Am Engk vun d’r wieße Ling

Ich bin seit ein paar Wochen aus dem Eschenberg Wildpark raus und habe gedacht, diesmal bleibe ich weg vom Saft, aber es kriecht in mir hoch wie schlechter Atem. Vor Jahren hat mir ein stationärer 35er gesagt, er setze sich in Bewegung, wenn der Saufdruck kommt. Weglaufen vor dem ersten Schluck! Wenn es einmal an den Lippen ist … Aber kannst ja nicht immer mit Flacker in den Pfoten rumsitzen, die Wände anstarren oder tote Fliegen zählen. Dein Gehirn schiebt dir irgendwann doch wieder die alte floppy disc rein – und da ist alles drauf, jeder süße Nektar, von dem du jemals gekostet hast, das volle Programm.

Meine Mutter sitzt in der Küche, auf dem Tisch der Stadtanzeiger und eine Tasse Kaffee. Sie dreht sich nach mir um, zuckt mit der Schulter und sagt: „Ach, ich seh‘ nur was aus dem Fenster.“
Ich nehme eine Zigarette aus ihrer Schachtel, sie raucht Peer 100. „Mach das manchmal auch, einfach so Leute beobachten“, sage ich, obwohl das nicht stimmt. In letzter Zeit starrt sie für meinen Geschmack zu oft aus dem Fenster, außerdem übertreibt sie es mit dem Melissengeist. Ich sehe die Flaschen nie, die hält sie in ihrem Schmuckschränkchen schön unter Verschluss, und damit ich gar nicht erst auf Gedanken komme, schließt sie die Schlafzimmertür ab, selbst wenn sie nur mal eben Zigaretten vom Büdchen holt. Aber in ihrem Atem, da rieche ich die Dosis, die sie jeden Morgen löffelt.

Sie sieht mich an, und es ist dieser Blick, den nur Mütter draufhaben. „Was möchtest du von mir?“, fragt sie und streicht sich mit der Hand über den Kopf, eine Strähne löst sich aus dem Haarknoten in ihrem Nacken.
„Nur den Wagen“, sage ich, ich sehe sie nicht an dabei, ich sehe woanders hin, in die Spüle, die voller gebrauchter Kaffeebecher und schmutzigen Tellern ist.
„Wofür brauchste den Wagen?“ Sie murmelt die Worte, als sei sie unendlich müde, und dann sehe ich sie doch an.
„Was durch die Gegend fahren. Nur so.“
„Nur so?“, wiederholt sie und hebt die Augenbrauen. Da ist ein Rest Lidstrich, wie eilig weggewischt.
„Ja“, sage ich. „Bisschen auf andere Gedanken kommen. Geh doch kaputt, wenn ich immer nur in der Bude häng‘.“
Sie atmet aus und legt ihre schmale Hand auf die Zigaretten. „Wie lange willst du noch bleiben?“ Sie hält die Hand so auf der Schachtel, dass ich nur die 100 erkennen kann. Was für eine Zahl, denke ich, einhundert. Hundert Bier. Hundert Kippen. Hundert schlechte Ficks, halb besoffen auf durchgelegenen Matratzen. Hundert Tage, solange war ich im Rattenbau, belagert von Dachdeckern, Weißkitteln und Pappenschmeißern, und alle wollten was von mir, alle wollten ein Teil aus mir herausreißen, um es für sich zu behalten.
„’ne Woche“, sage ich, und sie weiß, dass das eine Lüge ist, lässt sich aber nichts anmerken. „’ne Woche, dann wird’s schon gehen.“
Sie fährt mit dem Ellenbogen über die Tischplatte, das Geräusch macht mir eine Gänsehaut. „Schlüssel ist im Flur, du weißt ja wo. Und hier!“, sie hebt ihren dürren, langen Zeigefinger, spricht ganz leise weiter: „Du weißt, was ich meine, ne?“
Ich ziehe ein letztes Mal an der Peer. Die Kippe ist heiß geraucht wie früher in der Schule,  ich spüre den Filter an den Lippen, ein kurzes Beißen, danach drücke ich sie im Aschenbecher aus. „Nee, was denn?“
„Nich‘ auf dumme Gedanken kommen, ja?“ Sie schüttelt den Kopf, eine weitere Haarsträhne löst sich, jetzt sieht sie fast wie ein Mädchen aus, ein ganz junges mit zwei lustigen Zöpfen, und wenn ich die Augen zusammenkneife und durch die Wimpern schaue, wenn ich alles wie durch Milchglas sehe, dann glaube ich für einen Moment tatsächlich daran. Aber die Wahrheit ist, dass ihr Haar verloren und farblos neben den Ohren hängt, wie etwas Totes.
„Könnt‘ mir was beim Büdchen auf der Kaldauer holen“, sage ich und nicke Richtung Fenster. Das Büdchen ist im gleichen Block, unten an der Ecke, ich brauche keine fünfzig Schritte, dann stehe ich vor einem der summenden Kühlschränke. Schon wieder so eine Zahl – 50. 50 Schritte, ich habe sie gezählt. 50 Biere. 50 mal den gleichen Song hören. Mit 50 Stundenkilometern vor die Wand fahren. „Brauch ich kein Auto für, is‘ gleich hier, schon ‚isses passiert.“
Sie öffnet die Zigarettenschachtel, tippt mit der Zeigefingerspitze einmal auf jeden Filter und klappt sie wieder zu. „Ich mein‘ ja nur.“
„Bin ich mit fertig, endgültig“, sage ich, und dann wird es still, wir beide wissen nicht, was wir noch sagen sollen. Der Herd gibt ein hohles, metallisches Klacken von sich, das ist das Signal, dass es irgendwie weitergehen muss. „Ach“, macht meine Mutter dann, rollt ihre Schultern, sitzt auf einmal ganz steif da, „der Lupo hat angerufen. Wegen der Stelle bei Lüghausen.“
Ich lehne mich in den Türrahmen. „Hat er was gesagt?“
„Sollst ihn zurückrufen“, sagt sie und verzieht ihre Mundwinkel – Lupo ist schlechter Umgang. „Und noch die Frau Gaspary.“
„Wer?“
„Frau Gaspary“, sie spricht den Namen langsam und deutlich aus, ich mache eine Handbewegung und sage: „Ach so, die“, als sei die ganze Sache unwichtig.
Sie räuspert sich, öffnet wieder die Zigarettenschachtel, und diesmal nimmt sie eine heraus. „Weißt du ganz genau.“
Ich sehe aus dem Fenster, draußen in der Einfahrt steht der alte Göke und kehrt Laub zusammen, ich tue so, als denke ich darüber nach, über Frau Gaspary und ihren Anruf, lasse ein paar Augenblicke verstreichen und sage dann: „Ich ruf zurück, wenn ich wieder da bin, ja?“
Meine Mutter zündet sich die Zigarette an, ich kann hören, wie der Tabak während des ersten Zugs verbrennt, ein leises Knistern. Ihr Einatmen wird von einem feuchten Rasseln begleitet, das tief aus der Brust kommt. „Ja“, sagt sie, Rauch kriecht aus ihren Nasenlöchern, „wenn du wieder da bist“, und ihre Stimme wird immer leiser, die letzten Wörter sind kaum zu verstehen.

Ich schließe für einen Moment die Augen, gehe dann in den Flur, sie bleibt sitzen, raucht, starrt weiter aus dem Fenster. Der Autoschlüssel liegt in einer flachen, bunten Glasschüssel, die auf einer Kommode steht, einem altmodischen, schweren Teil, mit Schubladen und einem Fach für Schuhe. Ich nehme den Schlüssel und rieche die Holzpolitur, chemisch, leicht scharf – da ist sie eigen, meine Mutter, einmal in der Woche werden die Oberflächen eingerieben, damit die Möbel auch lange halten. In der Küche hustet sie, spuckt dann in die Spüle und dreht den Hahn auf. Ihr Schatten im Gegenlicht, ich kann sehen, wie sich ihre Umrisse auf dem Linoleum bewegen, stecke den Schlüssel in meine Hosentasche und ziehe die Wohnungstür zu.

Im Hausflur stehen zwei Müllsäcke, einer ist offen, ganz oben liegen Knochenreste, ich höre leises Rascheln, und als ich den Sack mit den Fingern ein Stück weiter aufziehe, fallen ein paar Maden auf den Fußboden. Ihre weißen, fetten Körper winden sich hin und her, ich beuge mich herunter, wie blind sind sie, blind und ohne Ziel, nur auf der Suche nach Fressen. Dann höre ich wieder meine Mutter, und durch die geschlossene Tür klingt ihr Husten fast wie Bellen, das denke ich: Wie das Bellen eines räudigen Hundes.

Das Auto steht in einer der Garagen zwischen den Genossenschaftshäusern. Es sind ein paar Meter zu gehen, ich nehme den Trampelpfad über die Wiese. Bettlaken hängen an halb verrosteten Wäschespinnen, türkische Frauen sitzen auf den Holzbänken vor den Häusern, es riecht nach Weichspüler und Scheiße – ich weiß, dass nachts die Penner kommen, weil fast alle Kellerschlösser kaputt sind und keiner sie repariert. An einer Straßenlaterne, in zwei Meter Höhe, klebt ein Aufkleber, auf dem steht: Zieht mit! Wählt Schmidt! Die Kiste meiner Mutter ist ein Corsa A, Baujahr 1992. Auch schon zwanzig Jahre alt. Knappe sechzigtausend runter. Hat sie damals einem Rentner abgekauft, der kurz danach gestorben ist. Der Corsa riecht neu, aber das liegt an dem Duftbaum, der vom Rückspiegel baumelt.

Der 35er, der mir den Ratschlag gegeben hat, war ein polytoxikomaner Typ namens Torben. Zweiundzwanzig und siebenmal chemisch gereinigt. Einmal ganz ums Absitzen gekommen, eine Reststrafe in LZT umgewandelt gekriegt. Der kannte die Paragrafen, war dazu noch ein richtiger Kalfaktor, stand sich immer gut mit dem Personal. Der Erste, wenn es was zu holen gab, der Erste beim Verteilen. Nie was kassiert in der Boxerbude, schön wie ’n Mädchen geblieben. Im Wildpark waren die 35er bei den Spritfressern auf Station gefürchtet, weil die sich immer zusammenrotteten und in Gruppen auf den Gängen rumstanden. Das verbreite eine bedrohliche Atmosphäre, meinten die Schluckis, selbst natürlich alles Hemdchen.

Im Schritttempo aus der Garage, ich hab‘ Schiss, dass ich die Kiste gleich schrotte, aber nichts passiert, trotzdem fühlt’s sich seltsam an. Bin seit fast nem Jahr nicht mehr gefahren, da kann einem schon mal der Stift gehen. Langsam, langsam, wie mit’m Trinken, so fängste auch an, Gas, Bremse, Gas und Bremse, bisschen mehr, noch was mehr, bis es richtig läuft, bis es ganz locker läuft, wie geschmiert, sag ich dir, und dann spürst du’s, wenn du einmal auf Level bist, spürst du’s, ich seh‘ nach vorn, alles wird zu Schatten in den Augen, Häuser, Häuser, Fabriken, Häuser, Menschen, klein, verzerrt, wie unscharfe Fotografien, Sekunde, Sekunde, Sekunden, und alles in einer Blende …

In der Schule damals, Hauptschule Innere Stadt, fünfte, sechste Klasse, da gab es diesen Jungen, ich habe seinen Namen vergessen, sehe ihn aber deutlich vor mir, wie er da in der letzten Reihe sitzt, direkt an der Wand, der Stuhl neben ihm in all den Jahren immer leer: Colabodenbrille, fussige Haare, aufgetragene Klamotten, viel brauner Cord. Einmal nach dem Sportunterricht, da hat er Maden gegessen, daran muss ich jetzt denken, ich weiß gar nicht, wieso. Wir standen um ihn herum wie um einen Svengali, der uns in verbotenen Geheimnisse einweiht. Alle starrten auf seine dünnen Finger, wie er sich damit die Maden in den Mund steckte. Er kaute auf ihnen herum wie auf einem Hubba Bubba, damit wollte er uns imponieren. Eins der Mädchen kotzte ins Gebüsch.

Daran denke ich, als ich am Bonner Loch vorbeifahre, und dass einer wie Torben das niemals loswird, dieses Verlangen. Ich selbst war ja immer für die Verdopplung und keiner, der sich dosiert hat, aber eigentlich denke ich nicht an Torben oder den Madenjungen, das sage ich nur so. An der Stiftsgarage halte ich auf dem Seitenstreifen, steige aus und kaufe in dem Büdchen gegenüber eine Schachtel Marlboro und eine Halbliterflasche Coke light. Was ich trinke, muss eiskalt sein, sonst krieg‘ ich’s nicht runter. Wenigstens den Anschein erwecken – was Kaltes, das durch die Kehle fließt, und eine Wirkung, dass es dir in die Augen fährt, dich bisschen kitzelt, irgendwas. Ich prüfe zehn Flaschen, bevor ich eine aus dem Kühlfach nehme, der Typ hinter der Kasse guckt schon komisch.

Als ich wieder in der Kiste sitze und am Bertha-von-Suttner Platz vorbeifahre, im Schritttempo wegen dem Feierabendverkehr, da muss ich mich wirklich konzentrieren. Ab in den nächsten Laden, die Kaschemmen liegen ja nur so vor einem, aufgereiht wie eine Perlenkette. Bla, Nachtrock, die Wache. Rein, und einfach was an die Lippen hängen, das ist immer eine Möglichkeit, immer ein Ausweg. Direkt Vollgas, denn wenn du einmal am Ende der weißen Linie warst, geht nur das.

Gerhardt-Domagk-Straße. Früher standen hier Nutten und boten ihre heroinverseuchten Körper feil. Ich habe mal eine mit Geschwüren am Arsch gefickt, in den Büschen hinter einem der Universitätsgebäude. Danach erzählte sie mir die alte Leier, dass sie als Kind vom Pferd gefallen sei und ach ja – der Unfall, die Schmerzen, das hätte sie dann an die Pumpe gebracht. Ich halte auf dem Parkplatz vorm REWE, schraube die Flasche auf und zünde mir eine Zigarette an. Im Radio läuft eine alte Nummer von den Kinks, ich drehe lauter und lehne mich im Sitz zurück. Der erste Schluck, da zieht es mir die Kehle zusammen, ich muss an meine Mutter denken, an Torben und an Frau Caspary. Frau Caspary. Das letzte Mal habe ich vier Monate auf einen Therapieplatz gewartet. Nach der Entgiftung sitzt du dann da und kannst nichts mit dir anfangen. Wirst jeck im Kopf. Und irgendwann rennst du nicht mehr da hin, es gleicht sich ja alles an, man redet immer dasselbe Zeug, die gleiche Scheiße, sie weiß es, und du weißt es auch. Die hat keinen Plan davon, wie das ist – auf’m Trockendock hängen, da wirst du dir selbst Ohr und Mund. Die sitzt hinterm Schreibtisch und nicht davor, das ist der große Unterschied. Die kassiert ’n Monatslohn, und der ist es scheißegal, wann du wieder im Dreck landest.

„Kannst mich mitnehmen?“, fragt sie, ihre Stimme klingt so hell und dünn, dass es mir einen Stich versetzt. Sie ist jung, keine Zwanzig, und sie trägt einen dieser kurzen Röcke, die gerade so die Zuckerfabrik bedecken. Laufmaschen in den Nylons, Stiefel mit schwarzem Tape geflickt … Junkie-Muse mit Loch in der Tasche. Sie beugt sich zu mir runter, wackelt mit ihrem dürren Arsch und lehnt sich ins offene Seitenfenster.
„Was?“, frage ich, ich beuge mich nach vorne, um sie besser sehen zu können. Sie hat einen großen Mund, mit dieser besonderen Art Lippen – Lippen, die immer so geformt sind, als würde sie dich gleich küssen wollen.
„Mitnehmen“, wiederholt sie, sie spricht jetzt leiser und sieht dabei aus der Frontscheibe, mit einem gelangweilten, gleichgültigen Blick.
„Wohin mitnehmen?“
Sie dreht ihren Kopf, sieht mich einen Moment lang an und sagt: „In die Stadt natürlich.“
Ich zeige auf die Straße, den Hauptbahnhof, der gleich hinter ein paar Gebäuden liegt, ich kann die Züge hören, die verzerrten Durchsagen aus den Lautsprechern. „Hier ist die Stadt.“
Sie wendet sich von mir ab und schaut auf die Kleinwagen, die über die Kreuzung fahren. Dann seufzt sie, einen dieser Seufzer, wie sie die Mädchen in Hollywoodfilmen drauf haben. „Irgendwohin halt.“ Sie reibt sich über den Mund, ich starre auf ihre Fingerspitzen, wie sie das weiche Fleisch der Lippen berühren. „Haste dir was reingezogen?“
„Nein“, sagt sie. „Nein, hab‘ ich nicht.“ Sie schiebt sich die Ärmel hoch und zeigt mir ihre Armbeugen. Keine Dankeschöns, ihre Hände sind auch nicht angeschwollen.
„Ich nehme keine Drogen oder so.“ Sie lehnt sich wieder ins Fenster, und dann macht sie etwas, streicht mit dem Handrücken ihr Kinn entlang, so ganz beiläufig. „Bin von zu Hause abgehauen, ja?“
„Abgehauen“, wiederhole ich, und sie merkt, dass ich ihr kein Wort glaube. „Ist nicht meine Sache.“
Sie schüttelt den Kopf und streckt die Hand aus, berührt das Polster des Beifahrersitzes. „Was durch die Gegend fahren.“
„An der nächsten Ampel willst du mir ’n Zwanni für französisch ohne abluchsen und quatsch mich voll, und dann werd ich dich nich mehr los, ich kenn euch doch.“
Sie schnalzt mit der Zunge und zieht ihr Top zurecht, für einen Augenblick sehe ich ihre Nippel, klein und dunkel. „Seh‘ ich so aus als würd‘ ich anschaffen?“
„Kannst den Leuten nur bis vor die Stirn gucken“, sage ich und lege mich mit der Wange auf das Lenkrad.
Sie atmet aus und wirft ihren Kopf in den Nacken. „Haste wenigstens ’n bisschen Geld?“
„Sehe ich so aus, als hätte ich was zu verschenken?“
„Hab seit zwei Tagen nichts gegessen“, sagt sie.
Ich hole die Coke light aus dem Seitenfach, reiche sie ihr aus dem Fenster, unsere Hände berühren sich für einen kurzen Moment, dann schraubt sie den Verschluss ab und trinkt. „Is‘ ’n Anfang“, sagt sie und setzt die Flasche wieder ab. „Haste auch ’ne Kippe?“
Ich ziehe eine Zigarette aus der Schachtel und halte sie ihr hin. „Was treibste dich hier rum?“
„Wollt was im REWE klauen.“ Sie sieht an mir vorbei. Sie riecht nach einem Duschgel für Männer, herb und süß, wie ein heißer Sommertag im Freibad. „Detektive da ham‘ nix drauf. Nich‘, dass du das Falsche denkst oder so – ich kauf‘ auch immer was, also wenn ich die Kohle hab. ’ne Dose Cola oder ’n Schokoriegel. So ist es nicht nur Klauen. Ich nenn‘ es klaufen.“
„Klaufen?“
„Ja, ’ne Mischung aus klauen und kaufen.“
„Und was haste geklauft?“
„Zu voll der Laden, und hab‘ ja auch kein Geld.“
Sie öffnet die Tür und setzt sich auf den Beifahrersitz, lässt aber einen Fuß auf dem Asphalt. Sie lächelt, nimmt sich noch eine Zigarette aus meiner Schachtel und klemmt sie sich hinters Ohr.
„Kannst fragen.“
„Sorry.“
„Davon kann ich mir keine neuen Kippen kaufen, von deinem Sorry.“
„Klingst genau wie mein Alter“, sagt sie und verdreht dabei die Augen. Vielleicht ist sie auch erst Sechzehn. Sie drückt ihren Kopf gegen die Nackenstütze und richtet ihren Blick nach oben. Sie macht Kringel aus Rauch.
„Wie lange bist du unterwegs?“
Sie zuckt mit den Schultern und zieht an der Zigarette. „Paar Wochen.“
„Platte?“
„Hab bei Freunden gepennt, ging aber nich‘ mehr klar.“ Sie schließt die Augen. „Wurde richtig asozial. Alle Pillen am poppen und rosa Paste, und die Bude total verdreckt, so ekelhaft. Und der eine, Marco hieß der, der wollte mich die ganze Zeit flachlegen. Sagt der, er hätt‘ noch nie ’ne Frau gefickt mit ’nem so schmalen Becken. Hat ’s probiert, als ich kurz vorm Einpennen war. Der hat aber auch hundert Löcher im Hirn vom vielen Ballern.“
Wir schweigen eine Zeit lang, dann schnippt sie die Kippe aus dem offenen Fenster und lässt eine Hand auf ihren Brüsten liegen. „Die alten Säcke springen immer drauf an.“ Ihre Hand gleitet weiter über den Bauch, und als sie den Rocksaum anhebt und den Stoff hochzieht, da sehe ich ihre rasierte Möse, ein langer, rosa-farbener Schlitz.

Für eine Sekunde denke ich darüber nach – diese kleine Schlampe einfach durchzuficken. Gleich um die Ecke ist ein Industriegebiet, da würde es gehen, da geht es, da ist jetzt keiner mehr, alles leer, das denke ich, und dann sehe ich es vor mir, ich sehe es richtig vor mir, das läuft ab wie ein Film, komplett in Farbe und gestochen scharf: Wie ich sie packe, ich packe sie, ich packe sie im Nacken, sie ist leicht, eine kleine Puppe, sie macht nichts, sie lässt alles mit sich machen, ich stopfe ihr Maul über meinen Schwanz, tief rein, noch tiefer rein, spüre Zähne und den nassen Schlund, mein Schwanz wird hart, härter, ihr läuft der Speichel raus, sie würgt – ich höre das, wie sie würgt, wie sie fast kotzt, die kriegt kaum Luft, hat die Schnauze voll mit meinem Schwanz, die Adern treten am Hals raus, ich drücke sie wieder runter, lutschen soll sie, nur lutschen, und dann ziehe ich ihr das Kleid hoch bis zum Bauchnabel, sie macht schön die Beine breit, zeigt mir alles, ich rotze auf die Möse, diese kleine Hurenmöse, in der tausende Schwänze waren, alte, junge, krumme, sie alle haben dieses Loch ausgespritzt, sie reibt sich über die Schamlippen, ich kann sie riechen, dann greife ich ihren Arm, ihr Fleisch ist weich, elastisch und kühl. „Mach das du rauskommst“, sage ich, ich spreche leise, sehe an ihr vorbei auf die Straße, auf den Streifen Beton, auf die Leerstelle zwischen den Parkplätzen, sie legt ihre Hand auf meinen Schenkel, da ist Wärme, es ist ihre Wärme, ich spüre sie durch den Stoff hindurch.
„Fahr‘ auf den Parkplatz bei KNAUBER“, sagt sie, ihre Stimme klingt wieder so dünn, so dünn und hell wie die eines Kindes, genau so klingen Kinder, denen noch nichts passiert ist, und auf einmal fällt mir der Name wieder ein: Klaus. Klaus hat die Maden gegessen, damals, Klaus, Klaus, Klaus, und ich weiß auch, was aus Klaus geworden ist: verheiratet, drei Kinder, arbeitet bei der Sparda in Augustin. Ihre Hand wandert über meinen Oberschenkel, wandert und wandert, und mit ihr die Wärme, woher kommt nur diese Wärme?, wir haben Klaus mal ein paar Kügelchen, die wir nach dem Chemieunterricht geklaut hatten, von hinten ins T-Shirt gekippt, das war auf dem Nachhauseweg an den Bahnschienen, sie lässt die Hand auf meinem Schwanz liegen, fast ist es, als sende sie feine Wellen aus, es kribbelt im Sack, meine Eier bewegen sich, ziehen sich in den Körper zurück, aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie grinst, ihre Lippen öffnen sich dabei, ihre Zähne sind klein und weiß, und die Kugeln, die waren ganz glatt, wie aus flüssigem Metall, sie haben mit der Haut reagiert, ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll, die ätzten sich durch bis auf den Knochen, Klaus lag im Krankenhaus, volle zwei Wochen, von uns hat jeder jeden verraten, am Ende haben sie natürlich alle drangekriegt. „Ich blas‘ dir einen“, sagt sie, als würde sich alles durch Schwanzlutschen erledigen lassen, ihre Hand drückt fester, sie grinst wieder, ihr Atem weht herüber, ich sage: „Verpiss dich“, diesmal lauter, viel lauter, und für eine Sekunde ist es absolut still, da ist nichts, keine Gleisdurchsagen, kein Hupen, keine Motoren, nichts. „Ich hab‘ gesagt, du sollst dich verpissen“, ich lasse los, und sie hält inne, schüttelt den Kopf, öffnet den Mund, jetzt sehe ich sie an, starre sie an, starre auf ihre Lippen, auf diese großen, geschwungenen, weichen Lippen, und dann hole ich aus und verpasse ihr eine; dumpfes Klatschen, ein Spritzer Blut auf der hellen Haut ihrer Wangen, sie holt tief Luft, „die R9 nach Siegen heute von Gleis“ – die letzten Worte gehen in einem Rauschen unter, und ein Hund bellt, und ein Mädchen lacht, und zwei Rentner überqueren den Zebrastreifen vorm REWE. Ein kleiner Junge fährt mit seinem Skateboard an uns vorbei, die Kugellager tickern, klick-klick-klick, sie hat es noch immer nicht begriffen, sie wartet auf etwas, Klaus wartet auch, wir haben uns nie bei ihm entschuldigt, in all den Jahren nicht, er war nur Dreck für uns, ein dummer Hund, und sie will etwas sagen, aber ich hebe die Hand, ich verpasse der Fotze gleich die nächste Schelle, wenn sie nicht hin macht, voll auf ihren Mund, auf ihre schönen Lippen, bis sie aufplatzen wie ein Igel …

Im Rückspiegel sehe ich, wie sie da am Straßenrand steht, verlassen und einsam, eine verlassene und einsame Nutte, und dann muss ich auf einmal an Torben denken. Das letzte Mal habe ich ihn im Don Bosco Haus gesehen, als ich einen anderen Freund besucht habe, der grade raus war, Untersuchungshaft, Verdunkelungsgefahr. Wie lange ist das her? Vielleicht ein Jahr. Das stelle ich mir vor: Wie er tot im Bett liegt, das Gesicht ruhig, schön, die Haut ganz hell. Das Gesicht eines Toten, mit kalten Augen ohne Glanz, und ganz allmählich wird daraus mein eigenes Gesicht.

Ich drehe die Musik lauter, es ist ein altes Tape, James McMurtry, Son Volt, Drive by Truckers, und alles passiert von selbst, das Lenken, das Schalten, Gas, Bremse, grüne Welle, über die Kennedybrücke, die Lichter glitzert schwarz auf dem Rhein, die 66 überholt mich links, rauscht an mir vorbei, die Wagons leer, nur ein paar Gestalten sitzen in den Vierern, mit hängenden Köpfen und hängenden Schultern. Über die 560 fahre ich zurück, Richtung Heimat, Richtung Provinz, der Unterboden vibriert, James McMurtry singt etwas über Buffalo, und die Zeit beginnt sich auf eine seltsame Art und Weise auszudehnen, ich starre auf den Lichtkeil, den die Scheinwerfer auf die Straße werfen, die Mittelstreifen morsen mir ins Gehirn, simm, simm, simm, Rauschimpuls, kurz, hart, und die Autobahn wird länger, länger, wie schwarzes, heißes Gummi, immer wieder der gleiche Kilometerstein, mit den gleichen Zahlen, nichts ändert sich, dann vertraute Schemen im Halbgrau, Häuser erheben sich in der Dunkelheit, bunte Ampeln.

Ich fahre noch ein Stück, parke an der Mundorf-Tanke und stelle den Motor ab. Das Don Bosco Haus liegt gegenüber, unauffällig in zweiter Reihe. Ich steige aus, gehe über die Straße, es riecht nach Benzin und Zuckerwatte, die Luft brennt auf meiner Haut. Auf den Treppen vor dem Haus sitzen zwei Typen und rauchen, ich sehe von ihnen nur die Glut und die Umrisse. Dann geht das Licht des Bewegungsmelders an, es blendet mich, ich kneife die Augen zusammen, und die beiden lachen. Einer von ihnen hält zwei Tortenböden in der Hand, sein Gesicht ist knallrot und durchzogen von feinen Adern. Ich nicke ihm zu. „Is‘ der Torben noch hier?“
„Torben kennt auch jeder, wa?“, sagt er und sieht zu dem anderen Typen, der vollkommen weggetreten in die Dunkelheit starrt.
„Isser‘ da?“
„Kennst doch Torbens Leibgericht.“
„Wieder eingefahren?“
„Das nich‘, aber auf Rolle.“ Er dreht die Tortenböden hin und her und spuckt auf den Boden, genau vor meine Füße. „Haste was Kleingeld?“
„Bin geputzt.“
„Sagste nur so.“
„Wo find‘ ich den Torben?“
„Wenn de ma wat Schleck rüberwachsen lässt – hätt‘ ich wat Rotwein, paar Aktive, würd‘ et mir besser gehen.“
„Bin blank, echt“, sage ich, und mit einem Mal wird es stockdunkel, er hebt die Tortenböden hoch und wedelte, bis das Licht wieder angeht.
„Der lebt mit seiner Alten in der Villa“, sagt er dann und hebt die Augenbrauen. „Weißte, wo das is‘?“
„Weiß ich.“
„Biste auch so ’n Druffi? Willste wat von dem kaufen?“
„Nein“, sage ich. „Ich nehm‘ nix mehr.“
„Sagense alle. Und dann ziehen se sich doch immer wieder et Jäckchen an und tun sich alles rein, wat se in die Finger kriegen.“ Er legt die Tortenböden auf eine der Stufen und macht eine Geste mit seiner Hand. „Wenn de da hin jehst, bestell dem Drecksack ma schöne Grüße, der schuldet mir nämlich noch paar Piepen, die hätt‘ ich gern wieder.“
Der andere hebt seinen Kopf, das erste Mal, er sieht mich aus hellen, glasigen Augen an und sagt leise: „Arschloch.“
Ich gehe, höre, wie sie hinter meinem Rücken lachen, dann geht wieder das Licht aus, aber ich drehe mich nicht nochmal um, ich lasse sie einfach in der Dunkelheit sitzen.

Die Villa, das El-Dorado der Abgestürzten. Eine alte Möbelfabrik am Rand der Stadt, die schon seit Jahrzehnten leer steht und langsam vor sich hinrottet. Früher haben wir da Teile geschmissen und Mädchen auf feuchten Pappkartons gefickt. Es ist nicht weit, gleich hinter der Brücke, in einem Stück verödetem Brachland. Am eingezäunten Skatepark vorbei, der leer ist, nur zwei Jungs sitzen auf den Bänken, ihre Decks zwischen die Beine geklemmt. Mein Schatten wird im gelben Licht der Scheinwerfer immer länger, und ich höre die an und wieder abschwellenden Motorengeräusche, die von der Autobahn herüberdringen. In der Unterführung kommt mir ein Mädchen entgehen, sie trägt Parka und führt einen Hund an der Leine; groß, mit hellem Fell und kurzer, geduckter Schnauze. Sie wechselt die Straßenseite, lässt dem Köter mehr Leine, und ich muss lachen.
Die hinteren Gebäude sind nur noch Ruinen, die Außenwände mit Schimmelflecken überzogen. Aus dem Asphalt der Zufahrt bricht Löwenzahn und anderes Unkraut, ich springe über eine Pfütze, bleibe stehen. Flackerndes Licht, Stimmen, klirrendes Glas. Sie haben sich in einem ehemaligen Lager versammelt, da hält das Dach noch dicht, und man sieht sofort, wenn jemand kommt. In der niedrigen Vorhalle sitzt eine kleine Gruppe zusammen, sie haben Kerzen angezündet und auf einen Campingtisch gestellt. Sie sehen hoch, als ich vor der Treppe stehenbleibe. „Wo is’n der Torben?“, frage ich, ihr Gesichter sind fahl, und ich rieche den Fusel.
„Wer?“, fragt jemand weiter hinten, und ich wiederhole: „Torben.“
„Nee, der is nich‘ hier.“
Einer von den Jüngeren hat den Blitz, sitzt da mit nach vorne gebeugtem Oberkörper, kneift immer wieder die Augen zusammen und nestelt am Reißverschluss seiner Jacke. Dann richtet er sich auf und sieht mich an. „Wat willste von dem?“
„Wollt nur mal korrekt Hallo sagen.“
„Korrekt Hallo sagen.“ Er dreht den Kopf in meine Richtung und spuckt auf den Boden. „Verpiss dich einfach.“
Ich mache einen Schritt zurück, aber er bleibt sitzen, starrt auf die Kerzen, und dann höre ich Torbens Stimme aus dem Hintergrund. „Alter Spritti“, sagt er. „Machst’n du hier?“
Ich erkenne ihn an der Silhouette, der gebückten Haltung. „Dich suchen.“
Er ist schmächtiger geworden. Der Schorf auf seinem Gesicht sieht aus wie eine zweite Haut. Wir stehen uns einen Augenblick gegenüber, wie alte Freunde, die sich lange nicht mehr gesehen haben und erst wieder ein Gefühl füreinander entwickeln müssen. Da ist etwas Lauerndes in seinem Blick – er checkt mich aus, fragt sich, was ich hier mache. Dann breitet er wie Jesus die Arme aus und sagt: „Bin doch überall zu finden!“,  ein paar Leute lachen, und ich lache auch.
Er klopft mir auf die Schulter. „Alles stabil?“
Ich nicke. „Bis jetzt nicht nass geworden.“
„Ist ’ne Drehtür. Immer das Gleiche, wenn du drin bist.“ Er macht eine Pause, grinst, spricht weiter. „Bei jedem Sprechi von vorne. Machst dich blank ey, und die raffen nix.“
„Für mich ist’s aber besser so“, sage ich, obwohl ich genau weiß, was er meint, vielleicht denke ich auch denselben Gedanken.
„Bin ich nich‘ für gemacht“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Wenn’s mich fegt, isses eben so. In ’n Rattenbau geh ich nich‘ mehr. Mach ich nich‘ mehr. Naja, ich red mich hier heiß jetzt. Hasten vor? Ich mein‘, tip-top alles jetzt, und weiter?“
„Klar kommen“, sage ich. „Und dann mal sehen.“
Torben sieht mich an, er kennt das, immer die gleiche Scheiße, immer wieder von vorne – und du belügst dich, du belügst dich selbst, er weiß es, ich weiß es. „Hast schon Bock, oder?“
„Ich ring jeden Tag mit’m Bären.“
„Bist auch keiner für die kurze Leine“, sagt er. „Tigerst drumherum – seh‘ ich doch, schon Blitz in ’n Augen.“
„Ich versuch ’s mit Maloche“, sage ich. „Auf glatt, grundehrlich. Muss lernen, den eigenen Arsch aus der Scheiße ziehen.“
„Wieso Scheiße? Im Madagaskar haste nie ’n Stöpsel gefunden, wenn wir die Stütze weggefeiert haben. Und auf der Sechzehnjährigen da biste auch ganz gerne ausgerutscht.“
„Was länger her schon. Die war auch keine Sechzehn, die war schon was älter.“
„Jedenfalls hingen dir bei der immer die Augenlider wat tiefer.“
Ich atme ein, und er leckt sich über die Lippen und grinst. Vielleicht war sie Sechszehn, ich weiß es nicht mehr, ich habe sie nie gefragt. „Haste denn mal was von paar alten Leuten gehört?“, frage ich, und er winkt ab und lacht. „Der Trottel aus‘m Osten, wie hieß der, Willi? – den hab ich ma im Bonner Loch getroffen, junge junge, süß unten war der, tapezierter Knochen.“
„Ja, der alte Soldat. Schrieb immer Briefe an seine Mama und hatse dann im Mülleimer verbrannt. Wat ’n Halunke. Armer Typ eigentlich.“
„Und du? Was von der Lilli? Warst so scharf auf die ey, alter Liebeskasper. Voll die Stielaugen immer.“
„Ja“, sage ich, dann nichts mehr, und er runzelt die Stirn. „Ja, wie?“
„Weiß’stes nicht?“
„Was wissen, Mann? Hau ma rein jetzt.“
Ich sehe auf den Boden, spreche leise weiter, ein Stück Zeitungspapier weht herüber und bleibt vor meinen Füßen liegen.
„Ach was, Alter“, sagt Torben und macht einen Schritt auf mich zu, ich kann ihn riechen, sein Schweiß ganz scharf und stechend, wie Ammoniak. „Red keinen, die stirbt doch nicht.“
Ich schüttele den Kopf. „Wollt’s auch nicht glauben, aber ist so. Hab’n se in ihrer neuen Wohngruppe gefunden, in Kaldauen, weißte. Im Badezimmer. Lag da zwei Tage, is‘ wohl an ’nem Wochenende passiert.“
„Erzähl keinen.“
„Mach ich nich.“
„Lilli“, sagt er. „Biste dir wirklich sicher?“
Ich nicke.
„Von wem weißte das?“
„Vom Heinz, der Typ, der die Wohngruppe da leitet, is’n Sozialarbeiter, und der kennt meine Mutter.“
„Scheiße“, sagt er.
„Hat sich was im Loch besorgt – keine Ahnung, war ja ’n Jahr clean auch, hat Stoff ohne Strecke erwischt, und dann voll Kreisi, wasweißich. Hatte sich ja bei der VHS angemeldet, Abendschule, wollte ’s Abi nachholen. Von wegen ’s letzte Mal, das war so ihr Plan.“
„Der Lilli hab ich ’s türkisch kochen beigebracht“, sagt Torben und sieht in das flackernde Kerzenlicht. „Ist echt lang her, Mann. Ist die mit der Gun im Arm raus.“ Er lächelt. „Hattest du die noch mal gesehen?“
„Vor meiner Bude, unten am Bahnhof. Ich mein‘, du hast schon geschnallt, was Sache war. Hab‘ nicht mit ihr geredet. Hätte ich tun sollen, aber weißte ja nie so was. War dann echt das letzte Mal.“
„Die hab ich mal dick gemacht, die Lilli“, sagt er und sieht mich an. „Ist aber tot rausgekommen oder so.“
„Du hattest ’n Kind mit der Lilli?“, frage ich, weil ich das nicht richtig auf die Kette bekomme, und er lacht, schüttelt den Kopf und sagt: „Nein, Mann, ’s Kind is‘ irgendwie … wasweißich, kenn ich da die medizinischen Ausdrücke oder was? Alter! Die is‘ weg, ich kam in LZT, glaub‘ ich, und kennste doch – aus den Augen, aus dem Sinn … War ja nich so, dass wir einen auf Liebe machten, bei der hab ich nur ’s Bockfett abgeladen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Haste uns paar Taler mitgebracht? Für ’n bisschen wat zu rauchen und so.“
Torben. Er sagt das so, als sei das nichts, als hätte er Lilli schon vergessen, als würde sie ihn nicht mehr interessieren. Ich sehe ihn an, er hat das Mahlwerk angeschmissen, bewegt seinen Kiefer wild hin und her – ich kenne das, diese ganzen beschissenen Druffis, der hat sich eben noch was geruppt, sich mit irgendeiner Scheiße die Nasenscheidewand vergoldet. „Ich soll dir schöne Grüße von so ’nem Typen aus’m Don Bosco bestellen“, sage ich, „kriegt noch Kohle von dir.“
„Jaja, der Wichser“, sagt Torben und macht eine abfällige Handbewegung. „’n Scheiß kriegt der. Geld, was redet der da. Nix kriegt der.“ Er spuckt auf den Boden. „Wat is‘ mit dir? Verzäll nix. Geleckt wie ’n Diener siehste aus, kann den Zaster doch riechen.“
„Bin geputzt, ohne Scheiß‘ jetzt.“
„Der Jimmy is geputzt“, sagt er, und etwas verändert sich, in seinem Blick, in dem wie er spricht. Die Flasche sehe ich im letzten Moment – ich kann mich ducken, aber er erwischt mich trotzdem ziemlich übel. Kein Schmerz, da sind keine Schmerzen, da ist nur Blut, das Blut läuft mir über die Augen und in den Mund, ich sehe noch, wie Torben wieder ausholt, wie sich sein Oberkörper bewegt und mache einen Schritt zur Seite, weiche ihm aus, und er verliert das Gleichgewicht, taumelt an mir vorbei in die Dunkelheit, geht runter, und ich renne los.

Ich renne – renne, renne, renne, ich höre sie hinter mir, Lachen und Schreien, jemand schmeißt etwas, Glas klirrt, Scherben auf dem Asphalt, und dann wieder dieses Lachen, niemand der wegrennt lacht, und ich renne, und ich sehe Lilli vor mir, wie sie mir mit den Fingern über das Gesicht streicht, so als sei es aus Glas, wie sie vor der leeren Flasche sitzt und sie stundenlang ansieht, wie sie mir den Schweiß von der Stirn küsst, ihre Lippen, diese Lippen, und ich weiß, dass ich sie vergifte, dass sie sich vergiftet, dass ich mich vergifte, Gift, das Gift, das Gift, das Gift … Und das Mädchen mit dem Hund kommt mir in der Unterführung wieder entgegen, ihr Köter knurrt, er bleckt die Zähne, und sie sieht mich an und lächelt, sie sieht auf das Blut und lächelt, und so ist die Welt. Die Lichter der Tankstelle und der Dönerbuden schimmern wie falsches Gold. Hinter mir ist niemand mehr.

Im Corsa lasse ich das Standlicht brennen und klappe die Sonnenblende runter. Ein Cut über dem rechten Auge, nicht tief, aber es blutet wie Sau. In der Mittelkonsole finde ich eine offene Packung Tempo, wische mir damit das Blut aus dem Gesicht, reiße ein Stück ab und stopfe es in die Wunde. Du lügst oder wirst belogen. Stiehlst oder wirst bestohlen. Und immer musst du der Erste sein. Manche Nächte folgen keiner Logik. Manche Nächte haben eigene Gesetze.

Irgendwo zwischen Hangelar-Ost und Vilich-Müldorf spüre ich das Loch in mir, das große, schwarze, das alles auffrisst. Du übertrittst die Schmerzgrenze ja nur ein einziges Mal. Nächte, die unter der Hand verschwinden sind deine Schmucknarben. Wahnsinn schifft sich ein. Nach und nach wird aus Tanz Totentanz. Dann bleibt nur noch der Kaltstart mit Schuss. Sprit zerfetzt dich. Sprit verlängert dich. Der Sprit sorgt für das Leuchten in deinen Augen, und das ist dann deine Gabe und dein Fluch – das ist deine Welt. Du packst alles in die Auslage, bedienst dich aus einer Schachtel voller Gift. Kontinente brennen, und die Linie, die mal der Horizont war, legt sich ganz fest um deinen Hals.

Ich parke auf der Kaldauer vor dem Büdchen, lege die Hände auf das Lenkrad, das kühle Plastik fühlt sich fremd an. Draußen vorm Laden stehen die Jungs, Haluk, Bilal, noch einer, den ich nicht kenne. Sie trinken Red Bull aus Dosen, rauchen Zigaretten, im Fenster hinter ihnen flackert das Neonlicht. Ich sehe in den Rückspiegel, nehme ein neues Tempo, spucke rein, tupfe damit über die Wunde. Und jetzt spüre ich den Schmerz, ein feines Brennen, das quer über die Wange bis unter das Kinn zieht. Ich schließe die Augen, höre auf meinen eigenen Atem, nur das ein, aus, ein, aus. Wenn ich jetzt aussteige, wird es passieren, das weiß ich, das weiß ich ganz genau, wenn ich jetzt aussteige, ist es, als seien meine Schritte schon gegangen.

Bilal mit den kurz geschorenen Haaren, der gefälschten D&G Jacke und den funkelnden Diamantohrringen. Er sieht mich kommen, hebt lässig seine Hand, aber das ist keine Zigarette zwischen seinen Fingern. „Jimmy, Alter, lässt dich mal wieder blicken.“
„Ja“, sag ich, „kennste ja, viel zu tun, dies-das.“
„Dies-das“, wiederholt er, er grinst und zeigt auf den Cut. „Haste mit ’nem Bären gerungen, oder was da los?“
„Hat mich heute schon mal jemand gefragt.“
Er nickt und reicht mir wortlos den Joint. Ich halte ihn in der hohlen Hand, sehe auf die Glut und überlege, kann mich aber nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal was gebufft habe. Der Filter ist aus einem Streifen der GIZEH-Verpackung gedreht, ganz altmodisch, und gleich der erste Zug ballert rein wie nix. Bilal lacht. „Guter Kram, Jung, nich‘ so ’n Dreck wie vom Patalas.“ Dann sieht er an mir herunter. „Gehste wieder trainieren? Nix mehr Plautze, hast voll reingehauen, was stemmste den weg?“ Da ist ein bitterer Geschmack auf meiner Zunge, ich spüre den Puls tief unten im Hals, gu-gung, gu-gung, Bilal leckt sich über die Lippen, und auf einmal zucken seine Mundwinkel, das ganze Gesicht kommt in Bewegung, wird zu einer einzigen Grimasse, und ich muss lachen, verschlucke mich am Rauch, huste und lache gleichzeitig, kann nicht damit aufhören, kann nicht damit aufhören.

Der alte Türke steht hinter der Theke, begrüßt mich mit Handschlag, und ich starre auf den Schneidezahn aus Gold, es blitzt und blinkt, wenn er spricht, ich höre die Worte, verstehe aber nur die Hälfte. „Kaltes“, sagt er und beugt sich noch ein Stück weiter über die Theke, ich sehe seine krausen Brusthaare, die ihm über den Hemdkragen wachsen. „Willst du Kaltes, Jung?“, wiederholt er, endlich dringt es zu mir durch, kalt, was Kaltes. „Will ich abschließen, musst du dich beeilen, ja? Gehst du dir holen, und machst du schnell, ja?“

Ich gehe weiter durch, bleibe vor den Kühlschränken stehen, mein Mund ist ganz trocken, ich höre mich selber sprechen, ich wiederhole: Was Kaltes, und dann wird das Summen immer lauter, immer lauter, es ist in meinem Kopf, mittendrin, ich öffne die Schiebetür, ein saugendes Geräusch, meine Finger streichen über Glas, über das kalte, eiskalte Glas, da spiegelt sich ein Gesicht in diesem Glas, und ich erkenne es, ich kenne dieses Gesicht.

Ich schließe die Augen, dann ist da nur noch das Summen, nur das Summen bleibt …

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