Bruch

Immer wieder Wasser, das Wasser. Alt, magisch. Heimat. Kindheitsworte. Erinnerungen: nasse Steine unter Füßen. Sand, Gras, die Sonne, die uns blendet. Warme Haut, das erschöpfte Daliegen. Ein letzter Rest Feuchtigkeit im Handtuch. Das gleichmäßige Atmen der Mutter, wenn sie döst. Die krausen Haare des Vaters auf seiner Brust. Und das Summen der Insekten, weit weg, nah, weit weg. Libellen haben mir Angst gemacht. Schrilles Lachen. Ein spitzer Schrei. Jemand fällt, springt, wird gestoßen.

Noch liegt der Fluss ruhig da, ist nur träge Oberfläche. Kurz nach dem Eintauchen – wie ich dieses Gefühl vermisse. Prickelnde Kälte. Danach Orientierungslosigkeit. Schwerelos im Element, Rauschen in den Ohren. Sauerstoffperlen, aufgetrieben durch das eigene Gewicht. Brennen, Blitze auf der erhitzten Haut. Ich erinnere mich an Vaters Worte: Bombenkrater. Wie er das aussprach, da schwang Ehrfurcht mit. Eine Warnung war’s. Die Löcher im grünstichigen Schlick sah man nicht, aber sie waren da. Strudel, die einen in die Tiefe hinabzogen. Der Vater war ein guter Schwimmer. Konnte tauchen, minutenlang. Da, am Wasser, am Fluss, da war noch etwas in seinem Blick. Erwartung, in einem Gesicht von früher. Nur noch Graues ist da jetzt. Puppenaugen. Manchmal verzieht er den Mund, ein Zucken im Winkel. Es ist, als wolle er sagen: Erinnert ihr euch auch? Wasser. Sonne. Der Frieden in diesen endlosen Minuten; Vergangenheit. Aber im Blick selbst ist nichts mehr. Nur noch Schweigen, eine große Stille. Vielleicht endgültig. Mutter sagt: Da gab es einen Bruch. Sie sagt: Etwas ist gebrochen. In ihm. Was meint sie: Weggebrochen, abgebrochen, aufgebrochen? Es gab einen Bruch, sagt sie, so leise, dass ich schon denke, es soll keiner hören. Dann sieht sie wieder auf ihre Finger, als könne sie mit denen etwas rückgängig machen.

Wenn, dann denke ich an ihn als eine Kraft. Muskeln, die spannen, sich dehnen. Die Schweres leicht aussehen lassen. Und ich denke an die Tätowierung am Oberarm: ein Frauengesicht, schief und hässlich. Blaue China-Tusche, die mit dem Muskel, den Sehnen zittert. Zur Einheit verschmolzen. Auf ewig. Darüber habe ich gelacht, ein Milchzahnlachen. Ich erinnere mich.

Mutter hat neulich in die Brotschneidemaschine gefasst, vor ein paar Tagen erst. Hat sich selbst verbunden, saß da in der Küche mit Mull und Schere und Tränen. Blut auf dem Boden, nur ein paar Tropfen. Ich dachte gleich an Märchen, an die alten Geschichten, in denen es immer um Blut geht. Da war es, gleich neben dem Stuhl: Nicht mehr rot, schon fast schwarz, in den Dielen eingetrocknet. Mutter, sagte ich, und sie sah mich an, und ich wusste, dieser Blick … Ich weiß nicht mehr weiter, oder: Ich kann nicht mehr. Komm, sagte ich, ich helf‘ dir. Wie’s Kraft kostet, das zu sagen. Man hat es sich selbst sagen hören, oft schon, aber das war nur im Kopf, das war nicht wirklich. Man hat es gedacht. Und dann sagt man’s, weil die Zeit dafür gekommen ist.

Die andere Zeit ist weit weg. Aber es gab sie, das weiß ich. Ich stelle mir vor, wie die Mutter glücklich ist. Wie sie in die Sonne sieht, ihre Augen schließt. Wie sie die Wärme spürt, auf Haut, Haar. Wie sie sagt: Ist alles gut. Die Küche ist dunkel, die Mutter erschöpft. Im Haus ist das Schweigen eingekehrt.

Ich sehe den Vater, sehe die Tabletten. Rote, blaue, grüne. Sortiert nach Tagen. Er nimmt sie. Er spricht nicht. Die Tabletten arbeiten, im Kopf, in den Gliedern. Alleine sitzen wir da und sehen auf den Fluss, hören die Geräusche des Wassers. Das Gesicht am Oberarm ist noch da, natürlich. Ich seh’s, wenn er sich eine Zigarette anzündet, dann verrutscht das Hemd. Das ist alles, was geblieben ist.

Sven Heuchert
Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‘Zinn 40′ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise