100er alleine rauchen

Auf den Treppen ist es kalt. Novemberregen an den Fenstern, ich rauche die dritte Zigarette. Alles ist dunkel. Da ist dieser Geruch – früher machte Vater oft Kaninchen in Rotwein, ich saß vor dem Ofen, sah zu wie sie gar wurden, und manchmal dachte ich, der Rotwein ist kein Rotwein, sondern Blut.

Ich höre den Fernseher aus dem Obergeschoss; das alte polnische Ehepaar. Klingt nach Tagesschau – die Aussprache, das Tragende, Staatsmännische. Sie gucken jeden Abend Nachrichten, um acht und um halb elf. Wahrscheinlich sitzen sie auf der Couch, starren gemeinsam auf die Mattscheibe. „Sie nie machen Urloup“, sagt sie immer, und das stimmt ja, ich hab‘ die Stadt seit Jahren nicht verlassen.

Ich achte auf die Stimme, die aus dem Fernseher dröhnt, auf jede einzelne Silbe, und stelle mir vor, wie die beiden in einem großen, weichen Bett gleichzeitig sterben. Es passiert in einer gewöhnlichen Nacht, der Tod kündigt sich durch nichts an. Alles bleibt gleich. Noch einmal das Gebiss in Kukident. Und ein Kuss, der sich schon lange nicht mehr so anfühlt. Ihre Körper werden unter der Decke wärmer, die Füße berühren sich, das alles wird wie ein endloser Traum sein. Ein letzter, gemeinsamer Herzschlag, ein letztes Mal atmen, ein letztes Mal den Atem des anderen auf der Haut spüren, wie er über die Stirn hinwegstreicht. Es könnte jede Nacht sein, jetzt gleich, morgen.

Die neuen Nachbarn habe ich noch nie gesehen: seit drei Wochen leben sie parterre. Manchmal bleibe ich vor der Wohnungstür stehen, und wenn dann das Licht im Treppenhaus ausgeht, sehe ich ihre Umrisse hinter dem Milchglas, wie sie sich bewegen, ihre Stimmen, ihr Lachen. Letzte Woche haben sie sich geliebt, das Haus ist hellhörig, und währenddessen habe ich aus dem Fenster gestarrt. Was hätte ich sonst tun sollen? Die Stille danach war süß, süß und bedrückend, denn ich habe nach dir getastet, aber da war nur die Wand, der nackte Beton, mehr nicht. Liebe. Ich liebe den Geruch von Haut. In dem schmalen Streifen über dem Nacken liegt die ganze Wahrheit.

Ein letzter Zug. Ich halte die Zigarette in der hohlen Hand, spüre die Hitze, die von der Glut ausgeht. Den Rauch behalte ich so lange wie möglich in den Lungen, schnippe die Kippe aus dem offenen Fenster. In der Diele ist es dunkel, ein langer, dunkler Gang, nur ganz am Ende schwaches, fahles Licht. Die Wohnungstür fällt ins Schloss, und ich bleibe einen Moment stehen. Das Haus ist still.

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.