Der Hessel

Die Gebrüder Reets saßen auf der Bank unter der großen Sommerlinde und rauchten Pfeife, als der Aftervogt mit seiner Droschke vor ihrem Haus erschien. Sie hatten ihn schon von Weitem kommen sehen, wie er das Gespann fluchend über die gewundene Straße lenkte und mit schwerfälligen Bewegungen an den Zügeln riss.
Gehn dir gleich durch, die Gäule, sagte Lennard, der Jüngere der Brüder.
Wenns nur das wär …
Ihr in der Honnschaft fresst wohl, als würds kein Morgen geben. Gert zog an seiner Pfeife und schüttelte den Kopf. Schau se dir nur an, deine Rappen, denen steht der Schaum vorm Maul.
Der Vogt nickte. Ich bin den Pasteten und dem Weißen zugeneigt, so ists nicht. Er beugte sich auf der Droschke nach vorne und stöhnte leise. Aber ich bin nun nicht hergekommen, um übers Fressen zu parlieren.
Die Brüder schwiegen.
Unten im Tal bei Vierheilig, da …
Wir habens gehört, unterbrach ihn Gert. Der Stellmacher hat davon berichtet. Jedes Jahr ists ein Wolf. Sie sterben ja nicht einfach und dann wollense fressen wie du auch.
Die kleine Hedwig, die Tochter vom Liepelt, dem Mehlhändler …
Der Wolf kennt keinen Vater und keine Mutter, sagte Lennard. Der Wolf ist nur Wolf.
Diesmal ist es anders, ich sags euch … Der Vogt sah in den Himmel und atmete tief ein. Verschleppt hatter die kleine Hedwig, bis in den Sumpf hat er sie verschleppt, und da habense se gefunden im Morgengrauen … ich kann euch nicht davon erzähln, obwohl ichs mit eigenen Augen gesehen hab! Dozo es nor d’r Deuvel fähig!
Im Amt Grimburg gabs einmal elf Zendereien, sagte Gert und legte seine Pfeife ab. Dort ging ebenso der Wolf um … der Pfleger vom Hochgericht hat uns rufen lassen, es waren zwei Tagesritte. Hundert Reppa Prämie, wenn wir den Grimm erlegen. Bauscheid war schon Wüstung geworden, die Häuser verlassen, die Feuerstellen kalt. Man sagt, der Wolf habe über dreißig Leut in der Zenderei angefallen, die meisten davon Kinder oder Frauen, die auf den Fronhofen im Tal lebten … am nächsten Morgen hing er an der Angel, das Ungeheuer.
Tollwütig warer, der Rüde. Lennard schnalzte mit der Zunge. Die Hälfte der Leut habense ohne Kopp gefunden.
Ihr wissts ja, bei Mose steht geschrieben: den Zahn der Raubtiere lasse ich auf sie los. Der Aftervogt schluckte. Besser, es is schon morgen vorbei.
Und da habt ihr keine anderen gefunden?
Das ganze Königreich weiß es doch. Dass ihr die besten Jäger seid.
Aber immer noch lebn wir hier im Meiler, der halb verrottet is. Gert schob sich die Pfeife wieder in den Mundwinkel. Jägersleut sind nicht gut gelitten im Land.
Der Aftervogt räusperte sich. Euren Namen haben sie am Hof nicht vergessen, euren Ruf.
Ist der Ruf unseres Vatters, sagte Gert. Nicht mehr unsrer.
Sind alles alte Geschichtchen, aber der Wolf geht ja doch heut um in den Wäldern.
Unser Schuldenberg wird kaum geringer, wenn wir den Grimm für dich erlegen, sagte Lennard. Die Jagd ist gefährliches Handwerk. Für ein paar lausige Reppa beweg ich mich nicht von meiner Scholle. Und falls sich der Grimm hierher verirrt, brenn ich ihm n Loch in den Pelz groß und rund wie ein Gulden.
Der Aftervogt schüttelte den Kopf. Seht her, Schulden bleiben eben Schulden, und dass se ans Blut gebunden sind, das wisst ihr auch.
Fünfhundert Reppa müsster schon geben.
Das is ja genuch für zwanzig Pferde!
Lennard nickte. Gibt noch mehr Blagen wie die Hedwig, die man zerrissen und ohne Kopp in den Siefen finden wird, uns kümmerts ja kaum.
Und bald werden die Pfaffen von den Kanzeln predigen, dass der Herrgott uns noch mehr Zähne und Klauen schicken wird, wenn wir nicht alsbald Buße tun und Abbitte leisten. Gert klopfte die Pfeife an seiner Stiefelsohle aus. Dann habn bald die Pfaffen ganz das Sagen im Tal.
Die Pfaffen, wiederholte der Aftervogt leise. Ja, die Pfaffen.

Am Abend desselben Tages, noch vor der Dämmerung, brachte ein Botschafter der Honnschaft Nachricht vom Aftervogt. Er sei von Amtswegen dazu befugt, zweihundert Reppa Prämie an die Brüder auszuzahlen. Als Nachweis sei der Kadaver des erlegten Wolfs darzubringen.
Diese Hedwig fand man in den Sümpfen, sagte Lennard. Er öffnete die Amphore und goss grünen Wein in seinen Krug. Siegel werdenwa da kaum finden.
Der Grimm kommt aus den fünf Gleichen übers offene Land, der schleicht sich durchs hohe Gras an und holt se sich.
Die fünf Gleichen … Lennard nickte. In dem Bannforst da hat der Vater gejagt.
Gewildert hatter, der Alte. Sonst würdenwer hier nich sitzen im alten Meiler und die feuchten Mauern anstarren, wenn er rechtmässig gejagt hätt.. Gert trank einen Schluck und stocherte im Feuer. Recht ist Recht, sagte er noch.
Recht ist Recht, äffte ihn Lennard nach. Na, dann küss doch gleich die Stiefel vom Porsenna und fall vor ihm in’n Dreck. Da schwätzen se was von der hohen Jagd, die Edelmänner, dabei können se nicht mal ihre Muskete richtig halten … und die Fronleut habn grad nix zu Fressen aufm Tisch. Was willst da machen, Gert? Was machst da?
Der Vatter hats ja nich nur mit Lapuzen und Erpeln gehalten. Das hätt gereicht für n ordentlichen Fraß. Der wollt die richtigen Trumm. Gierig isser geworden. Soviel Salz zum Pökeln hättenwer doch nie gehabt, so viel wie der rumgeschossen hat.
Und hälst den Finger gerade, nur weils dir die Obrigkeit befiehlt? Musst schon wissen, was du willst. Und es ist doch so, Gert … sgibt Männer, die wollen Beute machen und Männer, die schauen sich die Rotröcke lieber an. Ist wie bei den Weibsbildern. Manche packen bei der richtigen Magd zu, andere …
Gert schnaubte. Jetzt isser schon lang unter der Erde, der Alte, aber wer muss immer noch die Groschen zahlen für seine Freud am Schuß? Bist zu grün, Lennard. Davon verstehste noch nix.
Grün wie der Wein, den wir saufen.
Wir schlafen jetzt und morgend holen wir uns frische Innereien vom Henze, und wennwer den Grimm an der Angel habn, dann redn wir weiter.

Der Henze hatte in der Früh ein paar Kälber geschlachtet. Er verzog keine Miene, als Gert ihm für Lebern, Lungen und Nieren nur einen Reppa auf den Tisch in seiner Stube legte. Einen weiteren zahlte er ihm für die aus der Decke geschlagenen Kadaver. Sie packten die Innereien in Tongefäße und luden die Kadaver auf ihr Gespann. Dann ritten sie weiter durch das Tal an den Sümpfen vorbei bis zu den Fünf Gleichen. Ein sanft ansteigender Gebirgswald, begrenzt von fünf schroffen, kalkweißen Klippen.
Sie stiegen am Waldrand ab.
Der reicht von Letzeburg bis zum freien Jülich, sagte Lennard. Und manche sagen, es tät in dem Forst noch Striche geben, wo kein Mensch je einen Fuß hingesetzt hat.
Der Grimm kommt über den Pass. Da ist der Wechsel, es geht von Dunkel nach Hell, dem folgt er wie einer Schnur ins offene Land hinein. Gert zeigte auf eine lange Gasse die von der Waldgrenze ins Tal hinabführte. Er bleibt stets nah an der Flur, denn dort findet er Deckung. Und er ist allein und muss deswegen auf seine Kräfte achten. Er wird kaum mehr laufen als nötig. Gert lachte. Vatter hat den Grimm noch mit Garnen zur Strecke gebracht. In den frühen Jahren hat er sie in der Scheune für den Kurfürst gelagert. Sechshundert Schritt lang warense und hundertfünfzig Mann brauchtense. Er hat bei ner Hatz mal einen Jungwolf erschlagen, der ihm bei Chaltouva ins Garn gesprungen ist, von dem er nachher sagte, dasser so groß wie ein Grauesel gewesen sei.
Vatter und seine Mären …
Keine Mären, sagte Gert. Der wusst schon, was er tat.
Lennard winkte ab. Ich geh und mach Feuer und röst Krähenaugen.

Sie banden die Gäule an den Stamm einer jungen Birke. Der Bestand am Fuße des Hangs war licht und gut passierbar. Lennard sammelte Reisig und trockene Scheite für ein kleines Feuer, das er mit flachen Steinen aus dem nahen Rothenbach bewehrte. Gert nahm Stücke der Innereien aus den Gefäßen, zerteilte sie mit dem Nicker und stach sie auf die spitzen Enden der Angeln. Für den Grimm glänzts ganz sicher wie reinstes Gold, sagte er und rieb ein Stück Leber zwischen den Fingern. Aber der Grimm ist wie der Vatter. Immerzu Beute machen willer.
Musser eben den Preis zahlen. Lennard griff in dem Lederbeutel an seinem Gürtel und legte eine Handvoll münzgroßer Samen auf die Steine neben dem Feuer. Wer gierig wird, gewinnt die Schlacht oder zahlt halt den Preis. Er nahm die gerösteten Samen von den Steinen und schob sie unter die eingeschnittene Silberhaut der Kadaver.

In der Dämmerung schleppten sie das vergiftete Fleisch zwischen die lichten Birken und hängten die Angeln um die Äste der dicksten Eichen im schon dunklen Wald. Dann stiegen sie auf ihre Pferde und ritten zu einem Hügel neben dem Rothenbach, wo sie ihr Lager aufschlugen.
Lennard machte ein kleines Feuer in einer am Ufer gegrabenen Mulde. Der Rauch zog in dünnen Fäden über das Wasser weiter aufs offene Land.
Da tut sich doch nie was auf. Immer werdn wir im Meiler bleiben, unser Lebtag lang.
Das weisst nicht. Das weiß nur der liebe Gott. Kann immer was geschehen. Ein Grimm und noch einer … ein anderer Weg tut sich auf, eine Kiste doppelter Frankfurter oder Hannoverscher Taler landet vor unsrer Tür, ein Geist hat sie dahin getan, ein Geist aus der Tiefe des Waldes, weil er weiß, wir sind gute Leut.
Gute Leut, lacht der Gert. Träumst auch von Schimmeln auf der Weid und vom Land wo Milch und Honig fließt.
Ich träum nich mehr, sagt Lennard. Ich lieg des nachts stumm und schwer da wie n Stein.
Und ich sauf den Wein, bis es mir grün aus den Ohren kommt, Meister Lennard. Mag sein, wir sind Taugenichtse. Beten wir zu Herrgott, daswer wenigstens in Himmel komm!
Die Franzmänner haben uns gerufen, um ihre Grimme zu erlegen, die letzte Bärin der Dänen fiel durch unsere Kugel, jede Kreatur die fleucht und kreucht fürchtet unser Messer …
Wenns Angst haben um ihr Leben und die gedeckten Tische in ihren vermoderten Burgen und um ihre lieblichen Maid, dann kommen se eben zu uns … Lennard ließ sich neben dem Feuer nieder und schob sich den Sattel in den Nacken. Blut an den Fingern sag ich dir, das ist denen ihre Sache nicht.
Dann erklang das langgezogene Geheul des Wolfes in der Nacht.
Hörst das Lennard? Gert richtete sich auf und nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Ausm Osten. Kommt übern Wechsel und zieht ins Gras. Schnuppert sicher schon an den Ködern.
Zweihundert Reppa sind nicht fünfhundert. Denen sind wir kaum die Hälfte wert. Aber sie wussten, wir nehmens, so oder so.
Noch sinwer keine Kirchmäuse. Betteln müssenwer nich.
Hast Recht, Gert.

Die Nacht wurde sternenklar. Sie ölten die Klingen ihrer Jülicher Messer, schärften sorgfältig die Orte der Piken nach und schmierten die Pulverpfannen ihrer Musketen mit Bohrmilch. Dann ruhten sie mit geschlossenen Augen und hörten, wie das Geheul des Wolfes sich entfernte und schließlich ganz verstummte.
Gert, hast dich mal gefürchtet vor einer Kreatur?
Hab ich, hab ich sehr wohl. Abers war kein Bär und auch kein Grimm. In Winnekastel hab ich mitm Vatter mal Fallen gestellt in der kurfürstlichen Menagerie, und da hattense n Wildhund aus den Steppen, Kopp dick und rund wie ein Schwein und einen grausigen Kiefer, die Zähne spitz wie Fuhrmannsmesser. Ganz ruhig wars, aus dunklen Schlitzen guckts dich an, starrts dich, und immer lauerts. Habense im Käfig gehalten, die Bestie, doch der Dresseur hat erzählt, wie’s in den Steppen die Gesellen zerreißt, es verschlingt n ganzen Mann auf einen Schlag, sagten se. Und so wild, so unbändig, niemand konnt sich dem Tiere nähern, er wollt se alle zerfetzen. Der Kurfürst hats dann mit der Kartätsche erlegen lassen, keiner seiner Leut wollt so nah ran wies für n guten Schuß aus der Muskete nötig gewesen wär.
Vor was hast da Furcht gehabt, wenns im Käfig war.
Ist die Weise, wies dich ansieht … slässt dich nicht aus dem Blick. Das ist das ganz Wilde, was sich nicht fangen und einsperren lässt. Die Bären im Käfig werden kirr, die schlagen ihre Köpp gegen die Streben, und der Grimm frisst seine Brut, aber diese Bestie, nein, mit der wars ganz anders.

Im Morgengrauen stocherten sie das Feuer an, um ihre Glieder und die klammen Joppen zu wärmen. Danach tränkten sie die Pferde am Fluss und reichten ihnen Stroh aus dem Leinenseckel.
Ich reit zu den Kadavern, und du schau nach den Angeln.
Lennard nickte. Pfeif laut, wenn was is.
Der Fuß des Hangs lag noch im Nebel. Tau glitzerte im hohen Weidengras. Sie ritten nebeneinander und teilten sich an der Baumgrenze auf.

Der erste Kadaver lag unberührt zwischen den Birken. Gert zog die Pike aus der Scheide und legte sie flach über den Sattel. Er hatte den Schaft eigenhändig auf zwei Ellen gekürzt und den Griff mit Lederschnüren verknotet.
Weiter, sprach er zum Rappen und strich ihm über den langen Hals. Das Pferd lief auf der Vorhand weiter.
Der Grimm lag unweit des zweiten Kadavers im halbhohen Gras. Die Zunge hing ihm blau angeschwollen aus dem Maul, der weit aufgesperrte Kiefer zeigte die spitzen, gelben Fänge.
Gert zügelte den Rappen und stieg ab. Die Muskete ließ er in der Satteltasche stecken und drehte die Pike in seiner Faust. Er näherte sich dem Grimm auf wenige Schritte, holte aus und stach ihm in einer einzigen Bewegung die Klinge durch die Rippen ins Herz. Zischend entwich die Luft aus dem kalten Leib.
n Wolf bleibt halt nur n Wolf, sagte Gert und wischte das Blatt der Pike am nassen Fell des Grimms ab.
Dann erklang ein Schuß. Der Knall verhallte gedämpft durch das dichte Blattwerk rasch am Hang. Als er danach den hellen Pfiff hörte, sprang er in den Sattel.
Heppa, brüllte Gert, alors alors!
Der Rappe galoppierte durch die Gasse zwischen den Birken bis zum Waldrand hinauf, und Gert umfasste die Zügel fester, hielt dabei den Kopf vor dem Wind gesenkt.
Lennard stand inmitten einer breiten Lichtung, die Muskete noch im Anschlag. Der Geruch von Schwarzpulver lag in der Luft.
Sag, Lennard, hast einen erwischt?
n Koloss wars, ne Bestie. Lauerte da gleich im Dickicht. Ich hab se erwischt.
Gert zügelte den Rappen, band ihn an und stieg ab. Diesmal zog er die Muskete aus der Satteltasche, befüllte die Pulverpfanne mit Zündkraut, schloss den Pfannendeckel und entnahm seiner Bandeliere eine Kugel.
Hier is die Lache, sagte er und rammte die Kugel mit seinem Ladestock in den Lauf. Dunkel wie die Nacht isses Blut. Hast die Leber erwischt, Lennard. Komm, nimm deine Pike und such mit nach der Fährte.
Lennard nickte.
Stumm hielten sie Ausschau nach Schweiß; den frischen Blutstropfen auf dem satten Grün des Waldbodens. Nach und nach schlossen sich die Baumkronen über ihnen, wurde das Licht fahler und die Luft kühl.
Lennard ging vorneweg, die Pike mit erhobener Spitze in festem Griff, den vorderen Arm lang ausgestreckt.
Die Schweißspur endete vor einem Schwarzdorndickicht.
Wart noch, sagte Gert. Wir greifen ihn, wenner rausspringt.
Das Knurren kam aus dem Dunkel zwischen dem Laub. Das Tier lag längst schon im Wundbett. Lennard machte einen Schritt vorwärts und blieb stehen. Er atmete aus und spannte seine Muskeln an. Das Rascheln, eine schnelle Bewegung folgte. Er erwischte den Grimm mitten im Satz, die Pike riss ihm den Balch seitlängs auf, dann fuhr die Kugel aus Gerts Muskete mitten durch sein Auge.
Der Grimm streckte noch im Flug alle Viere von sich und landete flach auf der Erde. Nichts regte sich mehr. Die Klauen leblos, das Maul zitternd, Sabber und dünnes Blut tropfte auf den Grund.
Stich zu, sagte Gert. Stich ihm durchs Herz.

Sie standen vor dem Grimm und entzündeten ihre Pfeifen.
Wasn Trumm.
Isn Rudel, sagte Gert. Da kommen noch mehr. Das ist der Leitwolf.
Der is mehr wie zweihundert Reppa wert.
Jeder Grimm is mehr wert wie der davor.
Gert schlug die Spitze seines Messer in die Kehle des Wolfs und zog ihn aus dem Dickicht. Hast du schon mal so einen gesehen?
Lennard schüttelte den Kopf. Heute lass ich mirs jedenfalls schmecken, sagte er und nahm einen tiefen Zug aus der Pfeife. Und morgen kauf ich mir Schabau aus roten Mirabellen und den guten Tabak aus Walsdaufen.
Der Aftervogt muss ersma zahlen, sagte Gert. Den Leib müssen wir ihm schon anschleppen.
Ich hol den Karren.

Lennard ging pfeifend über die Lichtung, die Pike über die Schulter gelegt. Er schaute den Hang hinunter über die grasbewachsene Ebene. Der Rappen stand mit gesenktem Kopf an eine dünne Birke gebunden. Der Karren im Röhricht des Rothenbach versteckt. Er dachte an den süßen Geschmack des Mirabellenschnapses und den erdigen Geruch des dunklen Tabaks, als er die Gestalt erblickte. Sechs Fuß zwei Ellen groß und mindestens sechzehn galizische Steine schwer. Sein Körper war von einem dichten Haarkleid bedeckt, das auf dem Rücken moosartig grün schimmerte. Er stand vor einer der Eichen und schnupperte an den Innereien, die von den Wolfsangeln herabhingen. Als er eine Klaue ausstreckte, um nach dem Fleisch zu greifen, sah Lennard spitze Krallen aus dem Fell ragen, matt und so braun wie rostiges Eisen. Er beobachtete die Kreatur mit stockendem Atem, wie sie nach und nach die Köder vom Widerhaken zog. Dann spürte er schweres, kaltes Metall auf seiner Schulter lasten und hörte die Stimme von Gert.
Halt still, flüsterte er. ‘s is der Hessel, also halt bloß still, kein Mucks.
Lennard schloss die Augen. Das Schnappen des Abzugs. Der brechende Schuß.

Der Hessel, der Wilde Mann der rheinischen Wälder, der in den als unbewohnbar geltenden Tälern und in den steilsten Siefen lebt, ein heimliches Wesen, das kaum ein Menschenauge je erblickte; die Legenden und alten Geschichten erzählen von Jägern, die in Tümpel gezogen und ersäuft wurden, von erschlagenen Kindern und Hunden und im Stall zerrissenem Vieh in eisig kalten Wintern.

Funken sprühten über das Schutzblech des Schlosses. Der Lauf riss hoch. Dann troff es Rot aus dem Loch am Balch, Blut sickerte über das Fell. Der Hessel drehte sich um, sein Atem weißer Dampf. Er schüttelte sich, fasste sich an die verwundete Flanke und stieß einen lauten Schrei aus.
Nimm die Pike, sagte Gert und schüttete Pulver aus einer Hülse in den Lauf. Riposte, alors alors!
Lennard stach den Schaft der Pike in den feuchten Erdboden.
Gert rammte die Kugel mit dem Ladestock in den Lauf und spannte den Hahn. Und wir wollenen nich töten, nur verletzen …
Doch der Hessel griff nicht an. Er stand schwer atmend da, starrte mit ermatteten Blick in ihre Richtung, das Blut sprudelte nun frisch aus der Kaverne. Dann erhob er seinen mächtigen Kopf, stieß einen einzelnen, kehligen Laut aus und bewegte sich langsam humpelnd über die Lichtung.
Wie ein waidwundes Tier, sagte Lennard. Doch ‘s is kein Tier, Gert. ‘s kann kein Tier sein, wenns wie n Mensch geht.
‘n Bestie isses. Und wir sin Jägersleut. Jäger steigen den Bestien nach, Lennard. Wir erlegen se. Wir erlegen die Bestien.

Sie folgten der Fährte aus Blut und Schnitthaar bis zur vordersten Steilwand der Fünf Gleichen. Dort saß der Hessel unter einer Linde im Schatten, den Kopf erschöpft zur Seite gedreht, die Augen schon geschlossen. Fliegen schwirrten umher, legten ihre Eier in der schartigen Wunde ab.
Warts ab, nich zu nah. Gert hob die Hand. Ein Hieb und du bist entwei.
Der Atem des Hessel rasselte. Er öffnete die Augen und sah die Brüder reglos an.
Die Bestie weiß ja auch, dasse stirbt.
Meinst, der Herrgott holt auch jene?
Gert schüttelte den Kopf. Die fahrn in die Hölle. Solch Deivel ham beim Herrgott nix zu suchen.
Der Vatter hat se mir immer erzählt die Geschichte, dass der Hessel seine Quelle tief im Wald hütet, deren Wasser aus allem Gold macht, was man auch reinlegt.
n Märchen, Lennard. Und mir sind keine kleinen Kinder mehr.
Der Hessel tat einen letzten Atemzug. Danach gefror sein Blick.
Lennard öffnete ihm das Maul mit der Spitze der Pike. Zäng dreimal so groß und so scharf wie a Grimm!
Gert horchte in die Stille des Waldes hinein und legte einen Finger über die Lippen. Sie blickten an der Kalksteinwand entlang zum Himmel. Ein langer, verzerrter Schrei drang aus den Höhen zu ihnen herab.
Da wo eine is, da sind immer andere, sagte Gert leise. Dann entspannte er den Hahn und schulterte seine Muskete. Aber vom Gipfel der Gleichen bis runter is n ganzer Tag. Die riechen die Verderbnis bloß. Er lachte laut und schlug seinem Bruder auf die Schulter. Alors, alors, Lennard! Schaff n dicken Ast und Reisig an, lass rasch n Kreuz bauen um die Bestie dann zum Karren zu ziehen.

Sie erreichten den Waldrand zur Mittagsstunde. Die Sonne brannte ihnen heiß in den Nacken.
Schneid den Grimmen noch die Standarte ab und brech ihnen die Reißer ausm Maul. Das muss dem Aftervogt reichen.
Lennard nickte. Er blickte auf den Hessel, sein dichtes Kleid aus krausen Haaren, in seine noch offen stehenden Augen.
Der Vatter hat doch Recht gehabt mit seinem Märchen, sagte Gert. Nur dass der Hessel keine Quelle tief im Wald hütet.
Versteckt hatter sich. Versteckt vor den Menschen, vor uns.
Mag schon sein, Lennard. Aber sblutet eben, und wenns blutet, dann kanns und wirds gejagt werden. In den Augen da, da glimmts gleiche Wilde wie bei dem Hund in der Menagerie damals. Das kannste nicht bändigen, das bleibt so. Und dann muss mans erlegen. Man muss es töten, sonst tötets dich am End.

Die Stadtbewohner standen Spalier. Sie hielten sich die Hände vor ihre Münder und raunten. Manche murmelten leise Gebete. Andere wendeten rasch den Blick ab. Der Aftervogt setzte sich auf eine mit Samt gepolsterte Bank. Ach herrje, sagte er und trank einen Schluck grünen Wein. Und ich dacht stets, der Hessel sei nur ne Fabel, um Rotzbengel zu verschrecken!!
n Grimm mit solchen Hauern, sagte Gert und warf die herausgebrochenen Eckzähne auf die Tafel. Der muss fressen, und der war nich allein, sein Rudel wird ja nich kleiner. Da wirds knapp mitm Fraß. Sicher haben unsere Köder den Hessel ausm tiefsten Wald gelockt, der hat ja ne Nas fein wie n Hund.
Und da waren noch andere, sagst?
Bald stehense sicher vor den Höfen im Tal. Sieben Fuß hoch und zwanzig galizische Steine schwer.
Der Aftervogt schüttelte den Kopf. Um Gottes Willen!
Zweihundert Reppa für den Grimm, wie wirs abgemacht hatten. Den jungen, den räudigen, den schenk ich dir. Fünfhundert für den Hessel. Und tausend für jeden anderen, den ich dir bring.
Tausend?
Die Leut da draußen ham ihn ja alle gesehen, den Hessel. Wes das Herz voll Angst ist, des geht der Mund über …
Jaja, sagte der Aftervogt und nickte. Die Pfaffen suspizieren sicher schon, dass ich mit dem Teufel im Bunde bin, dass ich des Unheil heraufbeschwöre, ich meine, man schaue sich diese Kreatur ja nur einmal an! Er trank den Krug leer und winkte seinen Diener heran. Geh mir rasch einen Seckel Reppa aus der Stadtkasse herholen!

Lennard kaufte einen Strang türkischen Tabak und einen großen Krug Mirabellenschnaps beim Marketender in Vierheilig, und auf dem Ritt zurück in ihren Meiler machten sie Rast an der Weinerei Pejut, wo ihnen der Winzer umgetraubten Horn, den wild vergorenen Roten der Gegend, in ihre leeren Schafsblasen füllte.
Abends saßen sie vor ihrer Hütte und rauchten und tranken.
Isn guter Wein, sagte Gert und stopfte sich Tabakverse in die Pfeife.
Hast Recht, Gert. Ich mag n ja auch. Was anderes als immer nur der vermaledeite Grüne.
Aber schweigst schon den ganzen Abend …
sliegt mir schwer am Herzen, die Sache mit dem Hessel. Hat uns nix getan, das Wesen. Nich der kleinen Hedwig und sonst keinem. Wollt nur fressen. Und fressen wollenwer all.
Und sgibt Männer, die wollen Beute machen … erinnerst dich? Der Hessel is unsre Quelle, sagte Gert. Den machenwer zu Gold, und dann sindwer bald raus ausm Meiler, dann schauen wer uns die Ingelheimer Kolonien und die schwarze Küste an, so wie wirs immer wollten.
Lennard nickte.

Sie saßen bis in die tiefste Nacht vor der Hütte, tranken den guten Wein und rauchten ihre Pfeifen, und manchmal glaubten sie, da bewegte sich etwas in der Dunkelheit auf sie zu, aber dann schüttelten sie doch ihre Köpfe und lachten über ihre eigene schaurige Fantasie. Sie würden den letzten der Hessel schon bald darauf erlegen, sie würden ihn hetzen und vor sich hertreiben und in einer engen Schlucht nahe der Fünf Gleichen stellen, ihm seinen riesenhaften Leib mit großen Kalibern in Stücke reißen und ihm die Klauen als Beweise abtrennen. Sie würden mit Tausenden von Reppa ihren alten Meiler verlassen und sich bis an die südlichste Spitze der Kolonien durchschlagen, wo sie wilde Steppenhunde mit neuartigen französischen Hinterladern bejagen und dafür vom König üppigen Lohn erhalten. Sie würden in den Kolonien von Ingelheim sämtliche von Gott und Teufel erschaffene Kreaturen zur Strecke bringen, ihr Handwerk verfeinern und ihr Arsenal vergrößern, und jeder Edelmann würde ihre Namen kennen, den der Gebrüder Reets, die ohne Furcht noch den wildesten Bestien nachsteigen. Und doch würden die Brüder nie diese Nacht vor ihrer Hütte vergessen, wo sie eine der Wahrheiten über sich und die Welt erfuhren, dass nur einer die Schlacht gewinnen kann, dass dem einen Untergang dem anderen sein Los.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise