Der Letzte der Halbfass

Meine Eltern besprachen wichtige Dinge meistens abends in der Küche, nachdem sie glaubten, ich sei bereits eingeschlafen. Der Rauch ihrer selbstgedrehten Zigaretten zog durch den Flur bis in mein Zimmer, und oft lag ich noch wach und hörte ihnen zu.

Muss das wirklich sein? Geht das nicht irgendwie anders?
Die Stimme meiner Mutter so leise, dass ich sie gerade noch wahrnehmen konnte.
Wir habn ne Frist gesetzt bekommen von der Kammer. Bis dahin brauch ich n Betriebsleiter, sonst kann ich die Bude dicht machen. Solange ich den Brief nicht selber hab, können wir da erstmal nix dran ändern.
Und wie soll das laufen? Ich meine, die lassen den doch nicht einfach so raus, oder?
Der kommt morgens raus, arbeitet und geht abends wieder rein.
Mein Mutter seufzte.
Ist ja nicht für lang. Prüfungen sind im Herbst. Und hoffen wir mal, dass das dann alles gut läuft …
Ich meine, stimmt das denn wirklich? Dass der ne Bank überfallen hat?
Der wird jedenfalls nicht paar Jahre sitzen weil er im Kino geraucht hat, sagte mein Vater. Aber ich glaub nicht, dass der wirklich gefährlich ist. Der hatte einfach ne Menge Probleme. Geschäft lief nicht, und du weißt doch, wie das ist, dann fehlt eben schnell das Geld fürs Haus und alles, man kennt das ja. Ist dem irgendwann alles über den Kopf gewachsen und das war eben der letzte Ausweg. Hatte einfach n Kurzschluss. Der ist ja mit seinem eigenen Firmenwagen zu der Bank da gefahren, die haben den auch sofort erkannt. Die Schmier hat bei dem Zuhause schon gewartet.
Und hat der Mann auch nen Namen?
Kleinert, sagte mein Vater. Wolfgang Kleinert.

Mein Großvater hatte sein Unternehmen zu Beginn der Sechziger Jahren gegründet, Radio Halbfass. Ein Fachgeschäft im Zentrum, gut gelegen an einer viel befahrenen Kreuzung. Es war eine kleine Stadt im Rheinland, mein Großvater gläubiger Katholik und im Karnevalsverein aktiv. Seinen neuen Fernseher kaufte man bei Halbfass. Später dann Hifi-Anlagen, Plattenspieler oder Videorekorder. Es stand immer außer Frage, dass mein Vater das Geschäft später einmal übernehmen würde.

Anderthalb Wochen später saß Wolfgang Kleinert am Tisch in der Reparaturannahme. Zwischen seine Lippen hing eine filterlose Zigarette, auf der Nase eine große Brille mit Goldrand. Er kam mir wie jemand vor, der auf der Beerdigung meines Großvaters gewesen sein musste. Einer der vielen, mir fremden Männer in schwarzem Anzug und gesenktem Blick, die in den hinteren Reihen standen, versteckt im Halbdunkel des Kirchenschiffs. Es war meine erste Beerdigung gewesen. Ich begriff noch nicht, welche Bedeutung das hatte und glaubte auf eine unschuldige Art, dass mein Großvater jederzeit wieder in der Tür stehen und sich an seinen Stammplatz in der Werkstatt setzen würde.

Jetzt saß dort Wolfgang Kleinert, der schmächtiger war, ein kleiner Mann mit gelbstichiger Haut und langem Schnäuzer. Die Schultern hochgezogen, den Kopf über die Platine eines Fernsehers gebeugt. Vor sich die abmontierte Rückwand und die Messinstrumente: Oszilloskop und Röhrenvoltmeter, Trenntrafo, Lötkolben. Mein Großvater hat immer auf seinen alten Lötring mit 50 Watt geschworen. Ich habe Elektronik nie verstanden, aber ich mochte den Geruch von Lötzinn.

Mein Großvater hatte große Hände und lange, schmale Finger, die er jeden Tag mehrmals eincremte. Er benutzte dafür etwas, das ein gut befreundeter Apotheker speziell für ihn herstellte: Eine visköse, leicht alkoholisch riechende, transparente Lotion, die ihm in kleinen Metalldosen geliefert wurde. Überall in der Werkstatt und im Haus verteilt standen diese Dosen.

Ich habe ihm oft bei der Arbeit zugesehen, wie er bei den häufig verkauften Telefunken 540ern die damals regelmäßig bemängelten Netzteile austauschte und sich dann beim Schließen der Transistoren mit der Prüfbirne – wie er es nannte – selbst fotografierte. Der 540er war eines der ersten 16:9 Modelle, 68 Zentimenter Bilddiagonale, Videocolor-Rechteckröhre und ein rahmenloses Chassis, das, wie mein Großvater überzeugt war, schon vom bloßen Ansehen zerbrach. Oder wie er einen RC760 instand setzte, indem er den Federdraht des Cassettenteils ganz unkonventionell mit der Kunststoffnase verschmolz. Hält jetzt ewig, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Seine Finger standen nie still, hatten ihr eigenes Gedächtnis, koordinierten sich elegant und wie von selbst.

Bei meinem Vater sah das anders aus; seine Bewegungen fahrig und unbeholfen, ihm fehlte die Gelassenheit und Erfahrung einer jahrelang ausgeübten Tätigkeit, die Sicherheit wirklich vertieften Wissens, das tagtäglich Anwendung findet. Neben meinem Großvater wirkte er wie ein Lehrling, der seinen Meister um jeden Preis beeindrucken will, aber aufgrund seiner Nervosität schließlich doch versagt.

Was Wolfgang Kleinert anging, war ich anfangs unentschlossen. Er war ein ordentlicher Mann, der seinen Arbeitsplatz stets in korrektem Zustand hielt, nie etwas liegen ließ und alle Geräte an den richtigen Platz zurück stellte. Er sprach nur selten und blieb hinten in der Werkstatt. Dort bewegte er sich so vorsichtig und unauffällig, dass ich manchmal glaubte, er sei gar nicht anwesend. Ich verstand, dass er sich wegen der Umstände nicht zu sehr an alles gewöhnen wollte, doch ich spürte auch seine Autorität; er war ein Mann, der wusste, was er tat. Oft lehnte er sich auf dem großen Ledersitz zurück, strich sich mit den Fingerspitzen den Schnäuzer glatt und dann schien es, als starre er einfach ins Leere, dabei dachte er sorgfältig über seinen nächsten Schritt nach.

Guter Mann, der Kleinert, sagte mein Vater beim Abendessen. Merkt man sofort, dass der jahrelang selbstständig war. Macht keine Fehler und hat alles Hand und Fuß, was der tut.
Ja? Meine Mutter trank einen Schluck Rotwein. Redet ja kaum.
Der is auch nich zum Reden hier.
Wie hat er das eigentlich gemacht?, fragte ich.
Was gemacht?
Das mit der Bank.
Woher weißtn du das?, fragte meine Mutter.
Hab ich gehört, glaub ich …
Gehört, wiederholte mein Vater. Von wem haste denn da was gehört?
Ich weiß es nicht mehr, keine Ahnung.
Keine Ahnung, das kann ja nur mein Sohn sein … Mein Vater schüttelte den Kopf. Und du sagst da keinem was von, ist das klar? Keinem in der Schule, keinem auf der Straße, gar keinem. Das geht keinen was an. Hast du das verstanden?
Ich nickte.
Ob du das verstanden hast, habe ich dich gefragt?
Ja, ich habe verstanden.
Und was glaubst du denn, wie der das gemacht hat? Reingegangen und nett Guten Tag gesagt? Bitte legen Sie die Scheine schon mal hier in die Tüte, ich trinke grad noch n Tasse Kaffee? Der wird schon ne Pistole oder so gehabt haben.
Ne echte?
Junge, was weiß denn ich? Ist das wichtig? Hat ne Bank überfallen und sitzt jetzt im Knast.
Und auf Opas Stuhl in der Werkstatt … Eine kurze Bewegung mit der flachen Hand, mein Kopf wurde von der Wucht des Schlags zur Seite gerissen, dann spürte ich ein schneidendes Brennen auf meiner Wange.
Nicht ins Gesicht, sagte meine Mutter.
Durch die Tränen sah ich alles nur noch verschwommen; meine Eltern sich an den Rändern auflösende Gestalten, undeutlich und fern. Ich schmiss die Gabel auf den Teller und wollte aufstehen, in mein Zimmer rennen und die Tür abschließen, mich unter einem Kissen begraben, aber mein Vater packte mich am Nacken und riss mich zurück auf den Stuhl.
Du bleibst schön sitzen, sagte er. Du stehst erst auf, wenn ich es dir erlaube, klar? Hier wird immer noch gemacht, was ich sage.
Es war kein Schmerz.
Es war ein Vibrieren unter meinem Zwerchfell, das in der Mitte des Körpers entstand und sich von dort weiter ausbreitete, bis ich es in der Kehle und den Zahnwurzeln spüren konnte. Heute weiß ich, dass es Demütigung war, Demütigung und Scham; Gefühle, die länger anhalten als Schmerz, die sich einnisten wie ein fremder Organismus, der dich befällt und sich von dir ernährt. Sie begleiten mich ein Leben lang, berühren mich immer wieder leicht an den Schultern, lassen mich so wissen, dass sie noch da sind, und dass sie mich längst nicht vergessen haben.

In dieser Nacht träumte ich davon, eine Bank zu überfallen, so wie Wolfgang Kleinert eine Bank überfallen hat. Ich stürme mit gezogenem Revolver in die Haupthalle, doch niemand bemerkt mich, alle gehen einfach ihren Geschäften nach, füllen Überweisungsformulare aus, nehmen Bargeld in Empfang, übergeben in Rollen gewickeltes Kleingeld. Sie sprechen in gedämpfter Lautstärke miteinander, während ich in der Mitte des dunklen und kühlen Raums stehe, die Waffe in der Hand und warte: auf angespannte Stille oder einen Schrei, doch nichts geschieht, es gibt keine Reaktion. Dann gehe ich mit schnellen Schritten auf einen der Schalter zu, hebe den Revolver hoch, er ist schwer, viel schwerer als ich dachte, und er fühlt sich seltsam fremd an in meiner Hand, ganz kalt und hart. Ich ziele, ziehe den Abzug und spüre das Ineinandergreifen der Mechanik, höre ein leises Klicken, dann scheint nichts weiter zu passieren.
Kein Knall, kein Rückschlag, nur ein dunkles Loch in der Stirn des Angestellten der hinter dem Schalter steht, das wässrige Blut rinnt in einem Faden über seine Stirn, tropft auf die Banknoten und Formulare … danach wache ich auf.

Am nächsten Tag ging ich nach der Schule wieder direkt in die Werkstatt. Mein Vater stand im Verkaufsbereich mit einem älteren Herren vor einem der neuen Telefunken-Fernseher. Ich grüßte, ging an ihnen vorbei und setzte mich auf einen der Drehstühle neben der Reparaturannahme. Von dort aus konnte ich Wolfgang Kleinert unauffällig beobachten und nebenbei dem Kundengespräch zuhören. Mein Vater sagte oft zu mir, dass ich nicht früh genug damit anfangen könne zu lernen, wie man etwas verkauft, denn nichts sei schwieriger, als an das hart verdiente Geld anderer Leute zu kommen. Ich hatte schon viele dieser Gespräche verfolgt. Sie alle verliefen nach ähnlichem Muster, anfänglich war es ein Hin und Her, der Austausch und das Abwägen von den jeweiligen Vor- und Nachteile, jeder suchte nach passenden Argumenten für oder wider einer Entscheidung, und irgendwann merkte man, dass der Kunde im Grunde schon etwas gekauft hatte, obwohl er es vielleicht selbst noch nicht wusste. Mein Großvater predigte immer, dass es beim Verkaufen wichtig sei, den kleinsten gemeinsamen Nenner mit dem Kunden zu finden; das schafft Vertrauen und eine Grundlage, auf der man vernünftig miteinander arbeiten kann. Man redet dann nicht wie mit einem Kunden, sondern eher wie mit einem guten Bekannten, auf Augenhöhe, und nichts schmeckt nach Verkauf.

Ich hörte dem Gespräch zu. Nach einer Weile fiel es mir schließlich auf: der Kunde sprach mehr und lauter als mein Vater, und als ich den Sitz drehte um durch den schmalen Gang in den Verkaufsraum zu blicken, sah ich meinen Vater in fast gebückter Haltung vor dem anderen Mann stehen, die eine Hand flach auf dem Fernseher liegend, die andere geöffnet und erhoben vor dem Bildschirm. Er nickte leicht mit dem Kopf, schloss dabei immer wieder kurz die Augen und presste seine Lippen aufeinander.
Dreißig Prozent, sagte der Kunde.

Mein Großvater entgegnete Kunden, die dreist nach Rabatten verlangten, stets das Gleiche: Habe ich Sie schlecht beraten? Alle verneinten sie sofort und schauten danach meistens betreten zu Boden, denn sie wussten instinktiv, welche Haltung hinter dieser Frage steckte, und dass mein Großvater ihnen gerade unmissverständlich zu verstehen gab, dass seine Preise entweder akzeptiert wurden oder man sich woanders umzusehen hatte. Ein guter Kunde weiß, was seinen Preis wert ist, sagte er immer zu mir. Außerdem sind wir hier nicht auf dem Basar.

Dein Opa is an nem Herzinfarkt gestorben, oder?
Ich hörte die Stimme, doch ich konnte sie nicht zuordnen, so fremd und eigenartig klang sie auf einmal.
Oder? Wolfgang Kleinert blickte über die Schulter und hob die Augenbrauen. Musste doch wissen?
Ich nickte. Ist in der Einfahrt vom Kunden zusammengebrochen und paar Tage später dann gestorben.
Telefunken-Mann, dein Großvater, sagte Kleinert. Da hab ich gelernt, in der Stuttgarter Niederlassung, ewig her. Er sah kurz auf und schüttelte den Kopf. Am ersten Tag ist mir n 450 DV runtergefallen, ich nehm die Rückwand ab und das Ding wird durch die schwere Röhre so kopflastig, dasse ab vom Tisch und auf den Boden is … die Anschlussstifte haben sich schön in den Linoleumboden gebohrt. Kostete damals knapp zweieinhalb Tausend, das Ding. Gab natürlich n Anschiss vom Meister.
Ich musste lachen.
Na ja, ab dann gings, und irgendwann hab ich gemerkt, dass alle Geräte, bei denens Skalenseil gerissen war, tja, die landeten bei mir. Weißt du, was n Skalenseil ist?
Ich nickte.
Die wollte kein anderer, aber mir hats nichts ausgemacht. Auch ne Art Auszeichnung, ne? Skalenseile reparieren hassen ja die meisten, weil se Wurstfingerchen haben. Er räusperte sich. Dein Opa kannte auch den Trick mit der Kunststoffnase bei den Henkelmännern, hab ich gesehen … Federdraht einschmelzen und dann hälts ewig. Er zog an seiner filterlosen Zigarette. Und du? Willstes Geschäft später mal übernehmen?

In dieser Nacht lag ich lange wach und dachte über Wolfgang Kleinerts Frage nach, was sie bedeutete. Es gab da eine Art Aufgabe, die sich durch die Generationen zog, wie ein großes Versprechen; der eine schafft etwas für die Nachkommen, die es ihm gleichtun, das setzt sich fort, bis man das Ziel erreicht hat. Ich konnte diesen Gedanken damals noch nicht so exakt formulieren, den größeren Zusammenhang nicht erkennen, aber dennoch war da ein Gefühl, das mich beim Nachdenken fortwährend begleitete: meine eigenen Ziele hatten nichts mit Radio Halbfass zu tun. Und dann gab es noch andere Fragen: Um wen kümmerte sich Wolfgang Kleinert? Was hinterließ er seinen Nachkommen? Den Ruf eines Mannes, der eine Bank überfallen hatte.

Am nächsten Tag ging ich nach der Schule nicht wieder ins Geschäft, sondern nach Hause. Meine Mutter war nicht da, ich nahm an, sie war einkaufen, der Ascona stand nicht in der Einfahrt. Im Haus war es dunkel und so ruhig, dass ich im Erdgeschoss den Kühlschrank summen hören konnte. Im meinen Zimmer stand eine große Holztruhe, in der sämtliche abgelegten Klamotten der Familie aufbewahrt wurden — Hemden und Sakkos, Kleider, Hosen, Gürtel, Tücher, Schals, Manschetten, Broschen, Hüte — manches schäbig, das meiste abgetragen, aber noch nicht vergessen. Viele dieser Stücke waren einmal Teil einer Karnevalsverkleidung gewesen; die des Dandys, des Totengräbers oder der verruchten Bardame. Ich wühlte mich durch die Schichten, sog den muffig verschwitzten Geruch von altem Stoff ein und wusste nicht genau, nach was ich suchte, bis ich es schließlich fand. Ein weißes Hemd mit elfenbeinfarbenen Knöpfen, dazu ein marineblaues Jackett mit abgesetztem Schulterbereich, das mir ein paar Nummern zu groß war und eine mausgraue Schiebermütze, die meinem Großvater gehört haben musste.

Ich legte meine eigene Kleidung über den Stuhl, zog Hemd und Jackett an und setzte die Mütze auf, betrachtete mich dann im großen Spiegel, der im Flur hing. Etwas fehlte. Ich setzte mich auf das Bett, starrte in mein dunkles Zimmer und dachte nach, suchte den Gegenstand, der das Kostüm komplettieren würde.

Aus der Schreibtischschublade holte ich die Spielzeugpistole, die ich das letzte Mal als Sechsjähriger während eines Rosenmontagsumzugs in der Hand gehabt hatte. Das schwarze Plastik war bereits spröde geworden und von feinsten Rissen durchzogen, und als ich sie am Knauf fasste um sie aus der Schublade zu nehmen, kam sie mir um so vieles leichter vor, als ich sie in Erinnerung hatte.
Ich schaltete das Licht im Flur an, stellte mich vor den Spiegel und zielte auf mein Spiegelbild, blickte dabei über das Korn, bis mein eigenes Gesicht verschwamm und zu einem undeutlichen Tupfer wurde.
Der Abzug war über die Jahre schwergängig geworden, der Hahn spannte sich nur zögerlich.
Der Schuss dann ein hohles Pling, leise und unbedeutend. Ich legte mir den Lauf an die Stirn, aber er war nicht hart und kalt wie in meinem Traum, sondern fühlte sich dünn und billig und vollkommen ungefährlich an.
Bist du nicht schon ein bisschen zu alt dafür?, fragte meine Mutter. Sie stand im Durchgang vor der Treppe, zwei Einkaufstüten unter dem Arm, ich sah sie ganz klein hinter mir im Spiegel.
Ja, sagte ich und sah auf die Pistole in meiner Hand.

Abends hörte ich wieder, was meine Eltern miteinander besprachen.
Ich glaub, ich verleg die Prüfung, sagte mein Vater. Ist wahrscheinlich besser so. Ist einfach zu viel los zur Zeit, da kann ich mich kaum konzentrieren, und dann krieg ich das nicht hin.
Meine Mutter antwortete nicht.

Am nächsten Morgen schmiss ich die Pistole in die Mülltonne vor dem Haus. Sie lag ganz oben auf ein paar leeren Thunfischdosen und verfaultem Obst. Ich holte sie noch einmal aus der Tonne und hielt sie ein letztes Mal in der Hand, der Griff bereits verschmiert mit Speiseöl und Essensresten. Dann steckte ich sie zwischen zwei Tüten und schob sie so weit nach unten, wie ich konnte.

Mit dem Tod meines Großvaters hatte sich etwas bei Radio Halbfass geändert. Es war nicht nur das Fehlen seiner Präsenz, seiner Persönlichkeit. Jeder Kunde spürte es, wenn er über die Türschwelle trat: dem Geschäft fehlte das Zentrum, die Räume wirkten kalt und leer, obwohl sie voller Ware standen. Auch bei mir zuhause hatte sich etwas geändert, und obwohl ich es nicht hätte benennen können, ahnte ich, dass es gleichermaßen mit dem Tod meines Großvaters wie auch mit dem Geschäft zusammenhängen musste — das eine schien Bedingung des anderen zu sein.

Wolfgang Kleinert saß wieder am großen Tisch an der Reparaturannahme. Neben sich einen Pott dampfenden Kaffee, eine noch verschweißte Schachtel Camel ohne Filter, darauf ein silbernes Benzinfeuerzeug.
Ich setzte mich auf den Drehstuhl, um ihn beobachten zu können, wie er leise und mit bedachten Bewegungen vor sich hin arbeitete. Mein Vater stand hinter dem Tresen im Verkaufsraum und telefonierte; an der Art, wie er sprach, konnte ich erkennen, dass sich meine Großmutter am anderen Ende der Leitung befand.
Er nuschelte mit hoher Stimme in die Muschel, drehte sich dann weg, sprach in den leeren Raum zwischen den Vitrinen, und dadurch wurde der Klang seiner Stimme noch künstlicher, noch fremder.
Sie sprachen über die Prüfung, das Geschäft und über eine Bürgschaft, Einhunderttausend hörte ich meinen Vater sagen, nein flüstern, Hunderttausend Mark!, es klang ehrfürchtig, und für einen kurzen Moment versuchte ich mir vorzustellen, wie viel Zehn-Mark-Scheine das wohl sein würden, hunderttausend deutsche Mark.

Was willste mich fragen?
Wolfgang Kleinert drehte sich nicht um. Ich blickte weiterhin auf seinen schmalen Rücken, unter dem weißen Hemd trug er Feinripp, die Träger zeichneten sich ganz deutlich unter dem dünnen Stoff ab. Wieselst die ganze Zeit hier rum, und ich weiß ja, dass de mich was fragen willst, aber noch trause dich nich so ganz, ne?
Die Pistole, sagte ich auf einmal und war so erstaunt über die Kraft in meiner eigenen Stimme, dass ich kurz den Atem anhalten musste. Mein Blick schweifte zum Gang, wo ich meinen Vater sah, den Hörer am Ohr, die andere Hand in der Hosentasche, den Kopf bis auf die Brust gesenkt.
War das ne echte? Ne richtig echte?
Seine Schultern zuckten. Dann ein heiseres Lachen.
Was glaubst du?, fragte er und riss den Cellophan von der Schachtel Zigaretten. Er wartete, und als ich nicht antwortete, griff er nach dem Feuerzeug, ließ es langsam durch die Finger gleiten und zündete sich eine Zigarette an.
Spielt das ne Rolle? Obs ne echte war?

Mein Vater hat die Meisterprüfung nie abgelegt. Er hat den Termin immer wieder nach hinten verschoben und es dann irgendwann eingesehen. Dass er nicht so werden würde wie mein Großvater, dass er weder den Schneid noch seine magnetische Persönlichkeit besaß. Er hat das Geschäft an meinem letzten Schultag verkauft. Somit war Radio Halbfass nach über einem halben Jahrhundert Geschichte. Es passierte leise und still, ohne Gerede und Gerüchte. Kurz danach fing mein Vater bei einer Immobilienfirma an und hatte dort als Makler bescheidenen Erfolg. Er behauptete immer, dass er den Niedergang der Branche habe kommen sehen und dass er das Geschäft zum genau richtigen Zeitpunkt verkauft hätte. Meistens winkte er dabei mit einer Hand lässig ab, aber in meinen Augen war es keine Geste der Gleichgültigkeit, obwohl ich mir sicher bin, dass er sie so meint. Für mich bedeutet sie vielmehr das Eingeständnis der eigenen Niederlage, der Aufgabe.

Meine Mutter hat immer geschwiegen. Sie war da, ist meinem Vater einfach gefolgt wie ein Schatten, ist mit ihm später in den Norden gegangen, wo sie sich in einem kleinen Haus am Jadebusen niedergelassen haben, regelmässig Golf spielen und Vivaldi hören.

Wolfgang Kleinert hat noch ein paar Monate lang in der Reparaturannahme auf dem Sessel meines Großvaters gesessen und gearbeitet, dann wurde er in ein anderes Gefängnis verlegt und die Vereinbarung wurde nichtig, mein Vater musste sich einen anderen Betriebsleiter suchen. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er den SATURN-Markt in einer sauerländischen Mittelstadt leitet. Das ist schon Jahre her. Ich weiß nicht, was er heute macht. Ob er noch lebt. Und ich habe nie herausgefunden, ob seine Waffe eine scharfe war oder doch nur ein Spielzeug aus Plastik. Aber hat es jemals eine Rolle gespielt?

An dem Tag, an dem die Leuchtreklame von Radio Halbfass abmontiert wurde, unterschrieb ich meinen Lehrvertrag bei Rasch & Rüggeberg, dem letzten verbliebenen Büchsenmacher in der Stadt. Nur ein paar Wochen später fuhr ich das erste Mal mit der Bahn nach Suhl, wo ich Montagezeichnungen lesen lernte, was Spannungs-Dehnungs-Diagramme sind und wie Innenballistik funktioniert.

Heute bin ich bekannt für meine Doppelhahnflinten. Es sind aus der Zeit gefallene Waffen, die schwer in der Hand liegen kompliziert zu bedienen sind. Alle meine Waffen sind schwer; schwer und führig, und es ist das Gewicht, das sie zu einem Teil von dir werden lässt, du fühlst es durch das kühle Metall hindurch, du fühlst es wie einen dritten Arm, wie die Verlängerung deiner Gliedmaße.

Ich verkaufe sie an solvente Kunden aus den USA, Kanada, Schweden, Italien und Japan. Sie töten damit Schneehasen, Truthähne, Gänse, Fischer oder den nachtaktiven Enok. Manchmal denke ich darüber nach, ob jemand damit jemals eine Bank überfallen hat.

In der Nähe meiner Werkstatt habe ich einen Apotheker gefunden, der für mich eine Lotion herstellt, ähnlich der meines Großvaters; sie hat die gleiche, leicht phenolische Note. Er liefert sie mir ebenfalls in kleinen Metalldosen, die ich mit mir herumtrage und überall liegen lasse.
Jeden Morgen vor der Arbeit setze ich mich in die noch dunkle Werkstatt an meinen Platz, creme sorgfältig jeden Finger ein, danach Handrücken und Innenflächen, warte bis die Lotion vollständig eingezogen ist. Dann rauche ich eine Senoussi und trinke dazu einen schwarzen Kaffee.

Ich war nie verheiratet und habe auch keine Kinder. Ich werde der Letzte der Halbfass sein.
Ein Vater wird seinem Sohn eine meiner Flinten vererben, doch ich graviere meine Waffen nicht. In irgendeinem Keller steht vielleicht noch ein alter Henkelmann mit eingeschmolzener Feder. In einem halben Jahrhundert wird sich niemand mehr an den Namen erinnern.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise