Aufstieg

„Heute is der große Tag,“ sagte er.
Ich nickte.
„Und? Was sagt dein Gefühl?“
„Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Keine Ahnung.“
„Kann mich noch an ’73 erinnern“, sagte er, „als sei es gestern gewesen. Campbell, Struth, Mödrath, das war ’ne Mannschaft.“
„Jetzt sind es ja auch gute Jungs.“
„Schönwetterfußballer sind das! Die fallen, als hättense nich‘ genuch‘ Schwarzbrot gegessen.“
„Is‘ gut“, sagte ich, „hast ja Recht, Vatter.“
Wir schwiegen für einen Moment.
„Dein Bruder war gestern auch hier“, sagte er dann, „hat mich besucht.“
„Ach ja? Wie geht’s ihm?“
„Frag ihn doch selbst.“
„Komm, weißt genau, was los ist.“
„Kriegt das wieder hin. Spielt keine Rolle, wer da angefangen hat. Ist völlig egal.“
„Ja, ich versuch’s.“ Ich sah ihn an. „Ich versuch’s ja.“
Er nickte und sagte: „Auf welchem Sender läuft das Spiel?“
„Auf Sky. WDR überträgt aber volle neunzig Minuten, richtig alte Schule.“
„Hier auf’m Zimmer hab ich kein Wlan“, sagte mein Vater und tippte auf sein Mobiltelefon.
Ich hob meinen Rucksack hoch. „Hab‘ ’n Transistor mitgebracht.“
Es war sehr schnell gegangen. Schneller als üblich, hatten die Ärzte gesagt. Ich holte das Radio aus dem Rucksack, und die zwei Dosen Coke light, die ich im Kiosk besorgt hatte, stießen gegeneinander.
Mein Vater sah auf den Rucksack und schüttelte den Kopf. „Riskier das nich‘ wegen ’nem blöden Fussballspiel!“
„Is‘ nur Cola.“
„Lass das mit dem Sprit. Kannst damit nich‘ umgehen.“
„Weiß ich doch.“
„Aber jetzt haste auch Familie. Kannst’s nich‘ mehr so machen wie früher, hast jetzt Verantwortung.“
„Jaja“, sagte ich, „is‘ ja jut.“
Er sah auf die beiden Dosen und fragte: „Wann geht ’n das Spiel los?“
„Viertel vor neun.“
Er machte eine Kopfbewegung zu seinem Zimmernachbarn. „Randvoll mit Schmerzmitteln. So willste doch nich‘ enden?“
„So will keiner enden.“
Mein Vater lachte. „Willst deinen Sohn Anton nennen?“
„Hat Lisa dir erzählt?“
Er nickte.
„Ja“, sagte ich, „ich mag den Namen. Nicht so was Beknacktes wie Kevin.“
„Wie geht’s ihr? Geht’s ihr gut?“
„Wie es halt so ist im achten Monat, geschwollene Füße und so, kennste.“
Er lächelte. „Hast den Opa ja nur einmal gesehen ….“
„Hab‘ noch das Foto, wo wir in seiner Wohnung sind, Brandenburg, Straße der Aktivisten. Lief grad ’n Spiel von Bayern München im Fernsehen.“
Der Mann im Bett nebenan hustete. Für einen Augenblick hörte man nur rasselnden Atem.
„Hat nicht mehr lang“, sagte mein Vater. „Rausschmeißen werden se den nich‘ mehr.“
Ich schwieg.
„Was sagt die Uhr?“
„Hab’n noch was Zeit“, sagte ich.
„Gegen die Dosen“, sagte mein Vater. „Mann, das wird schwer. Wie die da unten reinrutschen konnten, das is‘ mir echt unbegreiflich. Bei der Kohle, die die verblasen haben. Und der wievielte Trainer is‘ das jetzt?“
„Manchmal schießt Geld eben keine Tore.“
Wir lachten.
„Tuchel hätte mal in Dortmund bleiben sollen.“
„Ja“, sagte ich, „danach kam nicht mehr viel.“
„Haste eigentlich nach den Kois geguckt?“
Ich nickte. „Werden immer fetter, die Dinger.“
„Musste ’n bisschen öfter nach gucken jetzt. Wenn es kalt draußen wird, muss der Teich immer abgedeckt sein, sonst geht die Katze dran, oder der Reiher. Mutter sagt, die hätt‘ ihn da schon rumstochern sehn.“
„Ich kümmere mich drum“, sagte ich und stellte das Radio auf den Beistelltisch. Dann schaltete ich es ein und suchte den Sender.

Der Moderator sagte: „Und jetzt will die Fortuna mehr, nach sieben Jahren zweiter Liga möchte man endlich wieder Erstligaluft schnuppern. Trainer Dirk Lottner hat in den vergangenen drei Jahren ganze Arbeit geleistet und eine Truppe auf die Beine gestellt, die Fußball arbeitet, die sich bis zur letzten Sekunde zerreißt.“

„Klingt ja wie ’ne Rede am ersten Mai“, sagte mein Vater. „Und ob der Lotte ’n guter Trainer is‘? Selber immer Kippe und Currywurst. Ewiger Standfußballer.“
„Mit ’nem goldenen linken Fuß.“
„Wem haste deine Jahreskarte gegeben?“
„’nem Freund vom Lupo.“
„Hinspiel war 0:1 für uns, oder?“
„Hardenbicker, Kopfball nach Ecke. Geiles Ding.“
„Ich hab n gutes Gefühl“, sagte mein Vater, und ich sah ihn an und sagte: „Ich auch, verdammt!“

An dem Abend als dass mit der Relegation feststand, bin ich von der Arbeit nach Hause und habe mich unter die Dusche gestellt. Ich stand da eine Stunde oder länger, Niels hatte mir in der Zeit den Anrufbeantworter vollgequatscht, ich habe die Nachrichten erst Jahre später gelöscht. Im Hintergrund hörte man Lupo und Börek grölen: „SC Fortuna aus Köln am Rhein, wird eines Tages Deutscher Meister sein.“ Nie wieder hatte ich größere Lust, mich zu betrinken, aber ich hielt durch, blieb unter der Dusche stehen.

Das Spiel wurde angepfiffen. Dirk Lottner hatte seine Mannschaft gut eingestellt, die Leipziger kamen in den ersten zwanzig Minuten kein einziges Mal in die Nähe des Strafraums. Dann gab es den Elfmeter, von dem viele heute noch sprechen. Hardenbicker foult Beiersdorf nach einer Ecke und der Schiedsrichter zeigt sofort auf den Punkt.

„Leichter Körperkontakt, den Beiersdorf natürlich dankend annimmt, aber reicht das für einen Elfmeter? Eggeberg legt sich den Ball zurecht, kurzer Anlauf, und … TOOOR!, scharf ins linke Eck, Leon Ludwig noch mit den Fingerspitzen dran, aber nichts zu machen. Dreiundzwanzigste Minute, Leipzig führt mit eins zu null.“

Wir starrten auf das Radio. Im Hintergrund hörten wir das Südstadion, das tausendfache Raunen. Ich sah sie vor mir – Niels, Lupo, Börek, in der Kurve und voller Adrenalin. Der Mann im Bett nebenan wurde wach und sah zu uns herüber. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und drehte sich auf die Seite.

„Die Fortuna kommt über rechts, Kühlwetter verliert den Ball im Aufbau, von David Pütz auf die Außen gespielt zu Stenzel, der sprintet an der Seitenlinie entlang, zieht nach innen, steckt durch und … das ist das Zwei zu Null für Leipzig! Eggeberg braucht nur den Fuß hinzuhalten, Ludwig ist machtlos. Damit ist klar – es wird keine Verlängerung geben. Die Fortuna bräuchte jetzt drei Tore …“

„Verdammte Scheiße, das war’s!“
Mein Vater atmete aus, und dann sagte er auf einmal: „Ich sterbe.“ Das habe ich bis heute nicht vergessen, wie er das sagt. Ich drehte das Radio leise. Wir haben uns mal geprügelt, da war ich Zwanzig. Es ging alles sehr schnell. Wir hatten getrunken, und ein Wort gab das andere. Nur ein paar Schläge, ganz harmlos. Lippe blutig, Hemd zerrissen. Ich habe gedacht, danach hätte sich etwas geändert, aber ich blieb derjenige, der am Leben scheitern würde. Jeder Sohn will nur die Liebe seines Vaters, und es ist egal, wie er sie erlangt. „Übers Sterben hab‘ ich nie nachgedacht. Ich weiß noch, dein Onkel, der hat angefangen, an Gott zu glauben. Wollte alles ändern, wenn er sein bisschen Leben behalten darf.“ Er machte eine Kopfbewegung zum Radio hin. „Glaub‘, ’s geht weiter.“

Wir werden nie erfahren, was Dirk Lottner der Mannschaft in der Halbzeitpause gesagt hat. Weder er noch seine Spieler haben sich jemals dazu geäußert. Kühlwetter, der erst vor Kurzem vom 1.FC Köln zur Fortuna gewechselt war, und für den die Fans sich auch lange Zeit nach diesem Spiel nicht erwärmen konnten, hatte innerhalb der ersten zehn Minuten nach Wiederanpfiff drei große Chancen, davon ein Lattenschuss. Als ich hörte, wie der Ball vom Aluminium abprallte, war ich mir sicher. Ich sagte: „Die Jungs drehen das Spiel noch“, und mein Vater schob sich ein Kissen in den Nacken, lehnte sich in seinem Krankenhausbett zurück und sagte: „Wenn der Lottner sich selbst einwechselt und drei Freistöße reinmacht.“

Über das, was in der 67. Minute und danach passiert ist, wurde schon viel geschrieben. Im Fanshop der Fortuna gibt es T-Shirts mit der Ziffer 67 zu kaufen, einer der beliebtesten Artikel nach wie vor. Eine bekannte Kölschrock-Band hat einen Song verfasst, er heißt „Minuten wie diese.“ Im Südstadion lassen sie ihn vor jedem Heimspiel laufen.

„Fricke auf Schulisch, der auf Rio Peters, Peters zentral vor dem Sechszehner, wird nicht angegriffen, spielt nach Außen zu Nawrath, der legt ab auf Klefisch, Klefisch hält den Ball an der Strafraumkante, passt quer zu Kamp, Kamp in die Schnittstelle zu Kühlwetter der abzieht und … Toooor!, Kühlwetter mit dem Anschlusstreffer in der 67. Minute, die Fortuna verkürzt auf 1:2.“

Ich habe mir die Tore oft angesehen. Nach dem Anschlusstreffer gibt es keinen Jubel. Vielleicht auf den Rängen, nicht bei den Spielern. Kühlwetter sieht zur Trainerbank, und ich erkenne auf den Fernsehbildern nie, mit wem er Blickkontakt herstellt, wahrscheinlich mit Trainer Lottner. Er verharrt, atmet aus, dann nickt er mit dem Kopf. Fast ein zärtlicher Moment.

Achtundfünfzig Sekunden nach dem Anstoß gleicht die Fortuna aus. Eine hohe Flanke aus dem Leipziger Mittelfeld landet bei Innenverteidiger Max Forsbach, der Hafer gibt und den Ball aus der Gefahrenzone drischt. Sören Reddemann, Rechtsaußen von Rasenballsport, unterläuft bei der Annahme ein Stockfehler. Rio Peters nimmt ihm den Ball aus vollem Lauf ab, zieht nach innen und spielt einen Pass in den Rücken der Abwehr. Alle sehen dem Ball hinterher, er rollt so langsam, dass man denkt, es geschähe in Zeitlupe. Gavin Kamp schaltet als Erster und schiebt den Ball überlegt mit dem Innenrist ins lange Eck. Ich sprang vom Stuhl, ballte meine Faust, und der Mann im Bett nebenan öffnete die Augen und sagte: „Das glaube ich ja nich‘, die Fortuna.“ Seine Stimme klang dünn und kraftlos, aber er lächelte. Noch während wir die Köpfe schüttelten, schrie der Moderator: „Kamp!, wieder Kamp!, Gavin Kamp mit dem 3:2 für Fortuna Köln! Ballverlust im Mittelfeld, Kühlwetter steil auf Kamp, der sich gegen zwei Verteidiger durchsetzt und eiskalt einnetzt.“
„Verdammt gutes Spiel“, sagte mein Vater. Er wirkte klein, seine Haut dünn und seifig. „Jetzt müssen se nur sehen, dass se das nach Hause schaukeln und dann auch endlich mal drinbleiben, wird ja auch nich‘ einfacher.“
„Packen die“, sagte ich. „Wirst schon sehen.“
Eine Pause entstand, mein Vater schloss für einen Moment die Augen und lächelte.

Nach dem Schlusspfiff packte ich zusammen und fuhr mit dem Bus nach Hause. Ich stellte mich unter die Dusche, bis Lisa ins Badezimmer kam und fragte, ob alles in Ordnung sei. An den Aufstieg dachte ich nicht. Ich stand nur unter dem heißen Wasser und versuchte mit mir selbst klarzukommen. Am nächsten Morgen läutete in aller Frühe das Telefon. Ich habe seine Stimme zuerst nicht erkannt, wir hatten das letzte Mal vor über zehn Jahren miteinander gesprochen. Mein Vater starb in derselben Nacht, in der Fortuna Köln in die erste Liga aufgestiegen ist.

Lisa und ich sind seit fünf Jahren getrennt. Irgendwann hat das mit der Dusche nicht mehr funktioniert. Zuerst hat sie es versucht, aber dann hat sie es nicht mehr geschafft. Meine Tochter ist dreizehn. Sie wird ihrer Mutter immer ähnlicher. Anton interessiert sich nicht für Fußball. Einmal habe ich ihn zu einem Heimspiel mitgenommen, da war er Sieben oder Acht. Natürlich habe ich ihm die Geschichte erzählt. Vom Aufstieg und von seinem Opa. Er hat die ganze Zeit auf seinem Smartphone gespielt.

Der Umbau des Südstadions ist dieses Jahr fertig geworden. Es fasst knapp dreißigtausend Zuschauer, eine hochmoderne Anlage. Nächste Woche geht es gegen Olympique Lyon in der Europaleague, das erste internationale Spiel überhaupt. Das Bier ist jetzt doppelt so teuer, die Karten auch, aber das macht nichts. Ich stehe noch immer in der Kurve. Was sollte ich auch sonst tun?

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