Der Stechgroschen

Seit Tagen öder Fraß. Trockenes Brot und gepökelte Wurst, die von den Rändern her schon grün wird. Bald ist se madig. Der Traugott will immerzu angeln, aber taugen tut er zu gar nichts, der würd nur an den falschen Stellen im Fluss stehn und seine Ruten wären auch zu nichts zu gebrauchen. Wenn er wenigstens schweigen täte! Ich hab schon drüber nachgedacht, dem Guten im Schlaf einfach die Kehle durchzuschneiden und dem Schultheiss später so davon zu berichten, als sei es der Gansertjunge gewesen. Wer sollte da von erfahren? Den Gansertjungen knüpfe ich ja sowieso auf, so hat es der Schultheiss mir gesagt, so will er es. Lange und langsam soll der Gansertjunge sterben, ersticken wie ein Hund soll er. Mir ist es einerlei. Ich erschieße ihn, erdolche ihn und knüpfe ihn dir auf, eins nach dem anderen, nur zahlen musst du in Gold. Gold lügt nicht.

Wir reiten seit drei Tagen, und die Rappen brauchen Futter und müssen saufen. Einen kleinen Vorsprung habense noch, der Gansertjunge und die Magda, vielleicht einen halben Tag, aber dann habn wir se eingeholt. Der Gansertjunge ist recht grün, doch ich kann ihn schon verstehen, die Magda schaut aus wie ein Engel, aber Recht ist Recht, und der Schultheiß sagt, was Recht ist und was nicht. Der Gansertjunge glaubt sicher, er sei bereits fein raus, denn bald hat er die Ville hinter sich und dann wäre er im freien Jülich, doch das ist ein Irrtum. Unsere Rappen sind schnell, und auch in Jülich finden wir ihn, wenn wir müssen, da haben wir Befugnisse. Ich sag, der Gansertjunge hätte ihm einfach zahlen sollen, was der Schultheiss von ihm verlangte, aber Traugott glaubt, dass der Schultheiss die Magda sowieso hätte für sich ganz alleine haben wollen, nicht nur für die erste Nacht, sondern als seine Braut. Da muss der Gansertjunge verschwinden, so oder so. Recht ist, was der Schultheiss sagt.

Da vorne, sage ich und zeige auf ein Gemäuer neben dem Ufer. Traugott nickt und streicht über den Schaft seiner Muskete. Mir sind Langwaffen zuwider. Ich trag zwei Kavalleriepistolen, die ich einem toten Franzosen in Nancy abgenommen hab und in jedem Stiefel ein Fuhrmannsmesser. Die Klingen schärfe ich mit einem Wetzstein, den ich in einem Stück Öltuch eingewickelt in der Satteltasche mit mir trag.

Da steht ein verlauster Junge vor dem Heuschober, in zerlumpten Hosen und Galoschen. Tränk die Pferde, sag ich und sattel ab. Traugott tut es mir gleich. Der Junge bindet die Pferde an und beginnt, sie abzureiben. Im Haus, sagt Traugott, gibt’s da was zu futtern? Der Junge nickt. Die Bauern in der Gegend sind ja bettelarm, die Fürsten pressen ihnen stets mehr als den Zehnten ab, andererseits will ich nicht viel, nur einen Teller heißer Suppe und ein Stück weiches Brot nach dem langen Ritt.
Sei gegrüßt, Vatter, sage ich und der bärtige Alte hebt den Blick. Er steht da vor dem Haupthaus und füttert die Hühner, die in einem kleinen Verhau herumgackern, magere Viecher alles.
Wir ham nix.
‘n Teller Suppe für paar arme Leut’ habt ihr doch sicher übrig. Im Türrahmen steckt ein Drudenmesser, ich ziehe es am Heft aus dem Holz und sehe, was der Bärtige dabei für ein Gesicht macht. Der Drud setzt sich des nachts auf deine Brust und presst dir ‘s Leben ab.
Er schweigt.
Is das dein Junge da?
Isn Knecht, sagt er und sieht auf das Messer in meiner Hand. Ihr seid aber keine arm Leut.’
Woher willst du das wissen?
Ihr seid die Bluthund’ vom Schultheiss.
Die Bluthund?
Er nickt.
Traugott, der Alte hier sacht, wir sind die Bluthund vom Schultheiss!
Ach herrje!, sagt er und nimmt mir das Messer aus der Hand. Da hamwer neun Kreuzchen auf der Kling und der Name der heiligen Maria auch noch … an die alten Geschichtchen glauben tuste?
Der Drud is kein Geschichtchen.
Wir ham Hunger. Sag deiner Alten, sie soll auftischen. Traugott dreht das Messer und sticht die Klinge wieder ins Holz. Und soll hinne machen …
Wart du mal, sage ich zum Alten. Is hier noch wer durchgekommen die Tage?
Er schürzt die Lippen, und so weiß ich, dass er lügt. Nein, sagt er und schüttelt den Kopf.
Wenn du lügst, kommt dann der Drud? Hast du deswegen das Messer da über der Tür?
Keiner is hier durchgekommen. Das schwör ich euch!
Schwören … wer schwört, hat keine Angst vorm Tode, wusstest du das?
Der Alte schweigt.
‘n Junge und ‘n Weibsstück.
Er atmet aus und sieht an mir vorbei auf den Knecht, der unsere Pferde striegelt.
Schon Recht, sag ich, überleg dir, was aus deiner Alten wird und dem Knecht da …
Traugott lacht und gibt ihm einen Tritt, so dass er in den Hühnerverhau fällt. Die Zunge schneide ich dir raus und geb sie den Viechern da zu fressen. Und nu raus damit!
Ja, sagt er, ja ja. Waren hier. Heut Morgen erst. Sagten, dass se nach Letzeburg wollten. Ich hab nich gefragt. Hab ja gesehen, was los war.
Letzeburg, sagt Traugott und spuckt aus. Sag deiner Alten, sie soll Speck in die Suppe tun, Speck und Salz, und reichlich.
Er sieht dem Alten hinterher, wie er im Haus verschwindet. Letzeburg …
Der legt nur Fährten, der Gansert.
Fährten. Oder ‘s war der Alte selbst.
Ich geh durch die Tür ins Haus hinein. Die Küche ist niedrig, über die Steinwände wuchert der Schimmel. Ein kleines Feuer brennt im Kamin. Die Alte steht davor und rührt im Topf herum.
Sag, Vatter, bist du sicher? Letzeburg?
Der Alte setzt sich an den Tisch. Ja, ja Letzeburg.
Wir knüpfen den Jung auf, wenn wir ihn gefunden habn, und das Weib holn wir auch zurück und bringens mit uns, und dann kommen wir nochmal hier vorbei und dann wird sie uns die Wahrheit schon sagen.
Ist die Wahrheit, sagt die Alte.
Du kümmer dich um deine Suppe.
Letzeburg habense gesagt. Letzeburg.
Wie ham die ausgesehen? Sag. Sprich. Das Weib? Wie sah’s aus?
Traugott nimmt der Alten den Löffel aus der Hand.
Wie ‘n Weib eben.
Wo isn der Speck, Mutter?, sagt der Traugott und schleckt den Holzlöffel ab. Oder habn den die Ratten aufgefressen?
Na, wie ‘n Engel hatse ausgesehen. Das Weib. Wie ‘n Engel.
Der Traugott lacht. Könnt schon sein, Vatter, das könnt schon sein, dasse das is, ‘n Engel.
Hier is die Supp. Die Alte löffelt zwei Schüsseln voll. Und nu esst und dann geht.
Muttchen, hast du denn gar keine Angst?
Nein, ich bin vor Gott im Reinen.
Gute Leut seid ihr mir, sagt der Traugott und säuft die Suppe aus der Schale. Gute Leut.
Kein Speck, kein Salz, sag ich zu der Alten und rühr mit dem Finger in der Suppe.
‘n Zehnten und noch mehr, wie soll sich das hingehen? Dafür wird der Schultheiss immer fetter jedes Jahr.
Traugott stellt die Schüssel auf den Tisch. Gute Leut seid ihr mir.
Nach nix schmeckt die, sag ich. Nach Zuckerrüben.
Dann gehst eben so, wenn du se nich fressen willst.
Traugott steht auf und legt dem Alten eine Hand auf die Schulter. Letzeburg flüstert er und lacht. Draußen zieht er das Drudenmesser aus dem Rahmen und geht rüber zum Stall. Der Knecht hat die Rappen getränkt und wieder gesattelt.
Junge, sagt er. Das Weib, was hier durchkam, die mit dem Engelsgesicht …
Der Junge schweigt sich aus.
Sind die nach Norden?
Das is nurn Knecht, sagt der Alte. Lassn.
Nach Norden?
Der Junge aber sieht auf den Boden.
Im Norden liegt Jülich, das freie Jülich. Da wollte se hin, das Weibsbild. Oder?
Letzeburg, sagt der Alte noch, und da sticht der Traugott das Drudenmesser tief in den Leib des Jungen. Sein Blut ist dunkel wie Teer und fließt ihm über die Hände.
Ist mit Gott im Reinen, sagt Traugott, und der Junge sackt zu Boden. Gute Leut seid ihr mir.
In n paar Tagen kommwer zurück, sag ich. Sag deiner Alten se soll Speck und Salz holen, sonst kommt der Drud.
Der Traugott wischt das Messer an seiner Schürze ab. Der Junge krümmt sich im Dreck, bis er ganz ruhig ist. Wir reiten los.

Was hätt’ der Gansertjunge dem Schultheiss zahlen müssen?
Nix, sag ich. Die Magda ist sein Engel.
Traugott schüttelt den Kopf. Liebe und Kabale also. Aber da hatt die Alte ja schon Recht, mit dem Einen, der Schultheiss wird fetter und fetter, dem sein Wanst birst bald wie der einer toten Kuh auf der Weide.
Das kann er machen, fressen kann er, solange er mir den Sold zahlt, den er mir noch schuldig ist. Hab mich in Habsburg werben lassen und in Venedig, bin für die Wallonen unters Joch gegangen, alles nur mit ein paar Lumpen um den Leib, und trotzdem hab ich einem Dutzend Dänen die Kehle durchgeschnitten … den Schultheiss sollte man lassen, der ist nur verzückt wie ein junger Kerl, solang wir solche wie den Gansertjungen aufknüpfen sollen, sei’s ihm vergeben, ist nicht wie beim Kommiss. Schläfst auf gutem Heu, hast ‘n Humpen Wein und dann legt sich noch eine Magd dazu, ohne dass du sie dafür haun musst oder dafür löhnen wie die Trosshuren.
Recht hast. Hoch soll er leben, der Schambatist. Sag, bist du wirklich bei den Franken geboren, so wie sie sagen? War deine Meuder eh Franzmännische?
Jeder wird geboren. Ob nu bei den Franken oder den Ratten ist doch einerlei. Bist da und bist wieder weg. So sei das Leben, hat man mir gesagt.

Nebel. Felder. Wald. Mir wird der Mund trocken, ich will einen Schluck Wasser und einen Kuss. Wir reiten langsam, wir galoppieren nicht, die Rappen sollen sich nicht erschöpfen. Den Gansertjungen kriegen wir so oder so.
Hast du mal Palmwein gesoffen?
Der Traugott schüttelt den Kopf.
Im Andalus kannten sie das, Kallu sagten die Braunen dazu, die habens wohl aus Afrika mitgebracht. Da zapfen die den Dattelbaum an und dann stellnses kurz in die Sonne, und schnell musstes trinken, sonst wirds zu Essig in deinem Bauch und dir wird speiübel.
Herr, der Schambatist! Im Andalus! Ein rarer Gesell, der Schambatist. Und mit wem bist du da mitgezogen?
Mich hat der Gubernator hingeschickt. Aus Habsburg bin ich ins Andalus. Eine Mission. Handelsgut überwachen.
Der Gubernator. Herrje, der hat ja schon die halbe Welt gesehen, der Schambatist.

In der Dämmerung suchen wir uns einen Platz zum Rasten. Wir folgen einem schmalen Pass durch den Wald bis zu einem Felsen. Das Lager schlagen wir an einer steilen Felswand auf, so kann man uns nicht von hinten angreifen. Traugott macht zwei Feuer, eines weiter weg vom Lager, denn so lockt man das Lumpenpack auf die falsche Fährte, und wenn sie dann aus dem Schutz der Nacht in den hellen Feuerschein treten, kriegen sie Blei in ihre Bäuche, bevor sie sich versehen haben.

Wir essen die letzten Reste trockenes Brot. Die madige Wurst schmeiße ich in die Glut, wo sie schwarz wird und verkohlt. Kein Speck und kein Salz, sag ich zu Traugott, der auf einem flachen Stein sitzt und seine Pfeife stopft.
Für die Alte hätts auch einen Stich in den Balch getan.
Der Drud kommt des nachts. Warts ab.
Dahinten, sagt Traugott und nickt zum Wald. Da ist ein Fluss.
Die Sieg.
Die Sieg …
Fängst du wieder vom Angeln an?
Ich fang sie dir mit der bloßen Hand, die Forellen.
Dazu Wein, weiß wie ein Schleier …
Den Träumen bekommts wohl.
Der Tabak, ist das der türkische?
Traugott nickt.
Ich geh runter zum Fluss. Das Gesicht waschen.
Waschen ist ja was für Weiber, und du bist kein Weib.

Ich lasse den Traugott sitzen und gehe am Wald entlang. Es wird bald Sommer werden, man kann es riechen, das Gras duftet schon und die Blüten öffnen sich langsam. Als Kind lebte ich auf einem Hof, es war der Hof meiner Väter. Mehlbauern. Doch hinter der Mühle lag ein Berg mit einem steilen Hang, und der Vater hat dort Wein angebaut, eine alte Sorte, die nur im Tal gedieh. Die Reben rankten an Pfählen empor und die Trauben wurden dick und saftig und wurden jedes Jahr noch dicker und noch saftiger und noch süßer. Sein Wein war bekannt bis über den Rhein und über die Ville hinaus, der Vater verkaufte ihn an Franzmänner und an Schweden, das war ihm gleich.

Am Wasser ist es kühl. Ich setze mich ans Ufer in den Kies und trinke einen Schluck aus der hohlen Hand. Vater wurde von den Franzmännern erschlagen, als sie damals nach dem großen Krieg durch das Land zogen und plünderten, die Mutter habense mitgenommen, denn die konnte ihre Sprache verstehen, sie stammte aus Toulouse. Den Hof haben sie gebrandschatzt und ich habe mich im Weinberg versteckt und bin weggelaufen und kam so zur Garde des Fürsten von Berg, da wurd ich Trossjunge und habe das Handwerk gelernt von der Pieke auf, es ist wie man einen Stich am Leibe anbringt so dass der Mann schnell stirbt und wie man Zündkraut in die Batterie lädt und mit der Pistole zielt und wie man ein Lager errichtet und sich während der Schlacht verhält. Mit dreizehn Jahr hab ich meinen ersten Mann getötet, einen zerlumpten Dragoner der sich von der Linie entfernt hatte und abseits vom Schlachtfeld das Halstuch in einem Bach wusch und vielleicht etwas ausruhte oder auch von den Truppen davonlief. Er hat mich wegen der so laut donnernden Schlacht und der Schreie nicht kommen gehört und hatte auch schon ein malades Bein und ich sprang aus dem Schatten der Bäume und hab ihm mein Fuhrmannsmesser mit der dünnen Klinge von hinterrücks in den Hals gestochen und dann das Heft gedreht, und da hat es ihm die Gurgel zerrissen und er fiel nach vorne in den Dreck und sein Blut schwamm oben auf dem klaren Wasser vom Bach und es schwamm davon als sei es ein Öl und der alte Dragoner stöhnte noch einmal kräftig und dann hat er die Augen geschlossen und war weg. Seine Schärpe habe ich mir genommen und seine Pistole, weil es der erste Mann war den ich durch die eigene Hand getötet hab und der Hauptmann hat mich nach der Schlacht einen Helden genannt und das war der Beginn.

Im Wasser ist es still, ich würde gerne ins Wasser gehen und die Stille hören, die Stille um mich herum. Dann sehe ich das Gesicht des Gansertjungen auf dem Wasser im Mondlicht, ich sehe es wie in einem Spiegel und sehe wie er mit einem groben Knüppel ausholt und drehe mich zur Seite und er schlägt hin, schlägt ins Wasser und kippt vornüber und da bin ich über ihm, er schreit und kratzt und faucht doch meine Hände haben ihr Handwerk erlernt und der Gansertjunge weiß nicht was er tut, denn er hat ja nur seinen Engel im Kopf, nur seinen Engel, aber ich habe Schweden und Tschechen und Venezianer und Genuesen und Braune und Habsburger und Frechener und Fürther erschlagen, ich habe ihre Münder und Nasen in Pfützen gedrückt und im Brack ersäuft, ich habe ihnen die Augen ausgestochen und ihre Balche aufgeschlitzt und der Gansertjunge ist stark, aber nicht stark genug, und wenn es so ist wie es ist, zählt wer leben will, und manche Männer wollen mehr leben als andere, und den Gansertjunge trägt es schwer unterm Herzen, er will nicht kämpfen, er will lieben, und ich kann nur kämpfen.

Da gibt er schon langsam auf, da zuckt es immer weniger in seinen Gliedern, ich spür sein Leben im Hals schlagen und unterm Wasser wird sein Gesicht größer und seine Augen weiten sich, sie sehen mich an und im Blick ist ein Flehen, weil er denkt da wo er ein Herz hat habe ich auch eines, aber der Atem wird knapp und seine Lungen bersten, und mit einem Mal ist es wieder still, das Wasser wird so still und der Gansertjunge sieht mich immer noch an und ich ziehe ihn ans Ufer und lege ihn hin, den Gansertjungen, ich kenn sein Vatter, der ist Bäcker daheim und auch der Schultheiss isst das Brot aus seiner Backstube, es ist gutes, dunkles Brot, und einmal haben wir roten Wein zusammen getrunken und von der Ferne geredet, und da liegt nun sein Junge mit umgedrehtem Halse und ich war es, der ihm den Hals umgedreht hat, weil der Schultheiss es so wollte und was der Schultheiss will ist Recht, denn der Bäcker zahlt nicht meinen Sold. Ein schöner Junge ist der Gansertjunge, die Haut hell wie indische Seide und die Augen groß wie die Augen eines jungen Rehbocks. Die Magda, sag, wo ist die Magda, doch der Junge schweigt, er schweigt nun für immer, ich weiß es ja. Ich sehe mich um, aber die Magda ist nirgends zu sehen, da rennt sie alleine durch die Nacht, ihr Held stumm wie eine Forelle, die der Traugott mit der Hand aus dem Fluss gefangen hat, die Kiemen trocken wie Sand und das kleine Herz zu Staub zerfallen.

Mit dem Fuhrmannsmesser mache ich mich alsbald zu Werke, die eine Hand, dann die andere, ich lege sie auf die Steine, es gibt nicht viel Blut, das macht das kalte Wasser und dann muss ich den Gansertjungen ins Mondlicht ziehen, weil es so rasch dunkel wird, da setz ich die Spitze am Brustbein an und ratsch, das Fleisch zart wie das von einer Gams und das Herz noch warm, so warm wie Brühe, ich lege es neben die Hände und setze mich und wasche die Klinge im Fluss sauber, dass sie ganz rein ist.

Der Traugott döst mit der Pfeife im Mund und dann öffnet er doch das eine Auge, als ich auf ein paar trockene Äste vor dem Feuer trete.
Da bist du ja du frommes Waschweib, sagt er und ich lege Hand und Herz vor ihm auf den Boden hin und sag, dass es der Gansertjunge war, dass der Gansertjunge mich versucht hat totzuknüppeln unten am Fluss und dass ich ihm den Hals umgedreht hab wie einer alten Henne und dass er nun den Fluss herunterschwimmt bis zur Enge um Truhtesdorf und bis dorthin schon aufgedunsen sein wird wie ein Ballon.
Und die Magda? Der Engel?
In der Nähe sicherlich, er täte doch keinen Schritt ohne sie an ihrer Seite.
Ohne seinen Engel.
Im Wald hat sie sich versteckt. Die Magda kommt im Morgengrauen dann heraus. In der Nacht ruht sie und wartet auf ihren Gansertjungen. Wenns dämmert findet sie erst den Weg.
Den Nordstern wird sie kennen. Das freie Jülich liegt im Norden.
Ihr Vatter ist Schmied.
Na, auch ein Schmied guckt in den Himmel.
Satteln wir auf und schwätzen nicht.

Das graue Licht des Morgens. Wir reiten am Fluss entlang. Rauch steigt in der Ferne empor.
Jülich brennt, sagt Traugott. Die Schweden plünderns.
Die Schweden habn wir hier lange nicht gesehen. Da brennts im Wald irgendwo.
Sag, der Gansertjunge. Die Hände. Bist du mit dem Teufel im Bunde?
Das Tätigsein, das Lebendige geht auf den über, der sie im Besitz hat. Und es wurde bereits Sühne getan vom Gansertjungen und ich habe nun Teil daran. Es schützt in der Schlacht und im Spiel.
Traugott lacht. Ein guter Mann bist du mir. Ein guter Mann.
Eine Fährte wars, sag ich. Verwirren wollt er uns, der Gansertjunge. Hat die Magda alleine ziehen lassen.
Meinst du vielleicht, der Alte hatte doch Recht? Letzeburg.
Die Ville queren und umgehen kostet eine Woche. Zollstationen passieren müssen sie die von den Jülichern, den Frechener und dann am Wall von Truhtesdorf. Fressen und saufen müssen sie auch. Zehn Konventionstaler …
Arm Leut sinds. Arm Leut. Hast schon Recht.

Der Fluss macht eine Biegung und wir reiten über offenes Feld und dann durch einen Wald, und am Ende vom Waldstück stehen zwei abgespannte Ochsenwagen und ein paar Gesellen davor mit Heugabeln in den Händen. Traugott zügelt den Rappen.
Habense die Knechte laufen lassen. Was sagt da euer Fürst? Verschwendet seine Zeit und sein Brot.
Der Wald brennt, sagt da einer und tritt vor. Wir han Auftrag hier keinen durchzulassen. Keiner darf passieren.
Was wollt ihr denn? Einen Seckel voll Kurant?
Wir nehmen nur feine Cöllner Mark, sagt der Geselle.
Der Schultheiss von Vierheilig schickt uns. Wir habn Befugnisse. Die gelten sowohl in Jülich als auch darüber hinaus.
Hier is nich Jülich, hier sinmer im gottverlassnen Finsterwalde.
Finsterwalde. Traugott schlägt sich auf den Schenkel. Gute Leut seid ihr mir.
Wir habn Papiere. Wir verfügn über Passierscheine. Offizielle. Willst se sehen?
Der Wald brennt, sagt der Geselle. Wir habn Auftrag, hier niemanden durchzulassen. Komms wies kommt. Der Wald brennt.
Ihr wollt also nichts machen?
Nee.
Na, habt ihr also euren Fürsten aufgeknüpft? sagt der Traugott. So muss es ja doch sein. Bauernlümmel die einem den Weg verstellen. Recht und Ordnung!
Wir nehmen nur feinste Cöllner Mark. Und mer sin kei Bauern. Uns gehört die Mühle dahinge.
Gut, sag ich. Wenn ihr auf die Kurant verzichtet, dann sagt uns doch, ob hier ein Mädchen durchgekommen is. Jung. Alleine.
Höflich sinmer ja und bleibens auch.
Der Geselle schüttelt den Kopf. Glaubst die wär immer noch allei?
Alle lachen sie.
Dein Spießgesell da, sag ich. Der mit dem Hut. Der frisst da gutes dunkles Brot. Ja, sieh nur hin, er hälts in der Hand schon die ganze Zeit. Habt ihr hier so guten Roggen, dass man so gutes, dunkles Brot von backen kann?
Genug geschwätzt habn wir. Ihr geht nu. Sonst gibts mit der Gabel, und ich sach euch, die Zacken gehen schon schön tief innet Fleisch. Da erkennt euch die eigene Mutter nachher nich.
Mei Meuder is blind, sagt der Traugott. Der macht bisserl Blut nichts an ihrem Jung, solang de Kopp noch dran is.
Na, seids wie ihr seid. Feine Cöllner Mark habn wir nich. Wo kann man denn das Lager aufschlagen für eine Nacht Rast?
An der Biegung da am Feld. Da habter Platz und Ruh. Und angeln könnter auch. Forelle gibts gute. Die staue sich da.

Wir hören sie lachen.
Paar Stund bis ‘s dunkel wird, sagt Traugott. Könnwer unsere Knochen ausruhen.
Die Magda hat auch die Gesellen da verhext.
Meinst?
Ich nicke.
Trägt das Geheimnis im Schoße.
Wos kalt ist, willst du Wärme. Und wer Schuld hat, erkennt die Unschuld und tut nun alles für sie.
Sie ist ja auch ein Engel.
Am Fluss steigen wir ab und und führen die Rappen über eine Enge zum anderen Ufer. Da binden wir sie an einer Birke an und nehmen uns aus den Satteltaschen was wir brauchen werden.
Ich mach uns Feuer, sag ich und Traugott bleibt noch am Fluss. Die Forellen!
Das Ufer wird breiter und ich gehe noch ein Stück und dann scharre ich mit der Stiefelspitze eine Kuhle in den feuchten Sand. Den Wald kann ich sehen und Rauch über den Baumspitzen. Hinter uns ist flaches Land.
Traugott kommt und trägt einen dicken Fisch an einem spitzen Ast in den Händen.
Wir setzen uns und braten den Fisch auf heißen Kohlen. Ich wickel den Wetzstein aus dem Öltuch und schärfe die Klingen meiner Messer.
Die kennen jeden Tritt hier herum. Wenns dunkel wird kommens.
Traugott schneidet den Fisch entzwei. Waren es fünf oder sechse?
Sieben.
Die mit den schnellen Beinen laufen eh fort.
Ich leg die Messer beiseite und greife nach dem Herzen vom Gansertjungen das ich in einem Leinensack mit mir trug.
Aber das Herz?, sagt der Traugott. Das erscheint mir ja so ungeheuerlich wie die Geschichtchen vom Drud. Hat es etwa mit dem Blut zu tun?
Das Blut lassen wir ab und teilen es mit deiner Klinge da und dann frisst du deine Hälfte und bleibst für die Augen aller verborgen.
Es sind nun sieben Gesellen an der Zahl, und auch wenn wirs Handwerk gelernt habn … schaden wirds nicht.
Man frisst es roh.
An deiner Seit fürchtet es mich vor niemand, Schambatist. Und auch wenn deine Meuder e franzmännische war!
Schau nach der Forelle, sonst wirds noch schwarz.

Die Gräten spucken wir aus und wünschten uns Salz. In der Dämmerung schichten wir Holz übereinander bis die Flammen züngeln und knacken. Unsere Mäntel legen wir zusammen ums Feuer herum und unsere Schlapphüte auch.
Die kennen das Treiben einer Schlacht nicht. Die kommen von vorne.
Ich nicke. In die Büsche da, sag ich. Die kalten Klingen gezückt.
Wenns am Feuer sin leg ich mit der Muskete an.

Sie kommen früh in der Nacht. Die Dunkelheit ist noch nicht vollkommen. Der Mensch und das Feuer gehen schon sehr lange gemeinsam ihre Wege. Da bleibt ein jeder Fremde stehen und schaut in die Flammen und schaut auf diese Geschichte und in sich selbst hinein. Den Gesell mit der Heugabel erwischt es überm Ohr, da zerreißt die Musketenkugel den Knochen und das Hirne und er fällt einfach um. Der Knall lässt die übrigen Gesellen umherrennen wie Federvieh und ich geh langsam auf sie zu mit den Kavalleriepistolen in den Händen, ich seh sie ja im Schein des Feuers gut genug und sie sehen mich nicht, weil der Traugott und ich habens Herzen vom Gansertjungen gefressen und die erste Kugel trifft einen in die Brust, die zweite Kugel geht einem unters Auge hinein in den Kopf und nicht mehr hinaus und wie Traugott sagte, die mit den schnellen Beinen wollen rennen, davon kriegt einer die Klinge in die Schulter und als ich ihn umdreh, da ist es nur ein kleiner Junge, ich stech ihm schnell durch die Brust ins Herz und dann ist es vorbei, den anderen holt sich der Traugott und zerprügelt ihm den Schädel mit dem Kolben der Muskete.
Fünf von Sieben, sag ich, und der Traugott nickt und bückt sich nach einem der Gesellen, der noch zuckt.
Herrje, sagt er. Die Gesellen vom Finsterwalde. Taugen ja zu nicht viel. Und nu sags. Der Engel, ist der hier durch?
Ich stell meinen Fuß in die Wund von dem Gesellen und er schreit wie am Spieß. Dann lass ich ihn was atmen und zur Ruhe kommen. Wie isn dein Name?
Bertelmeß.
Bertelmeß. Der Engel. Gleich, sags uns gleich. Dann bist mit Gott im Reinen und musst nicht warten. Keine Qual mehr. Mit deinem Schöpfer bist dann im Reinen. Bertelmeß. Sags uns.
Ja, sagt er. Ja. Hat uns feine Cöllner Mark versprochen. Und Küsse. Hat uns allen Küsse versprochen. Gutes Werk würdn wir tun damit.
Bertelmeß, sag ich. Nun mach die Augen zu. Hast uns nie gesehen. Oder? Sag, siehst du uns?
Nei, nei, ich seh euch nicht …
Is ja gut, sag ich. Is ja gut. Nun schweig schön. Ich drücke ihm den Stiefelabsatz ins Maul hinein und dann ruck klappt der Kiefer auseinander und noch ein morsches Geräusch und dann herrscht Ruh.

Durch die Nacht. Durch den Morgen. An den Ochsenwagen vorbei durch ein Dorf. Die Läden an den Fenstern gehen zu. Die Leut wissen, wir sind die Bluthund vom Schultheiss. Vierheilig ist voll mit solchen wie uns, aus aller Herren Länder sammeln sich die Halsabschneider um den Brunnen in der Mitte der Stadt und warten darauf ihr Handwerk verrichten zu dürfen. Die Mauern um die Stadt wurden auf Blut gebaut und das wissen sie alle. Jülich, das freie Jülich. Die Zollposter stehen an der Grenz und warten auf Taler in ihrem Kabuff.
Befugnisse, sag ich und zeig die Papiere her.
Kommts ihr vom Schultheiss aus Vierheilig.
So stehts geschrieben.
Man hört ja so einiges über euch! Blutrünstige Ungeheuer alle miteinand. In Straßburg gibts grad Scharmützel. Meint ihr nicht, ihr solltet schleunigst dorthin reiten? Im freien Jülich braucht man eure Klingen nicht.
Hör hin, Grenzer. Brauchst den Poller gar nicht hochziehen für uns. Sag nur, ob das Weibsstück hier durch is?
Weibsstück hamwer keins gesehen. Ist keins hier durch.
Hast nicht nachgedacht. Hast einfach so gesprochen. Hast deinen Kopp verlorn?
Eure Klingen braucht man nicht im freien Jülich.
Wir habn Befugnisse. Hier schau. Offizielle.
Ich seh, ich seh. Ist bloß Papier.
Gut. Wenn du ein Weibsstück gesehen hast ziehst hoch den Poller.
Und wenn ich kein Weibsstück gesehen hab?
Recht ist Recht, sagt der Traugott. Keinen Tag verbringen wir im freien Jülich. Wir greifen uns nur das Weibsstück.
Sie ist eine Holde, sagt der Grenzer. Ihr tut kein gutes Werk wenn ihr sie zurückbringt zum Schultheiss.
Zahlst du in Kurant oder in Reppa oder in Tar? Oder wiegst du meinen Sold auf deiner Zollwaage in reinem Silber auf?
In Blei, sagt der Grenzer und öffnet den Poller. Am liebsten wieg ich in Blei.

Flaches Land. Es riecht nach Dung und Weidengras. Weizen steht da wie gebackenes Gold.
Sechs Tagesritte, Schambatist.
Heut. Heut holen wir sie uns.
Ich möcht n Humpen kühlen Rotwein. Aber die in Jülich vergären ja nur ihre Äppl.
Der Trunk macht dich schon auch benommen. So oder so.
Traugott lacht.
Ist ein feiner Staat. Jülich. Steuern zahlen sie alle. Die oben und die unten. Feiern auch ihre Feste gemeinsam. Kein Junker. Kein Knecht. Kein Schultheiss. Laben ihre Kinder bisse groß sind. Und füttern ihre Küh. Schlecht is nich.
Ich hab mal einen aufgeknüpft, der hat nur eine Kuh besessen, sagt Traugott. In Rheinhausen nach der Belagerung daeinst. Die Kuh hab ich gefressen. Ganz aufgefressen hab ich se. Wennst Hunger hast …
Und da am Wegesrand steht die Magda. Ihr Gesicht schmutzig und das Haar offen. Einen Umhang aus dunklem Stoff trägt sie über den Schultern obwohl die Sonne scheint.
Ach herrje. Sechs Tagesritt von Zuhaus, und da stehtse.
Wir zügeln die Rappen.
Ich hab auf euch hier gewartet. Ihr wisst es ist kein gutes Werk, was ihr tut. Der Schultheiss erkauft sich eure Seelen.
Der Engel spricht ja lacht Traugott.
Unsere Seelen sind schon lang verkauft sag ich. Verpfändet an den Deivel.
Zu was hast du denn den Gansertjungen da gebracht? Dass er auf uns los ist wie von Sinnen. Sag.
Was habt ihr ihm bloß angetan?
Bloß! Erschlagen lassen wir uns nun auch nicht. Von keinem.
Tot isser, der Gansertjunge.
Sie schüttelt den Kopf. Ihr bringt mich nicht heim. Ihr lasst mich hier im freien Jülich. Lasst mich doch laufen.
Der Schultheiss wird davon erfahren. So oder so. Magda ist dein Name. Man kennt dich.
Sechs Tagesritt, sagt der Traugott. Mit der Hand hab ich die Forelle gefangn. Und jetzt stehtse da.
Das Blut von einem halben Dutzend Männern hats gekostet.
Es ist nicht meine Schuld.
Hast den Schultheiss verhext. Hast den Gansertjungen verhext. Die Gesellen vom Finsterwalde auch. Und nu am End den Grenzer zum freien Jülich.
Sie wissen alle dass es Unrecht ist.
Recht ist, was der Schultheiss spricht. Dein Vatter hätt zahlen könn. Der Gansertjunge hätt zahlen könn.
Der Schultheiss führt anderes im Schilde. Will mir die Unschuld rauben und danach sperrt er mich ein. Nur für ihn soll ich sein. Das ist kein Leben. Dieser fette Narr! Lieber sterb ich.
Ins Verlies sperrt der dich. Sein Engel sperrt er ins Verlies! Traugott spuckt aus.
Komm Magda. Sitz auf. Wehr dich nicht. Ich dreh dir schon nicht den Hals um. Doch ein Tritt in die Schnauze kriegst wenn du nicht gehorchst. Also steig auf, sag ich. Steig auf.
Der Gansertjunge hat Recht gehabt. Bluthund seid ihr. Elende Bluthund.

Ihr Körper schmiegt sich warm an mich. Ihre Hände sind zart und kaum verschandelt von harter Arbeit.
Sechs Tagesritt, Schambatist. Queren wir die Ville. Besser is.
Hamwer Ruh. Und niemand erblickt den Engel da.
Magda schweigt.

Üppiges Grün hier wie da. Brot und Bierduft von überall. Die Dörfer voll mit Leut. Kinder spielen auf den Hügeln. Keine Muskete weit und breit. Keine kalte Klinge. Lachen.
Jülicher Festwurst, sagt der Traugott. Komm. Schambatist. Sechs Tage auf den Rappen. Sechs Tage zu der Hex da. Und nu kommenwer mit nem Engel zurück. Wieder sechs Tag. Festwurst und Wein aus den süßn Äppln die da überall herum wachsn.
Im Seckel hab ich dreißig Reppa.
Dreißig Reppa! Zwei Ellen Festwurst werdens! Was sagst?
Wir reiten bis ans End vom Dorf. Die Schänke liegt an einem sanften Grat, davor eine Blumenwiese und hintendran ein kleiner Buchenwald.
Wir sitzen ab. Ich bind der Magda die Hände mit Kordel fest und bind die Kordel an mein Messergürtel.
So is es, Magda, sag ich. Nu bist kein Engel mehr.
Traugott geht mit den Rappen zur Tränke. Der Schankwirt kommt. Festwurst, die gute. Und drei Humpen Wein.
Den grünen?
Aus Äppln den.
Wollt ihr auch Knolln und Zwiebeln und braunen Senf dazu?
Guter Mann, sagt Traugott. Bist n guter Mann. Dreißig Reppa hat der Geselle da, der Knochenbrecher Schambatist. Verfressen wollen wir alles!
Der Schankwirt lacht. Mir solls Recht sein.
Wir setzen uns und warten. Der Himmel rot wie der offene Bauch einer geschlachteten Sau.
Sag Magda. Den Gesellen im Finsterwalde hast Küsse versprochen. Und feine Cöllner Mark.
Man verspricht vieles.
Traugott streicht ihr über die Wange. Na, versprichst mir auch Küsse? Hatt lang kei Kuss mehr.
Wennd mich laufen lässt.
Wennwer dich auslösen könnt gegen Gold. Dann ja. Dann lassenwer dich laufen.
Der Wirt bringt Wurst und Wein. Wir schneiden mit unseren Klingen die Wurst und stopfen sie in uns rein und grüner Wein aus Tonkrügen und auch Magda frisst und säuft.
Die vergorenen Äppl munden. Süß wie frischer Saft sind se.
Gut tuts. Traugott winkt den Wirt heran. Noch ne Wurst, ne ganze.
Dann tritt ein Mann aus dem Halbdunkel. Er trägt eine Schärpe aus Brokat und einen roten Hut mit weißer Feder.
Die Herren, sagt er und bleibt am Tisch stehen. Oder seids beschäftigt.
Willst Tombost um ein paar Reppa spielen?
Kartenspiele sind mir fremd. Ich such Leut.
Leut?
Gute Leut.
Traugott beißt von der Wurst ab und spuckt den Zipfel auf den Boden. Na, wir sind gute Leut. Was glaubst denn du?
Der Großherzog von Fenergierscheid sucht Leut.
Wasn für Leut?
Handwerker sucht der Großherzog. Die was verstehen von dem was sie tun.
Na Bluthund suchter.
Der Mann nimmt den roten Hut ab. Schmeckts euch, der grüne Woi?
Woi is Woi. Ob in Jülich oder Andalus.
Einen Tar und fünfhundert Reppa zahlter, der Großherzog.
Traugott nickt. Fenergierscheid sagst.
Willer nach Schweden der Großherzog. Ich trink aus dem Krug und gieß noch einen Humpen nach.
Weldergoven und Schwarzau. Da rückt frisches Blut nach. Die Uradligen danken ab. Und wer weiß was kommt. Ich zieh für den Großherzog durch die Landen und werb. Ich werb nur gute Leut. Und ihr seht mir aus wie gute Leut.
Hast mal Palmwein gesoffen?
Der Mann nickt. In Kairo wars. Vom Dattelbaum.
Ich seh zur Magda und seh zu Traugott. Einen Tar und fünfhundert Reppa.
Kost und Logis. Und fünfhundert Reppa Sold jeden Zehnten wenn ihr unters Joch geht.
Das zahlst uns gleich. Einen Tar und fünfhundert Reppa.
Alsbald ihr geworben seid.
Bist ja n reicher Mann. Alleine aufm Rappen unterwegs in fremdem Lande. Traugott gießt grünen Woi nach. Mag man kaum glauben. Manche brechen dir ja auch zum Beten die Finger. Für soviel Taler prügel ich dich mit den Fäusten alleine dud.
Der Mann lacht. Ihr kriegt euer Seckel schon. Trag ne Pistol aus den Ingelsheimer Werken. Schießt mit Hülsen in denen das Zündkraut schon aufn Hammer wartet. Sechs Schuss.
Wennd morgen noch hier bist kannst mich werben. Und du Schambatist. Der Großherzog von Fenergierscheid ruft!
Ist hoch oben im Süden. Fenergierscheid. Lässts sichs da leben?
Grüner Woi. Weißer Woi. Festwurst mit roter Paprika. Faßbier mit Kandis. Und Mägde noch und nöcher.
Malst den Deivel anne Wand!
Ich sprech nur was wahr ist.
Sechs Tag sind mer aufm Rappen gewesen. Brauchen n Bauch voll Woi und noch mehr Festwurst. Und ne Nachtlang Ruh. Dann kannst uns werben. Morgen in aller Herrgottsfrüh.
Gut. Der Mann steht auf und streckt mir die Hand entgehen. Schlagter ein.
Ma schlagen ein.
Gut so. Werdets nicht bereuen.
Er steht auf und greift in seine Lederjuppe und stellt dann einen Seckel auf die Bank neben uns. Dreihundert Reppa sinds. Damit ihr seht ich halt mein Wort. Morgen den Rest. Danach verschwindet er in der Schänke.
Einen Tar und fünfhundert Reppa sagt Traugott. So viel gabs nicht in Rheinhausen und nicht bei den Straßburgern.
Bei den Mongolen gabs das.
Traugott lacht. Und der Schultheiss?
Gott vergelts uns. Fenergierscheid liegt weit im Süden. Sold schuldet er mir noch. Aber sechs Tage aufm Rappen für die paar Kurant …
Hast Recht, Schambatist. Hast schon Recht.
Wir trinken den nächsten Humpen leer. Komm her Magda sag ich. Ich zieh das Fuhrmannsmesser ausm Stiefel. Hab dich nicht so. Zeig deine Hände. Ich schneid die Kordel durch. Mer sitze hier sag ich. Mer trinke langsam den Woi aus. Den grünen Woi ausm freien Jülich. Mer schauen auf die Wiesen da. Aufn Wald. Hast verstanden?
Die Magda nickt.
Warts noch. n Kuss gibst uns. Uns beiden. Dem Traugott und mir. Verstanden. n Kuss. Mehr wollenwer nich. Ja?
Die Magda beugt sich über die Bank und dann sind ihre Lippen so weich wie persischer Samt und auch der Traugott schließt die Augen und schmatzt noch ein wenig hinterher.
Ihr seid wirklich gute Leut. Wirklich. Rein im Herzen.
Der Traugott lacht. Ich sags dir. Mer sind gute Leut.
Hör mal hin Magda. Wir sind keine gute Leut. Hast schon Recht. Bluthunde sindwer. Nu sindwer die Bluthunde vom Großherzog. Mit dem Schultheiss hamwer nichts mehr zu schaffen. Und du vergiss nich – n Engel bist auch du nicht mehr.
Nein sagt sie. Bin kein Engel. Bin kein Hex. Bin mit Gott im Reinen.
Wir trinken lange Schlucke, der Woi rinnt übern Wanst.
Da isse weg.
Ja. Da isse weg.
Der Schankwirt macht ein großes Feuer. Leut kommen und sitzen. Wir leeren noch einen Humpen grünen Woi und essen geräucherte Forellen aus der Sieg.
Mit der Hand hab ichse gefangen. Mit der Hand.
Gut hast das gemacht, Traugott.
Was kommt da in Fenergierscheid. Noch ne Schlacht. Blut wird vergossen. Aber so ists.
So ists Handwerk sag ich zum Traugott. So ists Handwerk.
Hast Recht, Schambatist. Wie immer. Hast schon Recht.
Dann schauen wir ins Feuer und schauen in uns selbst.

Einen Tar und fünfhundert Reppa. Gibt keine Engel. Stimmt schon. Bluthund sindwer. Bluthund.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise