Das traurige Licht an Mietshausfassaden

by Sven Heuchert

Ich sehe dieses Licht jeden Morgen und jeden Abend. Ich sehe es aus dem Bus der Linie 501 oder 503 oder 508. Ein Versprechen von Wärme. Von Geborgenheit. Ich sehe Familien um einen Tisch sitzen. Sie erzählen sich kleine Geschichten. Was nimmt man schon mit? Eine Anekdote. Einen Witz. Die Busse fahren immer über die gleichen Straßen, halten an den gleichen Stationen. Jeden Morgen. Jeden Abend. Die gleichen Gesichter. Die gleichen Menschen. Wir sacken auf den Sitzen in uns zusammen. Atmen. Schweigen. Ich kenne jedes dieser Gesichter. Das Licht an den Fassaden. Eine Lüge im Morgengrauen. Eine Lüge in der Dämmerung.

Ich sitze im letzten Vierer. Ich sehe aus der großen Scheibe auf die regennasse Straße. Manchmal tut sich doch etwas auf: eine Frau, die hinter den Vorhängen steht und eine Zigarette raucht. Vielleicht wartet sie auf einen Geliebten. Vielleicht hat sie die Liebe schon lange aufgegeben. Ein alter Mann mit Hund. Das Tempo ihrer Schritte langsam. Sie bleiben an einer Ampel stehen, starren ins Nichts. Dunkle Hundeaugen. Leerer Blick. Was ist noch zu erwarten? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Antworten. Ich wünsche mir ein Paar, das sich küsst, und das während dieses Kusses alles um sich herum vergisst. Was kann man für die Dauer eines Kusses vergessen? Vielleicht genug, um weiterzumachen. Einfach weitermachen.