Licht!

Wir trafen uns jeden Abend auf der Bank vor der katholischen Kirche. Wir rauchten selbstgedrehte Zigaretten, tranken warmes Dosenbier und erzählten alte Witze. Warum isst Stevie Wonder besonders gerne Mohnbrötchen? Na, weil da so tolle Geschichten drauf stehen natürlich!
Frank wird in sechs Wochen eingezogen und nach Darmstadt versetzt werden. Sie nannten das heimatnah, obwohl es mehr als hundertfünfzig Kilometer weit weg ist. An den Wochenenden werden wir ihn noch ein paarmal wiedersehen, gemeinsam einen Joint rauchen und er wird uns vom Bund erzählen, wie langweilig es ist und wie er sich alleine unter der Dusche einen runterholt und an ein Mädchen aus der Schule denkt, dessen Name er uns nie verrät. Irgendwann werden wir ihn aus den Augen verlieren, er verpflichtet sich als Berufssoldat und wird in eine Kaserne bei Flensburg versetzt. Zweimal telefonieren wir noch miteinander. Der Name von dem Mädchen war Chrisula, die Tochter eines Griechen, dem auf der Kaiserstraße eine Wäscherei gehörte, die explodierte, als wir in der achten Klasse waren. Frank wird eine Fortbildung beginnen, Instandsetzung von Flugzeugen. An irgendeinem Samstagnachmittag fährt er auf der Jägerstraße in einem grünen Golf I an mir vorbei und macht das Victory-Zeichen. Ein paar Jahre später treffe ich seinen Vater an der Kasse vom EDEKA, und als ich ihn nach Frank frage, senkt er den Blick und sagt, sein Sohn sei bei einem Autounfall verunglückt. Ich weiß noch, wie Frank geraucht hat, die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger, wie eine Tunte haben wir gesagt, anfangs hat er auch nur gepafft, es aber immer abgestritten. Verunglückt. Damals hatten wir noch keinen Führerschein. Damals saßen wir auf der Bank vor der katholischen Kirche und rauchten und tranken und glaubten, uns gehöre die Welt. Wenigstens ein kleines Stück davon. Christian, den wir nur den Dicken nannten, hatte es noch nie gemacht, und damit zogen wir ihn auf. Wir wollten von unseren ersten Monatslöhnen zusammenlegen und ihm eine Nutte im Laufhaus spendieren, damit er endlich zum Schuss kommt. Christian würde eine Lehre als Koch beginnen und sie bald darauf abbrechen, weil er die Drogen für sich entdeckt hatte. Er würde auch nicht mehr sehr lange dick bleiben, er würde so sehr abmagern, dass ich ihn nicht mehr wiedererkenne, als er in der Fußgängerzone vor dem Kaufhof in seiner eigenen Pisse liegt und mit sich selbst spricht. Bald wird er zum Stadtbild gehören, ein Junkie, der am Marktplatz rumhängt, auf den Stufen beim Engel, das Gesicht voller weißer Schuppen. Irgendwann verschwindet er einfach. Einmal noch sehe ich ihn, wie er am Bahnhof mit einem leeren Becher von McDonald’s im Regen steht und fremde Leute nach Kleingeld anbettelt.
Wir saßen auf dieser Bank vor der katholischen Kirche. Wir saßen nebeneinander auf dieser Bank und sprachen davon, im nächsten Sommer mit einem T2 nach Korsika zu fahren, wir hatten sogar schon die Zeiten für die Fähre in Genua in Erfahrung gebracht. Wir saßen auf dieser Bank, das war so, das muss so gewesen sein.
Ich bin siebzehn Jahre alt und glaube, ich werde irgendwann einer der besten Gitarristen der Welt, besser als Slash und Paul Gilbert, stattdessen schwängere ich in drei Monaten ein blondes Mädchen aus Kaldauen, breche meine Lehre nach dem ersten Jahr ab und arbeite im Lager von Reifenhäuser, wo ich als Ungelernter weniger verdiene als alle anderen. Ich halte mich für etwas Besseres, weil ich denke, das hier ist nur vorübergehend und bald spiele ich Gitarre in einer Band und werde berühmt und verdiene viel Geld. Meine Kollegen schneiden mich. Es ist mir egal. Später stellt mich mein Cousin in seinem Betrieb ein, Kernbohrungen und Abriss, ich mache viel schwarz. Meine Tochter sehe ich so gut wie nie. Sie heißt Karla. Aus der Mutter wird ein blondes Flittchen, die alle paar Wochen einen neuen Onkel mit nach Hause bringt. Wir reden schon lange nicht mehr miteinander. Mit Sechsundzwanzig bekomme ich einen Bandscheibenvorfall und beginne ernsthaft mit dem Trinken, weil ich den Schmerz nicht mehr spüren will. Das ist eine Ausrede. Ich will nichts mehr spüren, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Entgiftung und LZT, nach dem zehnten Geburtstag meiner Tochter werde ich rückfällig, ich ziehe drei Tage durch die Gegend und wache halbnackt auf einem Maisfeld in Birk auf. Ein Bauer findet mich mit einer leeren Flasche Apfelkorn in der Hand. Die nächsten Jahre lebe ich wieder bei meinen Eltern, in meinem Kinderzimmer, die Poster von Guns ’n Roses und Mickey Rourke hängen noch an den Wänden. Ich rauche gestopfte Zigaretten, die mir meine Mutter bei Netto kauft, trinke Kaffee und schaue den ganzen Tag Serien. Mein Vater geht nach einem Herzinfarkt in Frührente. Wir sitzen bis Mittags vor dem Fernseher und füttern dann die Enten im Stadtwald. Eine Stelle bei Reifenhäuser wird frei, wieder im Lager, ich lasse mir einen Vollbart wachsen, aber von den alten Kollegen ist keiner mehr da. Ich ziehe in eine Apartment am Stallberg, meine Tochter macht mich zum Großvater, manchmal kommt sie mich besuchen, dann bringt sie mir Aktive mit. Den Kleinen bringt sie nie mit, ihr Mann hat etwas dagegen, er hält mich für einen Säufer und schlechten Einfluss. Nach der Arbeit koche ich mir Tütensuppen und schaue oft die gleichen VHS-Kassetten, Headbangers Ball, GNR in Paris ’92, und wenn es ruhig ist im Haus, spiele ich leise auf meiner Akustischen.
Wir saßen auf der Bank vor der katholischen Kirche, und die Kreuzung war von den Lichtern der KEPEC so hell erleuchtet, das es nie richtig dunkel wurde, selbst nachts nicht. Beim Schichtwechsel fuhren die Arbeiter in ihren Autos los und vergaßen oft das Licht einzuschalten, dann sprangen wir halb betrunken von der Bank und schrien: Licht! Licht!, wir rannten ihnen auf der Straße hinterher, winkten und schrien so laut wie wir konnten, Licht!, Licht!, bis sie es endlich begriffen, und dann war es das Beste, wenn die Scheinwerfer endlich angingen, ein kurzer Moment, und du hast gesehen, was vor dir lag, du hast alles vor dir gesehen, alles lag im Licht, alles war hell.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise