Der Balken am Trerichsweiher

Sie gingen über den Pfad neben der Sieg entlang zur Autobahnbrücke. Der Hund folgte ihnen an langer Leine.
Das Licht der Morgensonne schimmerte auf dem fast stehenden Gewässer.
Die Motorengeräusche wurden lauter.
Lass hinter der Unterführung runter aufs Feld und dann durch den Wald da.
Der kleinere der Männer nickte.
Ist ne Abkürzung.
Sie gingen langsam durch den breiten Tunnel.
Auf der anderen Seite erstreckten sich die abgeernteten Felder neben dem Weg. Die Erde zerfurcht und hellbraun, getrennt durch magere Grünstreifen.
Der größere Mann trug eine dunkle Weste mit aufgesetzten Taschen, unter dem Arm einen Kunststoffkäfig. Er fuhr mit einer Hand über die Löcher in der Decke.
Gibste denen eigentlich zu fressen?
Vitaminpaste wenn ich unterwegs bin. Aber sonst rohes Fleisch, die ziehen richtig was weg, die Viecher. Innereien, Herz und Magen und alles, Mäuse …
Sie folgten weiter dem Pfad.
Der Hund lief voraus zu einer Böschung, hob ein hinteres Bein an und nässte.
Heiko!
Ein Pfiff aus gespitzten Lippen. Der Hund bellte und kehrte zurück.
Wie viele Fallen haste mitgenommen?
Alle die im Kofferraum waren.
Ich mein, das sind so an die zehn Stück, sagte der Mann mit dem Käfig. Reicht dicke. Nich zu viel, sonst wird die Frigga müde und legt sich einfach in’n Bau. Die is auch nich anders als wir.
Was machen wir eigentlich mit den Lapuzen nachher, wenn wer die aus der Falle holen?
Warste noch nie beim Frettieren dabei?
Nee, immer nur Ansitz und paar Drückjagden als Schütze.
Tscha, sagte der Große und klopfte mit dem Zeigefinger gegen den Käfig. Nimmst dir n Knüppel, einmal übern Schädel, und dann machste mit deinem Messer da die Ader am Hals auf.
Der Pfad führte weiter in einen Hain. Die Luft wurde kühler.
Wasn das da?, fragte der Kleine.
Durch die Äste schimmerte die graue Wand eines großen, länglichen Gebäudes.
Sie blieben stehen.
Alte Champignonfabrik am Trerichsweiher. Kennste nich?
Nee. Nie von gehört.
Schon ewig zu. Verfällt da vor sich hin. Weiß keiner so genau, was damit los ist. Wahrscheinlich ungeklärte Eigentumsverhältnisse oder so.
Warste mal drin?
Na klar, ist aber nix Besonderes. Im Grunde nur n paar leere Hallen. Früher habn sich die Jugendlichen da immer getroffen und volllaufen lassen … aber ich glaub, ist jetzt auch schon lange nicht mehr so. Er spuckte aus und wischte sich mit dem Daumen über die Lippen. Wenn de noch nie da warst …

Die Halle war lang und hoch. Kleine Partikel schwebten durch die Luft.
Ist das Asbest?
Wat weiß denn ich Jung! Die Dinger stehen ja schon ewich leer … Seitn Siebzigern, glaub ich. Aber wurden vorm Krieg gebaut. Gabs da schon Asbest? Er zuckte mit den Achseln.
Sie gingen über eine moosbewachsene Laderampe weiter ins Innere. Die hintere Wand war eingestürzt, durch die Überreste der Mauer wuchs eine Birke.
Einmal war ich hier, da machte so n Typ Nacktfotos von ner Alten, aber die war astrein, sag ich dir … stand dahinten an der Wand, Titten raus und alles.
Und dann?
Was, und dann?
Und was haste dann gemacht, mein ich?
Na, ich hab den mal weitermachen lassen, aber der Alten, der hätt ich schon noch gerne an den Arsch gelangt, kann ich dir sagen.
Sie lachten.
Der Hund lief voraus und bog in einen im Halbdunkel liegenden Raum ab.
Das war vielleicht ne Alte, sag ich dir, richtiger Schuss … Er stellte den Käfig auf die Laderampe und schüttelte den Kopf. So was kriegste nich alle Tage zu sehn.
Sie standen nebeneinander und blickten zum Ende der Halle.
Nix Besonderes, wie ich gesagt hab.
Die Luft war stickig. Eine Amsel landete auf der Bruchkante, pickte kurz in der leeren Fuge und flog wieder davon.
Da vorne stand die, die Alte … Sie schauten auf ein Stück Mauer. Grelle, zerlaufene Farben. Die Reste eines Graffitis.
Dann begann der Hund zu bellen.
Heiko! Heiko, verdammt! Aus, aus, jetzt. Er schüttelte den Kopf. Also manchmal …
Sie stiegen über lose Steine und alte PET-Flaschen hinweg.
Der Hund tauchte hechelnd aus dem Schatten auf, streifte sein Bein und fiepte leise.
Was is da?
Der Große streckte die Hand aus und streichelte ihm über den Kopf.
Heiko, sagte er. Heiko, was los?
Der Hund leckte ihm über den Handrücken und drehte den Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war.
Jetzt lass dich doch nicht so ziehen, verdammt …
Sie gingen in die nächste Halle und blieben vor dem Schatten stehen.
Ach du Scheiße!
Scheiße, ja.
Sie senkten ihre Blicke, sahen auf die Überreste eines Feuers.
Verkohlte Holzscheite.
Daneben ein paar zerdrückte und verrostete Bierdosen.
Was meinste wie lang der da schon hängt?
Woher soll ich das denn wissen?
Dann fragte der Kleine leise: Müssen die Schmier anrufen, oder?
Auf keinen Fall!
Nee?
Stellen die nachher noch Fragen, hier von wegen, kannten Sie den undsoweiter. Kommste noch in Teufels Küche. Ich hab damit nix zu tun. Nich die Schmier.
Ja, und …
Und was?
Was denn dann?
Ich weiß et doch auch nich, Jung.
Der Mann hing von einem der mittleren Deckenbalken.
So n Seil hab ich auch im Kofferraum, sagte der Große. Isn Abschleppseil.
An dem sind schon überall die Fliegen dran …
Was denkst du, wie schnell das geht? Ratzfatz, dann biste nur noch Dünger.
Sie schwiegen einen Moment lang.
Ich weiß nicht … ich hab vorher noch nie ne Leiche gesehen.
Musste kotzen?
Nee. Nee, das nicht, aber ich weiß nicht …
Was?
Können den doch nich einfach hängen lassen.
Der geht uns nix an, so einfach ist das. Irgendeiner findet den schon und der ruft dann die Schmier und dann kann der sich damit rumschlagen.
Der Kleine nickte. Haste vorher schon mal einen gesehen?
Ja, hab ich, n paar sogar. Erster war am Strand, Neuharlingersiel, da hatte mein Alter mal n Wohnwagen stehen, und da wurde mal n Ertrunkener angeschwemmt. Ich war noch klein, habn auch nur kurz gesehen, aber da hatte der schon keine Augen mehr und nix, kein Gesicht, da gehen die Krebse ja dran, früher haben se einem immer erzählt, das machen die Aale, aber das stimmt nicht, Aale fressen kein Aas. Und dann vor n paar Jahren auf ner Drückjagd im Königsforst, n Motorradfahrer, war von der Straße abgekommen und dann ins Gebüsch, lag schon n paar Tage so da, als wir den gefunden haben. War wohl auch nicht sofort tot. Haben sie nachher gesagt. So isses eben, da machste nix. Er zuckte mit den Schultern. Komm, gucken wir uns den mal an.
Könnenwer doch nicht einfach so machen, oder?
Wer will da was sagen?
Ich weiß nicht …
Ach was, stell dich nicht so an!

Der Körper ging starr vom Seil, nur die Spitzen der Schuhe bewegten sich kaum merklich.
Guck dir mal den Hals an, der sieht ja wie aufgepumpt aus, verdammte Scheiße!
Bah, ich kann da nich näher ran, sons muss ich kotzen.
Mann Mann Mann, biste dir sicher, dass die Jagd was für dich is? Wenn de mal ne Sau weich triffst …
Sie blieben kurz vor dem Balken stehen.
Arm war der ja nich – Uhr, Schuhe, schon alles vom Feinsten.
Trägt sogar noch n Ring am Finger.
Tscha, vielleicht is dem ja einfach nur die Alte weggelaufen? Manche verkraften das nich, die hängen sich dann eben weg.
Jetzt sag doch sowas nicht!
Was denn? Hört doch keiner. Der da ganz bestimmt nich. Oder glaubste nachher noch an Geister oder sowas?
Das nicht, aber …
Ja na also. Ders dud und feddich is der Lack.
Der Hund schnüffelte an den Schuhsohlen und jaulte.
Heiko, is gut jetzt. Komm da weg. Der Große berührte die Schuhe mit den Fingerspitzen. Sind schon gut, die Teile. Sehen richtig edel aus, wie so italienische, ich meine, hier echtes Leder und alles.
Ist nich richtig …
Stellsten dich so an, Mensch?
Wasn wenn uns jemand gesehen hat?
Wer soll unsn gesehen habn? Blödsinn. Wir guckn uns den doch nur an, is nix weiter dabei. Ich sach et dir nochmal, wenn de drank denkst, die Schmier ze rufen, da is Ärger vorprogrammiert, so is das einfach mit denen. Was habense denn hier zu suchen gehabt?, so was fragen die dich an, und dann biste nachher ganz schnell in der Bredouille.
Ja, aber …
Jetzt halt mal dein Maul, verdammt. Er legte dem Hund seine Hand auf den Kopf, dann holte er eine Schachtel Camel aus seiner Westentasche, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und sah durch die staubige Luft bis ans Ende der Halle. Mich würd mal interessieren, wie der hergekommen is. Ob dem sein Auto noch irgendwo hier steht.
Der Hund leckte ihm wieder über die Hand. Das Licht schnitt hell und scharf durch die eingestürzte Mauer.
Na ja, sei’s drum. Er zündete die Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und entließ den Rauch langsam durch die Nasenlöcher.
Lass mal lieber los, sonst wirds noch zu spät nachher, sagte er und schnippte die noch brennende Zigarette auf den Boden.

Sie verließen die Halle durch die eingestürzte Mauer und gelangten auf eine Wiese voller Brennessel.
Der Kleine blieb stehen und schaute noch einmal über die Schulter zurück auf das graue, dunkle Loch in der Wand.
Was?
Ich glaub, das werd ich nie vergessen, nie.
Nee?
Er schüttelte den Kopf.
Na ja … komm, haun wir besser mal ab.

Sie wateten durch die kniehohen Brennessel.
Die Frigga wird langsam schon ganz kirr da drin, die muss was zu tun bekommen. Er klopfte leicht an die Seite des Käfigs. Ja, gleich isses soweit, du Süße, dann kannste loslegen.
Wart mal ne Sekunde. Der Kleine beugte sich nach vorne, stützte die Hände auf die Knie und erbrach sich.
Ach du Scheiße!
Geht gleich wieder, is gleich wieder gut.
Pass bloß auf, dass de dir nich auf die Schuhe kotzt, sagte der Große und hielt einen Moment inne. Er runzelte die Stirn, schloss die Augen, schnalzte laut mit der Zunge und drehte sich um. Wenn de feddich bist, guckste ma hier nachm Käfig, ja?
Der Kleine wischte sich mit dem Hemdsärmel einen Speichelfaden aus dem Mundwinkel und blickte dem Hund nach, der seinem Herrchen in einigem Abstand mit heraushängender Zunge folgte. Er richtete sich auf, atmete einmal tief durch und hob dann den Käfig auf. Brennnesseln stachen ihn, doch er nahm den Schmerz kaum wahr.

Im Käfig bewegte sich das Frettchen, seine schnellen Schritte übertrugen sich in den Holzboden, unterbrochen von Momenten, in denen es sich vollkommen ruhig verhielt.
Frigga, sagte er und klopfte mit dem Finger leicht gegen die Käfigdecke. Dunkle Tieraugen strichen an den Lüftungslöcher vorbei, das Fell schimmerte seidig.
Du kleines Drecksviech. Er schlug mit der flachen Hand, dann mit der Faust gegen den Käfig. Das Frettchen rutschte mit einem dumpfen Poltern von einer Seite zur anderen und bellte aufgeregt; ein kurzer, schriller Schrei. Dann Stille. Nichts bewegte sich. Kein Laut.

Er hielt den Käfig unter dem Arm und sah den anderen Mann über die Mauer steigen, seine behäbigen, schwerfälligen Bewegungen, als er sich die Weste aufknöpfte und durch die Brennnesseln auf ihn zukam.
Konnt ich nich einfach so da lassen, sagte er und blieb neben ihm stehen. Seine Stirn war gerötet von der Anstrengung. Über der Oberlippe glitzerte Schweiß. Er hob das Paar Schuhe hoch, drehte sie langsam hin und her, klopfte gegen die Sohle. Sind ja richtig gute Teile, auch sicher sauteuer gewesen, und der brauch se eh nich mehr. Oder?
Der Kleine schüttelte den Kopf. Er spürte ein Zucken in der Magengegend und biss sich auf die Unterlippe, bis es wieder verschwand. In seinem Mund vermischte sich Blut und Galle zu einem bitteren, metallischen Geschmack.
Er spuckte aus. Er lächelte.
Was los?
Nichts. Lass gehen. Ich nehm den Käfig.
Is gut, danke dir.
Kein Problem.

Sie gingen weiter durch die Brennnessel, bis sie wieder den Pfad erreichten.
Der Hund lief neben ihnen.
Keiner der beiden sah noch einmal zurück zur Halle.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise