Der August, die Wahrheit

Ich liege auf dem Bett im fast dunklen Zimmer. Durch die Falten im Vorhang scheint das letzte Licht des Tages und zeichnet Muster an die Decke. Über mir, das ist ein Trapez, aber ich bin mir nicht sicher. Sie hätte so etwas gewusst.

Manchmal habe ich das Gefühl, sie ist immer noch hier. Dann strecke ich meine Hand aus und will ihren atmenden Körper berühren – sie ist nah bei mir, sie war immer nah bei mir, sie liegt da in der Dunkelheit und wartet, sie wartet auf mich. Doch neben mir ist nur die kühle Decke, es ist eine Bewegung ins Leere, aus Erwartung wird Enttäuschung und dann fällt mir wieder ein, warum sie nicht da ist, nicht da sein darf, und dass sie weit weg ist, unerreichbar. Ich streiche mit der Hand über die Kissen und fühle glatte, warme Haut, aber das ist nicht sie, das bin ich, es ist nur mein atmender Körper, den ich da berühre. Ich lege die Hand auf meine Brust und lasse sie langsam bis zum Bauch gleiten, halte über der Narbe an, meine Fingerspitzen auf der Naht, sie ist so breit wie ein Daumen, wie mein Daumen. Manchmal spüre ich noch Schmerzen, ganz kurz und leise, ein Stechen und Brennen, heiße Nadelstiche. Es ist guter Schmerz, denn er erinnert mich an sie.

Ich stehe auf. Ich gehe durch die Diele ins Bad und schaue in den Spiegel, sehe Umrisse, mein Gesicht im Halbdunkel, grau und ebenmäßig und fast schön. Ich schließe die Augen, höre in die Stille, das Haus ist jetzt ganz ruhig, es ist spät, alle sitzen in ihren Zimmern und essen und trinken und sehen fern, oder sie reden und schweigen und starren vor sich hin, es zischt irgendwo in den Rohren und in den Leitungen gluckert es und weit entfernt beschleunigt ein Zug auf alten Gleisen. Dann spüre ich Sandkörner unter meinen Füßen und bewege meine Zehen vorsichtig hin und her, sie graben sich in den Sand, der fein und leicht feucht ist. Woher kommt dieser Sand? Wie kommt er ins Bad?, und als ich die Augen öffne, bin ich gar nicht mehr im Bad, ich bin nicht mehr in dem stillen Haus in der Friedrich-Ebert-Straße, sondern an der Küste. Sie steht neben mir, ihr Haar ist offen und ganz ausgebleicht von der Sonne, fast blond, ein dünner Schweißfilm schimmert auf ihrem Rücken, und wir beide blicken über das Meer auf einen flirrenden Punkt am Horizont, der sich ganz schnell bewegt, einmal in diese Richtung, dann wieder in eine andere, es ist ein Punkt der nie stillsteht. Ich will etwas sagen, doch sie sieht mich nur an und lächelt und legt mir den Zeigefinger auf die Lippen, ich mag das, wie sie das macht, so entschlossen und streng, sie drückt mir den Finger ins weiche Fleisch, ich spüre ihn an meinen Zähnen, die Haut ist glatt und schmeckt nach Salz. Frag nicht, sagt sie leise, ich sehe dabei auf ihre Lippen, die sich nur ganz wenig öffnen, während sie spricht, so dass ich schon denke, vielleicht spricht gar nicht sie, vielleicht ist das nur eine Stimme in meinem Kopf, vielleicht bin ja ich verrückt, wahnsinnig, aber nein, das stimmt nicht, denn sie ist doch verrückt, sie ist … Frag nicht. Nein, es ist sie, die spricht, sie sagt das, und ich schweige, weil sie mir immer noch den Finger auf meine Lippen drückt, sie verbietet mir den Mund, denn sie ist verrückt und wahnsinnig und … Es war August, das weiß ich noch. Im August suchen wir nach Wahrheit.

Der Sand unter meinen Füßen, der warme Körper neben mir, ihr warmer Körper neben mir, der Finger über meinen Lippen, über unseren Lippen, wir beiden schweigen, wir beide, und ich weiß, was sie sonst noch alles mit den Lippen kann, und dann zischt es wieder in dem Rohr und der Zug kommt zum Stehen, die Bremsen zerreißen die Stille und das Gesicht im Spiegel ist nicht mehr schön, es ist leer und alt und verloren, es ist mein Gesicht, und dann ist da auch kein Sand mehr, nur noch die Kacheln, ganz hart und kalt.

Im August suchen wir nach Wahrheit. Im August haben wir ihre Tabletten vergraben, draußen im Garten unter der großen Linde in einer heißen, trockenen Nacht, wir vergruben sie unter den Wurzeln, tief in der Erde, wir gruben mit den Händen, wir gruben und beerdigten die Wahrheit und die Vergangenheit und die Zukunft; alles wurde eins und sollte nie vergehen. Aus August wurde September, wurde Winter, dann fanden wir die Wahrheit, nein, die Wahrheit fand uns, sie ließ sich nicht beerdigen, denn die Wahrheit wird immer auferstehen, wir zählten die Tage und flüchteten in diesen einen August, den es nicht mehr gab, den es vielleicht nie gegeben hat, den es nie geben wird.

Ich höre jemanden parterre lachen, danach geht das Licht im Hausflur an, und ich spüre ein Pochen unter der Narbe, als wäre es eine offene Wunde, als wäre sie noch ganz frisch, als steckte der harte, kalte Stahl immer noch in meinen Eingeweiden. Ihr Finger liegt schon lange nicht mehr über meinen Lippen, sondern auf der Narbe, die so lang wie ein Daumen ist, doch es ist nicht ihr Daumen, es ist ein Messer, ein Messer mit gerader Klinge, sie hält es in der Hand und dreht sich um und sticht zu, sie sticht es in meinen warmen Körper, der ihr eben noch so nah war, wir waren uns eben noch so nah, wir haben eben noch nach der Wahrheit gesucht in diesem August, und wie lange ist das her?, Jahre, nein Tage, nein Jahre, nein … und Blut rinnt über den Griff und tropft auf den Boden, ein Tropfen, zwei Tropfen, ich sehe sie fallen wie schweres Öl, einer nach dem anderen, aber das Blut ist nicht rot, es ist dunkel, fast schwarz, so dunkel wie die Nacht in der wir die Tabletten vergraben haben, weil sie so nicht mehr weitermachen wollte, konnte, sollte, da ist kein Schmerz, nur eine seltsame Kälte, die mich in langsamen Wellen immer weiter durchströmt, und als ich sie ansehe ist da wieder der flirrende Punkt, doch der flirrende Punkt ist nicht am Horizont, sondern in ihrem Kopf, in ihrem Kopf springt er hin und her und weiß nicht wohin, überallhin, nirgends, der flirrende Punkt ist es, der sie verrückt macht, der sie … Wir schweigen, bis ich die Augen schließe, nur für einen Moment, für einen kurzen Moment, einmal durchatmen, und als ich sie wieder öffne, ist sie nicht mehr da, auch das Messer ist weg, da ist nichts mehr, keine Friedrich-Ebert-Straße, kein Haus, kein Zischen in den Rohren, keine Züge auf alten Gleisen, nur ein heller, weißer Raum, hell und weiß und kühl und still.

Ich liege lange in diesem hellen, weißen Raum und vergesse das meiste, ich vergesse meinen Namen und ihren Namen und als man mich fragt, Warum?, starre ich an die Wände und stelle mir vor, sie seien aus warmem Sand. Und als ich den hellen, weißen Raum dann schließlich verlassen darf, baut jemand alles um mich herum wieder auf; den August, die Friedrich-Ebert-Straße, das Haus, das Zischen in den Rohren, die Züge auf den alten Gleisen, die Wahrheit, meine Erinnerung. Nur sie ist nicht mehr da. Sie ist weg. Sie ist fortgegangen. Jemand hat die Tabletten wieder ausgegraben und sie damit gefüttert, jemand hat sie ihr alle auf einmal gegeben, hat ihr den Mund geöffnet und sie ihr auf die Zunge gelegt, der flirrende Punkt in ihrem Kopf ist weggegangen, und dann hat sie hat das Messer aus mir herausgezogen und ist auch weggegangen, sie hat dabei etwas von mir genommen und von sich dagelassen, und jetzt stehe ich vor dem Loch an der großen Linde, vor dem Loch das wir mit unseren eigenen Händen gegraben haben, damals, früher, in dem August den es nie gab, und das Loch ist wie die Narbe an meinem Körper, eine Wunde die sich nicht mehr schließt, die dunkel und offen und leer bleibt, leer wie ihr Blick, als sie weggeschlossen wurde und mich alleine zurück ließ, alleine mit der Suche nach dem August und der Wahrheit.

Ich warte, ich warte. Manchmal denke ich, sie kommt zurück, bestimmt kommt sie zurück, alles wird wieder wie früher, wie damals, wie in diesem August, aber ich weiß, das es nicht stimmt. Sie hat etwas dagelassen, in diesem Loch unter der Linde, und niemand kann es für sie finden, es ist einfach weg, fort für immer. Vielleicht war das die Wahrheit. Vielleicht ist die Wahrheit auch in mir, unter meiner Narbe, zwischen den Organen, zwischen Leber und Milz, und ich muss sie wieder herausholen, muss sie für sie herausholen, mit einer Klinge, die länger als unser beider Daumen ist.

Ich strecke meine Hand aus und da ist sie, ihr Gesicht gleich hinter dem Spiegel, ich fasse durch das Glas wie durch eine Flüssigkeit, und ihre Haut ist glatt und weich und ich weiß, wir werden uns wieder nah sein, so nah, wir werden beide an der Küste stehen und auf das Meer hinausblicken, wir werden das Zischen in den Rohren hören, wenn es ganz still im Haus ist und auch die Züge auf den alten Gleisen, die in der Nacht durch die langen, verborgenen Tunnel fahren. Ich warte und suche diesen August und warte und suche die Wahrheit.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise