Hotel Europa

Vier Monate. Das sagte er sich immer wieder. Nur noch vier Monate. Ostrominski fühlte sich müde, und er glaubte, ein Recht darauf zu haben; er war jetzt vierundsechzig. Er zündete sich eine Zigarette an und überlegte, einen Schluck aus dem Flachmann zu nehmen, ließ es dann aber bleiben. Zuerst der Rundgang.

Eigentlich hasste er das Gebäude. Früher der Kaiserbau – nicht mehr als eine Bauruine, ein ungeliebtes Wahrzeichen, heute eben das „Hotel Europa.“ Aufgehübscht mit ein bisschen Farbe und großformatigen, grell bunten Porträts von bedeutenden Persönlichkeiten. Der Künstler sprach von einem „Walhalla der Gegenwart.“ Der Rummel hatte nichts geändert: Der Kasten war jetzt quittengelb und man sah in die Fressen von Menschen, die einem das Leben nicht besser oder schlechter machten – alles war geblieben, wie es immer schon gewesen war. Ostrominski kannte die Geschichten von den Jugendlichen, die hier den Abflug gemacht hatten. Sechzig Meter rauf, und dann Schluss machen. Man fand die Körper auf dem grauen Plattenbeton, verdreht wie moderne Kunstwerke. In den Neunzigern brach man die Treppen im untersten Stockwerk heraus, doch der Kaiserbau verlor nichts von seiner Anziehungskraft. Dann kamen die Raves und die Drogen.

Es war eine klare Nacht, kurz nach zehn. Obwohl er die Nummer nicht oft wählte, hatte er sie im Kopf. Sie ging ran, ihre Stimme klang müde und verwaschen.
„Ich bin es“, sagte er, dann kam dieser Moment, und sie sagte nur: „Ja.“
Ostrominski wusste nicht weiter. „Wie geht es dir?“, fragte er, er hörte, wie sie ausatmete.
„Was willst du?“
„Ich wollte nur hören, wie es dir geht“, sagte er, und dann: „Wie es euch geht.“
„Uns geht es gut“, sagte sie.
„Ja“, sagte er, „ja, ist gut.“
„Noch was?“
Er hörte den Fernseher im Hintergrund laufen. „Nein“, sagte er, „schon gut.“
„Gut“, wiederholte sie, dann ließ sie ihm wieder diesen einen Moment, schließlich legte sie auf. Das Schlimmste war, wenn das Licht auf dem Display erlosch. Ostrominski steckte das Mobiltelefon in seine Jackentasche und schraubte den Flachmann auf.

Auch der Junge fehlte. Mit ihm war nicht viel los – man konnte froh sein, dass er alleine scheißen ging, aber er war sein Junge. An den wirklich guten Tagen hatte er ihn zum Fußball mitgenommen. Ansonsten saßen sie vor dem Fernseher und sahen sich Serien an. Dann kam die Sache mit Fred, seinem ehemaligen Kollegen. Einen Monat später musste er ausziehen, seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen. Ostrominski nahm noch einen Schluck. Dann spürte er das Vibrieren in seiner Jackentasche und ließ den Flachmann fallen. Es war nur eine SMS mit Werbung des Anbieters. Er bückte sich und hob den Flachmann auf. Ein wenig Schnaps war noch da.
Er steckte sich eine Zigarette an und blieb stehen. Man konnte das gesamte Gelände überblicken, und er mochte den Ausblick, obwohl er nicht viel hergab: Brachland und ein paar halbvolle Baggerseen, die sein Kollege Grotzke Arschlöcher nannte. Aber wenn sich Dunkelheit darüber legte, wirkte alles warm und vertraut. Das Hotel Europa hingegen war ihm immer suspekt geblieben. Er hasste die vielen Gesichter. Ganz am Anfang, als er diese Stelle angetreten hatte, fand er es noch interessant und hatte sich vorgenommen, in der Broschüre die Namen nachzuschlagen. Er hatte es nie getan, und jetzt kamen sie ihm immer fremder vor.

Es wurde kalt, der Sommer lag in den letzten Zügen. Seine Wochen waren zu Monaten geworden. Im vergangenen August waren sie gemeinsam an der Küste gewesen, nur ein paar Tage, aber das Wetter hatte gehalten und der Sand war trocken geblieben. Der Junge mochte Sand, und sie hatten mit ihren Kaffeetassen auf der Promenade gesessen und ihm zugesehen. Sie hatte ihm ein paar Essensreste aus dem Bart gestrichen, schweigend, und er hatte gelächelt und sie angesehen. So war ihre Ehe gewesen. Ostrominski brauchte ein paar Augenblicke. Ganz oben, auf einem frei liegenden Stück Beton, da stand in großen, ungelenken Lettern UNSCHULD, und direkt daneben RASTLOSIGKEIT. Er wunderte sich, wie winzig die Gestalt daneben aussah. Er blieb stehen. In zwei Jahren war nicht viel passiert am Hotel Europa. Ein paar Besoffene, ein paar Kinder, ein junges Pärchen, das sie beim Ficken erwischt hatten – nichts Außergewöhnliches. Seine Hand glitt an den Hosenbund und zum Funkgerät. Die Gestalt bewegte sich. Ostrominski wartete. Dann hob er seine Hand, öffnete Zeigefinger und Daumen und maß nach. Winzig. Das mit dem Funkgerät ließ er bleiben. Das nächste Wort entstand direkt vor seinen Augen. Er lächelte. WAHRHEIT. Er betrachtete das Wort länger als die anderen, solange, bis er die Zigarette bis zum Filter geraucht hatte. Danach ging er los.

Unschuld. Rastlosigkeit. Wahrheit. Ostrominksi öffnete den Flachmann, aber da war kein Schnaps mehr, nur noch der scharfe Geruch. Das war alles. Er dachte an seinen Jungen. Manchmal hatte er sich gefragt, ob der Junge mehr wusste, als sie alle zusammen. Ihm fehlte das Schwere, diese Last, und tief in seinen Augen konnte er etwas erkennen. Ein Funke vielleicht. Zumindest glaubte Ostrominski, dass es ein Funke war. Dem Jungen fiel noch immer das Essen aus dem Mund, aber das hatte ihm nichts mehr ausgemacht.Er hatte es aufgehoben und weggeworfen. Er hatte sich wirklich an den Jungen gewöhnt, und das tat ihm weh, jetzt, da er es bemerkte.

Eine simple Bauleiter hatte ausgereicht, um in den zweiten Stock zu kommen. Ostrominski wunderte das nicht – das Gelände war einfach zu groß, mehr Sicherheitsdienst wollte niemand bezahlen. Zwei Leute, das war lächerlich. Den Adler hatte niemand mehr gemacht – wahrscheinlich trauten sie sich das nicht. Oder sie mochten es nicht, wenn man sie dabei beobachtete. Es waren nur tote Augen, aber immerhin Augen. Ostrominski stand fünfzig Meter entfernt in der Dunkelheit und wartete. Es kam kein neues Wort hinzu, alles blieb so wie es war. Unschuld. Rastlosigkeit. Wahrheit. Zuerst hörte er nur ein leises Scharren auf dem Betonboden, und dann, einen Moment später, sah er ihn auch: Schnelle, hektische Bewegungen auf der Leiter, die Kapuze noch über dem Kopf. Als er sich auf der Leiter umdrehte, konnte er für einen Augenblick das Gesicht erkennen. Es sah weich aus, und da war kein Hass, keine Wut. Unschuld, dachte Ostrominski und blieb stehen. Das mit dem Gesicht war komisch. Das Gesicht war eine Verbindung zu den Wörtern auf dem Beton in sechzig Meter Höhe, aber noch etwas anderes. Das Gesicht war gleichfalls eine Leerstelle, etwas Unbeschriebenes, Reines, und Ostrominski dachte an genau das: An seinen Jungen, der diese Stelle auffüllt.

„Sachbeschädigung“, sagte Grotzke, „das is‘ Sachbeschädigung, Mensch, Ostrominski!“
Die Stimme klang schrill, und Ostrominski schloss für einen Moment die Augen. Dann drehte er sich um und sah in das Gesicht seines Kollegen.
„Ostrominski, Mann!“, sagte Grotzke.
Der Junge hatte die beiden bemerkt und begann zu rennen.
„Hinterher“, schrie Grotzke und lief los, blieb aber nach zehn Metern wieder stehen. Sein Körper warf einen langen Schatten, der schlussendlich wieder in Dunkelheit überging. Er keuchte schwer. Grotzke sah dem Jungen nach, und dann sah er an sich selbst herunter. Dieses Heruntersehen empfand Ostrominski als eine Art Einverständnis. Denn das waren sie: alte Männer in dunkelblauen Uniformen, zu langsam, zu fett.
„Ostrominski“, sagte Grotzke atemlos, die Schweißperlen an seiner Stirn glänzten.
Aber Ostrominski schüttelte den Kopf.
„Das Schwein da“, sagte Grotzke und griff nach dem Funkgerät.

Ostrominski dachte an nichts, als er zuschlug. Es war wie ein Reflex. Die Maglite traf mit einem kurzen, harten Geräusch auf den Hinterkopf, dann Stille. Grotzke kippte nach vorne und blieb liegen. Eine Sache von Sekunden. Der Junge war verschwunden. Ostrominski sah in die Dunkelheit. Hotel Europa. Er betrachtete die Gesichter. Vier Monate, dachte er, vier Monate. Es kam ihm endlos vor.

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