Im Sudhof

Es beginnt in den Unhöhen. Der Riß im ewigen Kristall des Bergs wird länger und tiefer, es ist ein langsames Ablösen, das Kriege und Kaiser, Könige und Regierungen überdauert, bis die Kante schließlich bricht, ein Knirschen, ein Knacken, danach die Bewegung zum Tal hin, die Elemente beugen sich den Kräften, werden als Quellwasser ins Dunkel des menschlichen Tuns und Seins gezogen, in die engen Gassen und mit Dampf gefüllten Bäder, in die stinkenden Aborte unter den Backsteinhäuser; in einem Gefälle von mehr als tausend Metern rauscht es durch sonnentrockene Flussbetten, stille Haine und an Weizenfeldern vorbei, wo der Wind leise durch die Ähren streicht; es macht aus harmlosen Bächen reißende Ströme, nimmt Staub und Moos und Schlick in sich auf, füllt die Kiemen von Neunauge, Döbel und Brachse; durch das Sediment fließt das Süße, der Schwerkraft folgend, um sich dann im Tal in einer großen, hohlen Hand wieder zu vereinen, im Kühlbecken vor dem Sudhof, in dieser uralten Vertiefung, wo sich alles Wasser sammelt, um schlussendlich in den Läuterbottichen der Suder zerkocht zu werden.

Die Suder sind ein eigene Sippe; man sagt, zuerst sei ihr Blut dagewesen, geronnen auf dem Boden eines von den Göttern vergessenen Kessels, ihre Körper aus Kupferdämpfen und gestochenem Torf erst über Jahrmillionen um das Blut herumgewachsen, die Haut ein bronzefarbenes Amalgam aus Salz und Staub. Ihre Gesichter wie Furchen in der lehmigen Erde – die Knochen breit und groß, die eng zusammenstehenden Augen dunkel und feucht. Es sind gefürchtete Kreaturen, weil ihre Kräfte roh und unmäßig sind. Manchen vom gewöhnlichen Volk haben sie schon die Hand beim Gruße zermalmt. Die Suder sieht man nur selten in den Gassen und auf den Märkten. Ihre Welt sind die rauchgeschwängerten Hallen, wo es nach Kien und Harz und lodernden Holzscheiten duftet, wo Kohlen unter Bottichen weißglühen und die Sude anheizen. Sie sind ein mythisches Adelsgeschlecht, Wesen aus längst vergessenen Sagen, die in ihrem eigenen Hades sich und ihre Kräfte verzehren um wiederaufzuerstehen, ein ewiger Zyklus zwischen Tag und Nacht, Licht und Schatten, der Hof eine Unterwelt aus Blut und Destillat.
Tonnen von Korn und Kräutern werden täglich aufs Neue angebracht, die Karren gezogen von schweren Warmblütern, denen es den Schaum ums Maul treibt und deren Flanken von der Last bebe. Ihr Atem, der aus den feuchten Nüstern entweicht so dicht wie Sprühnebel. Ein nie enden wollender, ein nie versiegender Strom aus Karren und davor gespannten Gäulen zieht durch die Höfe. Nur die allerjüngsten Suder tilgen die Ladungen, denn die Älteren und Alten beobachten mit gestochen scharfem Blick die Brennlose in den aus Edelmetall gedengelten Blasen, ein Auge auf die hoch kochenden Säfte, das andere auf den tröpfelnden Vorlauf, ihre Erfahrung aus den Jahren im Sudhof zu kostbar für derlei stupide Tätigkeit.

Im Sudhof gibt es keine Pausen. Die Suder braten ihre groben Würste auf den Randsteinen der großen Feuer, wässern Bries in kleinen gusseisernen Töpfen und backen ihn mit grünem Pfeffer und Rosmarin aus, pellen faustgroße Kartoffeln mit den krumm geschliffenen Klingen ihrer Nicker und trinken dazu bernsteinfarbenes Bier. Ihre Arbeit ruht dennoch nie. Die Sude fließen immerzu aus den Bottichen in die Abläufe, durch Filtration und Trennung, die Luft geschwängert von Rauch und Aromen, die beißende Schärfe der Maischen und Brände, die schwindelerregende Blumigkeit der Hydrolate, betörend, betäubend, die Sinne benebelnd, doch das alles ficht die Suder nicht an, ihre Lungen sind dem gefeit. Niemand hat sie je schlafen gesehen. Manchmal lehnen sie in leichtem Dämmer an einer Wand, den Kopf auf die Brust gelegt, die Arme verschränkt, eine Zigarette aus Maispapier zwischen den Lippen. Ein dumpfes Summen lässt ihre Kehlen erzittern, bis sie die Augen wieder aufschlagen, ihre Gliedmaßen ausstrecken und die Handflächen aneinanderreiben. Flugs zurück zu den Kesseln.

An den Freitagen gehen sie geschlossen zur alten Abdeckerei, wo Händler aus dem Osten ihre Hähne gegeneinander kämpfen lassen; die Hornfüße amputiert und ersetzt durch blank geschliffene Sporne, scharf und lang wie Messer. Die Kehllappen werden in den Käfigen mit hochprozentigem Vorlauf aus dem Sudhof eingerieben; die Fuselöle stachelt die Tiere an; die Kämpfe sind kurz und blutig und enden mit dem Tod. Die Suder wetten nie mehr als den Zehnt ihres Lohnes und trinken das Blut des Verlierers aus Blechtassen, deren Rändern bereits rostig sind. Es sind die Tassen ihrer Väter und Vorväter, die es ihnen gleichtaten, die vor dem Schabbes ihre Wetten platzierten und die ebenfalls das Blut der Verlierer tranken. Die Suder gehorchen keinem Herrn. Sie haben ihre eigenen Gesetze; zwischen Kesseln und Bottichen wird zu keinem Gott gebetet; die Suder glauben nur an die Geister, die sie selbst in den Steigrohren aus Rotguss freisetzen. Manchmal gibt ein Wort das andere und es gilt Recht zu sprechen. Die verfehdeten Suder werden mit langfaserigem Hanf aneinandergebunden, linke Hand an linke Hand, das Seil verknotet als doppelte Acht, den Knüppel aus gehärtetem Holz in der Rechten. Ein Umkreisen in der Mitte des Hofs, im schäbigen, schummrigen Halblicht der Erker, umringt von all den anderen Sudern, langsam und behäbig schaut es aus, doch es ist nichts als unbändige Wucht, die darauf wartet, sich im rechten Moment ihren Bann zu brechen. Ein Schrei, ein Schlag, die straffen Muskeln erheben sich, Knüppel auf Knochen, Hartes auf Hartes, das Blut spritzt glutheiß und sprudelt wild aus den Wunden im Fleisch, es geht bis einer auf dem rußgeschwärzten Boden liegen bleibt und sich nicht mehr rührt. Dann wird kurz innegehalten, ein jeder gedenkt für sich, der noch warme Leib wird aufgebahrt und im Ofen des Sudhofs verbrannt.

Einmal im Jahr legen die Suder die Hälfte ihres Lohns zusammen und kaufen sich eine Maid, die sie in der kleinen Stadt am Rand des Tals gemeinsam aussuchen. In den finstersten Ecken, hinter den Kloaken und in den Latrinen der abtrünnigen Viertel werden sie fündig. Es sind Töchter einer Mutter, die nur selten das Tageslicht sah, mit schlechten Mäusezähnen und stumpfem Haar, mit heller Haut und dichten Augenbrauen.. Das Tal ist eng und leer und die großen Städte mit den bunten Lichtern weit, weit entfernt, ein schwaches Blinken am Horizont, ein dünner, grauer Rauch – für ein Jahr im Sudhof schuften und danach mit den Taschen voller Münzen in die Freiheit mag wie ein Wohlklang in ihren Ohren sein, ein gutes Geschäft zumindest ist es, so sagen die Suder, und abgemacht ist abgemacht, ein Handschlag reicht, man steht zu seinem Wort. Die Maid wird dann fein zurecht gemacht, es fehlt ihr an nichts, Cremes und Parfüms und Düfte bis die Haut so fein ist wie geschliffener Marmor und das Haar fließt wie reinste Seide; niemals zuvor waren sie so schön, so begehrenswert, aus einem blassen Dorfmädchen wird eine stattliche Frau, eine Dame von Welt. Eine letzte Nacht noch auf den gottvertrauten Pfaden folgt, die Augen schließen im eigenen Bette, den Duft der Heimat in der Nase, ein Wandeln wie im Traum in dieser einen letzten Nacht. Im Sudhof werden der Maid am nächsten Morgen dünnste Silberketten um die Fesseln gelegt und dann muss sie auf einem Podest aus Holz und Stein stehen, wo sie den Tag über bis in die Nacht tut, was die Suder ihr geheißen, wo sie tanzt und singt und lacht und Küsse hinwirft mit Hand und Mund und Schultern zeigt und wo die Suder zu ihr hinaufsehen wie zu einem Blutmond, während sie weiterhin Moste von der Hefe ziehen, Gärspunde mit Geklärtem nachfüllen und Maischereste aus den Kochböden der Kolonnen spülen. Sie verlässt den Sudhof nie; sie schläft auf dem Podest und wacht auf dem Podest und verrichtet ihr Geschäft auf dem Podest. Sie isst die gleichen Würste und den gleichen Bries wie die Suder, sie trinkt ihr Bier und atmet die gleiche rauchige Luft. Kaum eine überlebt das volle Jahr. Ihre Gesichtchen werden grau und das Haar fällt ihnen aus und in ihren Augen fehlt bald jeglicher Glanz, nicht der kleinste Schimmer ist da mehr, nur ein mattes Rabenschwarz. Bald ist sie so mager wie ein armes Kind nach einem langen Winter, und unter der pergamentenen Haut ihrer eingefallenen Brust sieht man das Herz schlagen, schwach, schwächer, bis es schließlich verstummt, ein kraftloser, ausgezehrter Muskel, der zuletzt nur noch das allerdünnste Blut durch den Leib pumpt. Die erschlafften Körper werden vom Podest gehoben und über die Köpfe der Suder hinweggetragen, jeder möchte die Maid ein letztes Mal mit seiner eigenen Hand berühren, den gefallenen Engel. Stumpf wird der Blick der Suder, wenn die Flammen das einst so schöne Weib umfangen, wenn die Feuersbrunst sie noch einmal glühen lässt wie das Eisen in der Schmiede. Dann wenden sie sich ab um weiter ihr Tagwerk zu verrichten. Die Asche der Maid weht alsbald durch die Hallen, über Bottiche und Kessel hinweg, wird eingeatmet von den Sudern, während sie das Zucker aus dem Holz der Fässer brennen und giftiges Ethanol durch Trichter abgießen. In diesen Nächten trinken die Suder selbst von ihren Schätzen, Kostbarstes fließt in ihre Bäuche hinab, Flüssigkeiten in den Farben von prächtigen Kastanien und edelstem Mahagoni, aus gut gehegten Fässern gezapft, dessen wahren Inhalt nur die Ältesten kennen. Ein Schluck und noch einen zweiten, und schon ist das Antlitz der Maid eine schnell verblassende Erinnerung. Bis ins nächste Jahr, auf die nächste Maid, die auf dem Podest in schwindelnder Höhe singt und tanzt und lacht für die Suder, durch deren Adern schon lange Trester rinnt.

Die Suder leben im blinden Fleck, im Verborgenen, Gestalten der Unform und des Unheils, dessen Schicksal niemand teilen mag und vor dem man den Blick abwendet. Kreaturen der linken Hand, gehasst von Beichtvätern und molligen Ammen, diesseitige Pariah, denen Unterpfand und Glückseligkeit verwehrt bleiben wird. Und doch erschaffen sie die Nektare des Dionysos, nach denen es uns so sehr gelüstet, sie bändigen flüssige Leoparden, zwingen berauschte Löwen in Fässer, ihr Tagwerk die Währung unserer Ekstase. Auf ewig werden sie sein, auf ewig werden sie schaffen zwischen Kupfer und Holz, zwischen Glut und Flamme. Nie werden sie die Welten außerhalb des Tals sehen und nie die bunten Lichter der großen Städte. Weiter werden sie das Blut der Verlierer trinken und sich die Maid fürs Jahr suchen, und weiter werden sie trennen und filtrieren und die Wahrheit in den Brennblasen und Maischen suchen. Und alles beginnt im ewigen Eis der Unhöhen.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise