Die Freigabe

Die Ampel ist rot. Ich lasse eine Hand auf dem Lenkrad liegen und blättere mit der anderen durch den Ordner.
„Mach doch die mal rein.“
Sie zieht die CD aus der Tasche und fährt mit den Fingerspitzen über den Titel. „Terry Reid“, sagt sie. „Haben wir in Irland immer gehört.“
„Stimmt, ja.“ Ich schüttele den Kopf. „Dass du dich daran erinnern kannst.“
Sie zuckt mit den Schultern. Dann tippt sie auf das Armaturenbrett. „Was hast du mit dem Jimney gemacht?“
„Der hatte fast Dreihunderttausend runter …“
Die Ampel schaltet auf Grün. Der Kiosk. Die Post. Die katholische Kirche, die seit Anfang des Jahres leer steht. Dann sind es nur noch Felder. Lange Streifen am Straßenrand. Hafer. Raps. Erbsen. Dahinter Rotbuchen. Die Sonne steht tief, ich klappe die Blende herunter.
„An wen hast du den Jimney verkauft?“
„Hab‘ ich in Zahlung gegeben“, sage ich und drehe die Musik leiser. „Hätt‘ sich einfach nicht mehr gelohnt, wenn da was dran gewesen wär‘, das ist nachher wie der Kölner Dom, biste ständig am reparieren. Und der hier, das war `n gutes Angebot.“ Sie dreht den Kopf weg, ich sehe auf ihr dichtes, blondes Haar, es ist das Haar ihrer Mutter.
„Warum fragst du?“
Die schmalen, braunen Augen hat sie von mir.
„Ach, nur so, ich hab‘ damit fahren gelernt … “
„Ja, ich weiß, bei Kambecks im Hof …“, sage ich, und da lächelt sie das erste Mal.

Sie trägt ein weites Kleid aus bedrucktem Stoff, eine Halskette aus Holzperlen, die Haare zu einem lockeren Dutt gebunden. Nach einer Weile fallen ihr meine Blicke auf. „Was?“
„Hast dich verändert.“
Sie lacht. „Findest du?“
„Ja“, sage ich. „Ich finde schon.“
Die Häuser werden immer weniger.
„Vom neuen Bahnhof“, sagt sie und klopft mit den Knöcheln gegen die Seitenscheibe. „Da sind es jetzt ja nur noch vier Stunden mit dem ICE …“
Ich nicke schweigend. Das Haus liegt am Ende eines langen Schotterwegs, versteckt hinter einer Reihe Kiefern. Das Dach schimmert durch die Äste. Als ich bremse, graben sich die Reifen durch den Rollsplit.

Die Hunde im Zwinger beginnen zu bellen. Sie öffnet die Beifahrertür, lässt die Hand für einen Moment auf dem Griff liegen. Zwei ihrer Nägel sind rot lackiert, der Lack bereits abgeblättert. Auf der Innenseite des Zeigefingers eine Tätowierung – ein Schnäuzer mit gezwirbelten Enden, ganz in schwarz. Die Haut an ihren Schultern ist gebräunt, am Nacken hellrot von der Sonne. Sie bleibt vor dem Zwinger stehen, kniet sich hin, steckt eine Hand durch die Stäbe. Die Welpen kommen aus dem Dunkelbereich, nehmen Witterung auf, lecken über ihren Handballen. Bargo, die Hündin, hebt kurz den Kopf, bleibt aber liegen, noch erschöpft vom Werfen. Ich nehme ihre Tasche von der Rückbank.
„Wie viele sind es dieses Jahr?“
„Sechs Stück“, sage ich und lehne mich gegen das Gatter.
„Und gibst du sie alle ab?“
„Ja. Zwei gehen nach Schweden …“
Sie streicht einem der Welpen über den Kopf. „Wir haben in der WG auch einen Hund, ein Mischling aus dem Tierheim. Wir haben ihn Butz getauft.“
„Butz?“
„So hieß der Pudel von Schopenhauer.“
„Von Schopenhauer … “
„Ja, Schopenhauer war ein Philosoph, der …“
„Ich weiß schon, wer Schopenhauer war, keine Sorge.“
„`tschuldigung“, sagt sie schnell. „War nicht so gemeint.“
„Alles gut. Gehen wir erstmal rein.“

Ich stelle ihre Tasche neben die Garderobe und werfe meine Jacke über einen Küchenstuhl.
„Du hast ja richtig aufgeräumt“ sagt sie und zieht grinsend die Fingerspitzen über die Tischplatte.
„Möchtest du was essen oder trinken?“
„Ja“, sagt sie. „Hast du Wein?“
„Am frühen Nachmittag?“
„Trinken macht doch während des Tages am meisten Spaß, oder hast du heute noch was vor?“
Sie lehnt am Kühlschrank, eine Augenbraue lässig nach oben gezogen.
„Wein“, wiederhole ich und muss lachen. „Rot oder Weiß?“
„Rot, wenn du hast“, sagt sie und setzt sich an den Tisch.
Ich ziehe eine Flasche Gamay aus dem Regal und stelle sie auf die Anrichte. „Gefällt’s dir in Berlin immer noch so gut?“
„Ja, Berlin ist großartig.“
Der Griff des Korkenzieher ist aus Metall und kalt, die Spitze verschwindet ohne Druck im Kork. Ich kann den Wein riechen, sein Duft erinnert mich an vergorene Kirschen im Spätsommer. Ich nehme zwei Gläser aus dem Schrank, gieße ein und warte, bis sie den ersten Schluck genommen hat.
„Ist gut, `n guter Wein.“ Sie stellt das Glas vor sich auf den Tisch. „Wie machen wir das eigentlich? Soll ich oben schlafen?“
„Kannst es dir aussuchen. Ich schlaf‘ im Arbeitszimmer.“
„Im Arbeitszimmer? Warum das denn?“
Ich starre in den hellen, karmesinroten Wein. „Wenn ich aus dem Fenster seh‘, dann ist da der Wald, und …“
Sie nimmt noch einen Schluck und streicht sich Haare aus dem Gesicht.
„Ich hab für uns beide gekocht, Wildschweingulasch.“
„Papa“, sagt sie leise und verzieht die Mundwinkel.
„Was denn? Was ist denn los?“
„Ich ess‘ kein Fleisch … schon seit zwei Jahren nicht mehr.“
Ich nehme einen Schluck Wein, behalte ihn am Gaumen. Vergorene Kirschen im Spätsommer. „Das wusste ich nicht. Tut mir leid, Emma …“
Wir sehen uns einen Moment lang an, ich sehe die Augen ihrer Mutter, schmal, dunkel, vertraut. Dann winkt Emma ab. „Ach, macht nichts, ich schau einfach, was du sonst noch so da hast.“ Sie steht auf, lässt das Glas Wein stehen und geht zum Kühlschrank. Rispentomaten. Eine halbe Salatgurke. Zwiebeln. Schwarzbrot. Butter. Frischkäse. Sie legt alles auf das Holzbrett neben dem Herd.
„Eier“, frage ich. „Isst du noch Eier?“
Als sie nickt, hole ich zwei aus der Packung, schlage sie über einer Schüssel auf, verrühre sie mit einer Gabel. Wir stehen vor dem Herd, sie schneidet die Tomaten zu kleinen Würfeln, hält das Messer dabei locker in der Hand. Ich zerlasse ein Stück Butter in einer der gusseisernen Pfannen, gieße die Eier dazu, schwenke die Pfanne, bis die Masse sich verteilt hat.
„Warum isst du kein Fleisch mehr?“
Sie vermengt die Tomaten mit hauchdünn geschnittenen Gurkenscheiben, streut Salz und Pfeffer darüber und öffnet das Olivenöl. „Weil das einfach grausam ist … diese ganze Massentierhaltung, wie sie die Tiere da quälen und alles …“
Ich sehe in die Pfanne, auf die Blasen, die sich am Rand des Omeletts gebildet haben. Sie träufelt Öl über Tomate und Gurke und sieht mich an.
„Ja“, sage ich. „Ja, du hast Recht.“ Ich wende das Omelett – die Seite ist perfekt geworden, ganz gleichmäßig hellbraun.
„Gibst du mir mal den Schnittlauch?“
Sie nimmt den Bund aus dem mit Wasser gefüllten Einmachglas und legt es auf das Schneidebrett. Die Spitzen der Halme sind verfärbt, ich schneide sie ab, nehme nur die grünen Enden, verteilte sie über dem Omelett.

Am Tisch sitzen wir uns gegenüber. Sie hat ein Bein auf dem Stuhl untergeschlagen, ihre Haare hängen fast im Teller. Zum Essen benutzt sie nur eine Gabel.
„Das ist gut“, sagt sie und schiebt sich ein Stück Omelett in den Mund. Ich zerkaue eine Tomate, spüle mit einem Schluck Wein nach. „Müsste nachher noch mal kurz raus, an `ner Kanzel was reparieren, aber `s dauert nicht lang, ist nur eine Sprosse austauschen.“ Ich hebe die Augenbrauen. „Kannst auch fahren, wenn du willst.“

Sie sieht klein aus hinter dem Steuer. Wie sie das Lenkrad umklammert, bis ihre Knöchel weiß werden. Ich denke an das Glas Wein, das leer auf dem Küchentisch steht, doch da startet sie schon den Motor. Der Defender macht einen Satz nach vorne.
„Sorry“, sagt sie und beißt sich auf die Unterlippe.
„Kupplung langsam kommen lassen …“
Sie beugt sich nach vorne und schließt die Augen. Ich höre den Schlüssel in der Zündung klicken. Das Aufheulen des Getriebes. Sie starrt durch die Frontscheibe, legt beide Hände auf das Lenkrad. Wir fahren im Schritttempo los.

Die Einfahrt ist abschüssig, mündet in einer scharfen Kurve. Neben dem Weg fließt ein Bach, auf der anderen Seite mächtige Holzpolter, alles Käferholz. Die Harvester stehen noch im Kahlschlag. Der Wagen gerät ins Schlingern, sie lenkt dagegen, und für einen Moment denke ich, sie verliert die Kontrolle über das Fahrzeug, doch dann gibt sie richtig Gas, wir passieren die Wasserscheide, die den Weg kreuzt. Schotter schlägt gegen den Unterboden, Schlammspritzer landen auf der Windschutzscheibe. Sie lacht, laut und aus vollem Hals. Nach hundert Metern zeige ich an, dass sie in einen Wirtschaftsweg abbiegen soll. Herunterhängende Äste streifen über Motorhaube und Dach. Der Weizen ist abgeerntet. Auf ein paar Feldern steht noch Mais, die Kolben braun, vertrocknet bis in die Ähren. Der Sommer war lang und zu heiß.
„Du kannst da vorne halten“, sage ich und zeige auf eine umzäunte Bestallung. Kühe stehen äsend auf der Weide, sehen uns träge aus feucht glänzenden Augen hinterher. Sie tritt auf die Bremse. Der Wagen kommt mit einem Ruck zum Stehen. Wir bleiben einen Moment sitzen, sehen schweigend aus der Frontscheibe. Der Ansitz steht in zweiter Reihe, neben einer alten, knorrigen Eiche, davor ein Wildacker. Die Blüten der Süßlupinen wirken aus der Ferne wie zarte, blaue Federn.

Ich steige aus, nehme Werkzeugkasten und das auf Maß gesägte Brett von der Rückbank und lehne mich über den Beifahrersitz. „Den Rucksack, wenn du den mitnehmen könntest, ja?“
Sie nickt. „Klar.“
Wir gehen an der Scheune vorbei, den Hang hinauf. „Musst aufpassen“, sage ich und nicke Richtung Zaun. „Da ist Musik drauf.“
Sie bleibt stehen, sieht über das angrenzende Maisfeld zurück zum Defender. „Tut mir leid, ich fahr‘ sonst nur mit dem Rad, ich bin bestimmt zwei Jahre kein Auto mehr gefahren.“
„Mach dir mal keinen Kopf.“
„Okay“, sagt sie. „Dann ist ja gut.“
Wir gehen weiter. Es wird kühler. Die Eiche ist hoch gewachsen, die Krone lässt wenig Licht durch. Das Dach der Kanzel ist schon lange nicht mehr dicht. Ich reiße die Sprosse aus der Leiter und schmeiße das morsche Holz unter den Ansitz. „Gibst du mir mal den Hammer aus dem Kasten?“
Sie stellt den Werkzeugkasten auf die Erde, klappt das oberste Fach auf und nimmt den Schieferhammer heraus.
„Danke dir“, sage ich und klemme mir einen Nagel zwischen die Lippen.
„Soll ich festhalten?“
„Ja, ja das wäre gut.“
Sie steigt über den Werkzeugkasten, tritt die Himbeersträucher platt, die um den Ansitz wuchern und drückt das Brett auf den Balken. „Bisschen rüber, das muss bündig anliegen.“ Sie nickt und zieht die Enden übereinander. Der Nagel treibt gleichmäßig in das Holz. „Willst du bei dir die Seite machen?“, frage ich und halte ihr den Hammer hin. Emma nimmt ihn an der Spitze, lässt ihn über die offene Handfläche gleiten und umfasst mit einer schnellen Bewegung den Griff.
„`n Nagel, Papa, ich brauch noch `n Nagel.“ Ich reiche ihr einen Sparrennagel aus meiner Westentasche, sie platziert ihn mittig auf dem Holz, fixiert ihn mit zwei, drei kurzen Schlägen, treibt ihn dann mit mehr Kraft weiter in das Holz, bis der Metallkopf verschwunden ist.
„Bombenfest“.
Ich rüttelte an der Sprosse. „Du bist geschickt.“
„Das kann ich ja schon mal nicht von dir haben“, sagt sie und lacht. Ein Mäusebussard fliegt über das Maisfeld hinweg, landet auf der Feldkante, einem schmalen Streifen Erde, verharrt kurz, breitet die Flügel aus und schwingt sich mit ein paar Schlägen wieder empor. Emma setzt einen Fuß auf die unterste Sprosse, nach außen, wie ich es ihr als Kind schon beigebracht habe. Immer einen Fuß und eine Hand an der Leiter. Oben klappt sie die Sitzbank um. Ich schultere den Rucksack und folge ihr. Die Kanzel ist von drei Seiten offen, die Sitzbank lang und tief. Im Sommer habe ich hier oft auf Schwarzwild angesessen, bei gutem Mondlicht gewartet, bis sie aus dem Mais wieder in den Wald gewechselt sind. Ich sage ihr nichts davon. Wir sitzen still nebeneinander. Sie streckt einen Arm aus, lässt ihre Hand auf der Schießlatte liegen. Das Licht ist jetzt fast schattenlos. Ich beobachte den gegenüberliegenden Waldrand, es geschieht einfach, es ist ein Reflex, alle Jäger tun das. Auf die kleinste Bewegung achten, jede Unregelmäßigkeit, jede Unruhe. Aber ich beobachte auch Emma, wie sie da sitzt, langsam ein und ausatmet, wie die Ruhe beginnt, auf sie einzuwirken. Den Bock, der am Rand des Wildackers auftaucht, sehen wir im gleichen Moment. Ihr Blick weitet sich, sie richtet den Oberkörper auf, und ich lege den Zeigefinger über meine Lippen.

Ich ziehe vorsichtig die Kordeln des Rucksacks auseinander und drehe die Schutzkappe vom Spektiv. Der erste Blick gehört ihr, gehört Emma. Sie nimmt es mir aus der Hand, beugt sich zur Seite, stellt den Fokus scharf. Es ist ein alter Bock, großer Vorschlag, die Vorderläufe stehen breit, kaum mehr Rosenstöcke. Sie hält das Spektiv ruhig, ich kann sie atmen hören. Der Bock kommt langsam näher, verhofft immer wieder, äst. Sein Gehörn ist ausgeprägt, ein guter Sechser, ein braver Bock. Er hebt den Kopf, sieht in unsere Richtung, ich kann die dunklen Lichter erkennen. Wir bleiben so sitzen, ganz ruhig, abwartend, beobachtend, bis er am Ende des Wildackers angelangt und fast außer Sichtweite ist.
„Den kenn‘ ich, den Bock“, sage ich leise. „Hab‘ ich letztes Jahr schon gesehen, hat hier seinen Einstand.“
Emma schüttelt den Kopf. „Wirst du ihn schießen?“
„Nicht heute jedenfalls.“

Auf dem Rückweg hakt sie sich bei mir ein, ich spüre ihre kleine, warme Hand an meinem Unterarm. Die Kühe blöken, wir beide lachen. Dann bleibt sie stehen, sagt: „Warte mal“, und rennt zurück zum Zaun. Zuerst denke ich, sie will die Kühe streicheln, aber sie streckt die Finger aus, um den elektrischen Zaun zu berühren. Als sie den Schlag abbekommt, schreit sie kurz auf, doch sie hat keine wirklichen Schmerzen, das weiß ich, es ist nur der Schock, dieser erste, kurze Moment. Wir gehen weiter, unsere Schultern berühren sich, sie gibt mir einen leichten Schubs. Am Defender überreicht sie mir die Schlüssel.
„Danke“, sagt sie. „Das war schön.“
Die Rückfahrt über lasse ich das Radio ausgeschaltet. Nur das sonore Geräusch des Motors.

Später in der Küche setze ich Kaffeewasser auf. Sie schenkt sich noch ein Glas Wein ein. „Mutter hat nach dir gefragt.“
„Ach ja?“
Sie nickt.
„Geht’s ihr gut?“
„Ich denke schon“, sagt sie und nippt am Glas. „Ja, ich denke, ihr geht es gut.“
„Wo hast du sie gesehen?“ Ich fülle einen Fingerbreit gemahlene Bohnen in die Kanne und nehme den Topf vom Herd. „Du erinnerst mich übrigens an sie“, sage ich, und Emma verdreht die Augen. Ich kippe das sprudelnde Wasser in die Kanne und rühre mit einem Essstäbchen vom Vietnamesen um. „Gehen wir ins Wohnzimmer.“ Sie nimmt die halbleere Flasche Gamay mit und lässt sich in den Ledersessel vorm Kamin fallen. Ich gieße den Kaffee in eine alte Porzellantasse und öffne den Humidor, der auf dem Fenstersims steht. Das Zellophan knistert, als ich die Partagas aus der Verpackung ziehe.
„Sie hat mich besucht“, sagt Emma dann, und ich halte inne, rieche am hellen, seidigen Deckblatt – Süße, Erde, im Hintergrund Kräuter. „Wann das denn?“
„Letzten Monat.“
Ich nehme die Kappe der Zigarre zwischen die Lippen, feuchte sie mit der Zungenspitze an, schiebe das Ende in den Cutter. „Ja, für sie ist das auch näher – Berlin, und ehrlich gesagt, glaub‘ ich, dass sie einfach mehr Zeit hat.“ Eine kurze, entschlossene Bewegung, die beiden Klingen schnappen zu, schneiden den Tabak. „Ich hab‘ das Revier, die Hunde, und das Haus …“
„Ich weiß“, sagt Emma. „Das weiß ich doch alles.“
Es ist seltsam, sie so zu sehen. Es ist nicht nur die Tätowierung oder die Art, wie sie sich kleidet. Als Kind hat sie ständig Sachen fallen gelassen. Ich öffne die Streichholzschachtel und reiße eines an. Die Flamme zischt nach dem ersten Entzünden und brennt ruhig weiter.
„Hast du eigentlich einen Freund in Berlin?“ Ich spüre den Tabak an meinen Lippen, ziehe die Flamme ein, die Glut leuchtet kirschrot auf.
„Wie kommst du denn jetzt da drauf?“
„Keine Ahnung, einfach so. `tschuldigung, war blöd von mir.“ Wir schweigen eine Weile, dann fragt sie: „Und was wäre, wenn ich einen hätte?“
Ich nehme zwei, drei kleine Züge, danach einen langen, tiefen, behalte den satten Rauch ein paar Sekunden lang im Mund. „Dann würd‘ ich ihm mit der .308 in die Kniescheiben schießen.“
Sie lacht. „Das würdest du nicht.“
„Nein“, sage ich. „Natürlich nicht.“
„Hab‘ ich gar keine Zeit für, für `ne ernsthafte Beziehung, ist so viel los grad – Uni, WG, und ich will mich da nicht festlegen, ich will erstmal meine Freiheit genießen.“
Ihr Gesicht im Halbschatten. Die Wangen rosa. Ihre Haut ganz glatt und straff. Ich lehne mich zurück und nehme einen Schluck Kaffee. „Hat sie ihren neuen Typen dabeigehabt? Ich meine, als sie dich besucht hat?“
Sie nickt. „Was willst du denn wissen?“
„Nichts.“ Ich nehme noch einen Zug, lege die Zigarre dann im Aschenbecher ab. „Ich will gar nichts wissen.“
„Er ist ganz anders als du“. Sie gießt sich Wein nach, sie gießt das Glas dreiviertelvoll. „Er geht ins Fitnessstudio und fährt Cabrio.“
„Cabrio … “
Sie nimmt einen großen Schluck Wein. „Ja, so einen kleinen, roten Flitzer mit zwei Sitzen.“
„Auch noch rot …“
Ihre Zähne blitzen auf, als sie lacht, und dann lache auch ich. „Schön, dass du hier bist.“
„Ja, ich habe dich auch vermisst“, sagt sie, sagt Emma, sagt meine Tochter.

Sie hält das Glas in der Hand, die andere liegt locker in ihrem Schoß. So, wie sie da sitzt, ganz entspannt, mit offenen Haaren und aufmerksamen, wachen Blick, da wirkt sie um so viel älter, als sie ist. Sie wirkt wie eine Frau, denke ich, und natürlich weiß ich, dass sie schon lange kein Mädchen mehr ist, dass sie erwachsen ist, eigene Entscheidungen trifft, ein eigenes Leben lebt, in Berlin, weit weg, in einer WG mit Hund und Schopenhauer …

Ich betrachte sie, ich versuche sie mit fremden Augen zu sehen, so wie jeder andere Mann sie auch ansehen würde, und dann erschrecke ich über mich selbst. Sie ist müde, ihre Augen fallen immer wieder zu. Ich nehme ihr das Glas Wein aus der Hand und sage: „Geh doch schlafen, Emma. War `ne lange Fahrt und auch `n anstrengender Tag für dich.“
„Wäre das okay?“
„Aber selbstverständlich.“
„Dann … ich glaub‘, ich schlaf oben.“
„Du weißt ja, wo alles ist. Komm morgen einfach runter, okay?.“
„Ja, okay.“
Sie umarmt mich, ich drücke meine Nase in ihr Haar, rieche die Kopfhaut, und so hat sie schon als Kind gerochen, wie eine Salzwiese nahe am Meer. „Schlaf gut.“
„Ja, du auch.“

Ich sehe ihr hinterher, wie sie im Türrahmen noch einmal stehenbleibt und zum Abschied winkt. Das Knarren der Wendeltreppe. Die Geräusche ihrer Schritte auf den Dielen im Obergeschoss. Dann Stille. Ihr Zimmer habe ich so gelassen. Wer weiß schon, was nach dem Studium ist? Es wäre einfach eine weitere Möglichkeit. Sie entscheidet.

Die Hunde warten. Die Welpen bekommen zwei Mal am Tag ihr Fressen, und sie verlassen sich darauf. Ich enttäusche sie nicht, ich enttäusche sie nie. Aus der Dunkelheit des Zwingers in den Auslauf – das Geräusch ihrer Pfoten auf den Hackschnitzeln, ein leises, kaum wahrnehmbares Scharren. Ich spüre die Wärme ihrer Körper, als sie sich um meine ausgestreckte Hand sammeln, sie wittern den Rüdemann, sie warten. Ein Welpen muss kurz nach der Geburt an den Zwinger gewöhnt werden, ansonsten wird es immer schwieriger. Der Zwinger härtet sie ab, denn ein Hund, den du erfolgreich bei der Jagd einsetzen willst, muss bei jedem Wetter raus. Wenn du sie an den Zwinger gewöhnst, werden sie jammern, sie werden jammern und bellen, aber eins darfst du nie tun, du darfst sie niemals aus dem Zwinger holen, denn dann lernen sie, dass jemand kommt, um sie von ihrem Alleinsein zu erlösen. Nein, du bist es, der bestimmt, wann der Hund den Zwinger verlassen darf, nur du alleine, sonst niemand.

Im Arbeitszimmer ist es dunkel und ruhig. Kühle Luft weht durch das geöffnete Fenster. Die Borke der Stieleiche glänzt im Mondlicht, der Stamm wirkt so noch mächtiger – ein solitär stehender Baum, seit Jahrhunderten trotzt er den Wettern, überdauert Zeit und jede menschliche Regung. Ich fasse an die Gardine, fühle den Stoff, meine Fingerspitzen gleiten über die rauen Kanten. Dann lege ich mich halb angezogen auf die Couch. Ich lasse das Fenster offen, sehe auf den schmalen Keil Himmel im Dachkreuz. Sterne funkeln, draußen kriecht etwas durch das Laub, vielleicht ein Marder, im Hintergrund singt ein Waldkauz – ein langgezogener Laut, hoch, anschwellend, fast wie Jaulen, dann kurze Stille, danach wird der Gesang ein im Ton wechselndes Klagen, ein schnelles Hin und Her, zitternd, entrückt. 23:19. Wärme unter der Decke, Muskeln entspannen. Die Müdigkeit kommt schnell.

Ich bin da, sage ich, ich komme, und meine Stimme klingt rau, rau und gedämpft, als spräche ich in Erde, und da unten ist der Fluss, die Biegung, lang und sanft geschwungen, das Wasser glitzert in der Mittagssonne, ein Aalschokker zerschneidet die Oberfläche, gleitet lautlos an mir vorüber, hinterlässt kräuselnde Wellen. Manche sagen, hier läge der Schatz der Nibelungen begraben, irgendwo im Schlick, unter Schichten von Sand und Steinen, doch sie haben natürlich nie etwas gefunden, alles Träumer, ich gehe die Böschung hinunter, sehe Emma, die schon bis zu den Knien im Wasser steht, sie winkt und ruft, ich solle auch kommen, das Wasser sei warm, viel wärmer als man denkt, nur noch ein paar Schritte, ein paar Schritte durch den Röhricht, ein Saum aus Schlick, Gänsefuß, Zweizahn, Ehrenpreis, und da ist auch der scharfe, stechende Geruch nach Grassilage, die zu feucht, zu welk ist, er weht von den Silos herüber, große, metallisch glänzende Zylinder weit hinten am Horizont, die tief stehende Sonne blendet mich, das Licht ist überall, und ich höre Emma lachen, ich muss meine Augen schließen, denn da ist dieses grelle, grelle Licht, ich stehe da wie blind, Emmas Lachen, das sich entfernt, und dann wird es auf einmal dunkel, dunkel und kalt, ich spüre nasses Gras unter meinem Rücken, Emmas Hände auf meinem Gesicht, ich weiß, dass es ihre sind, ich fühle es, diese feingliedrigen Hände mit den schmalen, langen Fingern, ihr Atem, warm und nah, ich kann ihre Haut riechen, ihr Haar, salzig wie eine Marsch, dann öffne ich meine Augen, ihr Fleisch, das auch mein Fleisch ist, so weiß wie Milch, und der Himmel über uns stahlfarben, die Wolken rasend schnell, sie legt ihre Hände auf meinen Mund, formt sie zu Fäusten, ihre Knöchel drücken auf meine Schneidezähne, bis sie mit einem hellen Knacken abbrechen, der Geschmack von Blut, der sich im Rachen ausbreitet, und da ist ein feiner Schmerz, der vom Kiefer über das Felsenbein pulsiert, aber ich spüre ihn nicht, ich spüre den Schmerz nicht …

Hitze auf meinem Gesicht, Hitze überall, Haut, Unterleib. Ich atme lautlos in die Dunkelheit des Zimmers, drehe meinen Kopf zur Seite und sehe dabei an die Wand, es dauert nicht lang. Dieses Gefühl habe ich fast vergessen, dieses eine, ewige Gefühl – das warme Beben nach der letzten Berührung, es gibt kein Zurück mehr, das Zucken, das Vibrieren, die zitternden, ganz langsam erschlaffenden Muskeln … Ich starre auf die rot glühenden Ziffern des Weckers. 5:24 Die Sonne wird in einer Stunde aufgehen. Es ist, als habe diese Zeit keine Eigenschaften, als gehöre sie weder zur Nacht noch zum Tag. Ich ziehe den Pullover aus, trockne meinen Bauch mit dem Unterhemd ab, zerknülle es, werfe es in den Schrank.

Das Haus ist alt, die Balken werden feucht, arbeiten, manchmal knarrt es, ansonsten ist da nur Stille. Ich nehme den Deckel vom Topf. Fettaugen schwimmen auf der Oberfläche. Wacholder, Lorbeerblätter, schwarzer Pfeffer, Nelken. Ich schlürfe das Stew aus der Kelle, die Stücke zergehen auf der Zunge, so zart sind sie. Zwei Jahre kein Fleisch. Ich kaue langsamer.

Nebel kriecht über die Lichtung. Noch sind die Farben gedämpft, verschleiern den gerade beginnenden Tag. Ich mache frischen Kaffee und setze mich mit der Tasse auf die Bank vor dem Haus. In der Luft der Geruch des nahenden Herbstes; Tau, nasses Laub, aufgewühlte Erde. Kurz vor Sieben dumpfe Motorengeräusche, die über die Felder bis zum Haus dringen. Grelles Scheinwerferlicht zerschneidet den letzten Rest Dunkelheit. Sascha parkt seinen Subaru neben dem Schuppen und steigt aus.
„Morgen“, sagt er und winkt.
„Morgen Sascha, bist aber früh unterwegs.“
„Wollt‘ nur eben die Zinkbleche rüberbringen, hab‘ ich gestern direkt fertiggemacht inner Werkstatt. Könnten wir endlich mal die neue Kanzel aufstellen unten am Herdchen aufstellen, wird ja langsam Zeit …“
„Ja, hast Recht.“ Ich gehe um den Wagen herum. Neu verpackte Dachpfannen auf der Ladefläche. „Und heute gehste schwarz?“
Er zuckt mit den Schultern. „Von nix kütt‘ nix.“
„Du machst das schon“, sage ich und hebe die Tasse in meiner Hand. „Willste auch einen?“
„Wenn du mich so fragst … die paar Minuten hab‘ ich noch.“

Wir gehen durch die Waschküche ins Innere. In der Küche ist es schon hell, da erste volle Licht, es riecht nach Rosmarin und Wacholder. „Setz dich“, sage ich und zeige auf einen der Stühle. Die Herdplatte ist immer noch heiß, das Wasser im Topf beginnt sofort wieder zu sprudeln.
„Ich freu mich auf die Drückjagd, ehrlich, ich will endlich `ne Sau schießen.“
„Musst einfach nur `n bisschen Geduld haben.“
Er zeigt auf die Trophäe, die im Wohnzimmer über dem Kamin hängt. „Du warst schon überall, hast alles erlegt, was du wolltest – und ich hab erst `n Knopfbock.“
„Besser als nichts, oder?“ Ich reiche ihm die Tasse, und er nimmt die Milchkanne, gießt einen Schluck in den Kaffee, starrt auf die heller werdende Oberfläche.
„Du kriegst `n guten Stand, unten an der Schlafkanzel, direkt neben dem Tierarzt, also mach dir mal keine Sorgen.“
„Danke“, sagt er und nimmt einen großen Schluck. „`s bedeutet mir was.“
Wir trinken schweigend den Kaffee. Im Haus ist es immer noch still.
„Bei wem gehste arbeiten?“, frage ich nach einer Weile.
„Beim Herchenbach, der hat sich da was im Garten gebaut, für’s draußen sitzen, hier Kanasta und Bierchen, und da mach ich ihm das Dach …“ Er bricht mitten im Satz ab.
„Morgen … “ Sie spricht ganz leise, haucht die Worte.
„Emma“, sage ich und drehe mich um. „Meine Tochter, ist ein paar Tage zu Besuch.“
Sascha lächelt, senkt den Blick, dann sagt er: „Hallo“, und verschluckt sich fast. Ihre Wangen sind noch gerötet von der Bettwärme, das Haar fällt ihr in langen, dünnen Strähnen bis auf die Brust. Sie trägt ein ausgewaschenes T-Shirt, so kurz, dass ich ihren Bauchnabel sehen kann, ein ovales, dunkles Loch im Fleisch, auf ihrem Slip eine Comic-Katze mit großen, glänzend schwarzen Augen und Kussmund.
„Das ist Sascha, jagt jetzt bei mir im Revier und hilft mir hier und da, ich werde ja auch nicht jünger.“
Emma lächelt. „Gibt’s noch Kaffee?“, fragt sie, und ich nicke und zeige auf die Holztür, die zum Badezimmer führt. „Der Morgenmantel hängt neben der Dusche.“
Sascha stellt die Tasse auf die Anrichte. „Ich muss auch los, bin sowieso schon spät dran.“
„Ruf mich Montagabend mal an, dann gehen wir nochmal alles durch, und wenn du Zeit hast, machen wir das eben mit dem Ansitz.“ Er nickt, bleibt in der Tür stehen und dreht sich noch einmal um. „Ach ja“, sagt er. „Heute Abend ist `ne Party bei uns in der Scheune, mein kleiner Bruder geht ja demnächst zum Bund, da will er’s vorher natürlich nochmal krachen lassen. Also, wenn du Lust hast … “ Er lacht, ich kenne diese Art von Lachen, ein hinterlistiges, ein dreckiges Lachen, ein Lachen, das etwas verstecken soll, und er sieht nicht mich an dabei, er sieht über meine Schulter.
Ich begleite ihn zur Tür und warte, bis die Rücklichter an seinem Subaru aufleuchten.
„Nett“, sagt Emma. Sie hat sich die Haare hochgebunden und trägt meinen alten Bademantel aus blauem Frottee. „Nett“ wiederhole ich. „Ja, nett und `n bisschen dumm vielleicht …“
„Jetzt sag doch so was nicht!“
Ich lächle. Ich stelle die Tasse auf den Küchentisch. „Willst du frühstücken?“
Sie schüttelt den Kopf. „Mir reicht Kaffee, danke.“
Draußen klart der Himmel auf, ein tiefes, kräftiges Blau, kaum Wolken zu sehen. „Ich dachte, bei dem Wetter, da könnten wir doch ins Siebengebirge fahren, kleine Runde um den Drachenfels, da vielleicht `ne Kleinigkeit essen … was meinst du dazu?“
„Ja, das klingt nach `ner guten Idee“, sagt sie. „Kann ich vielleicht vorher noch schnell duschen?“
„Nimm dir einfach ein frisches Handtuch aus dem Regal.“
Sie nimmt noch einen Schluck und stellt die Tasse auf den Tisch. „Bis gleich“ sagt sie und verschwindet im Badezimmer.

Sie braucht mindestens eine halbe Stunde, so sind die Frauen eben, eine schnelle Dusche, und dann … Ich nehme die letzte Toscanello aus der Packung, zünde sie mit einem Streichholz an und kippe den Rest Kaffee in die Tasse. Draußen wird es wärmer, goldener Oktober, überall Eicheln an den Hecken und auf den Feldfluren, man findet kaum noch grüne, dafür ist das Schwarzwild satt. Sascha sitzt seit dem Sommer an, oft drei, vier Tage hintereinander, aber noch hatte er kein Glück. Fünfzig Stunden für eine Sau, das habe ich ihm von vorneherein gesagt, da hat er noch gelacht. Das Abwarten, die Geduld, das Überwinden und das Bereithalten … auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen. Ich zünde die Toscanello an, und der erste Zug, der schmeckt wie Urlaub, der schmeckt nach Italien im Spätsommer – das Branden der Gischt, das stetige Auf und Ab der Wellen, die Schaumkronen weiß und sauber, und das Meer ganz nah, sein Geruch in der feuchten Luft, streng, nach Salz und Tang, das leise Verbrennen des Tabaks, die Gespräche der Italiener im Hintergrund, Männer und Frauen, alt und jung, sie alle reden mit ihren Händen, mit ihren Augen, der Espresso ist stark und schwarz, und noch ein Zug, ein tiefer Zug, meine Brust hebt sich; gegrillte Auberginen, nach Trester duftender Grappa, die leicht gebräunten Waden junger Frauen, die dir einen kurzen, kessen Blick über die Schulter zuwerfen, noch ein Zug, Olivenhaine und rotbrauner Sand und Wein so dunkel wie Molasse … „Alles okay bei dir, Papa?“, fragt sie, ich öffne meine Augen, und da steht sie, Emma, Emma mit den nassen Haaren und der kleinen Furche unterm Kinn, Emma aus Berlin, Emma ohne Freund. „Ich hab` nur gerade von Urlaub geträumt, Toskana oder Tirol, Kiachl mit Sauerkraut, dazu literweise Gewürztraminer, ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern, solange ist das her …“
Sie nimmt das Frotteehandtuch, das sie sich um die Schultern gelegt hat und trocknet damit ihre Hände ab. „Du wirst noch richtig fett, wenn du ständig so `n Zeug frisst.“
„Bist du fertig im Bad?“
„Nur noch schnell die Haare föhnen, ok?“

Ich drücke die Toscanello auf einem Stein im Beet aus, packe zwei Flaschen Wasser auf die Rückbank und warte im Wagen. Sie trägt braune Cargohose, eines meiner alten T-Shirts und hat sich die Haare streng nach hinten gebunden.
„Siehst so aus, als hättest du dir was vorgenommen.“
„Nicht, dass du nachher noch dein blaues Wunder erlebst, ich geh nämlich seit letztem Jahr regelmäßig bouldern.“
„Was soll das sein?“
„Klettern, Papa, nur in `ner Halle. Kennst du nicht? Sind quasi künstliche Felsen, ist aber wirklich super Training, besser als Mucki-Bude oder so.“
„Künstliche Felsen“, wiederhole ich, ich sage es so vor mich hin, dann starte ich den Motor.

Während der Fahrt starrt sie aus dem Fenster, still zieht die Gegend vorbei; ausgelaugte Wälder, blattlose Bäume, große Rodungen, auf den Kahlschlägen mannshohe Holzpolter, die auf den Abtransport warten. Dann lange, zerstückelte Felder, Weizen, Raps und Mais, der dieses Jahr nur langsam und schlecht wächst. Auf manchen Schlägen ist schon die Zwischenfrucht ausgesät. Ich meide die Autobahn, fahre über Landstraßen, den Rhein im Blick, vorbei an den großflächigen Baumschulen, wo Setzlinge in langen, horizontalen Linien nebeneinander wachsen, ihre Stämme noch dünn und schwach. Ich bemerke es nicht gleich, aber dann erkenne ich ihn doch, den Duft, den sie verströmt.
„Sag mal, hast du was von meinem After Shave benutzt?“
Sie sieht mich an und lacht. „Schlimm?“
„Nein, aber … Old Spice?“
„Ich mag das“, sagt sie und riecht an ihrem Handgelenk. „Außerdem erinnert’s mich an dich.“
Und so wie sie das sagt, braucht es nichts weiter – keine Antwort, kein Erwidern, nichts. Nur Schweigen, Stille. Ich lächle und hoffe, dass sie nicht sieht, wie bitter dieses Lächeln ist. Während ich weiterfahre, lege ich ihr eine Hand auf die Schulter und reibe ihr Haar zwischen meinen Fingern, es ist immer noch ein wenig feucht.

Das Siebengebirge liegt da im feinkörnigen Nebel, der sich von Minute zu Minute auflöst. Wir sehen zu, wie er immer mehr der zerklüfteten Gipfel preisgibt, von den tief liegenden, sich um die Anhöhe schmiegenden Hängen mit den langen Linien aus Weinreben. Dazwischen Burgruinen, vergessene Bauten, quadratische, graue Gebäude, Bunker, Relikte der alten Bundesrepublik. Ich parke am Hang hinter einer Unterführung. Es ist früh, kaum andere Autos da. Wir steigen aus. Die Luft klar und kühl. Nach ein paar Schritten bleibt Emma stehen, um ihre Jacke zuzuknöpfen. Der Weg beginnt als Schotterweg, der flach ansteigt, durch dichten Wald führt. Ich atme tief durch den Bauch, bis meine Lungen gesättigt sind, der Kopf ganz leicht vom Sauerstoff. Nur das Geräusch unserer Schritte, ein leises Scharren, dann das Singen der Vögel, es klingt weit entfernt und fremd. Das Knarren der Äste, die sich im Wind biegen, die Baumkronen, die aneinanderstreichen.
„Weißt du noch, die Geschichte vom Drachen?“, frage ich und bleibe stehen.
Emma geht ein paar Schritte, legt ihren Kopf in den Nacken und lacht. „Die anderen Kinder redeten alle immer über den blöden Siegfried, aber deine Geschichte fand ich viel besser.“
„Weil es die einzige wahre ist … “
Sie sieht über ihre Schulter. „Du glaubst also, den fiesen Drachen hat’s endgültig erwischt?“
„Endgültig.“
„Da wäre ich mir aber nicht so sicher …“
„Nein, den hat’s erwischt. Glaub mir ruhig.“
Sie lacht noch einmal, dann gehen wir weiter. Die Baumkronen schließen sich über uns, es wird dunkler, stiller, der Anstieg allmählich steiler. Ich spüre ein Ziehen, ein Brennen in den Oberschenkeln, mein Körpergewicht lastet auf den Knien, und Emma hat Recht, ich werde zu fett, ich bin schon zu fett. Wir gehen schweigend nebeneinander, die Hände in den Jackentaschen, atmen ganz konzentriert.
„Bist du eigentlich mal in den Ofenkaulen gewesen?“
„Ewig her“, sage ich. „Aber ja, ich bin mal drin gewesen.“
„Und?“
„Dunkel …“
„Ach komm, jetzt lass dir mal nicht alles so aus der Nase ziehen. Dunkel!“
„Na ja, ist wirklich nichts Besonderes, halt eine Höhle, lange Gänge, dunkel, tief, überall liegen Steine rum, paar Fledermäuse, aber mehr ist da nicht.“
Emma spitzt die Lippen. „Und was hast du da drin gemacht?“
„Was soll ich da groß gemacht haben? Ich war damals `n kleiner Junge, wir wohnten gleich um die Ecke in Rheinbreitbach, und einer von den Älteren wusste eben, wo man da reinkommt …“
„Dann war’s so was wie `ne Mutprobe?“
„Mutprobe, nee, ich weiß nicht. Brauchst doch keinen Mut dafür.“
„Aber `n paar sollen sich da drin schon verlaufen haben“, sagt Emma. „Hab‘ ich jedenfalls gehört.“
„Ja, das glaube ich, das glaube ich gerne, sind ja auch viele Gänge, viele Schächte, aber, weißt du – ich verlauf‘ mich nicht, hab‘ ich noch nie.“
Sie geht ein paar Schritte, bleibt an einer Weggabelung stehen, dreht sich um. „Meinst du, man kommt heute noch da rein?“
Ich sehe ihr Lächeln, wie sie wieder die Augenbraue nach oben zieht. „Nein“, sage ich und schüttele den Kopf. „Ich jedenfalls kenne keinen Eingang mehr, der noch offen ist, wirklich nicht. Kalter Heinrich, das war der letzte, den haben sie schon in den Achtzigern zugemauert. Ist besser so, glaub mir, viel zu gefährlich, da unten ist ja mittlerweile alles einsturzgefährdet. Ist ja fast vierzig Jahre her, das ich da rumgekrabbelt bin, kannst du nicht vergleichen – das wäre heutzutage leichtsinnig.“

Der Weg führt über einen steilen Abhang, gibt den Blick frei auf das Tal, den Rhein, der durch die Sohle fließt, die Wasseroberfläche quecksilbrig in der Morgensonne. Die Luft hier oben ist kühler, ein schwacher Wind kommt von Südwest, weht durch die Wälder, bringt den Geruch von Kien mit sich, warm, erdig, eine Ahnung Terpentin. Das Atmen fällt mir leicht. Über den Hang, danach senkt sich der Weg in eine lange Gerade. Treppen führen zu einem asphaltierten Weg. Der Wald wird lichter. Ich kann die Umrisse eines Gebäudes erkennen, die symmetrischen Muster alten Fachwerks, der große, ausgestellte Erker, die grünen Schirme auf der Terrasse.

Das Milchhäuschen wirkt verlassen. Zwei Gäste an einem Tisch neben dem Eingang, ein älteres Pärchen, die an ihrem Kaffee nippen und aus den Fenstern starren. Ich warte am Tresen, bis die Bedienung in dem schmalen Durchgang zur Küche erscheint. In den hinteren Räumen ist es dunkel, und sie eine Erscheinung – groß, breit, mit einer cremefarbenen Schürze und einer altmodischen Bluse. Sie nimmt einen Bleistift aus einer Tasse, die neben den Spirituosen im Regal steht und notiert sich die Bestellung: eine Tasse Kaffee, draußen aber nur Kännchen!, ein Glas stilles Mineralwasser, einen Latte Macchiato. „Sie sitzen also draußen?“, fragt sie und sieht stirnrunzelnd an mir vorbei durch die offen stehende Tür. Der Wind hat ein paar Blätter auf den Tritt geweht. Eine Gruppe japanischer Touristen bleibt vor dem Cafè stehen. Sie tragen Kameras um den Hals, teuer und zerbrechlich aussehende Geräte, sie lachen, ein neugieriges Lachen, dann nicken sie und beginnen, Fotos zu schießen, eins nach dem anderen, ihre Hände umklammern die Apparate, die Finger bleiben in Bewegung. Klick, klick, klick.
„Ja, auf der Terrasse.“
Die Bedienung seufzt. „Gut, bringe ich.“

Emma hat sich ganz nach hinten gesetzt, weit weg von allen, an einen der runden, weiß lackierten Tische. Sie hält die Getränkekarte in den Händen und sieht auf, als ich mich neben sie setze.
„Hier war ich schon ewig nicht mehr.“
„Ist ja nicht viel los.“
„Besser so, haben wir unsere Ruhe.“ Ich greife in die Innentasche meiner Jacke und hole die Toscanello heraus. Als ich mir einen Zigarillo anzünde, schüttelt sie den Kopf und sagt: „Dass du immer noch rauchst …“
„Warum, wieso? Ich hab‘ doch nie nicht geraucht, du kennst mich doch nur so, als Raucher, rauchend.“
„Aber ich glaub‘, ich kenn‘ sonst wirklich niemanden, der raucht, also so“, sagt sie und zeigt auf den Zigarillo, der brennend in meinem Mundwinkel hängt, „ich meine, du rauchst ja echt wie `n Schlot, oder?“
„Ich rauche gerne“, sage ich. „Entspannt mich einfach.“
„Ja, und Mutter musste davon immer husten …“
„Nein, das stimmt nicht, da ist doch gar nicht wahr, sie hat immer so getan, als ob … nein, die musste davon nicht husten, die …“
„Der Kaffee und der Latte Machiatto?“ Die Bedienung stellt das hohe, schlanke Glas mit dem Machiatto vor Emma auf den Tisch, dann nimmt sie das Kännchen vom Tablet, dreht es mit dem Griff zu mir und platziert es auf einem aufgeweichten Bierdeckel.
„Vielen Dank“, sage ich, und sie nickt und stellt noch die Tasse neben die Kanne. Es ist eine einfache, weiße aus billigstem Porzellan, der Rand rau und matt, an einigen Stellen schon abgebrochen. „Kann ich dann auch gleich zahlen, ja?“ Sie bleibt neben mir stehen, öffnet langsam das Portemonnaie aus schwarzem Leder, das sie um ihre Hüften trägt. Ihre Finger sind breit, die Handrücken rot vom vielen heißen Wasser, vom Spülen, von der Arbeit. Ich höre, wie sie den Preis nennt, aber ich denke an etwas anderes – an das Husten meiner Ex-Frau, ihr Gesicht, wie sie sich immer so krümmte, als müsse sie sich gleich erbrechen. Dabei war es nur heißer Rauch. Ich reiche der Bedienung einen Zehn-Euro Schein und sage: „Stimmt so.“
Emma legt beide Hände um das Glas, nippt am Milchschaum. „Weißt du, früher, da war es so, früher hat deine Mutter es geliebt, wenn ich Pfeife geraucht habe … da saßen wir zusammen auf der Couch im Wohnzimmer, sie hat gelesen und ich habe geraucht, und da hat sie nie gehustet, nicht ein einziges Mal.“
Emma zuckt mit den Schultern. „Ist ja auch egal.“
„Nein, ist es nicht, es ist überhaupt nicht egal.“ Ich rutsche auf dem Stuhl hin und her. Die Metallstreben drücken sich durch den Stoff meiner Hose. Sie nimmt einen Schluck. „Und mit den Hunden?“
„Was ist mit den Hunden?“
„Du hast gesagt, du verkaufst welche nach Schweden …“
„Ja, ja, das stimmt, nach Schweden, überleg dir das mal.“
„Wenn sie da glücklich sind …“
„Es sind Jagdhunde, Emma.“
Sie nickt. „Kümmerst du dich eigentlich noch um was anderes, als um deine Hunde?“
Die Japaner stehen auf dem Schotterweg in Gruppen zusammen, sie sehen auf die Displays ihrer Kameras, die Gesichter leuchten, sie sprechen leise, entrückt, als sprächen sie mit sich selbst. „Wo mehr als Vier zusammenhocken, da wird’s ein Deppenhaufen, oder?“ Sie lacht, und ich lege meine Hand auf ihre, die klein wirkt, so klein, immer noch wie die Hand eines Kindes.

Wir lassen uns Zeit, trinken langsam, wir reden kaum, und wenn, dann nur small talk, über diesen und jenen alten Nachbarn, über Fahrräder mit Elektromotor, äthiopisches Essen, das sehr gut schmecken soll, und den Klimawandel, über den Emma natürlich besser Bescheid weiß als ich. Dann stehen wir auf und gehen. Früher Nachmittag, mehr Betrieb, Wanderer, Mountainbiker, Touristen. Ich kann sie alle riechen – ihr Eau de Cologne, ihre Seifen, der Schweiß, der ihnen aus den Poren dringt. Ich lege meine Hand auf Emmas Schulter, unsere Hüften berühren sich immer wieder, wir gelangen wieder in den Wald, unsere Schritte ganz leise auf dem Boden, der mit feuchten, braunen Nadeln bedeckt ist. Einmal die große Runde um den Lohrberg, wie früher, die metallisch glänzenden Sendeantennen ragen noch in den Horizont, dabei sind die Stationen längst abgestellt, es bleiben stumme Zeitzeugen, die Ära Adenauer, Kohl, Bonn als Hauptstadt, funktionierende Familien und loyale Ehefrauen, treue Ehefrauen, genügsame Ehefrauen … Emma hält an einem der sanft abfallenden Hänge, unten im Tal das Rauschen des Mirbesbach, vor uns erstreckt sich eine nackte Landschaft. Die Erde zerrüttet durch die Spurrillen der Harvester, überall liegen Fetzen heller Baumrinde, über die Stümpfe wächst Holunder, Schwarzdorn, wo früher Wald war, ist jetzt eine einzige Verletzung.
„Ist überall so“, sage ich. „Ist alles kaputtgegangen.“

Auf der Rückfahrt lege ich eine CD von George Brassens ein. Die leise gezupfte Gitarre, die sonore Stimme, die weichen Farben des Nachmittagslicht. Wir fahren, schweigen, ich muss an die Japaner denken, die durch die tiefen, deutschen Wälder stolpern, dabei ein Photo nach dem anderen schießen, wahllos tausende von unbedeutenden Momenten aneinanderreihen. „Doch“, sage ich, ich will es nicht sagen, tue es aber trotzdem, „`s gab da schon jemanden … Anfang des Jahres, ging nicht besonders lang, paar Monate nur, `ne Arzthelferin aus Hennef.“
Emma legt den Kopf auf ihre linke Schulter. „Warum erzählst du mir das?“
„Weil ich dachte, `s würd‘ dich vielleicht interessieren.“
„Nein, warum erzählst du mir das jetzt, auf der Rückfahrt, meine ich. Warum nicht in dem Cafe?“
„Hattest du mich denn gefragt?“
„Du hast das schon richtig verstanden, glaube ich …“
„Ich kann das einfach nicht, mich auf so was einlassen …“
„Auf was denn einlassen?“
„Du hast das schon richtig verstanden“, wiederhole ich, und da wendet sie den Blick ab und sieht wieder aus dem Seitenfenster.

Als ich in den Hof abbiege, sehe ich Saschas Toyota vor dem Haus stehen. Ich parke neben dem Zwinger, steige aus, lasse aber die Schlüssel stecken. Er sitzt auf den Treppen, eine halb gerauchte Zigarette zwischen den Fingern.
„Hannes“, sagt er, als er mich sieht. Er steht auf, sieht auf die Zigarette, auf Emma, dann gleitet sein Blick an meiner Schulter hinab ins Leere.
„Hannes, ich …“
„Ja? Was denn los? Immer raus damit.“
„Mir ist da was passiert. Unten an der Schönen Aussicht.“
„Was ist dir passiert?“
„Ich, also ich … ich hab‘ gedacht – ich hab‘ mittags angesessen, und da …“
Er schüttelt den Kopf, fährt sich mit dem Handrücken über den Mund. Emma geht an mir vorbei, und ich höre, wie sie die Haustür aufschließt.
„Also was ist los?“
„Ich hab` angesessen, weil … da hatten wir doch drüber geredet, weil ich nur den einen Knopfbock hab‘, und …“
„Komm, hör auf, Sascha, jetzt sag schon.“
„Da kam `n Bock auf den Wildacker, `n Sechser, und den hab‘ ich mit dem Glas beobachtet, und auf einmal steht `ne Ricke neben dem …“
„Und du konntest den Finger nicht gerade lassen?“
„Der stand breit, ich bin perfekt abgekommen, guck durchs Feuer, repetiere, aber dann, die steht da, die bleibt stehen, als wäre nix passiert, ich weiß auch nicht, und dann zieht der Bock übers Feld und is‘ weg.“
„Weg?“
Sascha nickt.
„Und Schweiß?“
„Ich hab nicht geguckt, Hannes, ich war so baff, ich …“
„Du warst so baff?“
„Hannes, scheiße, ich weiß, aber …“
Ich nicke in Richtung seines Toyota. „Nix aber, wir müssen nachgucken gehen, was denkst du denn, aber sofort! Ich geh meine Büchse und den Hund holen, und dann los.“

Er fährt schneller, als erlaubt. Ich halte mich an der Mittelkonsole fest und starre auf die blauen Adern an meinem Handgelenk. Meine Zunge klebt trocken am Gaumen. Bargo im Zwinger auf dem Rücksitz. Sie hechelt, stößt gegen die Gitterstäbe, spürt die aufgeladene Stimmung, die Nervosität. Ich drehe mich auf dem Sitz um, streiche ihr über die Schnauze, heißer Atem, das Zittern der Muskeln. „Nächste Woche, Sascha, nächste Woche ist die Drückjagd, verdammt. Paar Tage nur, paar Tage hätteste stillhalten müssen.“
„Ich weiß, Hannes. Tut mir leid, echt. Keine Ahnung, was da mit mir los war.“
„Gierig! Gierig biste geworden. Da reicht der Knopfbock nicht mehr, da muss noch schnell was anderes her, damit du abends bei der Party den großen Zampano machen kannst. So ist es doch, oder?“
Sascha schweigt.
„Das sind wir der Kreatur einfach schuldig, das ist das Mindeste – sauberer Schuss, und wenn da was schief läuft, auf jeden Fall sofort nachsuchen, das Tier von seinem Leid erlösen, das gehört sich so.“

Es dämmert bereits, als wir am Feldrand halten. Der Wind weht mir kalt ins Gesicht, er hat gedreht, kommt scharf aus Norden, was er in der Gegend selten tut. Ich öffne den Zwinger und lege Bargo den Schweißriemen an, sie versucht sofort, loszuziehen, ihr kräftiger Körper spannt sich an, sie senkt die breite Brust, hält die Nase tief, nimmt Witterung auf, ich kann sie kaum mehr halten.
„Wo ist der Anschuss?“
Sascha sieht über das Feld, zeigt auf eine Totholzhecke, zuckt mit den Schultern. „Da hinten.“
„Hast du nichts markiert?“
Er schüttelt den Kopf und senkt den Blick. Dann sagt er leise: „Nein, hab‘ ich nicht, ich hab nichts markiert.“

Wir gehen los, Sascha ein paar Schritte hinter mir, langsam, schwerfällig. Bargo zieht vorneweg, die Nase unten, auf dem feuchten Boden, sie schlägt einen Haken, rechts, links, korrigiert sich selbst.
„Musst immer den Anschuss markieren“, sage ich, Sascha bleibt stehen, und ich höre, wie er ausatmet.
„Denk nächstes Mal dran, ja?“
Er geht an mir vorbei, über das Feld, bis an den äußersten Rand, der mit dünnem Farn und Springkraut bewachsen ist. Dahinter beginnt der Wald; die Baumwipfel zeichnen sich scharf vor dem wolkenlosem Himmel ab, in den Rückegassen ist es schon dunkel. Blaue Stunde. Ich suche nach Anschußzeichen, mein Blick schweift über den Boden, Bargo zieht stärker, hechelt, es ist anstrengend, die Erde ist aufgeworfen, tief, jeder Schritt mühsam, der Puls schlägt bis in die Kehle, und auf der Zunge der Geschmack von Kupferpfennigen. Bargo bleibt am Feldrand stehen, den Fang kurz über der Erde. Da ist ein handtellergroßer Fleck, Schweiß in großen Tropfen, dunkel, fast schwarz, kleine Gewebestücke. Ich berühre die Stelle mit den Fingerspitzen, das Blut ist noch feucht, noch frisch.
„Leber“, sage ich und hebe eins der Stücke auf, zerkaue es langsam, ein bitterer, metallischer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. „Vielleicht auch Milz.“ Ich stehe auf, leuchte den umliegenden Bereich mit der Taschenlampe ab, Bargo bellt, kurz, laut, will arbeiten, ein paar Schritte weiter auf der Grasnarbe die ersten Ausrisse der Flucht, mehr Schweiß, ich schnalle den Hund, der mit einem entschlossenen, weiten Sprung über das Gebüsch in der Dunkelheit verschwindet.

Durch ein flachen Siefen, unten brackiges Wasser, ein stehendes Rinnsal. Der Hang ist steil, abschüssig, überall Holunder und morsche Baumstämme, ich gehe langsam, setze immer einen Fuß vor den anderen, bleibe im Gleichgewicht. Der Gewehrriemen reibt über die dünne Haut an meinem Hals, eine offene Stelle zwischen Hemd und Jacke, ich ziehe den Riemen auf die Schulter, der kurze, dicke Lauf der Mauser ganz nah am Knochen – ich spüre das Gewicht, das kühle Metall der Waffe. Bargo vorneweg, ihr gedrungener, muskulöser Körper wird unter der Anstrengung leichter, die Bewegungen elegant, das Suchen der Fährte ein Tanz. Zehn Meter voraus, sie zieht mit ihrer ganzen Kraft, und dann schlägt sie an, ein knappes, lautes Bellen, ich folge mit großen Schritten, ein Ast schlägt mir die Mütze vom Kopf, Dornen kratzen über meinen Handrücken, als ich sie wieder aufhebe.

Die Lichtung liegt am Ende des Waldstücks, eine gerodete, breite Fläche, umgeben von Schwarzdorn, der schon kniehoch steht. Schweiß, abgestriffen auf einem Stück feuchtem Gras, nur ein paar Sprenkel, dann eine kleine, dunkle Lache, in der sich das letzte Tageslicht spiegelt.
„Wie lange ist das her?“ frage ich, Sascha bleibt hinter mir stehen.
„Heute Morgen, gegen zehn vielleicht, ja, zehn, halb elf.“
„Ist lange krank, liegt im Wundbett, vielleicht schon verendet, der Bock.“ Sascha nickt stumm, ich sehe an ihm vorbei auf Vierheilig, es liegt ein pulsierender Schimmer über dem Dorf, als stünde es in Flammen, ein großes Feuer, weit entfernt am Horizont.

Bargo stöbert im Gebüsch, findet einen Weg, ein verwilderter Tritt, der uns wieder in den Wald führt, zurück auf weichen, laubbedeckten Boden, weiter in die Fuhrt eines ausgetrockneten Flusses, über Steine und umgestürzte Bäume, bis vor einen Bestand junger Birken. Die Stämme sind nicht dicker als mein Arm, aber sie stehen dicht gedrängt, ganz eng beieinander, kaum Platz für ein Hindurchkommen; eine natürliche Grenze. Und Bargo, unermüdlich, ihre Instinkte zeigen ihr den Weg, das Tier kennt nur das Wollen, nur den drängenden Impuls, Beute zu finden, die Beute ist die Ursache ihrer gesamten Existenz. Um die ersten Birken herum, ihr Gewicht stemmt sich gegen Riemen, und ich bedeute Sascha, er soll sich einen Weg suchen, ab auf die Knie, über den lehmigen Boden, und unter einem Stamm, kriechen, auf allen Vieren. Ich gehe, bis der Bestand ein wenig lichter wird, aber es geht nicht hindurch. Ich ziehe am Riemen, aber Bargo lässt nicht locker, sie hastet weiter, folgt einer Spur, verliert sie wieder, korrigiert sich selbst. Dann tut sich ein Siefen vor uns auf, Bruchsteine säumen die Flanken, Überreste einer Brücke, unten ein tiefes, morastiges Loch. Ich stelle einen Fuß in den Abhang, um mich abzustützen und mir Überblick über das Terrain zu verschaffen. Sascha leuchtet mit seiner Taschenlampe über den Grund, und da hebe ich die Hand – Schweiß, ein paar Tropfen nur, im grellen Licht glitzern sie hellrot auf dem dunklen Untergrund.
„Hier“, sage ich, ich spüre Bargos warmen Körper an meinem Unterschenkel, sie umkreist den Schweiß mit ihrem Fang, nimmt die Witterung wieder auf, ich höre sie atmen, Speichel an ihren Lefzen, dann ein lautes Bellen, und sie ist weg, die Flanke hinunter bis ins flache Wasser.

Sascha stöhnt. Als ich mich umdrehe, fährt er sich mit der Hand über das Gesicht, als sei es ein Versehen gewesen.
„So ist das eben“, sage ich. „Jeder ist für seinen Schuss selbst verantwortlich.“
„Meinst du, wir finden den Bock noch?“
„Warum, hast du was Wichtigeres vor?“
Er beißt sich auf die Unterlippe und schüttelt den Kopf.
„Saufen kannst du später immer noch …“
Wir folgen dem Verlauf des Siefen, vorbei an verrosteten Kulturzäunen, überwucherten Holzpoltern und alten Autoreifen. Es ist dunkel, die Luft zieht kalt vom nassen Boden herauf, mit jedem Schritt wird die Welt mehr zu einem abstrakten Schwarz-Weiß.

Als wir wieder am Toyota ankommen, trockne ich Bargo mit einem Handtuch das Fell, streichele ihr sanft über die Schnauze, dann frisst sie ein Stück Trockenfleisch aus meiner Hand und springt auf den Rücksitz. „Das ist Jagd“, sage ich zu Sascha, der neben der offenen Fahrertür steht und eine Zigarette raucht. Ich nehme das Magazin aus meiner Büchse und lege sie in das Futteral. Auf der Rückfahrt sprechen wir nicht. Sascha schnippt seine Zigarette aus dem Seitenfenster, die Glut zerspringt auf dem Asphalt, im Rückspiegel sehe ich, wie sie durch die Dunkelheit schwirrt; aufsteigende Leuchtpunkte, Glühwürmer in einer Sommernacht. Das Haus liegt ruhig da. Sascha hält mit laufendem Motor in der Einfahrt und legt beide Hände auf das Lenkrad. Er atmet tief ein, wartet ab, legt sich die Worte zurecht, dann sagt er: „Tut mir wirklich echt leid.“
Ich öffne die Beifahrertür. „Das nützt dem Bock aber nichts, dass es dir leid tut.“
Er legt eine Hand auf den Schaltknüppel und sieht in den Seitenspiegel.
„Montagabend …“, sage ich noch und schließe die Tür. „Wir sehen uns Montagabend.“

Ich schultere die Büchse und lasse Bargo vom Rücksitz, sie knurrt leise, wartet neben mir, dann legt Sascha den Rückwärtsgang ein. Die Reifen des Toyota graben sich durch Buntkies, das gedämpfte Rot der Rückleuchten erhellt für einen Augenblick das Schieferdach und die holzverkleidete Wand des Hauses. Ich schließe das Gatter auf, und Bargo drückt ein letztes Mal ihre Schnauze gegen meine Hand, ich streichele über ihren Kopf, reibe die Enden ihrer Ohren zwischen meinen Finger, sie atmet zufrieden aus, dreht sich auf den Bauch und streckt sich aus. Ich schließe das Gatter ab, bleibe unter dem Geweih stehen, das über der Tür hängt – ein Zwölfender, den ich vor Jahrzehnten in Norwegen erlegt habe. Wie er an der Lichtung auftauchte, aus dem Nichts, ein Geist, und wie er da im tiefen Schnee stand, mit seinem mächtigen Kopf, erhaben und furchtlos.

Nachdem ich die Haustüre aufschließe, fällt mir die Stille auf; da ist kein Geräusch, das aus der Tiefe zu mir dringt, nichts. Die Zimmer im Untergeschoss dunkel, kalt, verlassen. Auf der Treppe Emmas Rucksack und ihre Wanderstiefel. Ich klopfe gegen die Badezimmertür, warte, klopfe noch einmal. Dann lege ich die Büchse auf den Küchentisch, hole das Handy aus meiner Jackentasche, wähle ihr Nummer. Die Mailbox springt an. Ich lege auf, stecke das Handy wieder in die Tasche und gehe nach oben, lasse dabei das Licht ausgeschaltet. Die Tür zu ihrem alten Zimmer steht offen, ich zögere, gehe schließlich doch hinein. Ich knipse die Lampe über dem Schreibtisch an. Ihre Sachen liegen auf dem Bett verstreut – Hose, Socken, mehrere Oberteile, Duschgel, Seifen, Lippenstifte. Der ganze Raum duftet nach ihr. Mein Blick bleibt bei der gerahmten Photographie hängen, die sie immer gemocht hat, die ihr nie peinlich wurde, wie so viele andere. Auf dem Photo, da war sie fünf oder sechs Jahre alt, sie hatte sich an einer Tischkante gestoßen und eine Platzwunde an der Augenbraue, die im Krankenhaus geklebt wurde. Sie steht in der Küche, neben dem Kühlschrank, die Lippen aufeinandergepresst, mit einem Auge halb schielend, das Gesicht noch ein wenig blutverschmiert, ganz das beleidigte kleine Kind. Ich muss lachen, setze mich auf die Bettkante und strecke meine Hand aus, lasse sie auf Decke liegen, die ganz klamm ist. Stille, ich höre auf die Stille, die im Haus so allgegenwärtig geworden ist. Eine Stille, die jahrelang andauert, die kein Ende nimmt. Ich schließe die Augen, sehe, wie es früher war: Lachen, Musik, American Beauty von Grateful Dead, die Gerüche einer Küche, die ständig benutzt wird, der feuchte, warme Wasserdampf, der unter den Badezimmertüren hervordringt, das Kommen und Gehen, Schritte auf der Treppe, das Knarren des Holzes, die kühle Luft, die durch das Untergeschoss weht, die dichte, volle Wärme des Feuers, das Reden und Lesen, das Essen am Tisch, das Leben. Ich verweile ein paar Augenblicke in diesem Tagraum, dann stehe ich auf, gehe wieder nach unten und nehme die Autoschlüssel von der Kommode.

Im Auto riecht es nach kaltem Rauch und Hundefell. Ich bleibe im Dunkeln sitzen, lehne mich im Sitz zurück, hole das Handy aus der Jackentasche, wähle noch einmal ihre Nummer. Wieder die Mailbox. Bargos bellt, als ich losfahre, ich sehe sie hinter den Gitterstäben aufgeregt und mit wedelndem Schwanz hin und herlaufen. Während ich auf die Landstraße abbiege, lege ich das Handy mit dem Display nach oben auf das Armaturenbrett. Es leuchtet kurz auf, die Digitaluhr zeigt Viertel nach Zehn an. Ich schalte das Fernlicht an, auf den Feldern sitzen ein paar Hasen zusammen, Katzen lauern auf niedrigen Mauern, die die Grundstücke begrenzen, das Licht reflektiert grün in ihren schmalen Augen. Sie feiern in der Scheune, hat Sascha gesagt, ich drossele das Tempo, biege rechts in eine Gasse, vorbei an einem der Gehöfte, das auf selbst gemalten Plakaten schon mit dem Verkauf von Weihnachtsbäumen wirbt. Am Ende einer Stichstraße steht das Haus von Saschas Eltern, ein dreistöckiger Bau aus der Gründerzeit, umgeben von einer halb verfallenen Mauer aus rotem Backstein. Weiter im Schritttempo. Ein paar Jugendliche sitzen auf der Treppe vor dem Haus, rauchen Zigaretten, halten Bierflaschen in den Händen, lachen. In dem Verbindungsweg hinter dem Haus parke ich den Defender neben ein paar Mülltonnen und steige aus. Ich lasse den Schlüssel stecken, lehne die Fahrertür an. Mir kommen zwei Jungs entgegen, sie tragen Baseballkappen und weite Parkas, ich nicke ihnen zu und frage: „Ist das hier die Party von Saschas Bruder?“, einer antwortet im Vorbeigehen, genau das isse‘. Ich atme ein, die Luft ist kälter geworden, riecht nach Winter und nassem Laub. Das Tor vor dem Haus steht offen, neben dem Eingang parkt Saschas Toyota, auf der Ladefläche liegen abgepackte Dachsparren und Bitumenfolie. Warmes Licht hinter den Fenstern der unteren Etage, die Haustür steht offen, dahinter Bewegung, ein stetiges Kommen und Gehen, Musik, auf den Treppen immer noch die gleichen Jugendlichen. Sie können kaum älter als Emma sein, das sehe ich an ihren Gesichtern, die so unverbraucht und neu sind, und aus ihren Blicken spricht nichts als Neugierde, Neugierde und Unwissenheit. Ihr Lachen verstummt, als ich vor der ersten Stufe stehenbleibe und die Hände aus den Taschen nehme.
„Wo kann ich den Sascha finden, auf der Party oder in der Scheune?“
„`n Abend erstmal“, sagt ein Junge, er hat blonde, lange Haare, sein weißes Hemd trägt er halb offen über der schwarzen Jeans.
„Ist dir nicht kalt?“
Er prustet, schüttelt den Kopf und nimmt ein Schluck aus seiner Flasche Bier. „Nee, mir ist nicht kalt, auf keinen Fall.“
„Okay“, sage ich. „`n Abend erstmal“, und er zuckt mit den Schultern. „Ich such den Sascha aber immer noch.“
„Dem geht’s nicht so gut“, sagt eines der Mädchen, „der war kurz hier, vor `ner Stunde oder so, ich glaub‘, der ist oben auf seinem Zimmer.“
„Was wollen Sie denn von dem?“ Der Junge mit dem weißen Hemd dreht die Bierflasche zwischen den Händen, nimmt noch einen kleinen Schluck.
„Nur kurz was fragen, ich will ihn nur was fragen.“
„Hat der etwa Scheiße gebaut?“
Ich schüttele den Kopf. „Geht um was auf `ner Baustelle, nein, der hat keine Scheiße gebaut.“
„Dann ist ja gut.“
„Könnt ihr mir `n kleinen Gefallen tun?“
Der Junge stöhnt auf. „Gehst du“, sagt er leise, und das Mädchen nickt und steht auf.
„Danke dir.“ Ich gehe ein paar Schritte zurück, warte in der gekiesten Einfahrt. Der Junge stellt die leere Flasche auf die Fensterbrüstung. „Auch `n Bier, Meister?“
„Ich muss noch fahren.“
„Na, wer nicht will, der hat schon“, sagt er und verschwindet dann im Haus.

Sascha erscheint einen Augenblick später in der Diele, bleibt im Türrahmen stehen. „Hannes?“, fragt er und fasst sich kurz ans Kinn. „Was … hast du den Bock doch noch gefunden?“
Ich bedeute ihm mit einer Handbewegung, zu mir zu kommen.
„Können wir in Ruhe sprechen.“
Er kommt die Treppe runter, bleibt vor mir stehen, ich kann an seinem Atem riechen, dass er jede Menge Hochprozentiges getrunken hat. Er hält die ganze Zeit den Blick gesenkt, und als ich sage: „Nein, ich habe den Bock nicht gefunden“, da schüttelt er den Kopf und atmet schwer aus. „Ich, verdammt, das ist so eine Scheiße, Hannes, ich weiß echt nicht, wie mir das passieren konnte, also …“
„Passiert ist passiert.“ Ich lege eine Hand auf seine Schulter. „Reden wir Montagabend drüber, und dann kannst du mir auch mal verraten, wer dir den Bock überhaupt freigegeben hat.“
„Hannes, ich wollte …“ – „Aber deswegen bin ich gar nicht hier, Sascha“, unterbreche ich ihn. Er hält inne und sieht mich mit einem Stirnrunzeln an.
„Meine Tochter, ist die hier, auf der Party?“
„Deine Tochter?“
„Du hast sie heute Morgen gesehen. Ist sie vielleicht hier?“
„Nein, also nee … da würd‘ ich mich sicher dran erinnern, hundertprozentig, wenn die hier wäre, nee.“
„Bist du dir sicher?“
„Hannes, ich … klar.“
„Okay“, sage ich und schüttele ihn ein wenig durch. „Montagabend.“
„Ist denn was passiert, ich meine, mit deiner Tochter …“
„Ist nichts passiert, nein, war sicher nur ein blödes Missverständnis, kennst das doch.“
„Okay, dann …“
„Und trink nicht so viel.“ Als ich gehe, wird die Musik lauter, dumpfer, dröhnender Bass, der die Fenster vibrieren lässt. Eine Flasche zerbricht auf den Treppenstufen, der laute und grelle Schrei eines Mädchens, danach lautes Lachen.

Ich fahre nicht schneller als vierzig Stundenkilometer. Fernlicht. Das Display des Handys immer im Blick. Einmal um das Karree aus Feldern, an der Bushaltestelle vorbei, der baufälligen Kapelle, über deren Restauration die Lokalpolitiker seit Jahrzehnten streiten und an der man noch die Einschusslöcher der Amerikaner sehen kann, 97th Army Division, die großen Befreier. Ich fahre bis Vierheilig, Geschäfte säumen die Hauptstraße, alle geschlossen, die Neonreklame über der Orthopädie RAHM blinkt, an den meisten Wohnhäusern sind die Rollladen heruntergelassen. Im Wendehammer der Grundschule drehe ich. Emma war die ersten vier Jahre hier, ihre Klassenlehrerin hieß Frau Frank, eine zugeknöpfte, alte Dame, die SPD wählte und das auch jedem mitteilte, aber Emma war immer eine gute Schülerin, eine sehr gute Schülerin, sie hat nie Ärger gemacht, nie.

Ihr Körper auf weite Entfernung zuerst nur eine Ahnung in der Dunkelheit, doch dann, im grellen Scheinwerferleicht, da bin ich mir sicher. Sie geht auf dem schmalen Weg zwischen Asphalt und Feld, im Schatten der hohen Maispflanzen. Sie trägt einen Lodenmantel von mir, mit braunen Lederapplikationen auf den Schulterpartien, ihre Haare sind zu einem dünnen Zopf gebunden. Ich überhole sie, halte mit laufendem Motor und schalte den Warnblinker an. Als ich höre, wie ihre Schritte näher kommen, mache ich den Motor aus und steige aus dem Wagen.
„Emma.“
Sie hebt die Plastiktüte hoch, die sie in der Hand hält. „War nur kurz bei der Tankstelle“, sagt sie. „Ist doch okay, oder?“
„Warum hast du denn nichts gesagt, ich meine …“
Sie zieht einen Mundwinkel nach oben. Das Geräusch von klirrendem Glas aus der Tüte. „Wieso, du hattest was zu tun, und da dachte ich, wird schon in Ordnung sein.“
„Ja, aber … ich meine, alleine rumlaufen, mitten in der Nacht, da kann doch sonst was passieren, Emma, du musst …“
„Was soll denn da schon groß passieren? Also Papa, wirklich, schon vergessen, ich leb‘ in Berlin.“
„Das macht es auch nicht besser.“
„Jetzt reg dich nicht auf.“
„Ich reg mich nicht auf, ich …“
„Du hattest kein Bier mehr, das war alles, alles gut.“
„Bier“, wiederhole ich, und sie nickt. „Ja, Bier.“ Dann greift sie in ihre Jackentasche und holt eine Schachtel Marlboro lights heraus. „Und die hier.“
„Zigaretten?“
„Ja, hatte ich irgendwie Lust drauf, keine Ahnung, `s ist einfach nix mehr für mich, hab auf dem Weg eine geraucht, aber nach der Hälfte weggeschmissen.“
„Du hast mal geraucht?“
„Hab vor zwei Jahren aufgehört.“
„Okay“, sage ich. „Na dann.“
Das Licht im Fond geht automatisch aus, wir stehen uns in der Dunkelheit gegenüber. Der Himmel ist sternenklar. Ich erkenne den großen Wagen, da ist noch eine andere Formation, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. „Fahren wir wieder nach Hause?“

Sie stellt die Tüte in das Fach auf der Mittelkonsole und schließt die Beifahrertür. „Was war denn los?“
„Ach“, sage ich und starte den Motor. Ich fahre weiter bis zur nächsten Kreuzung, biege in einen Forstweg ab, nehme eine Abkürzung. „Der Sascha, das ist … Weißt du, der ist noch jung, da denkt man einfach nicht richtig nach. Konnte seinen Finger nicht grade lassen, weil er auf seiner Party da rumprahlen wollte, was für ein toller Hecht er doch ist, und dann, dann passiert so was eben.“
„Habt ihr den Bock gefunden?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, haben wir nicht. Alles versucht, Bargo hin, zurück, Spur verloren … manchmal ist das so, da kannst du alles machen, und am Ende nützt es nichts.“ Eine Weile schweigen wir, fahren einfach. Dann dreht sie ihren Kopf zur Seite, sieht mich an und fragt: „War es der, den wir heute gesehen haben, der alte?“
Ich zucke mit den Schultern. Sie sinkt zurück in den Sitz, vergräbt den Körper in meinem Mantel, der ihr viel zu groß ist. Dann höre ich, wie sie einatmet, tief und langsam. Der Mond eine schmale Sichel, die weit weg scheint, über den Wäldern, hinter der Ville. „Nein“, sage ich dann, als ich hinter den Kiefern das Haus erkenne, mein Haus, unser Haus, unser Zuhause. „‘s war nicht dein Bock, nicht der alte, es war irgendein anderer. Kannst mir ruhig glauben, ehrlich.“
Sie sagt nichts. Sie lächelt nur.

Später sitzen wir vor dem Haus auf der niedrigen Holzbank. Die Planken sind feucht, aber das macht nichts. Emma öffnet ihr zweites Bier und stellt die Dose auf die Erde vor der Bank. „Sag mal, hast du dir echt Sorgen gemacht?“
„Was meinst du?“
„Wegen eben … Ich war wirklich nur kurz bei der Tankstelle …“
„Ja“, sage ich. „Weiß ich doch.“ Ich nehme einen Schluck. Ich hatte lange kein Bier mehr. Es ist kalt und schmeckt metallisch. „Mir ist das auch mal passiert“, sage ich auf einmal, ich weiß gar nicht warum. „Früher hat mich immer das Jagdfieber gebeutelt – aber so richtig schlimm …“
„Ja?“
„War damals auch so alt wie der Sascha, und `ne ganz ähnliche Geschichte. Von nichts `ne Ahnung, aber Hauptsache große Klappe.“
Sie lehnt sich zurück, für einen Moment betrachten wir den Mond, der ganz langsam hinter den Baumkronen verschwindet. „Weißt du, was seltsam ist?“, fragt sie und holt die Zigaretten aus der Tüte. „In Berlin, in der WG, da ist mein Zimmer eigentlich viel kleiner als hier, aber …
„Ja“, unterbreche ich sie, „ich weiß schon, was du meinst.“ Sie hält mir die offene Schachtel hin, es sind rote Marlboro. Ich ziehe eine Zigarette heraus, spüre den Filter weich und elastisch an meinen Lippen. „Hab schon ewig keine mehr geraucht“, sage ich, und sie lacht und nimmt sich auch eine aus der Schachtel. Wir sitzen nebeneinander auf der Bank, der Mond ist längst hinter den Bäumen verschwunden.
„Hast du mal Feuer?“, fragt sie, und ich hole das alte Zippo aus meiner Jackentasche.
„Ich dachte, du hast aufgehört?“
„Heute nicht“, sagt sie. Ihr Gesicht leuchtet im Schein des Feuers kurz auf, dann sehe ich nur noch die kirschrote Glut in der Dunkelheit.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise