlt es sich an, als ob uns jemand an den nackten Schultern berührt, ganz leicht und zum allerletzten Mal …

Ich lege meinen Kopf auf die Seite, wische das Erbrochene von der Decke und spucke in die Dunkelheit. Das Licht des Kühlschranks schmerzt in den Augen. Ein Rest Malzbier fließt eiskalt in mich hinein. Als ich ihre Nummer wähle, sehe ich mich selbst im Fenster, eine schwache, kaum wahrnehmbare Spiegelung.

Sie nimmt nach dem achten oder neunten Klingeln ab. Ich höre, dass sie schon einiges getrunken hat. Wie sie zuerst abwartet, sich sortiert, einatmet. Im Hintergrund Musik, helles Pingen, tiefer Bass, dann das Auf und Ab fremder Stimmen, ein Rauschen. Ich schließe die Augen und halte den Atem an.
„Was ist denn los?“, fragt sie, ihre Stimme wird kurz leiser, sie bewegt ihren Kopf vom Hörer weg, dann Kreischen, und ich höre, wie jemand ihren Namen sagt: Bianca. Aber er spricht es falsch aus, Bi-an-ca, das a viel zu lang, als hätte er eine Sprachstörung …
„Wie geht es dir?“, sage ich und öffne den Kühlschrank wieder. Das Licht blendet nicht mehr. Verpackte Käsescheiben. Schmorbraten. Spargel. Pastrami. Sie zieht an einer Zigarette. Der Tabak knistert.
„Jaja, alles gut.“
Meine Kehle ist trocken. Ich kann kaum schlucken. „War drüben bei Fred“, sage ich. „Hat was erlegt. Hochwild. Und rote Arbeit ist nicht so sein Ding.“
„Aha.“
Die Leitung bricht ab – Stille, dann wieder ihre Stimme, leise, krächzend. Ich verstehe nicht alle Worte richtig, ich verstehe nur: Noch einen Vertonic, ja? Danke!
„Hat jemand angerufen für dich“, sage ich, und sie stockt kurz und sagt: „Was? Wer?“
„Frank“, sage ich, ich wiederhole es noch einmal, „Frank hat angerufen.“ Das bin ich, da in der Scheibe, die Unterhose bekotzt, das Haar fettig.
„Welcher Frank?“
In der Scheibe ist nichts mehr. Ich bin nicht mehr da, ich verschwinde vor dem Glas, hinter dem Glas, in dem Glas.
„Weiß nicht, welcher Frank. Hat nach dir gefragt.“
Sie schweigt. Sie atmet ein. Musik. Stimmen.

Ihr Lachen ist so nah, als stände sie jetzt neben mir, die Haut ganz weiß vom Kühlschranklicht, und das Haar fällt über ihre Schultern, lang und dunkel.

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