Lamentation silencii: Eine Auflösung

Ich liege auf der Weide neben dem Haus.
Es ist das Haus meines Großvaters, der immer nach Liebstöckel roch.
Nein, es ist nicht Liebstöckel, aber das weiß ich da noch nicht.
Ich bin acht Jahre alt.
Unter mir ist feuchtes Moos, und ich liege auf diesem Moos wie ich auf einer Decke liege.
Ich strecke jeden Finger von mir, die Muskeln und Sehnen in meinen Händen vibrieren, ich denke an die endlos langen Zäune vor den Feldern, durch deren straff gezogenen Drähte leise die Elektrizität summt.
Ich tue nichts, ich sehe in den Himmel.
Der Himmel ist weit und klar, aber ich glaube, ich verfüge noch nicht über diese Begriffe. Der Himmel ist nur Himmel und bleibt Himmel, meine Sprache ist also die eines Kindes, und so sind meine Gedanken die eines Kindes; klein und ehrlich und unbestechlich.
Der Himmel ist ein Meer. Mein Meer.
Ich sehe durch ihn in ferne Welten.
Die Welten hinter dem Blau.
Blau ist keine Farbe. Blau ist ein Element.
Ich bewege meine Hände im Moos auf und ab, nur ganz leicht, so dass ich eben den Widerstand spüre, es fühlt sich an, als streichele man das Fell eines wilden Tiers, dicht und ein wenig borstig. Dann hebe ich eine Hand hoch und halte sie vor mein Gesicht, strecke den Arm aus, führe die Finger dem Blau entgegen, berühre den kühlen Wind und die Wünsche, die in ihm singen, die von ihm davongetragen werden, über die Weide, über die Felder, hinaus aus dem Tal.
Wohin weiß ich nicht.
Was ist eine Entfernung? Was bedeutet sie?
Wann entfernt man sich von einem Gegenstand, einer Sache, einem Menschen?
Was ist die Natur der Entfernung?

Ein Schritt und noch ein Schritt und ich stehe an der Datsche meines Großvaters, wo grüne Bohnen an Gestängen ranken, die wie kleine Gefängnisse aussehen.
Gelbbraune Kürbisse ragen aus der trockenen Erde, in meinen jungen Augen wirken sie wie halb vergrabene Kinderköpfe. Hinter dem Blumenbeet steht mein Großvater, eine gedrungene Gestalt mit Hosenträgern, gebückt und schweißnass in der Sonne, ich höre das Geräusch, wenn er die Zahnprothese in seinem Mund umdreht: Klonk, klonk.
Er schließt sich meinen Kopf auf und landet in meinen Alpträumen, ein fleischiger Klops der mich umarmt und mich einer trockenen Blume gleich zerdrückt, mir die Wurzeln ausreißt, mich zerpustet in alle Windrichtungen.
Ich lande in den Lungen fremder Menschen, sie husten und würgen mich wieder aus.
Klonk klonk, das ist die Fessel um meinen Fuß, eine Kugel gegossen aus englischem Blei, so groß wie ein Kürbis oder ein Kinderkopf.

Es ist ein guter Sommer. Die Früchte werden geerntet. Die reifen Kirschen an den Bäumen glänzen dunkel und feucht wie die Augen der Mutter nach dem Weinen.
Mutter. Dieses Wort. So hart und kantig wie altes Brot. Man reißt sich daran den Mund auf, die Lippen, das weiche Fleisch über den Zähnen. Man blutet davon, und dann spuckt man das Blut auf den staubigen Boden, wo es feucht schimmert, bevor es endlich trocknet. Niemand scheint es jemals wegzuwischen, da ist immer Blut in meiner Erinnerung, eine krustige, poröse Narbe, ich finde sie überall, auf Oberflächen, Bettdecken, in den hintersten Winkeln eines schwach beleuchteten Kellers. Das Blut hält alles zusammen.
Mutter. Ein Befehl.
Wir sind eben Deutsche. Wir schnüren uns die Kehle zu, wenn wir sprechen, wir zermalmen die Worte mit unseren Molaren, wir amputieren ihre Gliedmaße, lutschen den Klang und die Schönheit aus ihnen heraus und was wir ausspucken ist was wir sagen.
Wir sprechen nicht miteinander, wir spucken uns an.
Wir sind Preußen, hineingeboren in die abgelegten Uniformen der Toten, die in der Heißmangel der Unschuld gereinigt und geglättet wurden.
Wir sind wieder rein.
Soldatengleich marschieren wir durch düstere Haine, stehen neben hochgewachsenen Bäumen stramm und lernen den Geruch der Erde lieben wie man das Salutieren lernt; es wird uns zur Pflicht. Pissen, scheißen, fressen, die Erde und die Mutter lieben.
Wir atmen durch Mutter Erde, morden und henken jedoch für ein Vaterland, schon immer.
Damals, damals und heute ebenso.

Vater ohne Land.
Vater.
Sprich es schnell und denk dabei an einen Stein, den du dir hart gegen die Stirn presst.
Vater. Fatir. Fadar. Man schießt einem das Wort in den Leib: Posten, die auf einen weichen, weißen Bauch treffen, die Haut zerfetzen und die Eingeweide durchdringen, rot glühender Beuschel verspritzt auf hellen Grund, und danach legt man die Flinte neben den Altar und kostet von seinen eigenen Tränen; man ersäuft an ihnen.

Ich gehe hinein in die große, dunkle Datsche.
Der Raum ist hoch und ich sehe auf das Licht, das durch die Ritzen in der Decke fällt. Dahinter ist der Himmel und dahinter Gott.
Ich setze mich auf den Schemel vor dem Fenster und schaue hinaus.
Draußen Vater und Mutter und Großvater.
Sie trinken eine schwarze Flüssigkeit aus langhalsigen Flaschen.
Sie sitzen auf einer rostigen Schaukel, die sich schon lange nicht mehr bewegt.
Sie lachen.
Sie lieben mich.

Ich spreche in Schmetterlingen, die mir mit ganz sachtem Flügelschlag aus dem Mund fliegen und sich sanft auf die Lippen und Augenlider meines Gegenübers setzen. Dort verharren sie, bis ich wieder schweige und dann vergehen sie in einem großen Feuer, das ich noch nie gesehen habe. Aber ich weiß, dass es dieses Feuer gibt.
Ich esse weiche Früchte, ich sauge das Fleisch vom Kern, bis mir der Bauch schmerzt. Dann gehe ich wieder nach draußen und lege mich neben die Kürbisse ins Beet.
Ich beobachte die Kürbisse, ihre orangefarbene Schalen, die seltsamen Muster darauf.
Mein Kopf ist kleiner, viel kleiner.
In meinem Bauch werden die Früchte zu einem dicken Mus. Ich drehe mich zur Seite und öffne den Mund und der Mus läuft aus mir heraus, und dann laufe ich selbst aus mir heraus, ich folge dem Mus mit meiner Seele.
Ich liege dort neben den Kürbissen und erstehe wieder auf.
Ich werde zu jemand Neuem.

Ich bin älter.
Die Datsche gibt es nicht mehr.
Der Großvater ist im großen blauen Element verschwunden.
Ich lache über das Wort Meer.
Ich lache auch über mich selbst, aber nur, wenn es niemand sieht.
Ich gehe nicht mehr zu den Weiden.
Ich fasse an die Zäune und lasse Elektrizität durch meinen Körper fließen.
Die Schmetterlinge werden zu Staub in meinen Mund.
Ich bemerke etwas an mir. Einen Schatten, der an meinen Schultern zu wachsen beginnt.
Ich sehe ihn morgens im Spiegel, und abends spüre ich ihn, wie er am Hals kratzt.
Niemand weiß, wo er herkommt.
Niemand spricht darüber.
Alle schweigen sie und verschweigen sich.
Der Schatten wächst langsam aber stetig.
Und er wird schwerer.
Mit ihm spreche ich nun in Steinen, die mir aus dem Mund und anderen auf die Füße fallen.
Und auch die Steine werden schwerer.
Bald trage ich den Schatten wie einen Mantel.
Der Schatten ist aus dünn gewebten Materialien, so fein und durchsichtig, dass niemand ihn erkennt. Doch ich brüte darin wie eine Larve.
In dem Mantel wird es wärmer und wärmer. Mein Hirn verpuppt sich.
Irgendwann sehe ich den Schatten auch an anderen. Manche tragen ihn wie einen Turban, andere wie eine Winterdecke, als sei ihnen sehr kalt.
Ich weiß, dass sie nicht wissen, dass ich ihren Schatten sehen kann.
Ich weiß es nicht, aber ich ahne es.
Bald sehe ich keine Menschen mehr, keine Gegenstände, keine Sachen.
Bald sehe ich nur noch Schatten.

Kann man einen Gedanken schweigen? Oder einen Wunsch?
Was ist eine geschwiegene Geschichte? Wie klingt sie?
Wenn sie nicht aus Lauten besteht, die wir in die Luft herauspressen, die wir durch unsere Stimme hörbar machen, woraus besteht sie dann?
Durch welches Ohr hören wir das eigene Gedachte?
Die eigene Geschichte?
Die eigene Wahrheit?
Die eigene Lüge?
Besteht eine geschwiegene Geschichte aus leeren Stellen, aus lauter Auslassungszeichen?
Seitenlang geschwärzte Stellen.
Ein geöffneter Mund, das dunkle Rund.
Ich schweige die Worte und schweige mich selbst.
Ich zerschweige mich.

Irgendwann wächst der Schatten in mich hinein, wird Haut, wird Herz, tropft dunkel und dünn in meine Adern.
Der Schatten wird zu meinem einzigen Register.
Meine geschwiegenen Geschichten werden länger.
Satz um Satz.
Kapitel um Kapitel.
Doch ich schweige nicht nur in Worten. Vielleicht schweige ich auch in Klängen.
Klonk Klonk, haut es auf den Kinderkopf aus englischem Blei.
Ich drücke meine Zungenspitze gegen die Rückseite meiner Schneidezähne, sie sind scharf wie Messer geworden. Mit ihnen zerbeiße ich die Worte, um sie dann schlussendlich herunterzuschlucken. In den Magensäften gären und zersetzen sie sich, und schließlich beginnen die Wörter nach Silberhaut und Drüsensekret zu riechen; nach und nach löst sich das Wort auf, übrig bleibt nur der Atem.

Ich bin der Schatten.
Ich habe ihn ganz ausgefüllt, er ist das Gewebe geworden, das mich zusammenhält. Es führt mich durch enge Gassen an den Menschen vorbei, die meine Sprache nicht verstehen; die den Schatten, der mein Inneres und Äußeres geworden ist, nicht erkennen.
Für sie bin ich niemand und ich will für sie niemand sein.
Ich bin ein Schatten und ich bin ein Schweigen.
Der Schatten ist eine Einsamkeit.
Ich bin eine Einsamkeit.
Und auch die Einsamkeit ist ein Element.

Manchmal träume ich mich aus dem Schatten heraus.
Dann stehe ich wieder an der Datsche meines Großvaters, ich gehe mit nackten Füßen über dampfende Sommererde und sehe die Liebe um mich herum.
Sie wächst wie ein Kinderkopf aus den Böden.
Sie ist überall.
Ich spüre sie, wie man eine langsame Bewegung spürt; die Anstrengung, das Dehnen und Zusammenziehen der Muskeln, die Berührung, die auf etwas Warmes, Weiches, Vertrautes trifft.
Sie wird zu Ursache und Wirkung.
Doch im Schatten, in diesem Element, dass meine Einsamkeit ist, vergesse ich sie; ich zerschneide auch dieses Wort mit meinen Zähnen und höre nach dem Schlucken einen kurzen, hohlen Klang in der Mitte meines Körpers.
Die Liebe bleibt also eine Bewegung im Leeren.
Ich kenne die Liebe als Erinnerung, als Ausgrauung.
Ich kann sie anfassen, aber nicht festhalten.
Ich erwache immer mit leeren Händen.

Manchmal denke ich, andere können den Schatten doch sehen: Ein kleines Mädchen, das neben mir an einer Straßenecke wartet, zeigt auf mich, und so wie sie dasteht und starrt, bin ich mir fast sicher. Doch dann bemerke ich, dass sie gar nicht auf mich zeigt, sondern auf etwas, das hinter mir liegt; eine andere Sache, ein anderer Gegenstand, ein anderer Mensch.
Sie zeigt durch mich hindurch.
Und ich glaube, ich lächle.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise