Hast du niemals etwas sterben sehen?

by Sven Heuchert

Ich starre auf die Terrasse. Unkraut in den Fugen, einige Bodenplatten sind mit Moos überwachsen. Im Nachbarhaus läuft leise Musik. Rauch zieht aus dem Kamin. Eine feuchte Hundeschnauze drückt sich durch den Riegel. Wir haben diesen Zaun in einem langen, heißen Sommer vor über dreißig Jahren zusammengenagelt. Wir haben den Baum selbst gefällt und daraus Latten geschnitten. Lärche ist gutes Holz. Widerstandsfähig. Witterungsbeständig.

Meine Finger streichen über die Grashalme. Der Schuppen am Ende der Backsteinmauer steht offen. Die Vordertür lehnt abmontiert an der Gebäudeseite, Blatt und Schloss verrostet. Innen Werkzeugkasten. Ölverschmierte Lappen. Regale voller Beizmittel. Die Kreissäge ist mit einem Bettlaken abgedeckt.

Jemand hustet. Ich sehe über die Schulter. Auf der anderen Seite des Zauns steht der alte Göke.
„Herr Göke“, sage ich und drehe mich um. Sein Gesicht eingefallen, der Blick müde. „Alles gut?“
Er zeigt mit dem Gehstock aufs Haus. „Den Rest rausholen?“
„Und Papiere erledigen.“
„Kenn‘ ich“, sagt er und winkt ab. „Brauchste Hilfe beim Schleppen?“
„Kommt `n Unternehmen, ich mach ja nix selbst. Aber danke, dasse‘ nachfragen.“
Er lächelt. „Sieht man sich mal wieder?“
„Bin ja nicht aus der Welt.“
Er nickt, dann dreht er sich um und ruft nach seinem Hund.

Ich lasse die Schiebetür offen. Im Wohnzimmer riecht es nach Brown No.4. Die Savinellis stehen im Bücherregal. An den Lippen dieser bittere Geschmack. Die Trophäe an der Wand über der Bar habe ich abgehängt. Jemand vom Hegering kommt ihn holen. Ich öffne den Schrank und rieche an einer der Flaschen. Dichtes, süßliches Aroma steigt mir in die Nase. Im Flur blinkt der Anrufbeantworter. Die Stimme meines Bruders – leise, weit entfernt, im Hintergrund Straßenverkehr. Mitten im Satz bricht die Verbindung ab. Ich lasse die Nachricht noch einmal laufen, starre auf das rot pulsierende Licht, lösche sie dann.

Auf dem Kühlschrank klebt ein kleiner, gelber Post-it. Eier, Rohmilch, Bratlinge 1kg, Lammschulter für Freitag. Vater machte das Stew mit Weißkohl, Kartoffeln und Möhren. Fünf Stunden bei kleiner Flamme auf dem Herd. Dazu gab es Schwarzbier und Knoblauchbrot. Vierhundert Kilometer. Die halbe Nacht auf der Autobahn. Draußen vor dem Haus die geleerten Mülltonnen. Werbeprospekte im Briefkastenschlitz. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und lege mich auf die Couch. Es ist still in dem Raum. Schritte in der Einfahrt wecken mich schließlich. Ich sehe auf meine Armbanduhr. Ich habe über eine Stunde geschlafen.

Mein Bruder tritt sich die Füße ab und bleibt in der Tür stehen. Er sieht in den Garten und schüttelt den Kopf.
„Was is‘ mit dem Schuppen?“
„Keine Ahnung.“
„Wie lang biste schon hier?“
„‘n Stunde vielleicht.“
„Ach“, macht er. „Erst heute gekommen?“
„Ja, früh los, und die Bahn war leer.“
Er sieht auf seine Schuhe. „Wann kommen die wegen den Möbeln?“
„Morgen. Morgen früh.“
Er nickt. Er lässt sich in den Sessel neben der Couch fallen und holt eine Schachtel Zigaretten aus der Manteltasche.
„Mir ging’s nicht gut, an dem Tag da, du weißt schon …“
„Ich will das morgen über die Bühne bringen und einfach wieder nachhause fahren, okay?“
Mein Bruder steht auf und geht zur Bar. Er öffnet die gleiche Flasche, die ich vorhin geöffnet habe. „Interessiert eh keinen mehr“, sagt er und nimmt einen Schluck.
„Ja, aber du hast ihn so nicht gesehen.“
„Glaubst du, das hätte was geändert?“
Ich sehe an ihm vorbei auf das Bücherregal. Wir schweigen. Der Kühlschrank springt mit einem Summen an.
„Wohnst du eigentlich noch in Niederpleis?“, frage ich.
„Nein, zu viele Kanaken.“ Er nimmt die Flasche und setzt sich in den Sessel. „Und bei dir? Wie läuft’s bei euch?“
Ich lasse den Kopf auf die Lehne sinken und sehe auf die nikotingelben Ränder der Decke. „Gar nicht.“
„Manchmal passt`s eben nicht mehr.“
„Denke eher, `s hat nie so richtig gepasst.“
„Bist aber immer wieder zurückgekrochen.“
„Ja“, sage ich. „‘s braucht halt `n richtigen Tritt in die Fresse.“ Ich höre, wie mein Bruder aufsteht und durch den Raum geht. Dann sagt er ganz leise: „Ist auch mein Zuhause.“
„Hast du die Post vom Rosenberg bekommen?“
„Ich will nix“, sagt er und setzt sich wieder. „Kein Geld, nix.“
„Denk drüber nach … `s steht dir zu.“
„Mir hätt` was anderes zugestanden.“
„Ja, aber dafür isses‘ jetzt zu spät.“
Mein Bruder dreht die Flasche zwischen den Händen. „Kannst du das alles einfach so vergessen?“
„Ich hab‘ nix vergessen.“
„Nein?“
„Nein.“
Er blickt aus dem Verandafenster.
„Ich weiß“, sage ich. „Aber du hast ihn so nicht gesehen.“
„`s hätte nichts geändert. Nichts hätte was geändert.“
„Du hättest ihn nicht wiedererkannt“, sage ich.
Mein Bruder schüttelt den Kopf. „Morgen früh kommen die also?“
„Nehmen alles mit.“
„Und dann war’s das?“
Ich nicke. „Der Rosenberg hat `n Makler. Geht schnell, wenn das erstmal auf dem Markt is‘.“
„Ich will nix davon.“
„Hattest du schon gesagt.“
„Geld“, sagt er und wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. „`s is` nur Geld, weißte.“
„Ja, ich weiß …“
Wir stehen uns gegenüber, dann legt er mir eine Hand auf die Schulter und sagt: „Du, du machst das schon.“
Als er sich umdreht, um zu gehen, frage ich: „Willst du was mitnehmen?“
Er lacht. Er ist schon draußen auf der Veranda. „Mitnehmen?“, sagt er. „Was denn mitnehmen?“
Ich zucke mit der Schulter.
„Wollt das nur noch mal sehen.“ Er haucht gegen das Fensterglas. „Wenn du mit allem hier fertig bist …“, sagt er dann und klopft gegen die Scheibe.
„Zurück natürlich.“
Er sieht auf die Bodenplatten und lächelt. „Aber bist ja nicht aus der Welt.“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, bin ich nicht.“
Er geht die Stufen hinunter. Schritte im Kies. Er ist weg.

In der Luft der Geruch von Harz und Rinde. Vielleicht verbrennt der alte Göke wieder sein Ausputzholz. Apfelbäume, Espe und Akazie. Heiermann die Stunde. Wie früher. Ich lege meine Hand auf das Geländer. Das Metall ist feucht. Diesmal schließe ich die Tür. In der Küche stelle ich das Radio an. Im Vorgarten wuchert Giersch und Schafgabe. Wolkenloser Himmel, ganz grau, nur ein schmales, helles Band am Horizont.

Hinten im Schrank steht der Kaffee. Ich öffne die goldfarbene Dose, atme den vollen, erdigen Geruch. Drei Löffel Pulver und drei Löffel Zucker auf eine Tasse. Nirgendwo schmeckt der Kaffee so wie in dieser Küche. Stark, süß, mit einem Schuss Rohmilch. Ich nehme den Topf aus dem Regal und setze Wasser auf. Das Zischen des Gasherds. Das Anreißen des Streichholzes – das Warten, bis sich die Flamme blau verfärbt. Immer zuerst warten, bis sich die Flamme blau verfärbt. Ich setze mich an den Tisch. Von hier aus kann ich das Wohnzimmer einsehen, ein Stück der Veranda. Wie er auf dem Sessel sitzt, die Seite eines Buchs umblättert, an der Pfeife zieht.

Das Wasser kocht. Als ich aufstehe, spüre ich einen kalten Luftzug.

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