Das vergessene Schlafzimmer

Es waren ihre Bewegungen, die Art, wie sie etwas in der Hand hielt. Er hatte sie mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen. Sie hatten sich in einer Kneipe kennengelernt, an deren Namen er sich nicht mehr erinnern konnte. Damals bestellte sie grüne Witwe und setzte sich auf den Hocker neben ihn. Noch in der gleichen Nacht schliefen sie miteinander. Danach lagen sie auf der Matratze in seinem Apartment, hörten Doobie Brothers und rauchten die letzten Reste Schwarzer Krauser.

Er zahlte mit einem Hunderter. Der Kassierer vertat sich mit dem Wechselgeld, packte Joghurt, Kirschwasser und Zahnseide in eine dünne Plastiktüte.

Er könnte auf sie zugehen, es aussehen lassen wie eine zufällige Begegnung. Sie würden mit einem letzten Rest Vertrautheit reden und dann in ihre Leben zurückkehren. Er stellte sich unter das Vordach einer Boutique und beobachtete, wie sie im Eingang des Kaisers ihren Einkauf sortierte. Im Licht der Reklametafeln sah er die Jahre, die sie neben fremden Männern verbracht hatte – in ihren Betten, an ihren Frühstückstischen, als Zeuge der eigenen Vergänglichkeit. Viel später saß er am Küchentisch. Er sah aus dem Fenster, das Licht der Straßenlaternen erhellte die Wände der Mietshäuser gegenüber. Er starrte auf grauen Beton.

Das Schlafzimmer ihrer ersten Wohnung wollten sie rot anstreichen. Anfangs war es nur eine dieser Ideen gewesen, doch dann waren sie kilometerweit für die Farbe gelaufen. Sie besaßen kein Auto. Mehr brauchten sie nicht: ein paar Dosen Bier und eine Idee. Als sie mit dem Streichen anfingen, sahen sie auf die Wände – da waren viele Farben, Schicht auf Schicht auf Schicht. Diese Schichten waren wie Beweise: jemand war vor ihnen da gewesen, hatte die gleiche Idee gehabt. Diese Erkenntnis veränderte etwas. Am Abend räumten sie Farbe und Pinsel in die Abstellkammer.

Er wollte daran glauben, dass sie nur ein oder zwei Jahre in diesem Schlafzimmer verbracht hatten. Jetzt, in der dunklen Küche, kam es ihm vor wie Jahrzehnte. Als würde er immer noch an diese Wände starren und spüren, wie das Gefühl in ihn einzog, mit etwas nicht fertig geworden zu sein.

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